Angriff der Zocker – Kampf um den Chefsessel

Doppelt gemoppelt hält sogar noch besser: Tauber mit seinen beiden Zocks.

Doppelt gemoppelt hält sogar noch besser: Tauber mit seinen beiden Zocks.

TRIER. Die Trierer CDU hat am Donnerstagabend in der Orangerie des Nells-Park-Hotels die heiße Phase des OB-Wahlkampfs eingeläutet. Acht Jahre nach dem Verlust der Macht wollen die Unionschristen möglichst schon am 28. September, spätestens jedoch am 12. Oktober in der Stichwahl den Chefsessel im Rathaus zurückerobern – für die Unternehmerin Hiltrud Zock. Mit dem SPD-Kandidaten Wolfram Leibe ist der schärfste Widersacher ausgemacht. Folglich sparte Zock auch nicht mit Angriffen auf den Kontrahenten. Trier brauche keinen Verwalter, betonte die 52-Jährige unter dem Applaus der Konservativen, sondern eine Gestalterin für die nächsten Jahre. Intern richten sich die Unionschristen wohl auf eine Stichwahl ein. Leibe sei nicht zu unterschätzen, so der allgemeine Tenor unter den Konservativen, schließlich könne er auf massive Unterstützung aus Mainz bauen.

Von Eric Thielen

Der scharfe Widersacher aus dem anderen Lager war natürlich nicht da. Die Trierer CDU feierte am Donnerstagabend sich und ihre Kandidatin. Selbstbewusst. Forsch. Offensiv. Zuversichtlich. Und doch war Wolfram Leibe in der Orangerie des Nells-Park-Hotels stets gegenwärtig. Der rote Jurist spukt in den Köpfen der Konservativen herum. Nicht wenige haben wegen Leibe inzwischen sogar Kopfschmerzen. Anfangs belächelt, hat sich der Genosse inzwischen zu einem ernsthaften Konkurrenten für Zock entwickelt. Wurde vor Monaten im schwarzen Lager nur über die Höhe des Sieges für Zock spekuliert, so sind die Töne inzwischen leiser und moderater geworden. Der Mann sei nicht zu unterschätzen, heißt es längst nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand. “Es wird eng, ganz eng”, sagen heuer selbst konservative Beobachter der politischen Szene.

Was den Unionschristen übel aufstößt, ist die massive Unterstützung, die Leibe aus Mainz erfährt. Ministerpräsidentin Malu Dreyer zieht mit ihrem Kandidaten lächelnd durch die Stadt. Beim Besuch des Bundespräsidenten steht Leibe in der ersten Reihe. Fotografen und Kameraleute fangen Leibe ein – nicht Zock. Da kann die CDU nur hinterhecheln, zähneknirschend. Und ihrerseits zum Angriff übergehen, indem sie den roten Widersacher kurzerhand zum Verwalter erklärt, die eigene Kandidatin aber als innovativ und zukunftsfähig apostrophiert.

Von dieser Bastion aus wollen die Konservativen in den verbleibenden drei Wochen um den Chefsessel im Trierer Rathaus kämpfen. Hier die querdenkende und unorthodoxe Unternehmerin, dort der trockene Verwalter. Hier die Frau, die sich für eine Behördenreform einsetzen will, dort der Mann, der auf den status quo vertraut. Hier die progressive Gestalterin, die mehr private Initiativen auch auf kommunaler Ebene fordert, dort der Bewahrer, der weiter auf die Hoheit der öffentlichen Hand setzt. Wenn Zock sagt, das Rathaus brauche keinen eigenen Finanzdezernenten, wie von Leibe angeregt, so spiegelt sich darin auch ihr Selbstverständnis.

“Die Oberbürgermeisterin kann bei den Finanzen doch nicht die Regie aus der Hand geben”, ruft sie in den Saal. Schließlich seien die Dezernenten nicht weisungsgebunden. Kopfnicken und laute Zustimmung erntet sie dafür. Damit trifft sie die Seelen der Unionschristen. “Noch mehr Verwaltung?”, schiebt sie fragend nach und gibt die Antwort gleich selbst: “Nein!” Das ist ganz nach dem Geschmack der Konservativen. Sie haben genug von acht Jahren roter Jensen-Politik, schüren die Aufbruchstimmung, die Zock in ihren Augen verkörpert, wo immer es geht.

Doch es ist mehr als das. Denn auch in der schwarzen Ecke haben die Strategen inzwischen begriffen, dass diese Wahl kein Selbstläufer wird, der rote Gegner keineswegs angeschlagen taumelt. Schließlich ist das Lager links der Mitte in Trier stärker als der bürgerliche Block. SPD, Grüne, Linke und Piraten fuhren bei der Kommunalwahl im Mai über 50 Prozent der Stimmen ein. Rechts von der Mitte sitzt die Minderheit. Einige sozialliberale Wähler soll es zudem in der Stadt auch noch geben. Die wenigen Stimmen der FDP lassen sich also splitten.

Es geht nicht nur um Trier

So bleibt den Unionschristen keine andere Wahl, als voll auf die personalisierte Karte Zock zu setzen. Mit Charme und Charisma soll sie den Abstand zum linken Lager wettmachen und den Kontrahenten wenn schon nicht im ersten Durchgang, so doch spätestens in der Verlängerung überflügeln. Da klingt es wie liebliche Musik in den Ohren der Konservativen, wenn der eigens aus Berlin angereiste CDU-General von Zock sagt, sie habe “eine ganz eigene Dynamik und ein einnehmendes Wesen”. Peter Tauber sparte nicht mit Lob für die Frau, die er kurz zuvor erst kennengelernt hatte: “Man merkt Ihnen an, dass Sie mit Herzblut bei Ihrer Stadt sind.”

Die Konservativen feierten am Donnerstagabend sich und ihre Kandidatin.

Die Konservativen feierten am Donnerstagabend sich und ihre Kandidatin.

Dass Merkels General überhaupt aus dem Osten in den tiefen Westen gereist war, ist Indiz dafür, wie wichtig die Union die Wahl an der Mosel nimmt. Denn es geht dabei nicht nur um Trier, es geht um einen Fingerzeig, mehr noch – um ein Signal für das Land. Von den fünf großen Städten in Rheinland-Pfalz werden vier von SPD-Oberbürgermeistern regiert – Mainz, Koblenz, Trier und Kaiserslautern. Nur in Ludwigshafen schwingt mit Eva Lohse eine Unionschristin das Stadtzepter. In der Arbeiterstadt am Rhein hätte die SPD früher einen Besenstiel auf die Wahlplakate drucken können, selbst der wäre noch gewählt worden. Lohse knackte vor zwölf Jahren die rote Hochburg, in der die SPD sich selbst zerfleischt hatte, und vertrieb die erfolgsverwöhnten Genossen von der Macht.

Was Lohse in Ludwigshafen gelang, schaffte Klaus Jensen vor acht Jahren in Trier – in der schwarzen Hochburg an der Mosel. Das Selbstwertgefühl der hiesigen Konservativen erhielt dadurch einen schweren Schlag. Gelingt es Zock jetzt, den Chefsessel für die CDU zurückzuerobern, so wäre die Scharte aus Sicht der Union ausgewetzt. Die deutliche Duftmarke im Hinblick auf die Landtagswahl gäbe es als Zugabe. Schließlich will Julia Klöckner Malu Dreyer 2016 die Staatskanzlei entreißen. Trier als schwarzes Leuchtfeuer im nahenden Landtagswahlkampf? Darauf hoffen die Konservativen.

Wenn Triers CDU-Chef Bernhard Kaster also von einer entscheidenden Wahl spricht, wenn er deren Bedeutung nicht nur für die CDU hervorhebt, wenn er von Veränderungen spricht, so ist Trier gemeint, aber eben nicht nur. Kaster sagt, dass die Bürger sich Veränderungen im Stadtrat und im Stadtvorstand wünschten. Was er nicht sagt, wohl aber denkt, ist, dass die Union mit dieser Wahl auch im Land in die Erfolgsspur zurückfinden und der in Trier wohnenden Ministerpräsidentin einen schweren Schlag versetzen kann. Die Wahl Zocks wäre aus Sicht der Konservativen eine Niederlage für Malu Dreyer in deren eigenem Wohnzimmer.

Folglich haben die Strategen der Union am Donnerstagabend den Lagerwahlkampf eingeläutet. Zocks Credo entspricht den Vorstellungen ihrer konservativen Vordenker. Die Bürgerinnen und Bürger hätten die Wahl zwischen drei völlig unterschiedlichen Profilen, sagt sie. Zwischen dem Verwalter Leibe, zwischen dem Politiker Konrad und zwischen ihr – der Gestalterin mit unternehmerischem Querdenken. Für sich selbst nimmt sie in Anspruch, keine große Vision als Wahlversprechen abgeben zu wollen. Was sie aber verspricht, ist, “dass ich nicht gewählt werden will, um es allen recht zu machen”.

Auch darin folgen ihr die Unionschristen ohne Murren. Der Applaus beweist es. Die Konservativen haben die Karte Zock ausgespielt. Die soll in drei Wochen stechen. Der Angriff der Zocker auf das Rathaus hat spätestens am Donnerstagabend endgültig begonnen. (et)


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Featured, Headline, Politik Kommentare deaktiviert für Angriff der Zocker – Kampf um den Chefsessel