Auch mit 65 noch mächtig gut bei Stimme

Gitarre, Gesang und Bass – mehr braucht es nicht für ein äußerst stimmungsvolles Konzert. Fotos: Rolf Lorig

BERNKASTEL-KUES. In der Unterhaltungsbranche zählt die New Yorkerin Helen Schneider zu den Top-Adressen. Die im Dezember 1952 geborene Sängerin und Schauspielerin ist extrem wandlungsfähig, was sie in Deutschland mit Auftritten in Musicals oder durch eine Tournee mit Udo Lindenberg stets neu unter Beweis stellte. Am Donnerstag gastierte der Weltstar beim Mosel Musikfestival in den Moselauen.

Von Rolf Lorig

Was für ein Abend! Nur langsam klingt die Hitze des Tages ab, auf der verdorrten Wiese in den Moselauen bewegen sich die Menschen nur langsam, haushalten sichtlich mit ihren Kräften. Einige haben Decken und Picknickboxen mitgebracht. Schließlich haben die Organisatoren des Festivals zum Picknick-Konzert auf den Platz an der Mosel eingeladen. Doch auf dem Boden auf einer Decke Platz zu nehmen, das ist nicht jedermanns Sache. Die meisten Besucher greifen sich einen der bereitgestellten Klappstühle, man will bei der Gluthitze halt jede unnötige Anstrengung vermeiden.

Im Mittelpunkt das neue Album “Movin’ on”

Intendant Tobias Scharfenberger scheint die Hitze nichts auszumachen. Mit federnden Schritten springt er kurz nach 20.30 Uhr auf die Bühne und kündigt die Frau an, die unter anderem 1987 im Berliner Theater des Westens in der Rolle der Sally Bowles im Musical Cabaret als Fräulein Schneider an der Seite von Hildegard Knef brillierte. In Bernkastel-Kues steht die Künstlerin ebenfalls nicht alleine auf der Bühne. Begleitet wird sie von Jo Ambros (Gitarre) und Oliver Potratz (Bass).

Konzert-Zaungäste auf der Mosel…

Im Mittelpunkt ihres Auftritts steht das Album “Movin’ on”, für das Jo Ambros und ihre Freundin Linda Uruburu verantwortlich zeichnen. Die wandlungsfähige Frau präsentiert damit einmal mehr eine neue Seite, macht deutlich, dass sie nicht in eine einzelne Schublade passt. Wer noch ihren wilden Rock’n Roll-Welterfolg “Rock’n Roll Gypsy” im Ohr hat, reibt sich angesichts dieser neuen Töne anfangs etwas verwundert die Augen, um sich dann entspannt auf der Decke oder dem Stuhl zurückzulehnen. Was Helen Schneider an diesem Abend zu Gehör bringt, sind vor allem ruhige Chansons, die sich um das Älterwerden drehen. Und dazu gehören nun mal vor allem die leisen Töne, die die in Berlin lebende Künstlerin aber virtuos zu handhaben versteht. Sie summt, flüstert in einigen Passagen, lullt das Publikum damit förmlich ein. Und dann bricht im nächsten Moment ihr stimmlicher Vulkan aus. Nein, die Rockröhre ist der 65-Jährigen nicht verloren gegangen. “Oh ja, sie hat es noch voll drauf”, murmelt mein Nachbar neben mir verzückt. Stimmt, wenn man bei diesen Passagen die Augen schließt, dann zeigt die Erinnerung sofort wieder die quirlige junge Frau, die mit ihren dicken schwarzen Locken und ihrer fast schon stählernen Stimme in den 80ern Udo Lindenberg die musikalische Kraft an die Seite stellte, die er mit seiner dünnen Fistelstimme niemals hatte erreichen können.

Wein, Bier und Mineralwasser statt Sex, Drugs and Rock’n Roll

Sie erzählt und singt: Helen Schneider

Doch wie wilden Zeiten sind vorbei. Helen Schneider hält sich nicht mit dem Gestern auf, macht weiter. Was sie mit ihrem Album denn auch mitteilen will. Das Publikum ist mit Helen Schneider gereift, statt Sex, Drugs and Rock’n Roll wie einst in Woodstock gibt es an diesem Abend für alle Wein, Bier und Mineralwasser. Was den musikalischen Genuss aber nicht schmälert. Das Trio auf der Bühne bewegt sich in einer perfekten musikalischen Symbiose. Vor allem der Kontakt zu Jo Ambros, der Schneider offensichtlich musikalisch ankert, ist auch für die Zuhörer an diesem Abend erleb- und spürbar. Seit nunmehr 16 Jahren, so die Sängerin, arbeiten sie zusammen. Oliver Potratz ist mit seinem Bass nun auch schon zwei Jahre dabei. Helen Schneider setzt offenbar nun auf Kontinuität, betont, dass sie fortan die Besten festhalten will.

Entspannt zund relaxt verfolgt das Publikum das Konzert der Amerikanerin.

Konzertpicknick auch am heutigen Freitag in den Moselauen

Ein perfekter Abend also? Nicht ganz. Denn Helen Schneider sieht sich bei diesem Konzert auch in der Rolle der Unterhalterin. In langen Gesprächspassagen vermittelt sie ihrem Publikum Einblicke in ihr privates Leben. Man erfährt an diesem Abend eine ganze Menge über diese Frau, die sich immer wieder neu erfunden hat. Irgendwann aber fragt man sich, weshalb man zu diesem Konzert gekommen ist. Um Helen Schneider singen oder erzählen zu hören? Um nicht missverstanden zu werden: diese Geschichten geben dem Auftritt der Künstlerin Tiefe und Authentizität. Nur dass Weniger Mehr gewesen wäre…

Noch ein Tipp zum Schluss: Auch am heutigen Freitag kann man in den Moselauen erneut picknicken und tolle Musik hören. Anthony Strong und seine Band laden ab 20.30 Uhr ein zu einem Old School-Jazzkonzert bei Mondfinsternis…


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Kultur, Moselmusikfestival Hinterlasse einen Kommentar

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