Auf der Suche nach der Seele der Illuminale

Monumental und beeindruckend: die Laser-Wasser-Kunst von Pro-Musik auf dem Teich vor den Kaiserthermen. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Es ist eines der ganz großen Aushängeschilder der Stadt Trier: das Lichterfest “illuminale”. Am gestrigen Freitag ging die neunte Auflage mit einigen Neuerungen an den Start. Der reporter war mitten unter den Gästen.

Ein kommentierender Beitrag von Rolf Lorig

Freitag, kurz nach 19 Uhr. In einer halben Stunde wollen Triers Kulturdezernent Thomas Schmitt und Norbert Käthler, Chef der Trier Tourismus und Marketing GmbH, kurz ttm, den offiziellen Startschuss für die Illuminale geben. Noch Zeit genug für einen ersten kurzen Rundgang.

Eine Menge ungenutzter Fäche vor dem Kurfürstlichen Palais, doch eine farbenprächtige Anstrahlung…

Die Freitreppe vor dem Kurfürstlichen Palais ist in großen Teilen gesperrt. Hier ist die Hochschule Trier mit einer interaktiven Projektion am Werk. Ein gigantischer Projektor am Ende der Rasenfläche wirft immer neue Lichtmuster auf die Fassade des Kurfürstlichen Palais, stationäre Lampen tauchen Palmen und Statuen in ein fremdartiges, faszinierendes Licht, tiefblaue Lichtleisten am Boden setzen eigenständige visuelle Akzente. Dazu ein elektronischer Klangteppich, der laut Kurator Fabian Lasarzik – das ist eine der Neuerungen, erstmalig leistet sich die Illuminale eine derartige Position – auf der Barockmusik aufbaut…

Lichtkunst mal ganz anders: Antonia Medwed (links) und Jessica Wilken von der IGS unterwegs mit dem brennenden Kinderwagen.

Der Kinderwagen brennt…

Links und rechts der Rasenfläche brennt es. Kontrolliert, versteht sich. Jugendliche zeigen hier die ursprünglichste Form des Lichtes – das Feuer. Es sind unterschiedliche Gruppen. Zum einen Schüler der IGS, die unter der Leitung vom Lichtkünstler Kain Karawahn nicht gerade alltägliche Situationen vorbereitet haben. Eine davon ist der Rundgang mit einem brennenden Kinderwagen. Wie reagieren die Menschen darauf? Antonia Medwed, eine der beiden Schülerinnen, lacht: “Bislang haben wir glücklicherweise keine Ängste oder Verunsicherungen festgestellt.” Und Jessica Wilken ergänzt: “Im Gegenteil, die Menschen interessieren sich für unser Projekt, sprechen uns an.”

Fast schon mystisch: die Basilika im Glanz der Illuminale

Die Jugend wirkt noch mit

Auf der anderen Seite setzen sich geflüchtete Jugendliche unter der Überschrift “Industrial Future” mit dem Thema Feuer und Licht auseinander. Um es vorweg zu greifen: Diese beiden Gruppen symbolisieren das, was von der alten Illuminale mit ihren zahlreichen phantasievoll gestalteten leuchtenden Objekten übriggeblieben ist. Zwar kommt auch auf dieser zweitägigen Veranstaltung – das ist die zweite Neuerung, auch am heutigen Samstag besteht die Möglichkeit zum Besuch der Illuminale – die Phantasie wegen der bunten Lichtinstallationen nicht zu kurz. Doch das, was einst die Seele dieses Lichtfestes ausmachte, die Mitwirkung von zahllosen Schulen, Vereinen und Arbeitsgruppen, die wochenlang ihrer Phantasie breiten Raum gaben und die Besucher so mit einer Vielzahl von Exponaten überraschten und mit einer wahren Flut an Sinneseindrücken konfrontierten – das fehlt auf dieser Illuminale. Seltsam leer wirken im Vergleich zur Veranstaltung im Jahr 2014 sowohl die große Rasenfläche vor dem Palais wie auch auf der kleineren, dahinter befindlichen Rasenfläche mit dem kleinen Brunnen. Von der großen Wiese vor dem Teich und den Thermen, auf der vor allem großzügig verteilte  Imbisswagen eine tragende Rolle einnehmen, mal ganz zu schweigen…

Feuer und Wasser vereint der Feuerbrunnen

Die Hand ins Feuer legen

Auch im Rosengarten, dem seitlich gelegenen von Sträuchern abgegrenzten Teil des Palastgartens, fehlen im Vergleich zu 2014 die vielen kleinen Kunstwerke. Ersetzt werden sie durch bunte Scheinwerfer und einem Feuerbrunnen, der die elementaren Grenzen von Feuer und Wasser aufzeigt. Was einen der Besucher zur Feststellung anregt, jetzt wisse er endlich, was es heißt, für jemanden die Hand ins Feuer zu legen…

Die Hochschule Trier hat sich mit gleich sechs Projekten eingebracht. Ein echter Gewinn für die Illuminale, nutzt man so doch vor Ort vorhandenes Potenzial, das man ansonsten für teures Geld einkaufen müsste. Für alle Beteiligten eine klare win-win-Situation, schließlich kann sich die Hochschule auf diese Art und Weise vortrefflich einer breiten Öffentlichkeit präsentieren.

Relaxen am Stand der Kulturkarawane zu den Klängen von Ralph “Mr. Light” an der Lichtharfe.

Bei Klein Anders zur Ruhe finden

Vor dem Erreichen der Palästra, längst hat die Dunkelheit ihren Mantel über den Palastgarten gebreitet, ist auf der großen Wiese ein Zwischenstopp angesagt. Hier findet sich der Stand der Kulturkarawane, die mit ihrem Projekt “Klein Anders” an dem anknüpft, was einst die Seele der Illuminale ausmachte: Kleinkunst, die die Menschen anspricht und zur Ruhe kommen lässt.

Stichwort Seele: Der hochtechnisierte Aufwand mit Musik und Laser wäre ohne das Trierer Unternehmen “Pro Musik” nicht möglich gewesen. Denn innerhalb kürzester Zeit – Informationen des reporters zufolge hatte das Unternehmen nur eine Planungszeit von 14 Tagen – realisierte Pro Musik vom Sound bis zum Licht die komplette Infrastruktur des Lichterspektakels. Und steuerte so ganz nebenbei auch noch einen der Hauptanziehungspunkte des Spektakels, die Licht- und Lasershow auf dem See vor den Kaiserthermen, bei. Wobei an dieser Stelle auch dem Grünflächenamt eine Anerkennung gebührt. Ebenfalls ganz kurzfristig sei hier das Wasser ausgetauscht worden, war am Rande zu erfahren.

Das blaue Laserfeld in der Palästra

Das lange Warten auf die Karten

Womit wir in der Palästra angekommen wären. Doch noch nicht so ganz: Eine riesige Menschenschlange vor den Kassen signalisiert das große Interesse für den Eintritt in die Kaiserthermen. Zusätzliche Kassenhäuschen hätten lange Wartezeiten vermieden. Eintritt zahlen aber nur Erwachsene, Kinder unter 18 Jahren sind davon befreit.

Auf dem Gelände der Palästra erwarten die Besucher gleich mehrere Attraktionen. Vor allem Kinder sind fasziniert von den blauen Laserstrahlen, die hin und wieder in Verbindung mit Kunstnebelschwaden dem Gelände ein unwirklich anmutendes Aussehen geben. Dass auch ein Baugerüst einen bestimmten Charme haben kann, wenn man einen technischen Aufwand betreibt, veranschaulicht die Lichtkünstlerin Katrin Bethge mit dynamischen Licht- und Schattenzeichnungen.

Der Charme einer Baustelle

Unterschiedliche Meinung unter Tage

Unter Tage, in den Gängen der Kaiserthermen, unterstreicht eine Laserinstallation die 2000-jährige Ingenieurkunst der römischen Architekten. Auch hier gibt es wieder Warteschlangen, da wegen der begrenzten unterirdischen Platzverhältnisse  immer nur eine beschränkte Anzahl an Besuchern in den Untergrund darf. Einige der Angesprochenen zeigen sich beeindruckt: “So wird das Können der Baumeister noch deutlicher.” Andere wiederum erinneren sich an die “Mystische Nacht” von 2008. Sie sind im Gespräch mit dem reporter enttäuscht: “Zu steril, zu langweilig – und dafür vier Euro Eintritt?” lauten in diesem Kreis immer wieder gehörte Aussagen. Damals sei es nicht zuletzt wegen der Darbietungen von Tänzerinnen, die zu den Klängen von Peter Mergener die Zuschauer in ihren Bann zogen, deutlich abwechslungsreicher zugegangen.

Auch der Seitenbereich des Palastgartens blieb bis auf einige wenige schwimmende Kerzen ungenutzt

Denken in großstädtischen Dimensionen

Fazit eines Abends: Die Illuminale hat großartige und teilweise auch verblüffende Momente. Wer sich das Spektakel noch nicht angesehen hat, sollte das auf jeden Fall heute noch tun.

Doch es gibt auch Kritik. Das Festival hat seine Seele verloren. Die große Bürgerbeteiligung früherer Jahre fehlt schmerzlich. Mit Fabian Lasarzik als Kurator hat man sich einen Mann ins Boot geholt, der in großstädtischen Dimensionen denkt. So entsteht der Eindruck, man wolle mit großstädtischen Events wie in Luxemburg oder Städten aus dem Ruhrgebiet konkurrieren. Doch wer das vor hat, sollte dazu auch die Mittel besitzen.

Natürlich muss sich eine Großveranstaltung wie die Illuminale weiterentwickeln. Doch das sollte behutsam geschehen, getreu der Erkenntnis, dass nicht alles Neue gut, aber auch nicht alles Alte schlecht ist. Ein Bürgerfest hat erst dann eine Seele, wenn sich auch die Bürger darin wiederfinden und sich im idealen Fall auch aktiv mit einbringen können. Das sollte man für künftige Planungen unbedingt berücksichtigen.


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft 2 Kommentare

2 Kommentare zu Auf der Suche nach der Seele der Illuminale

  1. Marcus Haberkorn

    Lieber Herr Lorig,

    als mit meinem Kollegen JeongHo Park Verantwortlicher für die Installation vor dem Kurfürstlichen Palais, kurz meine Sicht auf diese Diskussion:

    Es mag am Freitag zum Presserundgang etwas untergegangen sein: Wir haben mit unserer Arbeit ganz neue partizipative Formen erprobt. Jede/r konnte die riesige Bild- und Tonwelt mit der eigenen Stimme und der Macht des Wortes beeinflussen. Und das haben an beiden Tagen ohne Unterbrechung auch unterschiedlichste Besucherinnen und Besucher getan. Ihre “Oohs” und “Aahs” werden ihnen und auch uns noch lange im Gedächtnis bleiben. Wer Seele suchte, konnte hier fündig werden.

    Zu großstädtischen Vergleichen: Zufälligerweise ließ sich in diesen Tagen ein im Kern ähnlich angelegtes Projekt auf dem Trafalgar Square im Rahmen der London Design Week bestaunen. Auch wenn dort mit gänzlich anderem Budget gearbeitet wird und Trier nicht London ist: Das sollte uns doch hier von nichts abhalten. Nicht das Geld allein bestimmt das Besuchererleben einer solchen Veranstaltung. Im Gegenteil. Mancherorts wird toter Technikbombast aufgefahren, dem ein gutes Konzept fehlt. Hat man ein solches, lässt sich Qualität auch im Rahmen den Trierer Dimensionen herstellen.

    Beste Grüße!

     
  2. Gisela S.

    danke an alle Beteiligten und sicherlich auch all die Überstunden… aber wir empfanden es enttäuschend und peinlich. Auch wir waren Freitag Abend dort – voller Erwartung und Freude auf Licht und Feuer – ein neues Konzept und etwas ´´ Großem ´´ . Jede vorherige Projektion an der Porta oder der Hochschule zu den Designtagen war imposanter …jede Illuminale der letzten Jahre war schöner und alle Mystischen Nächte zuvor spannender , bunter und eine Freude zu entdecken und anzusehen. Allein die Plakate waren so unscheinbar , dass wir sie Tage vorher an der roten Ampel kaum wahrgenommen haben…scheinbar haben wir auch das Konzept nicht verstanden…und keinen Presserundgang ..nunja – die Enttäuschung bleibt und wir werden nächstes Jahr so nicht mehr dabei sein .der Eintritt stellt kein Problem dar…gern auch mehr für etwas, das auch lohnend ist .Bei uns stand eine Schlange weil von den 3 netten Damen nur 1 kassiert hat ..was die beiden anderen wichtiges zu tun hatten, erschloss sich uns nicht .Die Guides haben Ihren Job gut gemacht …die ´´
    Lichtkunst ´´ war zum heulen…wie auch die 6 Schwimmkerzen Kerzen im Teich ..die Wasserlasershow war im Nellspark weitaus besser ..alles kein Vergleich . Wenn wir kein Geld dafür haben , dann lassen wir es wohl besser – dann bitte das Geld endlich für das dauerhafte Lichtkonzept einbringen- die wirre Straßenbeleuchtung der Innenstadt endlich angleichen , auf eine dauerhafte Brückenbeleuchtung von Römer – und KW Brücke , den Viehmarktthermen usw warten wir seit Jahren ,an Zurlauben muß wieder die Lichterkette her , um mehr Aufmerksamkeit zu erregen – die Reihe ist endlos. Dank an Hochstetter , die uns mit Ihrem Violett ganzjährig erfreuen und Akzente setzen .

     

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