Bescheidene Künstler, gewichtige Herausforderungen

Wenn Wolfgang Bolle im kommenden Jahr vor dem Kurfürstlichen Palais steht, wartet nicht die Arbeit im Hintergrund. Fotos: Rolf Lorig

TRIER/BERNKASTEL-KUES. Beim Mosel Musikfestival verabschiedet sich nicht nur Intendant Hermann Lewen. Zum 30. April 2018 verlässt auch Wolfgang Bolle das Unternehmen und tritt dann in den Ruhestand. Seit 1999 hat er an der Seite von Hermann Lewen an diesem Kulturevent mitgewirkt und dabei so einiges erlebt. Eines aber sei es nie gewesen, sagt der jugendlich wirkende 63-Jährige mit einem Lächeln: ‟Langweilig!”

Ein Portrait von Rolf Lorig

Dass Wolfgang Bolle eines Tages mit der Kultur sein Geld verdienen wird, hätte er sich früher nicht träumen lassen. Nach der Schule lernte er erstmal ‟einen ordentlichen Beruf‟ und wurde Großhandelskaufmann. Nach einigen beruflichen Stationen; darunter auch einige Jahre bei der Bundeswehr, landete er beim Verkehrsamt in Zeltingen. Dort erfuhr er eines Tages, dass bei der Kultur & Kur GmbH in Bernkastel-Kues eine Stelle frei sei. Genauer gesagt, Hermann Lewen, Intendant der damaligen “Mosel Festwochen”, suchte dringend einen Mitarbeiter.

Veranstaltungen und das organisatorische Drumherum

Was folgte, war das Übliche: Bewerbungsgespräche mit Lewen und dem damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden und dann die Einstellung zum Februar 1999. Die Aufgabenteilung in dem kleinen Team − damals waren es mit Lewen drei Personen − war denkbar einfach und verantwortungsvoll zugleich: ‟Ich hatte mich um die Veranstaltungen und das ganze organisatorische Drumherum zu kümmern‟, erinnert sich Bolle im Gespräch mit dem reporter. Das ‟organisatorische Drumherum‟ war breit angesiedelt: Vom Bett für den Künstler über die Fahrt vom und zum Flughafen bei den VIPs, Catering, Bühne, Licht, Technik. ‟Selbst aufbauen musste ich die Bühne zwar nicht‟, lacht Bolle, wohl aber musste er sich rechtzeitig darum kümmern, dass jemand genau das tat.

Als das Festival sich 2006 aus steuerlichen Gründen von der Kultur & Kur GmbH trennte, kam mit der Buchhaltung ein weiterer Aufgabenbereich auf Wolfgang Bolle zu. Damit verbunden war auch das Ticketing: ‟In den Anfangsjahren des Mosel Musikfestivals gab es noch keine Firmen, die die Karten online verkauften. Vor jeder Saison ließen wir etliche Tausend Karten drucken, die vor dem Konzert noch von Hand ausgefüllt werden mussten.”

Das aber änderte sich ebenfalls im Jahr 2006. ‟Damals arbeiteten wir mit einem kleinen Unternehmen zusammen, das unsere Konzerte online anbot.” Ein Jahr später wechselte das Festival zu Ticket Regional: ‟Die hatten einfach das größere Netzwerk.”

“Je prominenter der Mensch, umso bodenständiger seine Wünsche”

Befragt danach, wie denn der Umgang mit Superstars ist, ob die auch extra große Wünsche haben, muss Wolfgang Bolle passen. Nicht, weil er an dieser Stelle keine Details ausplaudern möchte. ‟Sondern einfach deshalb, weil ich feststellen musste, je prominenter der Mensch, umso bodenständiger seine Wünsche.” Als Beispiel verweist er hier auf die Sängerin Barbara Hendricks, die er standesgemäß ‟in einem Top-Hotel‟ untergebracht hatte. “Später hat sie mich dann wissen lassen, dass es beim nächsten Auftritt auch ein einfacheres Haus tut.”

In der Konzertsaison ist der Innenhof des Kurfürstlichen Palais häufig der Arbeitsplatz von Wolfgang Bolle.

Wenn schon die Künstler keine Ansprüche an ihre Unterbringung haben, wie verhält es sich mit den Instrumenten? Hier muss Wolfgang Bolle nicht lange überlegen. Mit dem russischen Pianisten Grigory Sokolow hatte das Mosel Musikfestival im Juli einen absoluten Top-Star der klassischen Szene im Programm. Sein Anspruch an das Management war ebenso einfach wie schwergewichtig: ‟Einen Steinway Flügel, der nicht älter als sechs Jahre sein darf.”

Einmal mehr habe sich da ausgezahlt, dass das Festival die richtigen Partner an der Seite hat, resümiert Wolfgang Bolle. Das Trierer Musikhaus Hübner brachte den gewünschten Flügel zum Veranstaltungsort Kloster Machern, und das Kranunternehmen Steil sorgte mit passendem schweren Gerät dafür, dass das Instrument auch in den Konzertsaal auf die Bühne kam. Damit der Flügel nun auch klanglich überzeugen konnte, dafür sorgte zwei Tage lang ein Klavierstimmer aus Frankfurt, der Sokolow das Instrument sogar in der Pause nachstimmte: Die hohe Luftfeuchtigkeit hatte das erforderlich gemacht.

Als das Feuerwerk zu früh explodierte

Ist in all den Jahren schon mal etwas schief gegangen? Erst schüttelt Bolle den Kopf, dann hält er inne, ein breites Lächeln steht ihm angesichts der Erinnerung im Gesicht. In der Tat habe es da ein Vorkommnis gegeben. ‟Das war bei einem Konzert in der Nacktarschhalle in Kröv. Nach dem Konzert sollte von der Terrasse aus ein Feuerwerk abgeschossen werden. Das Wetter war schlecht an diesen Tag, es regnete‟, erinnert Bolle sich. Das Konzert habe wie geplant in der Halle stattgefunden. Doch dann geschah es: ‟Wir waren gerade beim letzten Stück, da gingen draußen die Raketen hoch. Der Feuerwerker war entsetzt, er hatte keinen Impuls ausgelöst. Auch der Intendant war entsetzt, denn jetzt liefen die Besucher während des noch laufenden Konzertes vor die Tür, um das Feuerwerk zu sehen.” Später dann sei man der Ursache auf den Grund gekommen: ‟In Ürzig hatte das Weingut Mönchshof ebenfalls ein Feuerwerk bestellt. Und das würde dummerweise über die gleiche Frequenz gezündet wie unseres. Begünstigt von der hohen Luftfeuchtigkeit reichte das Signal so weit, dass es auch unsere Raketen zündete…‟

Wenn Wolfgang Bolle am 30. April des kommenden Jahres die Geschäfte an seinen Nachfolger Andreas Kolf übergibt, tut er das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend, weil er endlich Zeit für eine Menge Dinge haben wird, die in den knapp 20 Jahren einfach liegen geblieben sind. Weinend, weil ihm die Momente mit den Kollegen fehlen werden, die immer dann besonders wertvoll waren, wenn es mal wieder stressig wurde. Vielleicht wird er das Mosel Musikfestival nun endlich mal als Gast und Zuhörer besuchen. ‟In all den Jahren habe ich kein einziges Konzert gehört, weil mein Platz immer draußen vor der Tür war.”

Gibt es auch eine Erinnerung, die ihn mit Dankbarkeit erfüllt? Wieder antwortet Bolle wie aus der Pistole geschossen: ‟Dass ich eine Partnerin habe, die diese nicht kleine berufliche Belastung über all die Jahre klaglos mitgetragen hat. So etwas ist alles − nur nicht selbstverständlich!”


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft, Kultur, Moselmusikfestival Hinterlasse einen Kommentar

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