Botmann nicht, Monzel nicht, aber Steier

Auch Max Monzel, hier mit Ex-Parteichef Bernhard Kaster, gab Köhler einen Korb.

Auch Max Monzel, hier mit Ex-Parteichef Bernhard Kaster, gab Köhler einen Korb.

TRIER/REGION. Daniel Botmann sollte die hiesige CDU in den nächsten Wahlkampf führen. Der Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland war von der Trierer Union als Bundestagskandidat und Nachfolger von Bernhard Kaster auserkoren. Botmann, in Tel Aviv geboren und in Trier aufgewachsen, sollte das Ass im Ärmel des massiv in der Kritik stehenden Fraktions- und Parteichefs Udo Köhler sein. Doch der Jurist winkte ab. Auch Max Monzel, Chef des ART und Schatzmeister des Trierer Kreisverbandes der CDU, gab Köhler einen Korb. Monzel war Köhlers Ersatz-Ass. Vor zwei Jahren wollte der ART-Boss OB-Kandidat werden. Doch damals wurde der unbequeme Monzel von Kaster, Fraktionschef Ulrich Dempfle und dem in der politischen Grauzone nach wie vor rührenden Alt-OB Helmut Schröer ausgebootet. Die Christdemokraten im Kreis nutzten jetzt das anhaltende Machtvakuum der Trierer Parteifreunde. Sie nominierten kurzerhand den weitgehend unbekannten Andreas Steier aus Pellingen – über die Köpfe der städtischen Unionschristen hinweg. Ausgerechnet Steier soll nun die darbende CDU in den Bundestagswahlkampf führen.

Schallender konnte die Ohrfeige nicht sein. Udo Köhler musste sie einstecken, und der Trierer CDU-Chef tobte sogar hinter den Kulissen, was außergewöhnlich für ihn ist. Das Trio Arnold Schmitt (Kreischef), Rudi Müller (Kreisvize) und Stephanie Nickels (Kreisbeigeordnete) aus der sechsköpfigen Findungskommission fragte nicht einmal nach bei den Kollegen, als es Anfang September Andreas Steier auf den Schild hob. Monzel, Jörg Reifenberg, aber vor allem Köhler wurden einfach übergangen. Bereits Mitte Juli hatte Rudi Müller gegenüber dem reporter die Hinhaltetaktik des Trierer Parteichefs kritisiert. Nun hatten die Unionschristen aus dem Landkreis offensichtlich die Nase voll. Steier soll es machen. Das Trierer Trio in der Kommission wurde glattweg überfahren.

Dabei sollte die Nominierung des CDU-Bundestagskandidaten ein Befreiungsschlag für den angeschlagenen Köhler werden. Monatelang baggerte der Chef der städtischen Union an Daniel Botmann. Mit dem Geschäftsführer des Zentralrats der Juden hätte Köhler ein ähnlicher Coup wie vor zwei Jahren SPD-Chef Sven Teuber gelingen können. Teuber zauberte damals den heute amtierenden Oberbürgermeister Wolfram Leibe aus dem Hut. Botmann, obwohl in Tel Aviv geboren, ist ein waschechter Trierer. Hier machte er Abitur, hier studierte er Jura und Volkswirtschaft, hier war er in der Jungen Union und im Ortsbeirat von Heiligkreuz aktiv.

Dünne Luft für Köhler

Monatelang baggerte Köhler an Daniel Botmann - vergeblich. Foto: Rolf Lorig

Monatelang baggerte Köhler an Daniel Botmann – vergeblich. Foto: Rolf Lorig

Doch Botmann wollte nicht. Der Jurist geht in seiner Arbeit als Zentralrats-Geschäftsführer in Berlin auf. 2014 wurde der Trierer zum Nachfolger von Stephan J. Kramer gewählt. Von der Hauptstadt aus auf das schwankende CDU-Schiff an der Mosel umzusteigen, erschien Botmann dann wohl doch als zu riskant. Köhler hatte sich seinen ersten Korb geholt, und der zweite folgte zugleich. Auch Max Monzel, promovierter Chef des ART, winkte ab. Seine Ausbootung als OB-Kandidat vor gut zwei Jahren wirkt beim Schatzmeister der Stadt-Union immer noch nach. Damals musste Monzel der von Kaster, Dempfle und Schröer umgarnten Hiltrud Zock den Vortritt lassen. Das Triumvirat sah in Zock die weitaus fügsamere und auch formbarere Kandidatin. Monzel hingegen war und ist unbequem.

Für Köhler wird die Luft nun immer dünner. Denn Steier, der voraussichtlich im November auf dem gemeinsamen Parteitag von Stadt- und Kreis-CDU nominiert werden wird, ist nicht der Mann der städtischen Unionschristen. Der Pellinger, der seit 2004 im Kreistag sitzt, in der politischen Szene aber als weitgehend unbeschriebenes Blatt gilt, stützt sich einzig auf die Parteifreunde aus dem Landkreis. Die setzen auf ihre Zweidrittelmehrheit beim Delegiertenkongress. Köhler aber muss seinen Parteifreunden in der Stadt nun erklären, warum er vor den Kollegen aus dem Landkreis kapitulierte – und warum seine Kandidatensuche derart erfolglos blieb.

Seit Monaten weht dem Trierer Fraktions- und Parteichef der eisige Kritik-Wind ins Gesicht. Bei offiziellen Terminen entfährt Fraktionskollegen auf die Frage, wo denn Köhler sei, immer häufiger der Satz: “Das frage ich mich inzwischen jeden Montag!” Zum Wochenstart tagt die CDU-Stadtratsfraktion turnusmäßig. “Köhler wollte Partei und Fraktion führen”, sagt ein anderer Christdemokrat gegenüber dem reporter, “nun muss er eben sehen, wie er klarkommt.” Auf allzu viel Unterstützung aus den eigenen Reihen kann der Parteichef nicht mehr bauen. Köhlers Kredit ist aufgebraucht. Manch ein Christdemokrat mag dem umstrittenen Regisseur bereits nahegelegt haben, sich den Debattier-Grünen oder den Zerreder-Linken anzuschließen. Das könnte die CDU aus ihrer Lethargie erlösen.

SPD-Offerten an die Union

Über Köhlers Vorgänger Kaster aber geht nicht erst seit dessen Abschiedsankündigung in CDU-Kreisen das Bonmot um: Gäbe es eine Maßeinheit für Politiker- und Parteienverdrossenheit, deren Grundwert wäre zweifellos “1 Kaster”. Im Berliner Bundestag genehmigt der parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Fraktion reihenweise Besuchertickets für Lobbyisten der Großindustrie, Waffenfabrikanten inklusive, wehrt sich gegen Transparenz in den Ausschüssen und gegen die Offenlegung von Parlamentariereinkünften. Kaster ist der Prototyp einer überholten Politikerspezies. Beratungsangebote, etwa von Trierer Politikwissenschaftlern wie den Uni-Professoren Wolfgang H. Lorig und Oscar W. Gabriel, beides CDU-Mitglieder, weist der Noch-Bundestagsabgeordnete kategorisch zurück. Meist antwortet er nicht einmal auf E-Mails. Kritik ist ohnehin unerwünscht.

Köhler segelt weiter ohne Korrektur auf dem Kurs des Ex-Kapitäns Kaster.

Köhler segelt weiter ohne Korrektur auf dem Kurs des Ex-Kapitäns Kaster.

An der Mosel kungelt der Pfalzeler hingegen schamlos mit den Grünen, mit denen er auf Anweisung von Landeschefin Julia Klöckner Hochzeit feiert. Bei Fastnachtsriten hechelt er mit dem Blumenstrauß hinter Klöckner her; auf dem Höhepunkt der Schuldebatte haut er vor vier Jahren in Pfalzel mächtig auf den Putz, um dann gegenüber Journalisten umgehend zu relativieren: sei ja alles nicht so hart gemeint, wie gesagt. Gleichzeitig geniert er sich nicht, verhasste Journalisten mit Unwahrheiten zu deren Biographie gegenüber Bundestagskollegen schlecht zu machen. Das persönliche Machtgen zeichnet Kaster schon seit der Schulzeit aus, als er es an der Robert-Schuman-Realschule immerhin bis zum Schülersprecher schaffte.

Köhler fehlt dieses Gen, und doch segelt der neue Kapitän ohne Korrektur auf dem Kurs des alten weiter. Mehrmals wurde er von Parteifreunden aus dem Kreis ermahnt, die unnatürliche Liaison mit den Grünen, die von Kaster nur aus machtstrategischen Überlegungen im Hinblick auf die Landtagswahl geschlossen worden war, zu beenden. Seit dem 13. März, als die mögliche Option der Landes-CDU auf ein schwarz-grünes Bündnis in Mainz nach Wiesbadener Vorbild platzte, hat die Trierer SPD der Union mehrere Gesprächsangebote unterbreitet. Das Ziel der Genossen: die CDU vom Gängelband der Grünen zu lösen und die funktionierende Achse zwischen Oberbürgermeister Wolfram Leibe und Baudezernent Andreas Ludwig (CDU) auf den Rat zu übertragen. Doch Köhler lehnte alle Offerten der Sozialdemokraten ab. Auch unter dem neuen Parteichef igelt sich die Union zwei Jahre nach der verlorenen OB-Wahl weiter in der Beleidigte-Leberwurst-Zone ein. Ex-Fraktionschef Dempfle hatte im März letzten Jahres von “menschlichen Enttäuschungen im OB-Wahlkampf” gesprochen, die eine Zusammenarbeit mit der SPD auf absehbare Zeit ausschlössen.

Gegenkandidat nicht ausgeschlossen

Dabei fordern gerade die Christdemokraten aus dem Landkreis eine neue strategische Ausrichtung auch der Stadt-CDU, die es nach deren Ansicht nur an der Seite der Sozialdemokraten geben kann. Von vielen städtischen Unionschristen wird diese Auffassung geteilt. “Wir brauchen kein Bündnis im Stadtrat”, sagt ein Christdemokrat gegenüber dem reporter, “aber wir brauchen die strategische Verständigung mit der SPD, um die anstehenden Probleme lösen zu können.”

Unter Köhlers Regie verzichtet die Union jedoch auf eine klare Position etwa in der Theater-Krise. Getrieben vom grünen Bündnispartner, überlässt der Parteichef die Debatte ausschließlich seinen Kulturfrauen. Beim für Trier so eminent wichtigen Flächennutzungsplan riskiert Köhler unter der grünen Doktrin sogar den Bruch mit dem eigenen Dezernenten. Dafür vollzieht die Union bei der Egbert-Sanierung den Kotau vor den Grünen. Die wiederum hievten dafür Ludwig ins Amt und gaben nach einer 180-Grad-Wende dem vom Kürenzer CDU-Ortsvorsteher Bernd Michels geforderten Drogeriemarkt auf dem Petrisberg ihren Segen.

“Das ist keine Politik, wie sie die CDU als stärkste Fraktion im Rat im Sinne der Gesamtstadt betreiben muss”, kritisiert ein Christdemokrat gegenüber dem reporter die Politik des Parteichefs. Köhler lasse einfach alles laufen, anstatt die Richtung vorzugeben. Kasters diktatorische Art der Parteiführung sei zwar längst nicht mehr zeitgemäß, “aber eine klare und erkennbare Linie muss dennoch vorhanden sein”. Nun kommt zu allem Überfluss auch noch die Blamage bei der Kandidatensuche für die Bundestagswahl hinzu. Köhler steht mit dem Rücken zur Wand. Im März kommenden Jahres wird er sich voraussichtlich zur Wiederwahl als Parteichef stellen – Gegenkandidat nicht ausgeschlossen. Der könnte dann durchaus Max Monzel heißen. (et)

Extra
Nicht nur politische Gegner, sondern auch Parteifreunde registrieren bei Barley inzwischen eine gewisse Abgehobenheit. Foto: Rolf Lorig

Nicht nur politische Gegner, sondern auch Parteifreunde registrieren bei Barley inzwischen eine gewisse Abgehobenheit. Foto: Rolf Lorig

Bei der SPD läuft aktuell noch alles auf Katarina Barley hinaus. Allerdings gibt es auch unter den Genossen Stimmen, die in der Doppelfunktion der Bundestagsabgeordneten und Generalsekretärin die Schwachstelle der promovierten Juristin sehen. Wegen der machtgeschwängerten Berliner Luft von Talk-Shows und Elefantenrunden machen nicht nur politische Gegner, sondern auch Sozialdemokraten inzwischen eine gewisse Abgehobenheit der Schweicherin aus. Zu den spezifischen Themen der Region war von Barley seit ihrer Wahl zur SPD-Generalin nichts mehr zu hören. Kein Wort zum Lärmschutz an der Westtrasse, für den sie sich bis zum Dezember letzten Jahres eingesetzt hatte, kein Wort zum geplanten Moselaufstieg, kein Wort zur Theater-Krise, von der auch die Region betroffen ist.

Hält sie dann doch einmal eine Veranstaltung in Trier ab, wie jüngst im Warsberger Hof, werden dabei vor allem bundes-, europa- oder auch weltpolitische Themen durchdekliniert. Als Abgeordnete muss Barley sich jedoch primär für die Belange der Menschen vor Ort einsetzen. Als Generalsekretärin aber genießen andere Themen Priorität. Im nächsten Jahr wird Barley den Wahlkampf der SPD vom Berliner Willy-Brandt-Haus aus steuern müssen. Für die Region wird somit kaum Zeit bleiben. Der Verzicht der gebürtigen Kölnerin auf die erneute Kandidatur ist deswegen keineswegs ausgeschlossen. Bei einer Neuauflage der Großen Koalition bliebe ihr dann immer noch der Eintritt in die Regierung – etwa als Justizministerin in der Nachfolge des inzwischen höchst umstrittenen Saarländers Heiko Maas. (et)


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Featured, inside54.de, Politik 7 Kommentare

7 Kommentare zu Botmann nicht, Monzel nicht, aber Steier

  1. Erik Thees

    Lieber Reporter,
    nur, weil jemand aus dem fernen Pellingen kommt, ist er noch lange kein Nicht-Trierer. In Trier zur Schule gegangen, beruflich in der Welt unterwegs und wohl auch sehr erfolgreich. Ich kenne ihn ein wenig aus gemeinsamen Schultagen und bin gespannt, wer ihm intellektuell gewachsen ist.

    Wieso muss es eigentlich ein Skandälchen sein, wenn Kreis- und Stadtverband die Kandidaten nicht bereits vor! der Wahl festlegen…

     
  2. Freud

    Friede, Freude, Eierkuchen – gepaart mit Kompetenz. So erscheint die SPD.

    Die CDU hingegen, ist nach diesem Bericht eine Ansammlung tollpatschiger Hyänen – fremdgesteuert von den bösen Grünen.

    Was bei dieser Schwarz-Weiß-Malerei außer acht gelassen wird, ist die Tatsache, dass die CDU in den Landkreisen geistig und politisch immer noch in den 80ern verhaftet ist. Kein Wunder, dass diese sich mit der Trierer CDU schwer tut.

     
  3. Dietmar Marx

    Vor sehr vielen Jahren stellte die CDU Trier sogar mal den Ministerpräsidenten. Köhler macht in Trier den gleichen Fehler wie Merkel im Bund, die auch meint, man müsste die CDU nach links rücken und zur neuen SPD machen. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht wie in MV von der AFD überholt werden. Der Satz von FJS selig muss wieder in die Köpfe: rechts von CDU/CSU darf kein Platz sein für eine andere Partei. Danke für den Beitrag Herr Thielen.

     
  4. WT

    B. Kaster war ist und bleibt ein Blender vor dem Herrn. Gott sei Dank ist er bald weg.

     
  5. B.Morgen

    Kein gutes Zeugnis für meine CDU in Trier, aber leider zutreffend.

     
  6. Stephan Jäger

    „Im Berliner Bundestag genehmigt der parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Fraktion reihenweise Besuchertickets für Lobbyisten der Großindustrie, Waffenfabrikanten inklusive, wehrt sich gegen Transparenz in den Ausschüssen und gegen die Offenlegung von Parlamentariereinkünften.“

    …und 2017 wird Trier dann endlich in Mauschelheim umbenannt und der letzte große Strippenzieher reitet mit dem schlechtesten Bundesverkehrsminister aller Zeiten auf dem endgültig verworfenen Moselaufstieg in den Sonnenuntergang…

     
  7. augur

    Gute Analyse des Trier-Reporters. Der CDU hätte eine Frau als Kandidatin für den Bundestag gut angestanden. Eine starke Frauen-Union gibt es ja. Barley wird nominiert werden und bleibt somit im Ring. Warum Maas “höchst umstritten” sein soll, erschließt sich mir allerdings nicht. Hier wie bei Barley provoziert der Trier-Reporter wohl…

     

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