Bruchpilot auf Jobsuche

Seine Website suggeriert Kompetenz: Harald Reinhard, Bürgermeister in Buchenbach. Foto: Screenshot / Homepage H. Reinhard

Seine Website suggeriert Kompetenz: Harald Reinhard, Bürgermeister in Buchenbach. Foto: Screenshot / Homepage H. Reinhard

TRIER. Es ist eine kommunalpolitische Grundregel: Jedes Bewerbungsverfahren kennt seine Absurditäten. Ausnahmen davon gibt es keine, lautet eine andere. In Trier hat die immer noch junge Suche nach einem Nachfolger für den abgewählten Kulturdezernenten Thomas Egger schon zwei Skurrilitäten zu bieten. Nach CDU-Stadtrat Thomas Albrecht – der nach eigener Einschätzung ein Kunstbanause ist, den verkrampft-exaltierten Karl M. Sibelius in der Rolle der Großherzogin Gerolstein für “hervorragend” hält und selbst seine Fraktionskollegen bislang nicht mit kulturpolitischen Geistesblitzen behelligte – hat sich jetzt mit Harald Reinhard ein weiterer Kandidat vorgestellt, dessen Bewerbung in jeder anderen deutschen Großstadt chancenlos wäre. Aber in Trier? Man weiß ja nie. Von Martin Eich

Reinhard, seit 2012 Bürgermeister der Schwarzwald-Gemeinde Buchenbach (circa 3.200 Einwohner), meldete gestern seine Ambitionen auf den verwaisten Dezernats-Chefsessel an. Der 51-Jährige rief in der Redaktion einer Trierer Tageszeitung an, erwähnte – unter der für Politiker eher unüblichen Maßgabe, zunächst anonym zu bleiben – seine Qualifikation (studierter Musiker und Kulturmanager), frühere Tätigkeit (drei Jahre Kultur- und Tourismusdezernent einer 18.000-Einwohner-Stadt) und Verantwortung für Feuerwehr und Ordnungsamt der aktuellen Wirkungsstätte, was ihn für den ausgeschriebenen Job zusätzlich befähige. Sein von hemmenden Selbstzweifeln befreites Fazit: “Ich denke, dass ich mit meinen Qualifikationen und beruflichen Erfahrungen gut aufgestellt bin.”

Diese Sichtweise dürfte er ziemlich exklusiv haben. Jedenfalls in Buchenbach und Umgebung. Wer Reinhard der gewünschten und gewährten Anonymität entreißt, dem Tannen-Alberich wie weiland Siegfried die Tarnkappe raubt, drängen die Fragezeichen in die Augen. Motto: Besser vorher zweifeln als hinterher verzweifeln. Das Prinzip ist bekannt, wenn auch vor Ort (siehe Egger und Sibelius) eher nicht so ganz weit verbreitet.

Die Kollegen der Badischen Zeitung helfen gerne. Der Anruf bei einem Bekannten in der Redaktion führt am anderen Ende der Telefonleitung zu Szenen südländischer Ausgelassenheit. Man habe ja schon gehört, dass kulturpolitische und andere Kompetenz an der Mosel bestenfalls als lässliche Zusatzanforderung gelte, aber Reinhard, nein Reinhard, das traue man selbst Trier nicht zu. Der studierte Musikus habe sich als Chef seiner Mini-Verwaltung vielfach im Ton geirrt, sei beim Aufziehen anderer Saiten grandios gescheitert, bis Chor und Orchester entnervt das Theater gewechselt hätten. Dass Reinhards kommunale Bühne mangels eigenem Behörden-Ensemble nicht zumachen musste, sei nur darauf zurückzuführen, dass der Oberspielleiter im Landratsamt die benachbarten Dirigenten um Abstellung einiger Künstler gebeten habe, damit der Buchenbacher Kollege wenigsten temporär seine Abonnenten bedienen konnte. Noch während unseres Telefonats landet ein zeitgenössischer Artikel im E-Mail-Postfach. Darin heißt es:

“Akten stapeln sich, Steuerbescheide gehen nicht raus, und oft geht keiner ans Telefon: Die Gemeinde Buchenbach hat ein Problem — und das sitzt ganz oben. Gäbe es eine Probezeit für Bürgermeister, dann sähe es schlecht aus für Harald Reinhard. Der 2012 mit fast 70 Prozent gewählte Schultes von Buchenbach müsste um seinen Job fürchten. (…) Sechs Mitarbeiter im Rathaus haben seit dem Start Reinhards gekündigt — von acht. Erst der Hauptamtsleiter, dann der Kämmerer, dann die anderen. (…) Auf Bitten des Landratsamts helfen seit zwei Wochen Nachbargemeinden wie Oberried, Kirchzarten, Stegen und St. Peter aus. Sogar Bad Krozingen muss einspringen. (…) Der studierte Musiker und Kulturmanager war vorher Kulturdezernent im sächsischen Kamenz. Da sein Arbeitsvertrag dort nicht verlängert wurde, sah er sich nach einer neuen beruflichen Herausforderung um — und gelangte bis nach Buchenbach.”

Und das war erst die Ouvertüre. Im April 2014 warf der Feuerwehrkommandant während einer Gemeinderatssitzung – die mehr einem Scherbengericht glich – unserem Musikus Bettel und Taktstock vor die Füße, die “seit längerer Zeit bestehenden Meinungsverschiedenheiten mit dem Bürgermeister” machten ein Zusammenspiel fürderhin unmöglich. Das aufgebrachte Publikum in der proppenvollen Sporthalle applaudierte frenetisch, bewies aber situativ-empathisches Kunstverständnis, als es später den Moll-Akkorden eines vereinsamten Hauptamt-Solisten (“Außer dem Bürgermeister, seiner Sekretärin und einem weiteren Mitarbeiter gibt es nur noch mich im Rathaus.”) ergriffen lauschte.

Zuletzt, die Massenflucht war mangels Masse abgeebbt, wollte der Dirigent selbst eine One-Way-Tournee antreten. Seinem Bemühen, vor eineinhalb Jahren bei der Bürgermeisterwahl in Meßstetten das Orchester des nicht mehr antretenden Alt-Chefs zu übernehmen, blieben Beifall wie Erfolg verwehrt. Das dortige Publikum konnte sich nur zu 5,4 Prozent für den Mann aus Buchenbach und seinen Spielplan erwärmen, sprach sich stattdessen im ersten und einzigen (Wahl-)Akt zu 80,1 Prozent für einen anderen Maestro aus: Gerüchten zufolge hatte es mittels des neumodischen Teufelszeugs Internet von den Dissonanzen im Schwarzwald erfahren.

Aber obwohl der wackere Kandidat ein Wiederholungstäter ist, nämlich bereits als Kamenzer Kultur- und Tourismusdezernent vielfach Porzellan wie Instrumente zerdeppert hatte, würde er jetzt gerne die Tonleiter hinauffallen und in Trier den gesuchten Kultur-Sheriff mimen. Dagegen ist zunächst nichts zu sagen: Auch Bruchpiloten brauchen einen Job, die Gedanken sind bekanntlich frei und des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Nur wählen, ja wählen sollte man ihn bitte nicht.


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Erstellt am Autor Martin Eich in Dossier Theater, Meinung, Politik 14 Kommentare

14 Kommentare zu Bruchpilot auf Jobsuche

  1. Sascha

    Nun, das liest sich doch als wäre der Herr hervorragend geeignet für Trier.

    Ernsthaft: Wenn der Fall Sibelius wenigstens dazu geführt hat das man nicht nur den Lebenslauf sondern auch den Menschen dahinter betrachtet, hatte die Sache wenigstens etwas gute.
    Diese Bewerbung bitte in den Reißwolf.

     
  2. Kruemel

    Top Kandidat,
    würde mich nicht wundern wenn er es werden würde.

     
  3. Stephan Jäger

    Ahh, Trier scheint ja inzwischen bundesweit als eine Art „Polit-Dschungelcamp“ gesehen zu werden. Ein Ruf, den wir uns redlich „verdient“ haben. Ob wir stolz drauf sein sollten, weiß ich nicht.

     
  4. Stephan Jäger
     
  5. Lola

    Herr Eich, bitte alle Kanditaten (auch Herrn Nix) einer solchen Tiefenprüfung unterziehen und dies veröffentlichen. Der Auswahlprozess beider Positionen muss vollkommen transparent bei Wahrung der Persönlichkeitsrechte usw erfolgen und der Öffentlichkeit vermittelt werden. Ein KMS und TE darf sich nie wiederholen.

     
  6. Seb Nathem

    Ich glaube, Frau Kewes und Frau Bohr werden sich schnell fuer Herrn Reinhard begeistern koennen. Hauptsache jemand auf Augenhoehe. Wenn er jetzt noch ein bisschen schwul oder bi oder gar beides waere, dann hat er beste Chancen auf Einstellung. Zum Trost der Buerger sei gesagt: Schlimmer als mit Egger und Birk kann es nicht werden.

     
    • Rainer Landele

      zitat: ” Wenn er jetzt noch ein bisschen schwul oder bi oder gar beides waere, dann hat er beste Chancen auf Einstellung.”

      sehen sie, selbst wenn sie es hier ironisch gemeint haben sollten: wenn sich kommentare und/oder kritik nicht auch auf solchem “niveau” bewegen würde, wären sachliche errörterungen von qualifikation (bzw. deren mangel) viel leichter…

       
      • Lola

        Ach Herr Landele, steigen Sie ab von Ihrem hohen Ross. Niveau kann, von unten betrachtet, manchmal auch sehr arrogant wirken. Und hat nicht zumindest Einer der Gescheiterten stets, ständig und ungefragt mit seinem “Andersein” gewuchert? War es nicht so? Und waren nicht die Weltbürgerinnen ganz eng, Bussi Bussi mit dem Österreicher? Na bitte.

         
        • Rainer Landele

          ich kann noch nicht mal reiten…

           
          • Thomas Schön

            Das ist auch besser so. Sonst steigt Ihnen Frau Kewes nämlich auf’s Dach und empört sich darüber, daß sie ein Wildtier bezähmen. Würden sie im Dezember reiten, macht sie einen sogenannten Weihnachtszirkus daraus. Können wir einen Bund schließen und ihr die Zähne zeigen …?

    • Pete

      Es kommt für euch noch schlimmer

       
  7. Hasenharry

    Narzisstische Persönlichkeitsstörung sucht dringend einenm Ausweg !?! Helfen Sie uns.

     
  8. Marc Ballhaus

    Ich als Buchenbacher möchte sagen, daß er die Kulturtage in Buchennach bislang hervorragend organisiert hat.

     
    • Marco Berweiler

      Dann soll er das bitte auch weiterhin machen …

       

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