Das Quartier Walzwerk und der Verkehr in Kürenz

Viel steht nicht mehr von den einstigen Fabrikgebäuden Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Das Thema “Walzwerk” beschäftigt im Stadtteil Kürenz die Menschen. Im Vorfeld der jüngsten Ortsbeiratssitzung hatte Ortsvorsteher Bernd Michels deshalb zu einem Bürgergespräch eingeladen. Eine Einladung, der vor allem Bewohner der Nell- und Rosenstraße folgten, aber auch die neu gegründete Bürgerinitiative (BI) “Quartiersentwicklung Walzwerk”, die sich recht überraschend im Laufe des Abends für die Übernahme von weiteren Anliegen empfahl.

Für den reporter war Rolf Lorig dabei.

Ob das irgendwann eine Freundschaft fürs Leben wird? Schwierig. Denn die drei Männer sind doch zu unterschiedlich. Auf der einen Seite der pensionierte Leiter der Mordkommission: Bernd Michels, der Ortsvorsteher. Ein erfahrener Kommunalpolitiker, der in den Jahrzehnten seiner kommunalpolitischen Tätigkeit immer mal wieder, zuweilen auch schmerzhaft, von der Verwaltung seine Grenzen aufgezeigt bekam. Ein Mann, der aus eigener Erfahrung weiß, was geht, und wo es Probleme geben könnte. Seit Juni 2009 ist Michels Ortsvorsteher in Kürenz, vorher saß er lange Zeit für die CDU im Stadtrat.

Auf der anderen Seite Pascal Schubbe. Der Mann ist gelernter Architekt und Geschäftsführer der Wohnbau Sistra GmbH in Trier. Das Unternehmen wird geführt als Bauprojektentwickler. Mit der Triwo will sich Schubbe nicht vergleichen, “alleine schon von der Größe her”. Schubbes Stellvertreter ist der Verkehrsexperte der Trierer Grünen, Ole Seidel. Beide Männer wohnen in der unmittelbaren Nachbarschaft des Geländes. Seidel, der Diplom-Geograph, ist Vorstand der der alta4 AG, Trier, ein laut eigener Aussage “stark wachsendes, renommiertes Unternehmen der Informationstechnologie-Branche”.

Die Triwo wiederum ist seit 2015 die Eigentümerin des Walzwerk-Geländes. Triwo-Chef Peter Adrian hatte ebenso spannende wie hochinteressante Pläne mit der alten Fabrik. Er wollte die beiden großen Haupthallen der Stadt zur Verfügung stellen und dort Theater, Europahalle und Tufa zusammenführen und Kürenz so zum kulturellen Zentrum der Stadt machen. Pläne, die dann doch nicht das erhoffte Echo fanden.

Stadt hatte kein Interesse, deshalb kam der Abriss

Die alte Energiezentrale in der Nellstraße soll erhalten bleiben.

Doch was macht man nun mit einem vier Hektar großen Fabrikgelände? Da sich kein Interessent für die Hallen fand, erteilte der Triwo-Chef den Abrissauftrag. Die Bagger rollten an, und das Entsetzen der Kürenzer war groß. Ein Entsetzen, aus dem schließlich die BI “Quartiersentwicklung Walzwerk” geboren wurde. Und deren Vorsitzender Pascal Schubbe wurde. Was kein Zufall war, denn Schubbe selbst hatte als Bewohner der Nellstraße und damit als Nachbar die BI ins Leben gerufen.

Soweit die Vorstellung der Akteure. Wobei an dieser Stelle gesagt werden muss, dass in der Vergangenheit jeder unabhängig vom jeweils anderen das Gespräch mit der Triwo führte. Doch zurück zum Bürgergespräch, das jede Menge Spannungspotenzial in sich trug. Alles begann mit der scheinbar harmlosen Frage von Schubbe an Bernd Michels, wann er vom geplanten Abriss der Hallen erfahren habe. “Offiziell überhaupt nicht”, so die Antwort des Ortsvorstehers. Und dann beging er seinen ersten Fehler. Er wollte genauestens informieren, ließ deshalb detailliert die Geschichte nochmals Revue passieren. Michels berichtete von den Plänen der Triwo, die bereits 300.000 Euro in das Vorhaben investiert hatten, was aber keine Auswirkungen auf die Entscheidung der Stadt hatte.

Wie gesagt, Michels wollte umfassend informieren. Doch das war nicht unbedingt das, was die Anwesenden wollten. Die wollten zuallererst ihre Fragen platzieren. Wie die Anwohnerin, die sich nach Artenschutzgutachten erkundigte. Die gebe es, bestätigte Walzwerk-Projektleiter Lars Kollmann, die lägen der Stadt vor. Und tat auch das Ergebnis kund: “Es gibt keine schützenswerten Pflanzen- oder Tieraufkommen auf dem Gelände.”

Im Erdgeschoss der Energiezentrale stehen noch die alten Schaltschränke

Und dann ging es rund…

Wie viele Wohneinheiten denn nach dem Abriss der Hallen auf dem Gelände entstehen sollten, lautete eine andere Frage. Bernd Michels wollte weiter informieren. Er stehe seit dem Kauf mit Triwo-Chef Adrian permanent in Verbindung, entsprechende Pläne gebe es noch nicht, dafür sei es noch zu früh.

Jetzt kam Unruhe auf. Das könne man sich nicht vorstellen, entrüsteten sich erste Stimmen, schließlich sei jeder Investor an raschen Ergebnissen interessiert. Michels bemühte sich, die zeitlichen Verwaltungsabläufe zu erklären. Eine Materie, die nicht gerade geschaffen wurde, um Gemüter zu beruhigen. Immer höher kochte die Stimmung. Man habe gehört, dass dort um die 350 Wohnungen entstehen sollen. Den Beteuerungen von Michels und Kollmann, dass diese Zahlen völlig aus der Luft gegriffen seien, wollte kaum jemand Glauben schenken. Es wurde zunehmend lauter. Und daran hatte nicht zuletzt Ole Seidel schuld, der sich mit Wortbeiträgen meldete, deren Inhalte Ortsvorsteher Bernd Michels als falsch und “wider besseren Wissens” als bloße Stimmungsmache bezeichnete. Es ging hier beispielsweise um die geplante Ortsumgehung, die nach Seidels Meinung nicht die geplante Verkehrsentlastung für die Domänen- und Nellstraße bringen wird. Die Lautstärke, mit der der grüne Verkehrsexperte den Ortsvorsteher alleine schon akustisch anging, ließ streckenweise den Gedanken zu, man befinde sich schon mitten im erst kommenden Kommunalwahlkampf…

Das Obergeschoss im alten Trafohaus ließe sich ausgezeichnet für gastronomische Zwecke nutzen.

Der Verkehr in der Nellstraße

Aber auch Pascal Schubbe kannte kein Pardon. Und schoss dabei auch schon mal über das Ziel hinaus, als er die bis dato schweigenden Ortsbeiratsmitglieder mit der Bemerkung attackierte, da schlafe wohl schon der ein oder andere ein…

Für Bernd Michels war damit das Maß voll. Mit aller Entschiedenheit – und das recht lautstark – forderte er Schubbe zur Mäßigung auf. Dem war allerdings auch klargeworden, dass er den Bogen überzogen hatte. Denn um seine BI zum Erfolg zu führen, ist er auf die tätige Mitwirkung des Ortsbeirates angewiesen. Hier war es schließlich Stefan Wilhelm (SPD), der die erhitzten Gemüter besänftigen und das Gespräch wieder in ruhigere Bahnen lenken konnte. Zumindest zeitweise. Denn beim Thema Verkehr, das noch nicht abschließend behandelt war, lief Ole Seidel nach einer Verschnaufpause erneut zu Hochform auf.

Die Anwohner beklagten sich über den hohen Durchgangsverkehr vor allem in der Nellstraße, bei dem die Fahrer oft ungehemmt auch über den Gehweg fahren und damit Fußgänger gefährden würden. Hier wurden Forderungen nach Fahrbahnverengungen durch Poller oder einer Einbahnstraßenregelung laut. Als dann Bernd Michels darauf hinwies, dass eine Einbahnstraßenregelung schon vor Jahren von empörten Bewohnern abgelehnt und die Verkehrsbehörde vermutlich die Pollerlösung nicht mittragen würde, war es um Ole Seidel erneut geschehen. Wessen Interessen der Ortsvorsteher an dieser Stelle eigentlich vertreten wolle, brach es erneut lautstark aus ihm heraus. Was in anderen Straßen oder Ortsteilen funktioniere, weshalb solle das ausgerechnet in Kürenz nicht klappen?

Dieses Mal war es der Ortsvorsteher, der die Situation beruhigte. Denn ihm ist das Verkehrsproblem nicht unbekannt, als ehemaliger Polizist weiß er sehr wohl um die Gefahr. Kurz entschlossen kündigte er eine Einladung an alle Bewohner von Nell- und Rosenstraße an, bei der gemeinsam mit Vertretern der Stadt über verkehrsberuhigende Verkehrsmaßnahm nachgedacht werden soll.

Zur Rosenstraße hin ist bereits alles eben.

BI beteiligt sich am Triwo-Workshop

Und auch BI-Vorsitzender Pascal Schubbe trug zur Beruhigung bei. Denn zuvor hatten einige Kürenzer die Sorge geäußert, dass irgendwann fertige Pläne zum Walzwerkgelände präsentiert werden, auf die man kaum noch Einfluss nehmen könne. Hier konnte Schubbe mitteilen, dass diese Sorge kaum gegeben sei, da Triwo-Chef Adrian die BI zu einem Workshop eingeladen habe, bei dem man sich gemeinsam Gedanken über das bauliche Vorhaben machen wolle.

Und nachdem sich das Gespräch endlich in vernünftigen Fahrwassern befand, bot Bernd Michels Pascal Schubbe die offizielle Zusammenarbeit des Ortsbeirates zum Thema Walzwerk an. Das Angebot nahm Schubbe an. Vereinbart wurde, dass man sich sofort austauscht, wenn neue Informationen vorliegen.

Und zum guten Schluss kam aus dem Rat noch die Idee auf, dass die BI ihre Arbeit nicht einstellen solle, wenn das Thema Walzwerk zum Abschluss gebracht wurde. Es gebe viele Beispiele in Trier, die zeigen würden, wie stark eine BI ein Anliegen nach vorne bringen könne. So kann man sich nun vorstellen, dass die BI sich für die Themen Kita und Grundschule einsetzt. Denn wenn erst einmal viele neue Wohnungen auf dem Walzwerkgelände gebaut würden, dann bedürfe es auch einer neuen Kita und auch wieder einer eigenen Grundschule.


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft 3 Kommentare

3 Kommentare zu Das Quartier Walzwerk und der Verkehr in Kürenz

  1. Stephan Jäger

    „Triwo-Chef Peter Adrian hatte ebenso spannende wie hochinteressante Pläne mit der alten Fabrik. Er wollte die beiden großen Haupthallen der Stadt zur Verfügung stellen und dort Theater, Europahalle und Tufa zusammenführen und Kürenz so zum kulturellen Zentrum der Stadt machen.“

    Eine Story, wie sie „Trierischer“ nicht sein könnte:
    Ein unmittelbar an die Innenstadt angrenzendes altes Industrie-Areal mit geräumigen, hohen Backsteinhallen, allerlei Nebengebäuden und reichlich Platz. Wie geschaffen für ein Quartier mit Lebens- und Aufenthaltsqualität. Ein kulturelles Zentrum vielleicht. Ein Ort, wo sich Menschen treffen, gemeinsam Zeit bei allerlei Aktivitäten verbringen, kommunizieren und einige vielleicht auch wohnen. Vergleichbare Areale im Ruhrgebiet, die heute Schmuckstücke der jeweiligen Städte sind, oder etwa die alte Völklinger Hütte machen es vor. Und so war denn auch alles im Gespräch: Theater. Skatehalle. Basketballhalle. Gastronomie, innen und außen. Und, und, und…

    …und was bleibt? Neubauwohnungen. Wer andere Projekte des Eigentümers kennt, dem fällt als erstes Adjektiv vermutlich „seelenlos“ ein. Und die einzige bange Frage: Wie kommen all die künftigen Bewohner mit Ihren AUTOS da hin? Und wo lassen sie sie dann? Weil natürlich klar ist, dass so ein echter Trierer, und wenn er noch so mitten in der Stadt wohnt, für jeden Meter, den er im Alltag zurückzulegen hat, natürlich ausschließlich ein AUTO benutzen kann und wird.

    Und so wird wohl weiter die mit Klauen und Zähnen und einer Bürgerabstimmung, die mehr Beteiligung erreicht hat als eine Kommunalwahl, verteidigte Tankstelle in der Ostallee die einzige „Begegnungsstätte mit Aufenthaltsqualität“ am östlichen Rand der Innenstadt bleiben. The Trier Way…as usual.

     
  2. Klaus

    Adrian wird den Männern der BI den einen oder anderen Auftrag andienen, dann sind die 340 Wohnungen nach Triwo-Art, ein neues Triwosibirsk, schnell in trockenen Tüchern…

    Sprechen wir er, der Adrian…. ändern wird es nichts.

     
  3. V. Clemens

    Zum Thema Verkehr: Ich darf an den 20.März 2007 erinnern.
    Seinerzeit hat der Stadtrat beschlossen das die Planungen zur Umgehung Kürenz (deren Fertigstellung der seinerzeitige Dezernent Peter Dietze ja bereits für spätesdens Oktober 2004 angekündigt hatte) fortzuführen und Baurecht zu schaffen.
    Wer sich heute nach den Plänen erkundigt erhält: Nix.
    Was wurden bei der seinerzeit letzten Rollenden Bürgerversammlung für schöne Bilder gemalt.
    Das hier die Kürenzer skeptisch sind bzw. keinerlei Vertrauen mehr haben ist ja mehr als verständlich.

     

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