Der Gastkommentar – Lust auf Visionen für Trier-West

Tief im Westen - Franz Kluge: Professor für Medien, Design und Gestaltung.

Tief im Westen – Franz Kluge: Professor für Medien, Design und Gestaltung.

Von Professor Franz Kluge

Aufgeschrieben für ein kleines Mädchen, das vor 50 Jahren, zu Besuch in Trier, auf dem Hauptmarkt dieser großen Stadt ihren Onkel aus den Augen verloren hatte und ganz allein den Weg zurück auf die andere Seite des Flusses in den Trierweilerweg, damals seinem zweiten Zuhause, gefunden hatte.

Ein Hinweis ist diesem Beitrag zur Einstimmung voranzuschicken: Er konnte nur in dieser Zeit, in den Tagen zwischen den Jahren geschrieben werden. Und er sollte bevorzugt auch in dieser Zeit gelesen werden. Dann nämlich ist die Chance, die Adressaten dieser Botschaft zu erreichen, wohl am größten. Worin liegt aber der tiefere Grund für diese Nebenbedingung? Dieses hat mit der Besonderheit dieser Zeit, die eben eine “Ausnahmezeit” ist, zu tun. Denn dieser Zeitraum von Weihnachten bis zum 6. Januar, dem Festtag der heiligen drei Könige und Weisen aus dem Morgenland, jedenfalls im christlichen Kulturkreis, ist durch eine schwebende Leichtigkeit geprägt. Die Empfindung dieser Leichtigkeit und Unbeschwertheit ist weit verbreitet, ja sie wird kollektiv geteilt und jedem bewusst, wenn man danach fragt. Damit wird eine Atmosphäre aufgerufen, die eine Beweglichkeit mutiger, vielleicht auch gewagter Ideen begünstigt, die Lust auf Zukunft macht, die Raum für Utopien und Visionen gibt, ohne deren Urheber und Sympathisanten sogleich als Fantasten oder Traumtänzer in die Schranken der Realität zu verweisen. Diese im normalen Leben keineswegs selbstverständliche, uns zwischen den Jahren jedoch geschenkte Schwerelosigkeit, ist aber für Bereitschaft, den nachfolgenden Gedanken zu folgen, wohl ganz unverzichtbar.

Während der letzten sechs Tage des alten und der ersten sechs Tage des neuen Jahres – der Schwerkraft enthoben – in diese Welt gekommen zu sein, müsste eigentlich eine ganze besondere Disposition für das Zukunftsvertrauen in die positive Gestaltbarkeit des Lebens mit sich bringen, die man für alle Menschen wünschte; einer Lebensauffassung, der Hürden keine Hindernisse bedeuten, sondern Anlass zum Springen geben. Das kleine Mädchen, dem dieser Beitrag gewidmet ist, lebt – wie aus gesicherten Quellen bekannt – diese Haltung beispielhaft. Und dass es vor 50 Jahren vom Hauptmarkt einer fremden Stadt auf die andere Seite des Flusses zum Trierweilerweg, seinem zweiten Zuhause in prekärer Gegend, zurückgefunden hatte, ist ein doppelter Brückenschlag, der uns nach Trier-West, ins Zentrum dieser Geschichte führt.

Es ist gut und mit Sympathie und Interesse zu beobachten: Nicht aus kindlichem Schutzbedürfnis, sondern mit journalistischer Professionalität schaut auch der trier-reporter mit besonderer Aufmerksamkeit nach Trier-West, hin zum anderen Ufer dieser Stadt. Oder sollte man von ihrer wenig geliebten “Kehrseite” sprechen? Doch von den Problemen und Konflikten in diesem Stadtquartier voller Zurücksetzungen und unerfüllten Versprechungen, seinen Enttäuschungen und dem sich daran anschließenden, berechtigten Zorn soll hier gar nicht die Rede sein. Ebenso wenig geht es um jenes Trier-West, von dem – der prickelnden Geschichten wegen – immer wieder gerne als “Ort der fliegenden Messer” erzählt wird und wo – noch grausliger – die Kinder einst, wie es heißt, statt Honig zu schlecken “Bienen kauten”.

Was stattdessen, jenseits erkannter Imageprobleme in der knapp zweimonatigen Zusammenschau vielfältigster Beiträge in diesem Online-Magazin hervorgehoben werden soll, das ist das Bild eines auf dieser Moselseite so ganz anderen Triers: nämlich einer irritierend-faszinierenden Parallelwelt, die auf einen Weckruf zu warten scheint. Man ahnt es: Neben intakten Wohnensembles, unter brüchigen Asphaltdecken und am Rand morastiger Wasserlachen, auch hinter heruntergekommenen Fassaden, schlummert eine urbane Vitalität, an die in dieser Form andernorts in Trier nicht zu denken ist. Trier-West, so das erste Resümee solcher Empfindungen und Gedanken, ist vor allem als eines zu verstehen: als ein verborgener Schatz und Reichtum unausgeschöpfter Möglichkeiten, mit seinen Menschen, auch denen die – aus dramatischen Gründen – tagtäglich hinzu kommen; mit seinen Resträumen und Brachen, die nicht erschlossene Nischen für Begegnung bieten; mit seinen “Hot Spots” familiärer Nachbarschaften, mit den Anschlusspunkten “an die Welt”, die historisch, verkehrstechnisch und – nicht zuletzt – auch multikulturell auf ihre Aktivierung warten.

In Trier-West wird die Zukunft Triers entschieden

"In Trier-West wird die Zukunft Triers entschieden."

“In Trier-West wird die Zukunft Triers entschieden.”

Welches Weiterdenken und welche Initiativen aber vermag dieser erwartungsvolle Blick auf Trier-West als gleichzeitiger Ort und Nicht-Ort (U-topie) der verborgenen Schätze und nicht gehobenen Potenziale hervorzurufen und anzuregen? In komplementärer Ergänzung zu der objektivierenden Feldbeschreibung von “Trier-West im Fokus des Soziologen”, die Professor Waldemar Vogelgesang im trier-reporter gegeben hat, erfolgt an dieser Stelle eine durchaus subjektive, auch persönlich von Visions- und Metaphernlust geprägte Setzung. Diese folgt vielmehr dem Prinzip des erzählenden Entwerfens (der “Projektion”, dem “Nach-Vorne-Werfen”) als der empirisch-wissenschaftlichen Analyse. Der dabei eingenommene subjektive Standpunkt ist auch der Grund, weshalb ich im Weiteren immer wieder die Form der “Ich-Erzählung” bevorzugen möchte. So komme ich zum nächsten Punkt meiner Überlegungen, der natürlich als These zu verstehen ist. Ich wage zu behaupten: In Trier-West wird in den nächsten 20 Jahren Trier als Ganzes seine Zukunft gewinnen oder verlieren. Zu ergänzen ist, dass dieser Zukunftsgewinn mehr bedeuten muss als allein die Wegführung hin zu wirtschaftlicher Prosperität in diesem Stadtquartier. Denn diese Zukunft kann nur in historisch bewusster, sozialverantwortlicher, moralisch-ethischer, ökologischer und – schließlich – auch ästhetisch-kultureller Gemeinwohlverpflichtung gewonnen werden. Wenn die Trierer Stadtgesellschaft sich in der Ein- und Ausübung dieser Tugenden am Beispiel ihres Stiefkinds “von der anderen Seite” beispielhaft bewährt, dann wird sie in diesem Zuge auf die globalen Veränderungen, welche das Leben in unseren Städte alsbald auch nachhaltig betreffen werden, im eigensten Interesse bestens vorbereitet sein.

Zur Erklärung dieser Position eine erste Annäherung: Es gibt zwei Gründe, die mich bewogen haben, den Geschicken von Trier-West eine Schlüsselrolle für die Zukunftsfähigkeit Trierer Stadtentwicklung zuzuschreiben. Das wird vielleicht als allzu kühne Spekulation bewertet werden, hier und da hoffentlich auch auf wohlwollende Nachsicht treffen. Einen dieser Gründe hat mir Waldemar Vogelgesang in seinem reporter-Beitrag geliefert: Was spricht eigentlich dagegen, dass die kritischen Eckpunkte und der Bezugsrahmen dieser Analyse, wenn auch in anderer Gewichtung und Maßstäblichkeit, jedoch früher als erwartet von der heute ganz unabweisbaren Sanierungs- und Entwicklungsaufgabe Trier-West vielleicht schon morgen auf Trier als Stadt und Region insgesamt zu übertragen sein werden? Denn ob die primär unter dem historisierenden Weltkulturerbe-Label firmierende “älteste Stadt Deutschlands” im Mahlstrom der globalen, digitalen Gesellschaft von einem Rückfall auf eine rand- und rückständige “Insel relativer Armut” gefeit sein wird, das ist keineswegs ausgemacht, allerdings eine an anderer Stelle zu vertiefende Diskussion. Kurz gesagt: Es könnte sich erweisen, dass die für die Aufrichtung von Trier-West “von Außen” geforderten Interventionen und notwendigen Transformationen auch unter dem Aspekt ihres Transfers für die Kernstadt zu bewerten sein werden. Möglicherweise wird sich dann alsbald erklären, dass und warum Trier von Trier-West lernen sollte.

Was und warum Trier von Trier-West lernen sollte

Dass die Kernstadt Trier von Trier-West/Pallien unter Einschluss von Trier-Euren schon heute lernen kann, zeigt sich in dem Bemühen dieser beiden Stadtteile, ihrer scheinbar fortgesetzten, ja fast schon gesetzmäßigen Bestimmung und gesetzten Aufgabenteilung als Auffangquartier für Migranten, Flüchtlinge und Asylbewerber – nicht zum ersten Mal in ihrer Geschichte – gerecht zu werden. Und dass diese Stadtteile den daraus resultierenden Konfliktlagen, insbesondere wachsender Fremdenfeindlichkeit eine engagierte Willkommenskultur entgegenstellen. Diese Vorbildfunktion, die Trier-West, Trier-Euren zusammen mit Trier-Nord einmal mehr übernehmen, ist der zweite Grund, die mich zu der These veranlassen, dass in Trier-West über die Zukunft von Trier entschieden wird.

Mehr denn je ist heute absehbar, dass diese derzeit noch bevorzugt auf schwache Stadtteile oder gar No-Go-Areas eingrenzbare soziokulturelle, demographische und migrationsbedingte Dynamik alle europäischen Städte immer mehr durchdringen wird. So betrachtet wächst Trier-West in exemplarischer Weise eine Pilotfunktion darin zu, diese sich anbahnenden Transformationsprozesse der europäischen Stadt in multikulturelle Agglomerate produktiv zu wenden. In diesem Sinne wäre Trier-West als ein “Stadtlabor” beispielhaft zu positionieren, welches gerade aufgrund seiner entwicklungsbedürftigen Infra- und Sozialstrukturen die Chance hat, auf den steigenden Druck einer neuen Wanderungsbewegung zeitgemäße Antworten zu geben. Es gilt, aus der Vielfalt und engen Nachbarschaft des zueinander Fremden integrierte Konzepte der kreativen und sozialen Stadt zu entwickeln. Denn das politische, soziale, kulturelle und wirtschaftliche Gelingen dieser Anpassungs-, Integrations- und Inklusionsprozesse wird über die Zukunftsfähigkeit unserer Städte entscheiden. Trier-West wird also auf diesem Weg eine Vorreiterolle übernehmen müssen und kann alle Gründe für sich reklamieren, als eine Art Sonderzone für eine neue interkulturelle Urbanität entwickelt und gefördert zu werden. Wenn die Trierer Stadtgesellschaft Trier-West zu einer neuen Urbanität verhilft, die sich darin bewährt, sowohl die sozialen wie auch die medialen Brüche der globalen Gesellschaft produktiv zu verarbeiten, dann wird sie sich auf Dauer auch selber helfen.

Was bis hierhin als zwingende Notwendigkeit zukunftsfähiger Stadtentwicklung unter dem Vorgaben wachsender Migrationsbewegungen lesen musste, ist aber nicht als unvermeidbares Übel hinzunehmen, sondern als eine durchaus verheißungsvolle Entwicklungschance zu begreifen und als solche auch anzunehmen. Bevor zum guten Ende dieser Inaussichtnahme der Versuch unternommen wird, Trier-West-Stadt von einer “Rest-Stadt” zur einer “Arrival City 2.0” umzukodieren, möchte ich noch einen Augenblick innehalten, um im Rückspiegel der vergangenen 100 Jahre der Eigenart dieses Stadtquartiers und seiner weiter gefassten, europäischen Rahmung nachzuspüren.

Der Himmel über Trier West ist ein Himmel über Europa

"Der Himmel üner Trier-West ist ein Himmel über Europa."

“Der Himmel üner Trier-West ist ein Himmel über Europa.”

Mit seinen massiven, bis heute nachwirkenden Prägungen als Militärstandort und Exerzierfeld, als brüchiges Industriegebiet im Wandel und als logistischer Umschlagplatz nicht nur für Dinge, sondern auch für Menschen, immer wieder Passage für Wanderer zwischen den Abgründen gefährdeter und (lebens)gefährlicher Welten bleibt Trier-West über weite Flächen im Ausmaß städtischer Planquadrate dauerhaft gezeichnet: erst als kasernierte Zurichtung und Nachschublager für die Schlachtbank des großen Kriegs, dann als Hospital für dessen Opfer, danach als Herberge für Vertriebene auch des zweiten Weltkriegs; als Notunterkunft nicht nur für Obdachlose, sondern auf Dauer für die gesellschaftlich Ausgegrenzten in der gnadenlosen Abwärtsspirale einer forcierten Konkurrenzgesellschaft; immer wieder als Auffangquartier für Flüchtlinge und Asylbewerber heute, als Durchgangs- und Zwischenstation für die anschwellenden Migrationsströme unserer Zeit. Dieses Trier-West war, ist und bleibt ein Ort voller Fragen, deren politisch-soziale wie wirtschaftlich-kulturelle Brisanz sich eher noch zu steigern scheint. Es ist ebenso ein Ort, an dem, aus selbst erlebter Betroffenheit, immer mit dem Nötigsten geholfen, auch ausgeholfen werden musste, und an dem sich viele Menschen mühen, nicht mit Radikalität, sondern mit Offenheit Antworten und Lösungen für die ja nicht nur in Trier sondern europaweit (!) drängenden Probleme unserer Zeit zu finden. In enger Nachbarschaft eines von Zugewandtheit und Zusammenhalt geprägten, stadtteilbezogenen Lebens, welches hier ebenso existiert, befindet sich dieses Trier-West seit über 100 Jahren im fortgesetzten Ausnahmezustand.

Es ist nun an der Zeit, über diesem Stadtviertel nach hundertjährigem Ausnahmezustand endlich einen Schirm aufzuspannen und darunter jene Kräfte zu vernetzen, die hier auf positive Veränderung drängen und diese zugleich mit einer weiterreichenden Strahlkraft verbinden möchten. In diesem Zuge den “Himmel über Trier-West” ins Visier zu nehmen, ist der Versuch, diesen besonderen Ort mit einem starken Bild zu verbinden: mit einem lebendigen Sinnbild für Leichtigkeit, für die Überwindung von Schwerkraft, als Raum für Imagination und Projektionsfeld für Visionen. Ein Himmel, der aber auch als schützende Hülle zu wirken vermag. Ein Bild, das darauf hofft, in Übereinstimmung mit der Ausnahmezeit dieser Tage gleichsam als Satellit in mentale Umlaufbahnen zu kommen und von hier aus auch über den Jahreswechsel hinaus immer wieder zu senden.

Natürlich liegt es schon im Wesen dieser Metapher, dass sich die Verbindung von Himmelsbildern mit ortsbezogenen Ausnahmezuständen keineswegs lokal begrenzen lassen. Darum möchte ich an dieser Stelle sogleich eine Maßstabsveränderung vorschlagen, mit der sich die Fokussierung der vielleicht zu eng geführten Sicht auf die offenen Wundmale der Moselmetropole in einen weiter gefassten “Europäischen Blick” transformieren ließe. Denn das hier auf wenige Quadratkilometer verdichtete Problemszenario Trier-West zeigt doch das symptomatische Bild eines Europa heute, das sich entlang seiner äußeren und inneren Ränder, den darin neuen oder erneut aufbrechenden Verletzungen der wohl allergrößten Bewährungsprobe ausgesetzt sieht. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, dass dieses aus Lernbereitschaft und politischer Weitsicht geborene europäische Projekt, eine dem Frieden und den Menschenrechten verpflichtete Gemeinschaftsaufgabe, seit Bestehen jemals so gefährdet war wie heute. Und deshalb möchte ich weiterhin vorschlagen, von dem “Himmel über Trier-West”, unter dem sich historisch tief verwurzelte Trierer Schicksalsfragen stellen, in Zukunft zu sagen: “Der Himmel über Trier-West ist ein Himmel über Europa.” Auf diese Weise wird deutlich gesagt, dass die örtliche und europäische Aufgabe konstruktiver Zukunftsgestaltung unauflöslich miteinander verbunden sind.

Klar dabei ist: Der Himmel über Trier-West will kein Himmel über einem Europa sein, der Gefahr läuft, seine eigentlichen, aus der Leidensgeschichte des 20. Jahrhunderts erwachsenen Triebkräfte zu korrumpieren und nachhaltig zu beschädigen. Diesem Negativ-Horizont sind eine rigide Flüchtlingspolitik, die Preisgabe junger Generationen an die berufliche Aussichtslosigkeit, ein ungehemmter Lobbyismus im Verbund mit staatlich erlaubtem Steuerraub größten Stils, allerorten aufkeimender Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit eingeschrieben. Eine Remilitarisierung politischen Handelns bei gleichzeitiger Wiederkehr überwunden geglaubten Feindbilddenkens, eine neue Qualität orbitaler Surveillance sind bedrohliche “Himmelszeichen”. Sie rufen nach einer Form des Widerspruchs, der sich mit dem symbolischen Rückgewinn “kreativer Lufthoheit” allein nicht zufrieden geben darf. Trier-West bietet hierfür – im Tiefenbewusstsein seiner Geschichte – einen vorherbestimmten Raum.

2014 bis 2018 : Trier West auf dem Weg zur “Arrival City 2.0”

Mit 2014 geht ein Jahr zu Ende, in welchem dem 100-Jahr-Gedächtnis an den Beginn des ersten Weltkriegs viel Raum gegeben wurde. Dass die erste feindliche Grenzüberschreitung am Abend des 1. August 1914 von Trier aus, insbesondere aus den Kasernen im Westen der Stadt begann, ist wenig bekannt. Damit waren Weichen gestellt, von denen sich Trier-West 100 Jahre danach, auch 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart nicht erholen sollte. Dieses heute zu erinnern, wo der überwunden geglaubte kalte Krieg zurückzukehren scheint und bei vielen Menschen die Sorge aufsteigt, dass die Destabilisierungen und immer neuen Brände rund um Europa in unaufhaltsames Chaos münden könnten, muss erschrecken. Der von dieser Aussicht ausgehenden großen Lähmung sind konstruktive Taten entgegenzusetzen, die gerade in einem – aus kollektivem Versagen – geschundenen Stadtteil wie Trier-West zu positiven Veränderungen führen sollten. Denn wo sonst werden uns in dem “Schönen Trier” die anhaltenden Defizite unserer gesellschaftlichen Organisation mitsamt den darin eingeschlossenen, schlecht und trügerisch verfassten Gerade-Noch-Friedenszuständen so plastisch vor Augen geführt und bis in die Tiefe der Zeit ablesbar, wie an diesem Ort.

Die Städtische Kaserne Trier wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Stadtteil Trier-West/Euren errichtet. Von den Trierer Bürgern wurde sie auch als "161er" oder "Gneisenaukaserne" bezeichnet. Sie befindet sich zwischen Gneisenaustraße und Trierweilerweg. Die Kaserne wurde in den 1930er Jahren aufgegeben und die Gebäude zur Linderung der Wohnungsnot weitergenutzt.

Die Städtische Kaserne Trier wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Stadtteil Trier-West/Euren errichtet. Von den Trierer Bürgern wurde sie auch als “161er” oder “Gneisenaukaserne” bezeichnet. Sie befindet sich zwischen Gneisenaustraße und Trierweilerweg. Die Kaserne wurde in den 1930er Jahren aufgegeben und die Gebäude zur Linderung der Wohnungsnot weitergenutzt. Quelle: Wikipedia

Ich möchte deshalb vorschlagen, aus den vorgenannten guten Gründen in der Zeit von 2014 bis 2018 für und mit Trier-West ein Stadtentwicklungsprojekt aufzulegen, in dem die heute schon gelebten Initiativen für eine Kultur des Willkommens, der offenen Arme, der Integration und Inklusion in die Systematik einer prosperierenden Ankunftsstadt überführt und als international bekannte “Arrival City 2.0” auf Dauer gestellt werden. Ich hoffe auf das Entstehen von verdichteten, hoch informativen Strukturen, die sich unter Nutzung vernetzter Medien auf der Höhe der Zeit zu produktiven Clustern zusammenschließen und wo sprachliche und kulturelle Vielfalt nicht mehr distanzierte Fremdheit erzeugt, sondern als Chance für kreative Entwicklung und internationale Vernetzung wahrgenommen wird. Ich träume von einem Lernort Stadt, wo in dualen Verbünden die gesamte Ausbildungs-, Bildungs- und Weiterbildungskette in Werkstätten, Läden und Märkten auch ihren ganz praktischen wirtschaftlichen Niederschlag findet und zu Existenzgründungen führt. Ich sehe, wie eine – gegen den demografischen Trend – ständig wachsende internationale Gemeinschaft von Auszubildenden und Studierenden entlang der Stationen vom Moselcampus der HWK, vom Campus Schneidershof und dem Campus für Gestaltung der Hochschule Trier zusammen mit der Europäischen Kunstakademie bis hin zum neuen Ausbesserungswerk, dem Bobinet-Gelände und sinnvoll genutzten Kasernenarealen einen fließenden urbanen Raum erzeugen, dabei Konzepte der Stadt am und im Fluss im Verbund mit der Idee einer nomadischen Hochschule praktizieren und sich über das Mitwirken von jedem Einheimischen und jedem Zuwanderer freut, die den Reichtum ihrer Erfahrungen und kulturellen Wurzeln teilen.

Unter dem Himmel dieses Stadtquartiers ließe sich eine europäische Heimat finden, die auch woanders Bestand behielte. Und kleine wie größere Kinder, ob Mädchen oder Junge, könnten zwischen Trierweilerweg und Gneisenaustraße mehr als Zuflucht finden – nämlich ihre Zukunft für ein glückliches Leben.

ZUR PERSON

Prof. em. Franz Kluge, 2008 bis 2014 Dekan des Fachbereich Gestaltung, entwickelt Konzepte an der Schnittstelle von Wirtschaft, Bildung und Kultur, jetzt Seniorprofessor für Intermedia Design an der Hochschule Trier. Finanzierte sein Kunststudium als diplomierter Mathematiker, schätzt kreative Grenzüberschreitungen und mag deshalb Trier.


Drucken
Erstellt am Autor trier reporter in Autorenbeiträge, Featured, Meinung Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse einen Kommentar

* Eingabe erforderlich (Pflichtfelder). Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Die Angabe eines Klarnamens ist nicht erforderlich.