Der Gastkommentar – Trier und Dresden

Rüdiger Rauls - Trierer Autor und Journalist.

Rüdiger Rauls – Trierer Autor und Journalist.

Von Rüdiger Rauls

Die NPD demonstriert gegen die Aufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Trier-Euren. Noch herrschen keine Dresdener Verhältnisse. Aber das Konfliktpotential ist ähnlich. Vordergründig geht es bei den Protesten um Flüchtlinge, Ausländer oder sogenannte Islamisten. Das ist eine künstliche Aufteilung der Bevölkerung, die von Medien und der Teilen der Politik zwischen “uns Deutschen” und den “Nichtdeutschen” geschaffen wurde. Jetzt aber beginnt aus dieser Stimmung heraus eine Bewegung zu entstehen, vor der die herrschenden politischen Kräfte Angst haben. Da kommt etwas in Gange, das aus dem Ruder laufen könnte. Damit diese Bewegung sich nicht aufschaukelt und vielleicht unkontrollierbar wird, will man der ganzen Sache das Explosive nehmen. Den Stimmungen und der Emotionalität soll nun Sachlichkeit entgegen gestellt werden. Sachlichkeit und Appelle an die Vernunft sollen die aufgeheizte Stimmung abkühlen. Medien veröffentlichen nun auf einmal Zahlen, Fakten und Argumente, die dem Gerede von der “islamistischen Bedrohung” und all den anderen Legenden den Wind aus den Segeln nehmen sollen.

So wurde nun den Bürgern mitgeteilt, dass der Hilfesatz für einen Asylbewerbern noch niedriger liegt als die ohnehin schon geringen Hartz-IV-Sätze. Damit kann von einer Bevorzugung der Ausländer gegenüber uns Deutschen keine Rede mehr sein. Zudem zahlen die hier lebenden Ausländer Steuern und Sozialabgaben in Höhe von 22 Milliarden Euro. Wenn es auch so mancher nicht wahr haben will, ist es trotzdem so. In Dresden leben etwa 4.000 Moslems, was einem Anteil der dortigen Bevölkerung im Promille-Bereich entspricht. Allein an der letzten Demonstration von Pegida nahmen fast viermal so viele Menschen teil. Die Zahlenverhältnisse sind, über Deutschland verteilt, nicht so viel anders. Wie soll von dieser muslimischen Minderheit die Gefahr einer Islamisierung Deutschlands oder gar Europas ausgehen?

Aber alle diese Fakten sind nicht neu. Sie waren auch vorher bekannt und hätten schon früher für das friedliche Zusammenleben der gesellschaftlichen Gruppen eingesetzt werden können, um emotionale Aufheizung zu unterbinden. Stattdessen haben manche Medien in unverantwortlicher Weise Stimmung gemacht und Ängste geschürt. Diskussionen um Burka-Verbot und Deutsch-Rede-Gebot sowie der ständig wiederholte Vorwurf der Integrationsverweigerung von Muslimen waren keine Beiträge zur Versachlichung und Entschärfung der gesellschaftlichen Spannungen. Es ist noch nicht lange her, dass CSU-Politiker im Verbund mit den dafür bekannten Medien von einem Sozialtourismus durch Rumänen und Bulgaren sprachen. Dabei hätten auch sie wissen müssen, dass der überwiegende Teil dieser Menschen zur Arbeitssuche nach Deutschland kam, darunter ein hoher Anteil von qualifizierten Akademikern. Lange hat man den Unfrieden geschürt und reibt sich nun mit Unschuldsmiene die Augen über den rechten Geist, den man gerufen hat und nun nicht mehr los wird.

Menschen, die noch in den Zeiten guter Beschäftigungslage friedlich nebeneinander lebten, gehen nun aufeinander los. “Deutsche” demonstrieren gegen “Ausländer”, besonders gegen Moslems. Verhetzte Menschen legen Feuer in den Unterkünften von Asylbewerbern und ausländischen Familien. Viele fühlen sich bestärkt von unverantwortlichen Veröffentlichungen, die der Wahrheit nicht entsprechen. Sie glauben den Einflüsterungen der Stimmungsmacher, dass die “Ausländer” mehr vom deutschen Staat bekommen als “wir Deutsche”. Die Tatsachen aber sprechen eine andere Sprache.

Islam-Kritik als Ausdruck anderer Ängste und Fragen

Gespenstige Szenerie: Fackelmarsch der NPD am Freitagabend in Euren.

Gespenstige Szenerie: Fackelmarsch der NPD am Freitagabend in Euren.

Aufgeschreckt versuchen nun die etablierten Parteien, dieser Bewegung mit den althergebrachten Mitteln der Verunglimpfung und der moralischen Entrüstung das Wasser abzugraben. Zwar ist man mittlerweile von Bezeichnungen wie “Nazis in Nadelstreifen” abgerückt, weil solche Äußerungen den Protest eher gestärkt als geschwächt hatten. Aber Politiker erklären die Demonstranten für dumm, weil diesen angeblich die nötigen Informationen fehlen, um die Dinge “richtig” sehen zu können. Sie halten den Protest für das Ergebnis mangelnder Kommunikation zwischen Regierung und Volk. Was hier demonstriert, ist aber nicht nur Ausländerfeindlichkeit, das sicherlich auch. Es ist die Politiker- und Parteienverdrossenheit, die zu Tausenden auf die Straßen geht. Was sich in den letzten Jahren als Desinteresse am politischen Betrieb in Form von Wahlverweigerung geäußert hatte, ist Fleisch geworden. Diese Menschen tragen nun ihren Unmut auf die Straße, vordergründig gegen Zuwanderung und Islamisierung. Aber dahinter schimmert der Protest durch über die Zustände im Lande.

Immer mehr kommen Ängste und Fragen zum Vorschein, die mit Islam und Flüchtlingsfragen nichts zu tun haben. Das sind die Bedrohungen der eigenen Lebensgrundlagen, denen sich immer mehr Bürger ausgesetzt sehen, wie Altersarmut, Niedriglöhne, Angst um den Arbeitsplatz und der immer höhere Konkurrenz- und Leistungsdruck besonders in der Wirtschaft. Diese Themen wurden bisher immer vom Tisch gewischt, denn “Deutschland geht’s gut”, wie die Kanzlerin behauptete. Nur scheint die Politik eine andere Wahrnehmung eines großen Teils der Bevölkerung nicht wahr haben zu wollen, die da lautet: “Der Aufschwung kommt unten nicht an.” Es geht immer mehr Menschen nicht gut in Deutschland. Die Politik vertröstet sie oder behandelt sie von oben herab, weil sie nicht richtig informiert seien und sie deshalb nicht richtig verstehen.

Nur, scheint die Politik selbst es zu sein, die immer weniger zu versteht, was unten vor sich geht. Man reibt sich verwundert die Augen, dass diese Bürger sich nun von den Vertretern der herrschenden Politik abgewendet haben. Zu oft sind sie nicht ernst genommen wurden. Zu oft ist ihnen von besserwisserischen Politikern über den Mund gefahren worden. Zu oft haben sie sich sagen lassen müssen, dass sie ihre eigene Lage falsch sehen und nicht richtig beurteilen können. Zu oft hat man ihnen mit Statistiken erklären wollen, dass es ihnen eigentlich besser geht, als sie es selbst empfinden. Zu oft hat man sie verbessert, korrigiert, abgekanzelt. Sie wollen nicht mehr reden mit den Politikern und auch nicht mit den Medien, von denen sie sich und ihre Belange sehr oft falsch oder verzerrt wiedergegeben fühlen.

Nur sollten diese Bürger aber auch eines bedenken: Wenn die Medien falsch über Euch berichten, wieso sollten sie dann nicht auch falsch über diejenigen berichten, gegen die Ihr Euch jetzt wendet, die Ausländer, Asylanten und Islamisten? Die Medien vertreten nicht immer die Interessen derer, über die sie berichten. Sie haben andere Interessen, eigene. Welche das sind, ist nicht immer klar und wechselt auch. Aber es geht dabei nicht immer um die Wahrheit sondern viel öfter um Einschaltquoten, Werbeeinnahmen und die Wünsche derer, die diese Werbung bezahlen.

ZUR PERSON

Rüdiger Rauls, geboren 1952 in Trier, gelernter Druckvorlagenhersteller mit Berufstätigkeit in Berlin und Hamburg. Seit 1991 unternehmerische Tätigkeit als Inhaber von Nachhilfe-Instituten in der Region Trier und Luxemburg. Ab 2008 freier Journalist und Buchautor: Afghanistan – Grundlagen der gesellschaftlichen Entwicklung, Zukunft Sozialismus, Kolonie Konzern Krieg, Die Entwicklung der frühen Gesellschaften, Was braucht mein Kind?, Späte Wahrheiten (Prosa). Zur Zeit neues Buch in Arbeit mit dem Titel: Wie funktioniert Geld?


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Erstellt am Autor trier reporter in Autorenbeiträge, Featured, Meinung Hinterlasse einen Kommentar

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