Der Gastkommentar – Von allen guten Geistern verlassen?

Der Trierer Journalist und Buchautor Rüdiger Rauls.

Der Trierer Journalist und Buchautor Rüdiger Rauls.

Von Rüdiger Rauls

Überall herrscht Not am Mann. Die Verwaltung, deren Aufgabe es ist, für den Erhalt der Substanz der städtischen Bauten und Infrastruktur zu sorgen, weiß nicht mehr, wie sie die Geldmittel aufbringen soll, um ihren Auftrag zu erfüllen. Es wird von der Hand in den Mund gelebt. Unter der Geldknappheit frisst sich der Mangel wie ein Pilz durch die Bürgerschaft, und auf diesem Mangel blüht das Provisorium. Überall wird nur noch behelfsmäßig herumgeflickt. Solide Erhaltung der Substanz an städtischem Eigentum scheint kaum mehr möglich. Die Flickschusterei hat Hochkonjunktur. Notdürftig werden die größten Löcher gestopft in der Hoffnung, dass die anderen sich in der Zwischenzeit nicht schneller vergrößern, als das Stopfen dauert.

Diese Situation ist nicht der Verwaltung anzulasten. Sie hechelt sich die Zunge aus dem Hals zwischen den Anforderungen, die sie zu erfüllen hat. Das ist einerseits die Erhaltung der Substanz, für die immer weniger Geld zur Verfügung steht. Und das ist zum anderen die Umsetzung der kostentreibenden Beschlüsse der Stadtratsfraktionen. Um dem Wahlvolk zu gefallen und die eigene Existenz als unverzichtbar zu rechtfertigen, fassen die Parteien Beschlüsse ohne Rücksicht auf die Konsequenzen für das gesellschaftliche Ganze. Man scheint nur noch den Beifall der eigenen Wählerschar im Auge zu haben und den Wählergewinn auf Kosten der anderen Parteien. Sie scheinen zu glauben, dass man die Gunst der Bürger erkaufen kann, indem man ihnen immer neue Geschenke macht. So verfestigt sich der Eindruck, dass die Parteimenschen umso mehr Geld aus dem Fenster werfen, je mehr die Bürger sich von ihnen abwenden.

Jetzt will man in Trier 40 Millionen Euro ausgeben für den Neubau eines Theaters in einer Stadt, die am Rande des Schuldeninfarktes steht. Dass es nicht bei den 40 Millionen bleibt, ist den meisten schon jetzt klar. Aber wen interessiert das? Es scheint nur wenige Kräfte im Stadtrat zu geben, die die Bodenhaftung und den Sinn für die Realitäten noch nicht verloren haben und nach billigeren Lösungen suchen. Die anderen laufen wie die Lemminge auf den Abgrund der Zahlungsunfähigkeit zu, getrieben von der Angst, im Ansehen der Bürger Schaden zu nehmen, und der noch größeren Angst, dass die konkurrierenden Parteien vielleicht in der Gunst der Wähler Vorteile erringen könnten. Man muss es ja selbst nicht bezahlen, und außerdem gibt es Geld vom Land, und das kann man sich nicht entgehen lassen. Das will man haben, damit es bloß niemand anderes bekommt. Dass die Stadt aber selbst mindestens zehn Millionen und mit Sicherheit noch mehr drauflegen muss, interessiert nicht. Die eigenen kurzfristigen Interessen stehen im Vordergrund. Die Auswirkungen auf das gesellschaftliche Gefüge der Stadt spielt keine Rolle.

Das Unbehagen wächst

Denn diese Ausgaben werden teuer erkauft für die Bürger, zu deren Wohl man das alles zu tun vorgibt und sich selbst auch einredet. Die Stadt ist pleite, und dementsprechend lang ist die Liste des drohenden Verfalls. Aber auch das Land Rheinland-Pfalz, das großzügig 30 Millionen zuschießen will, steht nicht besser da. Auch Mainz bekommt das Geld nicht vom Weihnachtsmann, sondern kann nur auf Steuereinnahmen zurückgreifen, die man sich von denselben Bürgern holt, die da glauben, dass sie von Mainz etwas geschenkt bekommen. Wo Steuereinnahmen und Kredite nicht reichen, ist man gezwungen, dem Bürger die schöne heile Nürburgring-Welt durch Einschränkungen in anderen Lebensbereichen gegenzufinanzieren. Schulen und Universitäten sind nur noch eine Scheinwelt von Bildung. Die Hörsäle sind überfüllt. Es mangelt an Personal, weil man kein Geld dafür ausgeben will. In den Schulen ist der Unterricht nur noch ein Notbetrieb. Das wahre Ausmaß der Stundenausfälle wird verschleiert durch statistische Schönfärberei. Die Lernziele werden erreicht über das Absenken der Ansprüche. Und bei den anderen hoheitlichen Aufgaben des Landes sieht es nicht besser aus.

Den meisten Bürgern scheinen die Zusammenhänge zwischen Einnahmen und den Grenzen des Geldausgebens klarer zu sein, als dies bei den Vertretern der Politik den Eindruck hat. Der Alltag lehrt den einfachen Bürger sehr schnell, dass man sich nur das leisten kann, wofür das Geld vorhanden ist, und dass nichts mehr geht, wenn der Dispo die Oberkante erreicht hat.

Der geplante Neubau des Theaters scheidet in Trier die Geister.

Der geplante Neubau des Theaters scheidet in Trier die Geister.

Vermutlich sind die wenigsten Bürger der Stadt gegen ein Theater, und vermutlich sind sogar die meisten Nicht-Besucher der Meinung, dass eine Stadt wie Trier ein Theater haben sollte. Aber der Bürger, der weiß, wie schwer es in den heutigen Zeiten ist, sein Geld zu verdienen, hat immer weniger Verständnis für die Verschwendung, die vonseiten der Politik betrieben wird. Und so manchen Bürger würgt es auch im Hals, wenn er feststellt, mit welcher Selbstverständlichkeit von verschiedenen Gruppen Ansprüche an die Stadtkasse herangetragen werden angesichts der langen Liste von Notständen, die eher der Abhilfe bedürften.

Das Theater als gesellschaftliche Einrichtung in Trier muss unbedingt erhalten bleiben. Aber kann man nur in sündhaft teuren Kulturpalästen Theater spielen? Die Erfahrungen aus Trier selbst sprechen doch gegen diese Gigantomanie. Die Westside-Story war im einfachen Bobinet-Gebäude ein großer Erfolg. Die Qualität der Darbietung ist entscheidend und nicht die Fassade des Gebäudes. Und ein schlechtes Stück oder eines, das am Geschmack der Zuschauer vorbei geht, wird nicht besser dadurch, dass es in einem 40 Millionen-Palast aufgeführt wird. Wer aber immer gleich der Ansicht ist, dass es anders nicht geht, verstellt sich den Blick auf die anderen Möglichkeiten, über die auch eine Stadt wie Trier verfügt. Nur, man muss diesen anderen Möglichkeiten auch die Chance der Entfaltung geben.

Vermutlich wollen die meisten Menschen in Trier ein Theater. Aber sie wollen es nicht um jeden Preis und schon gar nicht zu diesem Preis, einem Preis, der den Mangel in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens vertieft. In weiten Teilen der Trierer Bürgerschaft wächst eine Stimmung heran, die sich in dem einfachen Satz ausdrücken lässt: “Hört auf, unser Geld zu verschwenden!” Noch hat dieses Stimmung keinen organisierten Ausdruck gefunden in Form von Bürgerinitiativen oder ähnlichen Formen des Protestes. Aber das Unbehagen wächst.


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Erstellt am Autor trier reporter in Autorenbeiträge, Featured, Meinung 7 Kommentare

7 Kommentare zu Der Gastkommentar – Von allen guten Geistern verlassen?

  1. Mario Hau

    Laut aktueller Beschlussvorlage für die Sitzung des Stadtrats am 19.03. sind es nicht mehr “nur” 40, sondern 50,3 Millionen Euro.

     
    • Clemens

      Und bei Fertigstellung ? Im Bauwesen pro Jahr 2 % Teuerungsrate + evt. Planungsmängel + evt. Ausführungsmängel ( beides bei VOB-Bauten mittlerweile ehr die Regel) = Unter 60 Mio geht da nix. Meiner Meinung nach. Und da zerkloppen die sich schon wegen der lumpigen 25 Mio für die neue Feuerwache oder den dazu vergleichbaren Kaffeekassenbetrag von 280 Tsd. für die Kürenzer Turnhalle.
      Da weiß ich, dass ich zuhause in Trier bin.

       
    • Berni Wirtz

      Ist diese Beschlussvorlage schon veröffentlicht? Ich war gerade auf trier.de und wollte mir die Vorlage anschauen. Wo finde ich die?

       
  2. Rainer Landele

    wollte die afd nicht ein bürgerbegehren zum theater initiieren?

    so oder so, zitat: `Das Theater als gesellschaftliche Einrichtung in Trier muss unbedingt erhalten bleiben.`

    gesellschaftliche einrichtung? wohl eher hochsubventionierte, kulturelle einrichtung.

    in münchen kann man gerade den shitstorm erleben, wenn politiker lieber 30mio für die renovierung anstatt 300mio für einen neubau ausgeben.

    un in trier? ich vermute, der neubau kommt der stadt preis leistungs mässig billiger, als eine renovierung. und dann noch die jährlichen zuschüsse in einer höhe, die uns allen ebenso ein nahezu kostenlosen öpnv finanzieren könnte. davon hat die omi in trier feyen mehr als von einem sozialticket im theater…

    aber was rede ich. wenn man nicht bereit ist, dass theater selbst in frage zu stellen, dann kommt eben sowas dabei herum.

    warum also, frage ich, braucht trier ein theater? weil trier oberzentrum ist? d.h. weil menschen 50km und mehr fahren, um in trier ein stück im theater zu sehen? ja, warum also können wir aus trier dann nicht 50km nach luxemburg fahren?

    seit ich von den neuesten zahlen gehört habe – neubau ohne technik etc.pp allein 50mio – ist da meine position klar: luxusprojekt mit sozialem anstrich (günstige tickets für die schkechteren plätze) will ich nicht.

    die forderung nach einer günstigeren lösung, herr rauls, ist dann ja schön und gut – wenn man nicht wagt, konsequent zu sein und den standort doch in frage zu stellen.

     
    • F.Schneider

      Wurde nicht mal von der FWG e.V. eine Berechnung vorgelegt, das es günstiger sei, alle Gäste , die Zahlenmäßig das Theater Trier besuchen mit kostenlosen Stadtbussen nach Luxemburg zu fahren?

       
      • Rainer Landele

        nee, es wäre selbst billiger, jeden einzeln mit taxi nach lux zu fahren. 🙂

        im ernst: bereits jetzt fährt ja ein bus nach lux zu den vorstellungen, für drei euro, manchmal sagenhafte 3,5euro.

         

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