Der Kommentar – Hut ab, Herr Leibe!

Der OB hat die Reißleine gezogen.

Der OB hat die Reißleine gezogen.

Oberbürgermeister Wolfram Leibe hat die Reißleine gezogen. Mit schonungsloser Offenheit beschrieb der Stadtchef am Montag die prekäre finanzielle Situation des Theaters – ohne Umschweife, ohne Beschönigungen, ohne Ausreden, ohne Ausflüchte. Und Leibe hat den einzig richtigen Schritt gewählt: Er hat den Generalintendanten Karl Sibelius zum Intendanten degradiert und damit den elementaren Fehler der Politik aus der Vor-Leibe-Ära rückgängig gemacht. Der Oberbürgermeister musste im Alleingang ausbügeln, zu was die Fraktionen des Rates offenbar nicht in der Lage waren oder nicht sein wollten – selbst nicht nach den Veröffentlichungen im reporter und nachfolgend auch in anderen Medien. Die Triererinnen und Trierer können sich bei ihrem Stadtoberhaupt bedanken. Sibelius aber sollte nun von sich aus seinen Abschied nehmen, so er denn schlau ist. Ein Kommentar von Eric Thielen

Nur 110 Stimmen waren am Ende ausschlaggebend, dass der Oberbürgermeister dieser Stadt seit dem 1. April 2015 Wolfram Leibe heißt. Inzwischen ist jede einzelne dieser Stimmen kaum mit Gold aufzuwiegen. Jüngstes Beispiel: Leibes Entscheidung – im Einvernehmen mit den Kollegen und der Kollegin aus dem Stadtvorstand getroffen – den Generalintendanten Sibelius, den die Fraktionen in dieser Form erst erschaffen hatten, auf die Ebene des Intendanten zurückzustufen. Denn das Experiment mit dem Generalintendanten ist – unabhängig von der Person – kolossal gescheitert. Doch während die Politik an ihrem Fehler beharrlich festhielt, machte Leibe spätestens nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub Nägel mit Köpfen.

Der OB hat alle düpiert – von der CDU bis zu den Linken und letztlich auch die eigene Partei. Genug ist genug, nach diesem Motto ist Leibe nun verfahren, und der Stadtchef hat sich einmal mehr – wie aktuell auch bei der Sanierung des Exhauses – als Troubleshooter profiliert. Für die zuvor begangenen Fehler ist der Jurist Leibe nicht verantwortlich. Er kann nur ausbügeln, was die Politik – von CDU bis zu den Linken – zuvor verbockt hatte. Denn es geht beileibe nicht nur um das Theater, sondern um die gesamte Stadt. Die jetzt wegen des Theaters erlassene Haushaltsperre ist ebenso schmerzlich wie notwendig und richtig. Schmerzlich deshalb, weil sie nicht nur die Kultur, sondern auch die Jugendarbeit, Vereine und ehrenamtlichen Initiativen betrifft. Doch wo die Einsicht fehlt, muss der Druck diese ersetzen.


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2,6 Millionen Euro Defizit in zwei Jahren sind kein Pappenstiel bei einem Gesamtetat von 15,5 Millionen Euro pro Jahr, von denen die Stadt 7,5 Millionen und wegen des Defizits nun 8,8 Millionen Euro alleine stemmen muss. Während anderswo jeder Cent zusammengekratzt werden muss, wurde am Theater – vor allem unter Sibelius’ Regie – das Geld offensichtlich mit vollen Händen ausgegeben. Wobei klar gesagt werden muss: Es geht nicht um die Kunst des Österreichers, nicht um dessen künstlerische Visionen oder die Idee derselben. Die stehen nicht auf dem Prüfstand. Es geht darum, dass Sibelius mit der vom ihm selbst verlangten Vollmacht für alle Bereiche hoffnungslos überfordert ist. Das hat Leibe offensichtlich als Einziger in der politischen Szene der Stadt glasklar erkannt.

Der Kommentar

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Kulturdezernent Thomas Egger aber muss sich fragen lassen, was er in den vergangenen Monaten gemacht hat? Seiner Aufsichtspflicht als oberster Kulturhüter der Stadt kann der Sozialdemokrat jedenfalls nicht gerecht geworden sein. Ansonsten steckte der Karren nicht dermaßen tief im Dreck. Jetzt muss Leibe kommen und nicht nur die Fehler der Politik, sondern auch die seines Parteifreundes ausbügeln. Dass gerade die SPD in der Theater-Frage eine extrem schlechte Figur macht, kommt da erschwerend hinzu. Die kritiklose Solidaritätskundgebung von SPD-Chef Sven Teuber unter einem Sibelius-Post auf Facebook war nicht nur peinlich, sondern unterste Schublade. Aber auch die Kulturfrauen der CDU wie Dorothee Bohr und Dr. Elisabeth Tressel nickten die Ausführungen des nun degradierten Generalintendanten jüngst immer wieder kritiklos ab. Sie stehen somit der Peinlichkeit der sozialdemokratischen Kollegen in nichts nach.

Die Grünen hatten die Initiative für mehr Transparenz ergriffen, ja. Das ist ihnen zugute zu halten. Aber auch sie müssen sich vorwerfen lassen, dass sie alles hinter verschlossenen Türen regeln wollten. Keiner – außer FWG-Sprecher Hermann Kleber – hatte den Mut, offen, ehrlich und öffentlich die Missstände anzusprechen. Es mag sein, dass jeder sich scheute, in eine Ecke mit der AfD, die noch nie mit ihrer Kritik an Sibelius hinter dem Berg hielt, geschoben zu werden. Das ist zwar eine Erklärung, aber keine Entschuldigung. Denn die Existenz der AfD darf nicht dazu führen, dass unbequeme Wahrheiten im politischen Diskurs nicht mehr ausgesprochen werden. Was wahr ist, muss auch wahr bleiben!

Leibe sind solche parteipolitischen Überlegungen fremd. Das hat der Stadtchef nun erneut eindrucksvoll bewiesen. Sicher kann er sich aber nicht sein, dass durch die Kontrolle des neuen Verwaltungsdirektors – zumal der aktuell Egger heißt – tatsächlich Ruhe im Theater einkehrt. Das werden erst die nächsten Wochen zeigen. Denn die juristische Auseinandersetzung mit dem entlassenen Schauspieldirektor Ulf Frötzschner deutet sich an, weitere Prozesse wegen Vertragsauflösungen sind so gut wie sicher. Kann Sibelius sich nun in das von Leibe vorgegebene enge Korsett einfügen, hat er eine Chance. Kann er es nicht, sollte er jetzt von sich aus seinen Hut nehmen.

Apropos Hut: Nach dem heutigen Montag bleibt aktuell nur zu sagen: Hut ab, Herr Leibe, für den Mut, die Offenheit und Ehrlichkeit den Triererinnen und Trierern gegenüber. Alle anderen sollten sich zumindest in den nächsten Tagen einfach nur schämen, bevor sie den Mund aufmachen!


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Dossier Theater, Featured, Meinung 6 Kommentare

6 Kommentare zu Der Kommentar – Hut ab, Herr Leibe!

  1. Stephan Jäger

    „Nur 110 Stimmen waren am Ende ausschlaggebend, dass der Oberbürgermeister dieser Stadt seit dem 1. April 2015 Wolfram Leibe heißt. Inzwischen ist jede einzelne dieser Stimmen kaum mit Gold aufzuwiegen.“

    Ja, es gab seit der OB-Wahl wahrlich nicht viele Situationen, in denen man sich eine Frau Zock vorstellen möchte.

     
  2. Treverin

    Was wäre nur passiert, wenn… Jemand ans Ruder gekommen wäre, der nicht mit Zahlen umgehen kann…

     
  3. Michael Frisch

    Werter Herr Thielen,
    danke für die hervorragende Berichterstattung zum Theater. Auch Ihre Kritiker müssen jetzt anerkennen, dass Sie in den letzten Monaten keine Kampagne veranstaltet, sondern sauber recherchiert und Fakten geliefert haben. Nur eine Ergänzung sei mir gestattet: Es war keineswegs nur die FWG, die – im Übrigen sehr spät – den Mut hatte, die Missstände offen und ehrlich anzusprechen, sondern insbesondere die AfD. Wir als AfD-Fraktion haben schon im Herbst letzten Jahres und danach immer wieder davor gewarnt, dass das Theater unter Sibelius in eine Schieflage geraten könnte. Dass wir damit Recht behalten haben, ist dennoch kein Grund zur Freude.

     
    • Schniddi

      Ich bin zwar kein Freund Ihrer Partei, aber beim Kompliment für den Trier-Reporter sxhließe ich mich an Herr Frisch. 1a Arbeit.

       
  4. Joachim Baron

    Ich sag’s mal auf Französisch: Chapeau!!!!

     
  5. Johannes Brand

    Schön, dass Herr Leibe in der Lage ist die Dinge hin und wieder im Alleingang anzupacken. Das beweist, dass er nicht ausschließlich als blasser Parteisoldat seiner Stadt dient. Hieraus jedoch abzuleiten, dass Frau Hiltrud Zock dazu niemals in der Lage gewesen wäre, ist eine unerträgliche Polemik, einfach nur fieses Nachtreten und zeugt von schlechtem Charakter. Das sollte sich der Radfahrer ersparen. Genauso gut könnte ich an dieser Stelle exakt das unbewiesene Gegenteil behaupten.
    Rote Karte für Stephan Jäger.

     

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