Der Maßstab

Er könnte auf Thomas Egger folgen: Rechtsanwalt, Professor, Intendant - Christoph Nix. Foto: Ilja Mess

Er könnte auf Thomas Egger folgen: Rechtsanwalt, Professor, Intendant – Christoph Nix. Foto: Ilja Mess

KONSTANZ/TRIER. Es ist ein Bewerber, der alles mitbringt, was sich Stadtrat und Stadtspitze vorgeblich wünschen: Professor Christoph Nix – erfolgreicher Intendant des Theaters Konstanz, promovierter Jurist und promovierter Philosoph – will Kulturdezernent in Trier und damit Nachfolger des im Dezember abgewählten Sozialdemokraten Thomas Egger werden. Von Martin Eich

Es wäre eine Entscheidung, die Trier zu einem Solitär unter Deutschlands Großstädten machen würde. Nachdem der Trend zur qualifizierten Besetzung vakanter kulturpolitischer Leitungsfunktionen bereits Feuilletonisten, Verleger, Philosophen und anderes Fachpersonal zum Zuge kommen ließ, könnte an der Mosel nunmehr ein versierter, erfolgreicher Theatermacher die Nachfolge von Desaster-Dezernent Thomas Egger antreten: An Christoph Nix, derzeit Intendant in Konstanz und vormals in gleicher Funktion in Nordhausen und Kassel tätig, soll das nicht scheitern – der 62-Jährige hat sich nach reporter-Informationen beworben.

Mit ihm stünde ein Multi-Talent an der Spitze des Multi-Dezernats: Er ist Rechtsanwalt und Professor (lehrte in Kassel, in Hannover und in Berlin an der Humboldt-Universität sowie der Universität der Künste), hat eine juristische (“Die Vereinigungsfreiheit im Strafvollzug”) sowie eine philosophische Doktorarbeit (“Theater_Macht_Politik”) verteidigt, publizierte umfangreich zu rechtlichen und künstlerischen Fragen (beinahe 200 Artikel weist seine Vita inzwischen auf) und ist außerdem, eine Hinterlassenschaft seiner Zivildienstzeit, ausgebildeter Rettungssanitäter. Kurz: Der Mann hat Ahnung von dem, was er macht, sagt, schreibt.


Das Porträt von Christoph Nix in der WELT


Und eine Meinung. Dafür wird er an seiner aktuellen Wirkungsstätte vom Publikum verehrt. “Eine unserer aufregendsten Bühnen steht in Konstanz”, titelte unlängst das Feuilleton der WELT, das dazugehörige Porträt war eine einzige Hommage an Querdenkertum und Bürgersinn (siehe Kasten). Der Chef, bestens vernetzt, mobilisiert für seine Mission auch Prominenz. Er holte 2011 den damaligen Bundesaußenminister und designierten Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier – mit dem er studiert hatte – zur Spielzeiteröffnung, gerade inszenierte Hollywood-Regisseur Neil LaBute in Konstanz. Nix’ Theater ist energetisch aufgeladen, politisch bewusst, mischt sich ein – und stabil um die 100.000 Besucher jährlich wollen das sehen. Für eine Stadt von 85.000 Einwohnern ist das eine mehr als nur gute Bilanz. Deshalb stimmt es in der Theaterkasse − Horror-Defizite nach Trierer Art sind in Konstanz unbekannt. Wobei Nix auch gegen Sponsoren nichts hat, die er selbst auf der schweizerischen Seite des Bodensees anwirbt.

Man kennt sich, man schätzt sich, man hat zusammen studiert: Christoph Nix und der designierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) in Konstanz. Foto: Theater Konstanz

Man kennt sich, man schätzt sich, man hat zusammen studiert: Christoph Nix und der designierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) in Konstanz. Foto: Theater Konstanz

Dass er sich dennoch vorstellen kann, an die Mosel zu wechseln, liegt wahrscheinlich an seiner Neugier: Stets drängte es ihn zu neuen Ufern, immer suchte er die Herausforderung. Daran herrscht in Trier kein Mangel. Nix wäre nicht Nix, wenn er davor die Augen verschließen würde. Es braucht Aufbauarbeit, nicht mehr und nicht weniger. Die Konsolidierung des Theaters durch eine neue Leitung mit Visionen und Kostenbewusstsein, die Entwicklung eines interreligiösen Tourismuskonzepts, die Einbeziehung von Einzelhandel und Gastronomie in ein zu erstellendes Tourismus-Leitbild “Römische Geschichte live”, die Stärkung der Museums- und Bibliothekslandschaft und die Heranführung junger Trierer an die Kommunalpolitik – diesen und weiteren Themen will er sich annehmen.

Die Politik kennt ihn, und Nix kennt die Politik. Der ehemalige Kreisbeigeordnete versteht sich auf das Bohren dicker Bretter, an denen in Trier kein Mangel herrscht. Ausgebildet in der Meditation von Konfliktsituationen, führt er das Konstanzer Theater erstaunlich reibungsfrei. Der Intendant könne schon mal poltern, sagt einer seiner Mitarbeiter, das sei aber schnell vorbei. Und vor allem: Nix schone sich nicht. “Er käme nie auf den Gedanken, von anderen mehr als von sich selbst zu verlangen”, bestätigt ein ehemaliges Mitglied der Leitungsebene.

Das Urteil scheint nicht vermessen: Nix ist der Maßstab, an dem sich jeder andere Kandidat sowie die Trierer Kommunalpolitik als solche messen lassen muss. Manche ihrer Funktions- und Mandatsträger dürften heute ob dieser Bewerbung überraschter sein als andere. Die Spitze der CDU-Stadtratsfraktion ist seit etwa einer Woche informiert. Eine Reaktion erfolgte nicht. Ein bemerkenswerter Umgang mit einem hochkarätigen Kandidaten in einem (so jedenfalls das Postulat) ergebnisoffenen Verfahren, das ohne Rücksicht auf parteipolitische Präferenzen den besten Bewerber finden soll.


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Erstellt am Autor Martin Eich in Dossier Theater, Featured, Politik 22 Kommentare

22 Kommentare zu Der Maßstab

  1. Stephan Jäger

    Na also!

    Bleibt zu hoffen, dass sich Geschichte eben doch wiederholt, und es – wie 1992 – nicht der wird, der „es sich zutraut“, sondern der, der es KANN.

     
  2. Marco Berweiler

    Sollte sich Schwarz-Grün bereits vorab im Hinterzimmer für einen Kandidaten entschieden haben, so kann jeder andere Kandidat wie Herr Nix noch so der Beste sein … er wäre absolutchancenlos.

    Bald werden wir es wissen.

    Sollte man sich beispielsweise bereits intern auf Thomas Albrecht verständigt haben, so dürfte sogar das Ehepaar Albrecht mit ihren beiden Stimmen den Ehemann Albrecht zum Kulturdezernenten wählen … so kann man auch eine Stimme Mehrheit erreichen, sollten die anderen Fraktionen gegen Albrecht sein.

    Und das soll dann nichts mit Interessenkonflikt zum eigenen Vorteil zu tun haben …

     
    • Stephan Jäger

      Wenn das Rathaus ein Selbstbedienungsladen wäre, würden Einkaufswagen davor stehen.

       
    • Rainer Landele

      ich bezweifle, dass herr albrecht abstimmen darf, wenn es ihn selbst betrifft. interessant ist die frage, wie es bei einer ehefrau ist. ich denke, eher nicht…

       
      • Marco Berweiler

        Beide dürfen ! §22 der Gemeindeordnung (Ausschlussgründe) erlaubt es, da es sich hier um eine Wahl handelt.

        Bei sonstigen “normalen“ Abstimmungen mit Interessenkonflikten hätten beide nicht abstimmen dürfen.

        Das ist ja das Schlimme und Unverständliche daran …

         
        • Rainer Landele

          danke für die info. hätte ich, wie erkennbar, jetzt nicht gedacht…

           
  3. Volker Zemmer

    Hat man die “Eierlegende Wollmichsau” gefunden? Herrn Nix Vita ist bestimmt nicht frei von Brüchen, aber er könnte so was wie eine Aufbruchstimmung verkörpern. Jetzt bin ich ja mal gespannt, wie ernst das Gerede vom “besten Kandidaten” (Parteibuch nicht so wichtig) war. Vielleicht zaubern die Grünen aber auch noch die weltbeste Frau aus dem Mieder, hatten wir ja schon mit Fr. Birk. Dann wird’s richtig spannend.

     
  4. fritz hausner

    Macht der Trier Reporter jetzt auch schon die Besetzungspolitik?

     
    • Sascha

      Der Reporter informiert nur die Öffentlichkeit bevor so ein geeigneter Kandidat aufgrund Hinterzimmer-Posten-Geklüngel im Niemandsland verschwindet und der Stadtrat dann den richtigen-Parteibuch-habenden Kandidaten als beste Lösung verkauft.

       
      • Stephan Jäger

        Ich finde es auch gut, dass der Reporter hier ein wenig „Öffentlichkeit herstellt“.

        Wenn die ganze Stadt weiß, dass es deutlich geeignetere und qualifiziertere Anwärter gab, ist es dann vielleicht doch nicht ganz so leicht, jemanden auf den Thron eines Kultur- und Ordnungsdezernenten zu hieven, der es anscheinend sogar noch spaßig findet, damit zu kokettieren, dass er bekennender „Kunstbanause“ ist, und, der in dringend notwendigen Verkehrskontrollen „Abzocke“ sieht.

        Sowieso mehr als erstaunlich, dass es Leute gibt, die – nach allem, was im letzten Jahr passiert ist – offensichtlich immer noch nicht so ganz den Ernst der Lage erkannt haben.

         
        • Sascha

          Für mich wäre Herr Albrecht ein geeigneter Kandidat gewesen wenn es denn die Aufteilung “Sicherheitsdezernat mit Kulturmanager” (meine favorisierte Lösung) gegeben hätte.
          Da der Status Quo aber, weil er ja so wunderbar funktioniert hat, beibehalten wurde, kann man froh sein die eierlegende Wollmichsau gefunden zu haben die sich Trier auch noch antun will.

           
          • Schniddi

            Sie glauben doch nicht ernsthaft daran, dass die CDU eine(n) ohne Parteibuch durchwinken wird? Da hätten die sich doch von heute auf morgen vom Saulus zum Paulus gewandelt.
            Für die auch von mir favorisierte Lösung fehlte unseren Damen und Herren Kommunalen mal wieder der Mut, wie man gerade erst auch beim Antrag der FDP zum Kulturausschuss sehen konnte. Dabei gehört das ganze Kulturamt -mit dem ich beruflich schmerzliche Erfahrungen machen musste- aufgelöst. Da sitzen zig Leute auf Kosten der Steuerzahler, drehen Däumchen und machen den ganzen Tag — nix!

  5. Hubert Hansen

    Zumindest wird es nicht langweilig.
    http://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/227/maulkorb-fuer-nix-3062.html
    Bitte Kommentare beachten.

     
  6. Thomas Schön

    Da müsste der Rat der Stadt doch sehr über seinen Schatten springen, um Herrn Nix zu wählen und Wort zu halten, dass der beste Bewerber gewinnen soll. Ein guter Mann und wahrscheinlich der beste aller Bewerber. Leider den Trierer Feierabendpolitikern nicht zu vermitteln. Schade …

     
    • Rainer Landele

      feierabendpolitikern in der schwatzbude – wenn schön diffamieren, dann aber bitte richtig.

      kennen sie die anderen bewerberInnen?

       
      • Thomas Schön

        Eine Schwatzbude wäre es, wenn ein Herr Landele dort sprechen würde. So wie es ist, bleibt es ein Ort des gesprochenen Wortes einzelner, die es gut meinen, aber aus verständlichen Gründen nicht besser können.

         
  7. Marco Berweiler

    @Rainer Landele: gerne, ich hätte es auch nicht geglaubt bzw. für möglich gehalten, so unfassbar ist es eigentlich.

    Hier der Wortlaut:

    § 22
    Ausschließungsgründe

    (1) Bürger und Einwohner, die ein Ehrenamt oder eine ehrenamtliche Tätigkeit ausüben, sowie hauptamtliche Bürgermeister und Beigeordnete dürfen nicht beratend oder entscheidend mitwirken,

    1. wenn die Entscheidung ihnen selbst, einem ihrer Angehörigen im Sinne des Absatzes 2 oder einer von ihnen kraft Gesetzes oder Vollmacht vertretenen Person einen unmittelbaren Vorteil oder Nachteil bringen kann oder …

    (3) Die Bestimmungen des Absatzes 1 gelten nicht für Wahlen,…

    Nachzulesen unter http://landesrecht.rlp.de/jportal/portal/t/zjb/page/bsrlpprod.psml/action/portlets.jw.MainAction?p1=w&eventSubmit_doNavigate=searchInSubtreeTOC&showdoccase=1&doc.hl=0&doc.id=jlr-GemORPV7P22&doc.part=S&toc.poskey=#focuspoint

     
    • Spekulatius

      Was ist daran unfassbar? Natürlich darf man sich selbst in ein Amt wählen. Ansonsten müssten wir ja ganz früh anfangen und etwa die Wahl Adenauers zum Bundeskanzler im Jahr 1949 als ungültig erklären und wiederholen.

       
  8. Marco Berweiler

    Adenauers Wahl ist nun fast 70 Jahre her, und nicht alles, was früher mal war, muss heute auch so bleiben.

    Außerdem geht es hier und heute um Trier.

    Es geht im Allgemeinen auch nicht darum, ob man das juristisch durfte bzw. darf, was ich ja überhaupt nicht bestreite, sondern einfach nur darum, ob man solche Gesetze künftig nicht ändern soll, dass man als Mandatsträger beispielsweise sich bzw. dem Ehemann einen mit etwa 100.000 EUR jährlich dotierten Renten-Posten mitbeschaffen darf.

    Solche Selbstbedienungs-Mentalität führt leider auch zu Politikverdrossenheit, und am Ende jammern alle wieder.

     
    • Sascha

      Außerdem können ein bis zwei Stimmen in einem Stadtrat einiges mehr ausmachen als ein oder zwei Stimmen bei einer Bundestagswahl.

       
      • Spekulatius

        Es ging nicht um die Wahl zum Bundestag, sondern um die Wahl zum Bundeskanzler, mithin um eine weitaus geringere Grundgesamtheit an Wahlberechtigten.

        Die Frage des Stimmgewichts kann bei der Beurteilung hier ohnehin keine Rolle spielen, da sie als Grund zur Einschränkung des passiven Wahlrechts, das Verfassungsrang genießt, keinesfalls ausreichend ist. Insofern würde mich schon interessieren, aus welchem Rechtsgrund das passive Wahlrecht in punkto Eigenwahl eingeschränkt werden sollte. Schließlich ist ein Amt immer auch mit Pflichten verbunden und dient qua Definition nicht der eigenen Vorteilsnahme – auch, wenn manche das anders sehen und handhaben. Da gibt es derzeit ja ein höchst erschütterndes Beispiel in exponierter Stellung.

         
      • Rainer Landele

        bei der wahl zwischen adenauer und schumacher ging es um eine stimme mehrheit. also wählte adenauer sich selbst zum kanzler.

        und waren es bei dem mißtrauensvotum gegenüber brandt zwei stimmen oder gar nur eine? jedenfalls war mindestens eine gekauft von der stasi. können wir froh sein drüber, im nachhinein betrachtet…

         

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