“Der Mensch muss der eigenen Seele trauen“

Ein Mönch, der die Menschen erreicht: Pater Anselm Grün. Alle Fotos: Rolf Lorig

Ein Mönch, der die Menschen erreicht: Pater Anselm Grün. Alle Fotos: Rolf Lorig

PRÜM. Was brauchen wir wirklich, um gut zu leben und glücklich zu werden? Eine Frage, der Pater Anselm Grün beim Eifel Literatur Festival auf den Grund ging. Die Antwort dafür fand er in sieben Punkten, die er einem 700-köpfigen aufmerksam lauschenden Publikum in der Mehrzweckhalle der ehemaligen Hauptschule vortrug.

Von Rolf Lorig

Die Welt könnte sehr viel friedvoller, freundlicher und harmonischer sein, gäbe es mehr Anselm Grüns auf diesem Planeten. Wie er da in seiner Mönchkutte auf der Bühne am Pult steht, so unaufgeregt und unprätentiös. Seine leise, aber doch eindringliche Art des Sprechens. Sein disziplinierter Vortragsstil, die Uhr immer diskret im Auge behaltend. Und natürlich seine Argumentationsketten, denen man in den allermeisten Fällen durchaus gerne folgt- Wen wundert es da, dass Anselm Grün einer, vermutlich sogar der meistgelesene, Autor der spirituellen Literatur ist. Der 71-Jährige ist ein Mann, den Unternehmen in der ganzen Welt zur Schulung von Führungskräften buchen. Weil er, wie das Publikum auch an diesem Abend in der Mehrzweckhalle der früheren Hauptschule selbst feststellen kann, der Seele gut tut.

Anreise aus Augsburg

“Was tut der Seele gut?” lautet auch an diesem Abend das Thema seines Vortrages. Nicht nur Stadtbürgermeisterin Mathilde Weinandy hat sich auf diesen Abend gefreut, wie sie bei der Begrüßung verrät. Ihre Erwartungsfreude teilt sie mit 700 Gästen, die zum Teil weite Anreisen auf sich genommen haben. Sie kommen aus der deutschsprachigen Gemeinde Belgiens, wie Festivalleiter Josef Zierden berichtet, aus den Niederlanden, Luxemburg und dem benachbarten Saarland. Ein Paar sei an diesem Abend sogar eigens aus Augsburg gekommen, weiß Zierden.

Und dann hat der Benediktinerpater das Wort. Behutsam nähert er sich dem Thema über das Verhalten unserer Gesellschaft an. Unternehmen wollten sich ständig verändern, sagt er und macht dabei deutlich, dass er kein Freund von Veränderungen ist. Denn Anselm Grün hat festgestellt, dass in Veränderungen eine aggressive Kraft liegt, die den Menschen nicht glücklicher macht sondern ihm im Gegenteil schadet: “Verwandlung tut dem Menschen gut, Veränderungen hinterlassen Frustrationen.” Der Mönch weiß sehr wohl, dass auch Unternehmen nicht stillstehen können. Deshalb spricht er lieber von Verwandlungen, die wesentlich sanfter seien. Für ihn gehören Wandlungen zum Leben: “Wer sich nicht wandelt, bleibt stehen.“

Gefragt auch bei der Signierstunde: Anselm Grün

Gefragt auch bei der Signierstunde: Anselm Grün

Eine Wandlung sei auch der Weg, zum eigenen Selbst zu gelangen. Der Weg dorthin sei nicht einfach, führe zu Verwundungen, die jedoch das Selbst in dem Menschen zu Tage fördern würden. Einer der wichtigsten Schritte auf dem Weg zum eigenen Selbst sei die Frage: Wie sehe ich mich selbst? Das eigene innere Bild gebe eine klare Auskunft über den Menschen, zeige ihm, wo er steht. Grün: „Wir brauchen innere Bilder, die uns selbst entsprechen. Wenn ein Mensch unzufrieden ist, dann hat er das falsche Bild von sich selbst.“ Es sei falsch, diesen Menschen etwas überzustülpen. „Der Mensch muss der eigenen Seele trauen, das tut der Seele gut.“

Das Schöne in der Welt sehen

Eine weitere Hilfe auf dem Weg zur inneren Zufriedenheit sieht der Pater in der Ausübung von Ritualen. Je älter der Mensch werde, umso wichtiger seien Rituale für ihn. „Denn Rituale geben Heimat und das Gefühl getragen zu werden.“ Ebenso wichtig sei Ruhe und Stille: “Viele sehnen sich danach, sind aber unfähig dazu.“ Das Schweigen sei für Erwachsene oft schwieriger als für Kinder. Einen Grund dafür sieht Anselm in bestehenden Ängsten. “Wer Angst hat wird mit der Wirklichkeit konfrontiert, dass in seinem Leben etwas schiefgelaufen ist.“ Der Mensch könne nur zur Ruhe finden, wenn er der Wahrheit ins Auge sehe. „Nur wenn wir die Sehnsucht stillen, können wir still sein und das Schweigen genießen.“ Es gebe in der Stille auch nichts Bedrohliches: “Die Kunst liegt darin, das Alleinsein in ein Alles-eins-sein zu verwandeln.“ Wer das schaffe, werde von anderen Menschen getragen, könne Stille aushalten und das wiederum tue der Seele gut.

Als weitere Bausteine benennt Anselm Grün Freundschaft und Liebe (“Freunde können nur gute Menschen sein; Liebe ist ein Kraftquell, aus dem wir schöpfen können“), Gebet und Meditation (“Gebet ist die Erlaubnis, alles in mir darf sein; Meditation führt uns auf den Grund der Seele“) sowie den Sinn für Schönheit („Wenn ich das Schöne dieser Welt sehe, dann ist es schön, dann fühle ich mich gut“).

Seine Ausführungen beendet der Pater mit einem Ritual, einem Gebet. Und wie bei jeder Veranstaltung des Eifel Literatur Festivals setzt die Signierstunde den absoluten Schlusspunkt.

Für die nächste Lesung kommt Dora Heldt am 29. April nach Daun ins Forum.


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft, Kultur Hinterlasse einen Kommentar

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