“Der Westwall ist schon mit den Dingern gebaut worden”

"Nicht unser Problem", sagt Giesbert Brauner von der Bahn zum Übergang im Martinerfeld. Hier muss die Stadt aktiv werden.

“Nicht unser Problem”, sagt Giesbert Brauner von der Bahn zum Übergang im Martinerfeld. Hier muss die Stadt aktiv werden.

TRIER. Kein Güterverkehr mehr in der Nacht, Lärmschutzmaßnahmen durch leisere Züge und niedrige Gabionenwände an der Strecke sowie die Beteuerung der Deutschen Bahn, sich den Problemen der Anwohner in den westlichen Trierer Stadtteilen zu stellen – das sind die Kernpunkte der mehr als zweistündigen Podiumsdiskussion am Dienstagabend im Eurener Bürgerhaus zum Großprojekt “Westtrasse”. An der vom Trierischen Volksfreund initiierten Veranstaltung nahmen rund 150 Besucher teil, darunter zahlreiche Vertreter der Trierer Stadtratsfraktionen und Parteien. Auf dem Podium diskutierten Triers Baudezernentin Simone Kaes-Torchiani, Jürgen Berg von der Luxemburger Bahn, Giesbert Brauner von der Deutschen Bahn, Thomas Geyer vom SPNV-Nord sowie Michael Puschel vom Mainzer Innenministerium unter der Moderation von Dieter Lintz und Rainer Neubert.

Nein, tief im Trierer Westen sei er noch nicht gewesen. Auch nicht in Pallien. Auch nicht in Euren. Kenne er alles nur vom Hörensagen her, vom Papier, von den Karten, von den Plänen. Giesbert Brauner war der gefragteste Mann an Dienstagabend in Euren. “Leiter Vertrieb und Fahrplan bei der DB Netz AG Regionalbereich Mitte” nennt er sich. Für die Debatte im Bürgerhaus hätte eine kürzere Bezeichnung ausgereicht: Der Mann fürs Grobe. Nach mehr als zwei Stunden voller Wörter, in denen Brauner sich den Mund fusselig geredet hatte, stand er schließlich da, leicht schulbubenhaft in seinem etwas zu weit geschnittenen dunklen Anzug. Von seiner Eloquenz hatte er nichts verloren. “Fragen Sie”, sagt er, immer noch lächelnd, “kein Problem.”

Da waren die Scheinwerfer längst aus und Brauner in der Eurener Abenddämmerung angekommen. Die hatte sich auch im großen Saal an der Ottostraße ausgebreitet. Die Reihen leerten sich. Draußen rauschte ein Güterzug vorbei. “Ja, ich weiß, nicht schön.” Brauner macht eine kurze Pause, immer noch lächelnd. “Nein, es gibt keine Planungen für die Bahnübergänge an der Weststrecke”, sagt er dann. “Wenn da etwas geändert werden soll, dann muss die Stadt Trier initiativ werden.” Brauner weiß nichts vom stetig steigenden motorisierten Verkehr in der Kölner und Aachener Straße. Mittendrin liegt der Bahnübergang im Martinerfeld. Aber Brauner war noch nie im Westen Triers.

Brauner im Kreuzverhör hätte an diesem Abend ausgereicht. Weil er die Antworten hatte, weil er Fakten hatte, weil er sich stellte. Berg aus Luxemburg, so er denn überhaupt zu Wort kam, wurde nicht müde, die positiven Aspekte des Großprojekts für das Herzogtum zu betonen. Uninteressant für die Menschen im Westen der Stadt. Geyer, der dem Betrieb mit dem bandwurmigen Namen “Schienen-Personen-Nahverkehr Nord” vorsteht, war als Werbebotschafter in eigener Sache unterwegs. Uninteressant für die Menschen im Westen der Stadt. Puschel vom Mainzer Verkehrsministerium wiederholte gebetsmühlenartig die Positionen der Landesregierung. Uninteressant für die Menschen im Westen der Stadt.

Blieb Kaes-Torchiani, die umstrittene Baudezernentin der Stadt. Sie hätte aufklären können, so sie denn hätte können. Doch Triers “Eiserne Lady” verhedderte sich in Schachtelsätzen, in Floskeln, in Phrasen, in Plattitüden. Sie kam vom Hölzchen aufs Stöckchen, vermengte und vermischte, bis keiner mehr so recht wusste, was sie überhaupt meinte. Kommentar aus dem Publikum: “Was hat sie denn jetzt gesagt?” Moderator Lintz versuchte zwar, sie in die richtige Richtung zu schieben: “Das hatte ich jetzt eigentlich nicht gefragt…” Erfolg hatte der Journalist aber nicht. Kaes-Torchiani wich weiter aus.

Dabei hätte gerade sie im simplen Ping-Pong-Spiel mit Brauner fast alle Fragen klären können. Denn der Mann von der Bahn zog die Fakten gleich reihenweise aus der Tasche. Sein Unternehmen plane keinen zusätzlichen Güterverkehr auf der Westtrasse – auch nicht in der Nacht. Nach Abschluss der Bauarbeiten in Ehrang und Pfalzel reiche die Kapazität der Hauptstrecke im Osten für den Güterverkehr aus. Der Ausbau des Logistikzentrums im luxemburgischen Bettembourg werde nicht zur Erhöhung der Kapazitäten führen. “Es gibt keinen Grund”, sagte Brauner, “die Weststrecke in die Projektierung für weiteren Güterverkehr aufzunehmen.” Auch die befürchtete Ertüchtigung der Eifelstrecke sei nicht geplant.

Und Brauner hatte noch mehr nach Euren mitgebracht. Bis 2020 sollen alle Güterzüge mit modernen Bremsanlagen ausgerüstet sein, weil “die Politik sonst Ernst macht und Nachtfahrverbote verhängt”. Das Gleisbett wird laut Brauner auf 400 Metern erneuert, niedrige Gabionenwände als Lärmschutz seien möglich, sofern sie vom Gesetzgeber demnächst zugelassen werden würden. Primär aber sei, den Lärm zu vermeiden, nicht nur zu begrenzen. “Und deshalb werden wir die Züge umrüsten”, versprach Brauner. Da kam ihm der spaßige Einwand aus dem Publikum gerade recht. “Mit den Dingern ist schon der Westwall gebaut worden”, warf ein älterer Herr in die Runde. Auch Brauner lachte. “So ungefähr”, warf er zurück, “aber das Eisenbahnbundesamt lässt ‘die Dinger’ eben zu, also fahren sie auch auf den Gleisen.” Die Pflicht zur Umrüstung gilt laut Brauner übrigens für alle Züge – nicht nur für die der Deutschen Bahn.

Wer bezahlt den Rest?

Giesbert Brauner von der Deutschen Bahn (ganz links) dominierte die Diskussion in Euren. Neben ihm Michael Puschel, Simone Kaes-Torchiani, Moderator Dieter Lintz, Thomas Geyer sowie Jürgen Berg (v.l.n.r.).

Giesbert Brauner von der Deutschen Bahn (ganz links) dominierte die Diskussion in Euren. Neben ihm Michael Puschel, Simone Kaes-Torchiani, Moderator Dieter Lintz, Thomas Geyer sowie Jürgen Berg (v.l.n.r.).

Die Botschaften des Bahn-Mannes waren im Saal angekommen. Nicht wenigen indes fehlt nach wie vor der Glaube an die Beteuerungen des Staatsunternehmens. “Es ist schon viel versprochen worden”, sagte Eurens Ortsvorsteher Hans-Alwin Schmitz, “ob das dann aber auch gehalten wird, ist wieder eine andere Frage.” Kollege Horst Erasmy aus Trier-West nickte zustimmend. Ihn drücken ganz spezielle Sorgen beim Großprojekt: “Was ist mit dem Bahnübergang im Martinerfeld zwischen Kölner und Aachener Straße?”, wollte der Christdemokrat wissen. Jetzt schon sei die Verkehrssituation dort höchst problematisch.

“Nicht unser Problem”, sagte Brauner. Das gilt auch für die Übergänge in Euren und Zewen. Wolle die Stadt hier eine Veränderung, müsse sie von sich aus aktiv werden. Eine gesetzliche Vorgabe hinsichtlich der Bahnübergänge gebe es nicht. “Solche Änderungen muss die Kommune verlangen”, stellte Brauner klar. Kaes-Torchiani hatte dazu nur eines zu sagen: Die Entlastungsstraße zwischen Eurener und Luxemburger Straße soll kommen, mitfinanziert aus dem Förderprogramm “Stadtumbau”. Das hatte Oberbürgermeister Klaus Jensen jüngst in Trier-West vorgestellt. Die Aachener Straße könnte somit zur Sackgasse, der Übergang geschlossen werden.

Die Finanzierung ist damit allerdings nicht geklärt. Das Land stellt nur die 19 Millionen Euro für die fünf Haltepunkte bereit. Die baulichen Veränderungen in der Peripherie des Großprojektes müssen von der Stadt finanziert werden. “Wir stehen da in vorderster Front”, sagte Kaes-Torchiani. Wo das Geld herkommen soll, wusste auch Triers Baudezernentin nicht zu sagen. Sollten zudem Veränderungen an den Übergängen nötig sein, werden die Kosten laut Brauner gedrittelt – zwischen Bahn, Land und Stadt. Ein Planfeststellungsverfahren, das den Anwohnern ein Einspruchsrecht zubilligen würde, wird es laut Brauner zwingend geben müssen. “Ohne das geht es nicht”, sagte der Mann von der Bahn.

Die Fahrpreise im geplanten Personenverkehr auf der Schiene werden sich übrigens innerhalb Triers an den Bustarifen des “Verkehrsverbundes Raum Trier” (VRT) orientieren. Für die Verbindung nach Luxemburg gilt der jedoch nicht. “Da sind wir frei”, sagte SPNV-Chef Geyer. Konkurrenz etwa zum Busangebot des luxemburgischen Unternehmens “Emile Weber” soll es aber nicht geben. “Bus und Bahn sollen sich ergänzen”, betonte Geyer.

Güterverkehr wird indes auch in Zukunft über die Weststrecke rollen – trotz der Reaktivierung für den Personenverkehr. Zwischen den Personenzügen, die zunächst im halbstündlichen Takt in beide Richtungen fahren sollen, bleiben Zeitfenster für den Transportbetrieb offen. “Das wird so sein”, sagte Brauner, “allerdings nicht in der Nacht. Dafür gibt es definitiv keinen Bedarf.” (et)

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Erstellt am Autor Eric Thielen in Politik Hinterlasse einen Kommentar

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