Die eine Nasenlänge

Diesmal liegt Marz wohl die eine Nasenlänge vor Teuber. Foto: Rolf Lorig

Eines muss man den Trierer Grünen lassen: Sie sind mit allen Wassern gewaschen und – vor allem Fraktionsvize Reiner Marz – Meister der Taktik. An Marz und den Grünen kann CDU-Chef Udo Köhler sich gleich einige dicke Scheiben abschneiden. Marz ist neben SPD-Chef Sven Teuber der einzige echte Polit-Profi im Stadtrat. AfD-Chef Michael Frisch übt hingegen noch. Der Schachzug der Grünen, nun Elvira Garbes, die bisher nur beim reporter namentlich in Erscheinung trat, zu nominieren, hat etwas von politischer Genialität. Die SPD wollte die Grünen mit der Einladung Garbes piesacken; nun stehen die Genossen selbst mit dem Rücken an der Wand. Ein Kommentar von Eric Thielen

Es ist wie bei Fausts berühmter Botschaft: Man hört sie, glauben muss man sie nicht. Ein Missverständnis in der Kommunikation sei es gewesen, sagte Marz am Montagabend mit einem leichten Zucken um die Augen, dass Elvira Garbes von seiner Fraktion nicht zur Vorstellungsrunde eingeladen wurde. Dreister geht es nicht mehr. Und doch steckt in Marz’ Dreistigkeit ein gehöriger Schuss Genialität. Das muss der Neid dem Ex-Landtagsabgeordneten lassen: Er weiß instinktiv, wie schier ausweglose Situationen zu retten sind. Ja, wie sie letztlich sogar zum eigenen Vorteil zu nutzen sind.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Hätte die SPD Garbes nicht eingeladen, die Grünen wären jetzt nicht in der Lage, die Bornheimer Amtsleiterin zu nominieren. Mehr politische Pikanterie geht nicht mehr. Ausgerechnet die Sozialdemokraten, den Trierer Grünen in fester Feindschaft verbunden (was auf Gegenseitigkeit beruht), liefern dem Bündnis aus CDU und Grünen dessen Kandidatin – sozusagen frei Haus und gebührenfrei.


Zum Thema − Garbes soll es machen


Die Absicht der Genossen lag auf der Hand: die Grünen ärgern, sie gleichsam auch unter Druck setzen, etwas Öl ins ohnehin schwelende Feuer der schwarz-grünen Koalition gießen. Alle Beobachter der politischen Szene gingen, wie die reporter-Umfrage unter der Woche ergab, davon aus, dass Garbes wegen ihres Alters ohnehin keine Chance haben würde. Doch dann bekommt dieser Film eine Wende, die selbst ein Drehbuchautor sich besser nicht hätte ausdenken können.

Zwischen Samstag und Montag geht den Grünen das schwarze Licht auf, dass sie David Profit bei der CDU nicht durchbringen. Der Widerstand in der Union gegen den Links-Grünen ist einfach zu groß. Und die Union hat ein Vetorecht gegen den Kandidaten des Bündnispartners. Welche Blamage wäre das gewesen, hätte die CDU öffentlich Nein zu Profit gesagt. Das Bündnis wäre am Ende gewesen – noch vor der Dezernentenwahl.

Keine einfache Entscheidung für den SPD-Chef

Der Kommentar

Was also tun? Die parteilose Regina Bergmann konnten die Grünen ihren Mitgliedern nicht verkaufen, wenn sich zeitgleich eine ebenso qualifizierte Frau mit grünen Parteibuch wie Garbes bewirbt. Schließlich muss die Grünen-Fraktion sich immer noch bei der öffentlichen (!) Mitgliederversammlung für alle (!) Entscheidungen rechtfertigen. Deswegen rangen die Grünen am Montagabend so lange. Es gab Stimmen in der Fraktion, die trotz der prekären Lage auf Profit setzen wollten.

Doch der gewiefte Taktiker Marz erkannte glasklar: Setzt die Fraktion jetzt auf Profit, ist nicht nur das Bündnis mit den Christdemokraten Geschichte, sondern auch der grüne Dezernentenposten perdu. Fällt die Wahl hingegen auf Bergmann, hat die Fraktion ein hausgemachtes und handfestes Problem mit der Parteibasis. Marz hatte den Grünen schon einmal das Dezernat gerettet – vor drei Jahren, als er das Bündnis mit der Union gegen massiven Widerstand durchdrückte. Hätten CDU und SPD sich damals auf eine Zusammenarbeit geeinigt, wäre Bürgermeisterin Birk abgewählt worden. Nur Marz war so hellsichtig, dies eiskalt und emotionslos zu erkennen.

Folglich blieb den Grünen nur eines übrig: Sie mussten auf Garbes setzen, die auch von den Unions-Christen akzeptiert werden konnte. So retten sie das Bündnis, so behalten sie den Dezernentenposten. Und nicht nur das: Mit Garbes drehen sie den Spieß herum und piesacken nun ihrerseits die SPD. Schlichtweg genial gemacht. Denn die Genossen sitzen jetzt dick und fett und angeschmiert in der Bredouille. Sie waren es, die Garbes eingeladen hatten. Sie waren es auch, die der Grünen-Frau eine gute Vorstellung bescheinigten.

Hat Teuber noch ein Ass im Ärmel?. Foto: Rolf Lorig

Nun trotzdem einen Gegenkandidaten aufzustellen, da Garbes die Mehrheit hinter sich weiß, sähe in der Öffentlichkeit wie kleinkarierte Opposition, wie billiger Trotz aus. Rechtfertigen ließe sich das zweifellos, da die Genossen auch beim Trierer Jugendamts-Chef Carsten Lang voll des Lobes waren. Glaubwürdig aber wäre es nicht – und der öffentlichen Meinung auch kaum zu vermitteln.

Deswegen müssen die Sozialdemokraten jetzt sehr gut und genau überlegen, was sie tun werden. Das Bild der von Teuber geführten SPD ist aktuell fast makellos. Das haben die Genossen auch ihrer Gradlinigkeit in vielen Sachfragen unter Teubers Regie zu verdanken. Gerade im Vergleich mit der in sich zerstrittenen und führungsschwachen CDU steht die SPD – auch im Hinblick auf die Kommunalwahl – glänzend da. Nun aus reiner Opposition heraus einen eigenen Kandidaten zu nominieren, könnte dem Lack schwere Kratzer zufügen und das Bild ramponieren. Keine einfache Entscheidung für den SPD-Chef, der jetzt beweisen muss, dass er ein ebenso gewiefter Taktiker wie Marz ist.

Aber vielleicht hat Teuber ja doch noch ein Ass im Ärmel. Wenn nicht, sollte er auf die Machtprobe verzichten. Dann liegt Marz diesmal eben eine Nasenlänge vor ihm.


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Featured, Meinung 19 Kommentare

19 Kommentare zu Die eine Nasenlänge

  1. Rainer Landele

    “Was also tun? Die parteilose Regina Bergmann konnten die Grünen ihren Mitgliedern nicht verkaufen, wenn sich zeitgleich eine ebenso qualifizierte Frau mit grünen Parteibuch wie Garbes bewirbt.”

    1. sagte der reporter doch, garbes würde von den grünen nicht für qualifiziert halten

    2a. wäre es null problem, frau bergmann den grünen auf einer MV zu “verkaufen”

    2b. entscheidet eh die fraktion und nicht eine MV

    3. wird hier nur wieder einmal an der legende gestrickt, dass partout alles immer nur ein machtpolitisches taktieren ist.

    fazit: nix neues an der reporter front. außer natürlich, dass er diesesmal auch gar nix davon hat kommen sehen…was ja wohl die genialität des herrn marz beweist

     
  2. paddy

    die „makellos dastehende SPD“ ist ja wohl Realsatire…. Ich sag nur Bürgermeisterwahl. Dass sie diesen ehrlichen Mann der allseits gut angesehen ist nicht gewählt hat hat sehr viel Ansehen gekostet…

    Und was die Genossen um Teuber jetzt machen ist doch auch logisch: Lang! Nur Lang kann es machen, er ist der kompetenteste und kennt das Dezernat von Innen, schwarz-grün will nur Leute mit Parteibüchern installieren, blabla … Die selbe Seifenoper wie bei den letzten beiden Wahlen,was sonst?

     
    • Stephan Jäger

      „Ich sag nur Bürgermeisterwahl. Dass sie diesen ehrlichen Mann der allseits gut angesehen ist nicht gewählt hat hat sehr viel Ansehen gekostet…“

      Bitte? Bringen Sie Licht ins Dunkel. Von welchem „Mann“ sprechen Sie? Soweit ich mich erinnere, haben bei der letzten Bürgermeisterwahl nur zwei Männer kandidiert. Einer davon ist heute Oberbürgermeister, hatte die volle Unterstützung der Trierer SPD im Rücken und hat…so nebenbei…ein SPD Parteibuch.

       
      • Sascha

        Ich glaube Paddy spielt auf das Schmierentheater rund um Dezernent Ludwig an, als die CDU kurz vor knapp noch schnell das Bürgermeisteramt vom Sozial- zum Bau-Dezernatsleiter schieben wollte.
        Was aber dann (mMn mit nachvollziehbaren Gründen) von der SPD nicht so durchgewinkt wurde.

         
      • paddy

        Der Unterschied zwischen Bürgermeister und Oberbürgermeister scheint ihnen nicht geläufig zu sein …

         
        • Sascha

          Und Ihnen ist das mit der “Wahl” nicht ganz geläufig.
          Dieser Posten hat mit einer Wahl nämlich gar nichts zu tun.

           
        • Stephan Jäger

          …so wenig wie Ihnen der zwischen einer (Personen-)Wahl und der Abstimmung über einen Antrag? 😉

           
  3. Der Verwalter

    Die gesamte Ausführung beruht auf der Annahme, dass Frau Bergmann einer Grünen MV nicht zu verkaufen wäre. Abgesehen davon dass ich das sogar bezweifeln würde, geht man dabei auch davon aus, dass die grüne Fraktion in irgendeiner Weise an das Votum der Basis gebunden wäre. Dass dem nicht so ist konnte man aber bereits das ein oder andere mal beobachten als die Fraktion durchaus kritische Entscheidungen aus Sicht der Grünen Basis getroffen hat. Auch die Annahme das Gegenteil Profiteur gesprochen hätte, dass man ihn vielleicht bei der CDU nicht verkaufen hätte können, ist irgendwie bezeichnend. Denn, wenn man davon ausgeht dass er sich gut verkauft hat, was niemand weiß,liegt es doch viel näher, dass gegen ihn vor allem der Faktor “Geschlecht” gesprochen hat. Wie dem auch sei: die große Verschwörungstheorie, die hier gesponnen wird ist in diesem Fall tatsächlich befremdlich. Weshalb Frau Gares von den Grünen nicht eingeladen wurde ist völlig unklar. Ein bloses Versehen, das teile ich, ist wohl sehr unwahrscheinlich, diese Einschätzung teile ich, aber ansonsten macht diese Wahl einfach den Eindruck, dass tatsächlich einmal auf Grundlage der Bewerbungsgespräche eine sachliche Entscheidung getroffen wurde. Kommt wohl nicht oft vor. Aber wenn dann kann man das auch einfach mal so hinnehmen.

     
    • Stephan Jäger

      „Gegenteil Profiteur“

      Geht doch nichts über automatische Textvorschläge beim Handy-Tippen! 😀

       
      • Förster

        Ach jetzt versteh ich es, das Handy verfasst Ihre Kommentare! 😉

         
  4. Schniddi

    Kommentar nicht verstanden? ich verstehe das so, dass die SPD jetzt einfach gutlassen sein soll. Man sollte die “Verantwortungskoalition” sprengen, gut hat nicht funktioniert, Herr Marz hat schnell geschaltet. Das muss man dann auch anerkennen.

     
  5. Damian

    Messerscharf analysier wieder mal. Besonders viel Ahnung haben hier ein paar Kommentatoren offenbar nicht, um nicht zu sagen gar keine …

     
    • Rainer Landele

      ach, sie sind so dich dran an der entscheidungsfindung, dass sie zu solch einer wertung kommen können?

       
  6. paddy

    Dass die SPD sich am Montag noch nicht festgelegt hat spricht doch Bände Leute! Erstmal sehen was das Mehrheitsbündnis macht um dann zu sehen wie man am besten Krawall stiften kann. Einzige andere Möglichkeit, die tatsächlich mal eine etwas würdigere Option seitens der SPD wäre, wäre Garbes konsequent mitzuwählen, weil man sie selber auch eingeladen hatte (, das freilich aus anderen Motiven.) Das könnten sie nach dem Motto verkaufen: Wir waren die ersten die sie erkannt haben, sogar schwarz-grün folgt unserem Vorschlag. Aber so wie man das Agieren der SPD aus den letzten Wahlen kennt, geht es ihr doch nur darum irgendeinen Hebel zu finden, schwarz-grün zu spalten.

     
  7. Volker Zemmer

    Mann Landele, Sie raffen aber auch nichts. In Ihrer Borniert-/Sturheit sind Sie unübertroffen!!!

     
    • Förster

      Obacht Herr Zemmer, das Duo ist gnadenlos! 😉

       
  8. Augustiner

    Manchmal frage ich mich ob der Schreiber Wanzen in den Fraktionsräumen installiert hat. 😉

     
    • Spekulatius

      Informanten Wanzen zu nennen geht nun aber doch zu weit 😉

       
  9. Peter Müller

    Auch wenn man bei Damen nicht darüber spricht: Frau Garbes ist zu alt für diese Kandidatur. Es ist so ähnlich wie bei der VG-Bürgermeisterwahl in Trier-Land nächstes Jahr. Der dortige CDU-Kandidat wäre im Fall einer Wahl bei Amtsantritt 62 Jahre alt und nach acht Jahren Amtszeit sogar 70. Nahezu alle Bundesländer haben die Gesetze über kommunale Wahlbeamte geändert. Früher wurden die mit 67 in den Ruhestand versetzt. Das war eine vernünftige Regelung. Perspektiven für die Zukunft entstehen so nicht. Ich will auf gar keinen Fall die Qualifikation der beiden genannten Personen in Zweifel ziehen, aber im ein oder anderen Fall könnte schon ein Versorgungspöstchen der Grund sein.

     

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