Die feinste Visitenkarte der Universität Trier

Gut 900 Konzretbesucher kamen zu der Aufführung von Verdis Requiem nach St. Maximin. Fotos: Rolf Lorig

Ein Bild, das man nicht alle Tage zu sehen bekommt: 200 Aktive bilden das Collegium Musicum der Universität Trier. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Wenn das Collegium Musicum der Universität zum Konzert bittet, ist das gleichzeitig ein kulturelles und gesellschaftliches Ereignis erster Güte. Kein Wunder, haben sich die rund 200 Frauen und Männer in den vergangenen Jahren einen Ruf erarbeitet, der jedes Konzert zum Selbstläufer macht. Neben dem stimmgewaltigen Chor – Studierende, Mitarbeiter und Musikbegeisterte aus der Region – sowie dem virtuosen Orchester liegt das vor allem am Dirigenten Mariano Chiacchiarini, der in den großen Konzertsälen der Welt zu Hause ist. Am Sonntag brachte das Collegium in der früheren Reichsabtei St. Maximin das Requiem von Verdi zur Aufführung. Eine Totenmesse, die die rund 900 Besucher am Ende des Abends förmlich von den Stühlen riss.
Von Rolf Lorig

Viele Musiker haben ein Requiem komponiert, doch man verbindet damit vor allen zwei Namen: Mozart und Verdi. 1874 wurde die ‟Messa da Requiem‟ von Giuseppe Verdi zu Ehren des ersten Todestages des Dichters und Schiftstellers Alessandro Manzoni in Mailand uraufgeführt. Es ist ein gewaltiges Stück Musikgeschichte, das der italienische Komponist geschaffen hat, bei dem er hohe Anforderung bei Tempo und Atem an die Sänger stellt. Dabei mangelt es nicht an Dramatik, die auch die italienische Handschrift verrät. Die Musik ist gleichermaßen gewaltig und zerbrechlich in der Ausführung; eine enorme Herausforderung für die beteiligten Musiker, ein unvergleichlicher Genuss − bei optimaler Ausführung − für die Zuhörer. Auch der Chor muss hohen Anforderungen gerecht werden: präzise Einsätze, saubere Diktion, Verständlichkeit selbst in den leisesten Passagen, die Fähigkeit zur Zurücknahme bis hin zum akustisch immer klar zu verstehenden Flüstern, dann wieder Bereitschaft und Fähigkeit eines stimmgewaltigen Crescendos hin zum Fortissimo.

Mariano Chiacchiarini (Mitte) mit den Solisten Silja Schindler, Marion Eckstein, Philip Farmand und Christian Sist

Mariano Chiacchiarini (Mitte) mit den Solisten Silja Schindler, Marion Eckstein, Philip Farmand und Christian Sist

Ein mächtiges Werk

Es bedarf eines großen Orchesters und eines mindestens ebenso großen Chores, um die Mächtigkeit des Werkes zu Gehör zu bringen. Mit beidem kann das Collegium Musicum dienen. Ganz piano führen die etwa 80 Instrumentalisten in das Thema ein, dezent-zurückhaltend folgen erst die Männer-, dann die Frauenstimmen. Chor und Orchester bleiben eng, doch nicht zu eng am Dirigenten, der seinerseits mit einem schwebenden Dirigat führt. Und schon nach den ersten Augenblicken stellt sie sich ein, die typisch italienische Leichtigkeit, die man eigentlich mehr bei der Oper vermuten würde. Wobei Giuseppe Verdi es mit seinem Requiem geschafft hatte, den sakralen Raum zu verlassen, um seine Musik in die Konzertsäle zu verlagern, worauf Universitätspräsident Michael Jäckel zu Recht in seiner Begrüßung hingewiesen hatte.

Wenig später folgt mit dem ‟Kyrie‟ der Einsatz für die vier Solisten des Abends. Jeder eine Klasse für sich: Silja Schindler, ein strahlender und kraftvoller Sopran; Marion Eckstein, eine Mezzosopranistin mit Wärme, Ausstrahlung und hoher stimmlicher Dynamik; Philip Farmand, ein Tenor mit einer sehr gepflegten und kultivierten Stimme, der schon bei vielen Konzerten des Kollegium Musicums zu begeistern wusste und schließlich Christian Sist der präsente, raumfüllende Bass.

Italienische Leidenschaft trifft argentinisches Feuer

Stichwort raumfüllend: Die ehemalige Kirche St. Maximin ist ein gewaltiges Bauwerk, nicht umsonst finden hier 900 Menschen bei einem Konzert Platz. Wer hier bestehen will, muss mehr als gut bei Stimme sein, muss ein enormes stimmliches Volumen mitbringen. Besonders wenn sich der Solopart von Fall zu Fall auch noch in Fortissimo gehaltenen Passagen gegen Chor und Orchester behaupten muss. Eine Herausforderung, der Christian Sist, Marion Eckstein und Silja Schindler scheinbar mühelos begegnen konnten. Einzig Philipp Farmand hatte in diesen musikalisch extremen Momenten keine Chance. Seine Stärken sind die ruhigen, konzertanten Momente, in denen seine Stimme die Zuhörer in den Bann zieht. Wie beispielsweise im Duett mit der Mezzosopranistin beim ‟Dies Irae‟ − das sind Momente der Andacht, die die Seele berühren.

Das Dies Irae: Welch ein Stück! Bombastisch-kraftvoll, in Teilen an das Orffsche Werk ‟Carmina Burana‟ erinnernd. Wobei Carl Orff sich ganz offensichtlich von Verdi hat beeinflussen lassen. Italienische Leidenschaft, vorgetragen durch schmetterndes Blech, kraftvoll und dennoch leicht arbeitende Streicher und einem mit Verve agierenden Chor, trifft auf argentinisches Feuer am Dirigentenpult. Das sind Momente, die man nicht vergisst, die selbst in der Erinnerung zu immer neuen Gänsehautmomenten führen.

Glück und Leid, Trauer und Freude treten bei Verdis Requiem zutage. Das Werk hat eine wundervolle Struktur, die Zeit und Raum vergessen lassen. Wenn dann ein Klangkörper wie das Collegium Musicum derart brilliert wie an diesem Abend in St. Maximin, dann kann es vorkommen, dass am Ende des Konzertes eine derart andächtige Stille herrscht, dass zunächst niemand zu applaudieren wagt. Erst als sich ein laut gerufenes ‟Bravo‟ aus den Reihen der Musiker erlösende Bahn bricht und damit zum ‟Libera me‟ führt, bestimmt über Minuten donnernder Applaus den Geräuschpegel in St. Maximin. Wieder einmal hat die Universität Trier mit dem Collegium Musicum ihre feinste Visitenkarte abgegeben.


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Kultur Hinterlasse einen Kommentar

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