Die Fragen nach dem Warum und das Happy End

Auch wenn es um das Kapital geht, auch ein Marc S. braucht einen Badetag. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Karl Marx und unbeschwerte Unterhaltung? Die Trierer können sich das offenbar nicht vorstellen. Denn statt eines ausverkauften Premierenabends in der Europahalle kamen am Donnerstag nach Angaben eines Verantwortlichen lediglich gut 350 Gäste. Auch am Freitag sah es nicht viel besser aus. Dabei fanden viele der Anwesenden das Comedy Musical gar nicht so schlecht. Doch der Reihe nach.

Für den reporter besuchte Rolf Lorig das Musical.

Was ist mit Tony Marshall? Sitzt er im Rollstuhl, weil es seine Rolle so vorsieht oder gibt es dafür ernsthafte gesundheitliche Gründe? Und warum hat Deutschlands Partylöwe (“Heute hau’n wir auf die Pauke”) keinen singenden Solo-Part? Wozu kauft man sich einen solchen Namen ein, wenn die damit verbundene Person wie ein Möbelstück immer nur entweder im Kreis oder von und dann wieder auf die Bühne geschoben wird?

Gedanken, die man sich bei “Come back, Karl Marx” nicht machen sollte. Denn allzu anspruchsvoll sollte man nicht sein, stattdessen Blödeleien mögen, die auch gerne aus der untersten Schublade kommen. Diesen Part verantworten Steffen Lukas und Maximilian Reeg. Die beiden kommen aus der Comedy Szene, haben 2016 im Bereich Comedy schon mal den Deutschen Radiopreis gewonnen. Was entweder unverständlich ist oder aber viel über diesen Preis aussagt. Je nachdem, wie man das sehen mag.

Rebecca Simoneit-Barum rollt Tony Marhall durch die Gegend. Was genau ist seine Rolle? Am Ende hat Mortimer Pickledigger (Tony Marshall) es vergessen…

Spaß, der deutlich sichtbar ist

Jetzt sagt ein altes Sprichwort “Humor hart, wer trotzdem lacht!” Und gelacht wurde in der Europahalle, keine Frage. Am meisten immer dann, wenn es schlüpfrig-zotig wurde. Aber damit hat ja auch ein Jürgen von der Lippe seine größten Erfolge gefeiert. Und der gehört in der Szene nun mal zu den ganz Großen.

Doch zurück zum Musical und zu Tony Marshall. Kurz vor Schluss löste sich das Rätsel. Nein, der 80-jährige Unterhaltungskünstler kann noch auf eigenen Beinen stehen. Zumindest stellte er das unter Beweis. Und er ist derjenige, der in dem Musical mit einem Kurzauftritt als schwuler Polizist – gemeinsam mit dem “Prinzen” Tobias Künzel – die Europahalle durch das fast schon atemlose Lachen des Publikums beben lässt. Dieser Auftritt der beiden Musiker ist der eigentliche Höhepunkt des Musicals; eine Sequenz, bei der die blitzenden Augen Marshalls verraten, wieviel Spaß ihm selbst sein bescheidener Part macht. Eine Freude, die sich auch prompt auf das Publikum überträgt.

Kommen wir zur Musik, und damit zu Tobias Künzel von den Prinzen. Dass der Mann sein Handwerk versteht, wird niemand in Abrede stellen. An der musikalischen Ausgestaltung der Rollen gibt es fast nichts auszusetzen. Wenn man davon absieht, dass lediglich ein Musiker gemeinsam mit dem Computer ein ganzes Orchester ersetzen sollte. Wie groß der Anteil des Menschen an den Darbietungen war, trat nicht so deutlich zutage. Kollege Computer hatte auf jeden Fall bei diesem Auftritt die Hauptrolle. Was alleine nicht schlecht sein muss. Wäre da nicht die Technik gewesen, die insbesondere am Anfang mit Lautstärke zu glänzen versuchte, die bei dieser Phonzahl die gesanglichen Worte von Alexander Martin – er verkörperte den Marc S. – jedoch durch den elektronischen Häcksler schickte. Glücklicherweise bekam der Techniker aber relativ rasch die Kurve. Was ansonsten auch sehr schade gewesen wäre. Denn insbesondere Tanja Bunke – sie spielte die junge Jenny, die sich in Marc S. verliebt – brillierte. Eine natürliche Stimme mit enorm viel Strahlkraft, wie gemacht für das Genre Musical. Man muss kein Prophet sein, um dieser Sängerin gerade im Musical eine große Zukunft vorherzusagen. Und da wir schon mal bei den Sängern sind, richtet sich der Blick auf Wolfgang Boos, der den geldgeilen Bankier Dr. Manfred Acreman spielt. Er zeigt sich stimmlich enorm wandlungsfähig, gibt dem Bad Banker die – je nach Bedarf – verzweifelte bis diabolische Stimme. Und auch die beiden Statistinnen Emilia Korth und Clara Marie Hendel wussten sowohl gesanglich wie auch tänzerisch zu überzeugen.

Da lachte das Publikum Tränen: Tony Marshall (rechts) und Tobias Künzel bei ihrem Kurzauftritt als schwule Polizisten.

Schauspieler, die gute Laune machen

Und dann gibt es da noch Rebecca Simoneit-Barum, einem breiten Fernsehpublikum besser als Iffi Zenker aus der Lindenstraße bekannt. Noch bei der Pressekonferenz hatte sie sich zu Fragen über ihre Rolle reserviert gezeigt, ein Hausmädchen würde sie spielen, so die Antwort. Und ja, das tat sie auch. Zusammen mit Tanz und Gesang. Und das war für die Lindenstraßen-Fans mit Sicherheit neu an ihrer Iffi. Wobei das Spiel für die Schauspielerin wohl die geringste Herausforderung war. Dass sie sehr gerne singt, hatte sie vor der Vergabe der Rolle Tobias Künzel schon verraten. Und der hatte sich dann auch einen Part mit osteuropäischem Dialekt für sie ausgedacht, den sie ohne Probleme ausfüllen konnte.

Bleibt noch Matthias Kusche alias Rasputin Mammonson. Ein ausgezeichneter Schauspieler, der die Rolle des fiesen Betrügers überzeugend ausfüllte und für seine Darstellungen immer wieder Szenenapplaus erhielt.

Und am Ende bekommen sich Marc S. und Jenny doch…

Das hemmungslose Trachten nach Geld

Und welche Rolle spielte Karl Marx? Die Antwort fällt leicht: Glücklicherweise keine. Denn seine ernsten Thesen wären in dem leichten Stück Unterhaltung völlig fehl am Platz gewesen. Es gab wohl immer wieder die ein oder andere Anspielung. Beispielsweise in der Rolle des Marc S., der das Establishment zwar ablehnt, sich wohl aber den Verlockungen des bourgeoisen Lebens gegenüber durchaus empfänglich zeigt. Und natürlich geht es vor allem um die Gier, dem hemmungslosen Trachten des Dr. Acreman nach immer mehr Geld, das fast schon zwangsläufig in einer Krise endet. In erster Linie aber ist “Come back, Karl Marx” eine romantische Liebesgeschichte mit einem Happy End.

Ein wirklich langanhaltender Applaus am Ende des Stückes brachte den Künstlern dann den Dank und Zuspruch, den sie sich erhofft hatten. Und die Erkenntnis, das Karl Marx und leichte Unterhaltung irgendwie dann doch zueinander passen…


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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