Die perfekte Show – Rosa Roaring Twenties

Zischende Zoten in perfekter Show - der Rosa Karneval der Schmit-Z-Family zog alle Register.

Zischende Zoten in perfekter Show – der Rosa Karneval der Schmit-Z-Family zog alle Register.

TRIER. Verrucht, schlüpfrig-frivol, anders, gut, bestens, noch besser – der Rosa Karneval der Schmit-Z-Family ließ am Freitagabend in der Messehalle die Roaring Twenties, die Goldenen Zwanziger, aufleben. Ein Stück Sehnsucht nach Bubikopf und langer Zigarettenspitze, nach nackter Haut, Netzstrümpfen und Pomade. Zwischenzeit. Jene, in der Berlin wirklich Weltstadt war – zwischen wilhelminischem Mief und brauner Soße. Ein kurzes, befreiendes Aufflackern in Politik, Kunst und Gesellschaft, wenig deutsch, mehr kosmopolitisch. Zufall vielleicht, dass die schwul-lesbische Trierer Szene ausgerechnet diese Epoche zum Motiv ihrer karnevalesken Session erhob. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Weil Intoleranz heuer erneut schaurige Urständ feiert. Wo Patriotische Europäer wüten, stirbt die Menschlichkeit. Nur noch ein kleiner Schritt zur Ausgrenzung von Minderheiten. Alles schon gewesen, alles schon gehabt, im dunklen Ausgang der Roaring Twenties. Humor hilft immer, wie die perfekte Show – gespickt mit feinen, hier und da auch derben Anspielungen. Ein wertvoller Abend.

Ja, sie war da, Geburtstagskind Frau Ministerpräsidentin. Er war auch da, Ehemann und Herr Oberbürgermeister, im Gangster-Look mit Nadelstreifen und Bartstoppeln. Die Trierer Millionen hatte er schon tags zuvor eingetütet. Und Next-Generation-Leibe natürlich, hochaufgeschossen und silbern gelockt. Ach, irgendwie und irgendwann und irgendwo waren sie alle da: Heteros, Schwule, Lesben. Macht das einen Unterschied? Nie. Die Schmit-Z-Family umarmt alle. Also seid umschlungen, ihr milljunen Leut. Apropos silbern: Die gut fünfstündige Show verdient Gold – von der Ouvertüre bis zum Grande Finale. Wenn überhaupt, lässt sich nur dies bekritteln: Ihr hättet straffen können, liebe Freund*innen vom Schmit-Z. Weil Popos auf Holzbänken eben nur begrenzte Kondition haben. Wo Nacken schmerzen und Bandscheiben zwicken, kann kein Witz das Hirn erreichen. Leider.

Kult sind sie längst, die rosa Sitzungen. Prädikat: besonders wertvoll. Das Catering klappte perfekt, auch wenn gegen Mitternacht die leckeren Kümmelstangen aus waren. Wieder leider! Der Wein süffig, die Currywurst – Berlin, Berlin, wir sind ja in Berlin! – pikant, der Sekt eisgekühlt und prickelnd. Prickelnd wie die Show, prickelnd wie Stefan Kronauer alias Prissy, die temporeich, wortreich, zotenreich durch den Abend in die Nacht führte. Sie allein war das Eintrittsgeld wert. Beim Geburtstagsständchen für Malu Dreyer wehte mehr als nur ein Hauch von Marilyn Monroe und JFK durch den Saal: Haaapppy birthdaayyy tooo youuu – lasziv, erotisch, sinnlich…

Elisabeth Taylor alias Kleopatra, im filmischen Kammerspiel mit Richard Burton alias Marc Anton die Kostüme so schnell wechselnd wie andere Leute die Unterwäsche, wäre puterrot von Neid geworden, hätte sie noch sehen können, wie rasant Prissy ihre Garderobe und Perücken tauschte. Mal elegant im langen Weiß, dann neckisch-offenherzig im kurzen Schwarz, mal Blond, dann Schwarz – und wieder Braun: Ich liebe alle Frauen! Oder Männer? Egal. Trier, Maju! Prissy, Maju! Und wieder: Trier, Maju!

Da wirbelten aber auch Alex, Klaas, Nicola, Nele und Ingo in “The Gay Twenties”, wo Transvestiten-Bälle und burlesque Shows aufleben. Da verwöhnte ein perfektes Bühnenbild die Augen. Da glänzten bis ins Detail abgestimmte Choreographien. Zoten ließen Zwerchfelle hüpften, Musik machte Beine flink. Der ausverkaufte Saal japste in Verzückung, tanzte, rockte: Stöckelschuh piekst großen Zeh. Trier, Maju! Trier, Maju! Trier, Maju!

Wer braucht schon Youtube, wenn Andres und Oli ihre weißen Handtücher in erotische Accessoires verwandeln? Wer kann wegsehen, wenn knackige Popos vorwitzig hinter Baumwolle hervorlugen? Das ist Absicht, das ist gewollt. Der Saal quittiert die neckische Performance mit einem langgezogenen “Uuuuhhhhhh..” Trier, Maju! Wer braucht wirklich mehr als Nico, Julian und Tim in “Miranda Miracle”, wo kleine Sternchen Nippel necken und Y- wie X-Chromosome nach Vermehrung lechzen? Trier, Maju! Wer kann sich halten, wenn aufgetakelte Weibsbilder auf dem Friedhof ihre Zoten reißen? Trier, Maju!

Welches Auge bleibt trocken, wenn Herminchen in der Bütt steht, wenn die schwulen siamesischen Zwillinge Didi und Phillipp niemals auseinandergehen wollen, wenn Chicago in Trier ist, wenn Bettenelse Marathon läuft, wenn das Schmit-Z-Ballett den Steam Punk rockt, wenn schwule und lesbische Pseudo-Archäologen von der radebrechenden Kopftuch-Putzfrau mit dem Feger im Anschlag aus dem ägyptischen Museum vertrieben werden, wenn sogar der Trierer Prinz selbst singt, wenn die Garde aus Aach Beine schwingt und Kölsche Mädcher durch die Reihen schwappen? Trier, Maju!

Ein Schuss Selbstironie gehört dazu. Nur jung und schön zähle in der Schwulen-Szene. Ist das so? Möglich. Aber das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Wie mit der Politik. Die gehört auch dazu im karnevalesken rosa Fasching. Natürlich kriegen die Rechts-Konservativen ihr Fett ab, das war zu erwarten. AfD heißt hier nicht Alternativ, sondern Affen für Deutschland. Manch einer dürfte Mitleid gehabt haben mit den haarigen Verwandten des Homo sapiens. Die Braunen sind ohnehin NoGo, Pegida obendrein. Braucht keiner, will keiner. Muss wirklich nicht sein.

Doch, oh Trierer Wunder, auch den Grünen wird heuer so richtig eingeschenkt. Weil sie hier vor der CDU stramm stehen. Weil sie in Trier ihr Parteiprogramm jämmerlich opfern. “In Trier war sie billig, die politisch’ Wende für Julchen Klöckner”, sagt der Klaas, die Vorsitzende gegen Hirnlosigkeit. Zum Glück habe Trier sich nicht verzockt, weil Leibe ganz zum Schluss den Wahlkampf doch noch rockt. Trier, Maju! Die politische Großwetterlage in der Republik charakterisieren die Rosanen mit einem Satz: “Stammtischparolen ziehen durch unser politisch’ Land!” Willkommen in den Roaring Twenties – alles schon gehabt, alles schon dagewesen.

So glänzt die aktuelle Show der Trierer Schmit-Z-Family mit einem karnevalesken Feuerwerk der Extra-Klasse – von A wie Akteure über B wie Bühnenbild und C wie Choreographie bis Z wie zischenden Zoten. Wer am Freitagabend nicht dabei war, muss sich zwar nicht schämen, hatte aber allemal etwas verpasst. Doch wie sagt der rosarote Panther Paulchen stets und ständig: “Heute ist nicht alle Tage, ich komm’ wieder, keine Frage!” Schon heute Abend steigt die nächste Show in der Messehalle. Am kommenden Wochenende geht’s dann mit zwei Vorstelllungen weiter. Restkarten sind sicher noch zu bekommen. Aber man sollte sich beeilen – Trier, Maju! (et)


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Featured, Gesellschaft 2 Kommentare

2 Kommentare zu Die perfekte Show – Rosa Roaring Twenties

  1. Andrea

    Toller Bericht, wenn ich da an andere Trierer “Medien” denke, vergeht’s einem. Danke dafür !

     
    • Michael Lamberti

      Schließe mich an …

       

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