Die Sehnsucht nach der liberalen Stimme

Trommeln für die FDP: Adrian Assenmacher.

Trommeln für die FDP: Adrian Assenmacher.

TRIER. Adrian Assenmacher wird die Trierer FDP als Direktkandidat in den Bundestagswahlkampf führen. 27 Jahre jung ist der Kandidat, stammt aus der Westpfalz bei Kaiserslautern, ist seit acht Jahren in Trier und strickt an der Uni Trier gerade an seiner Doktorarbeit in Geoinformatik. Wissenschaftlicher Mitarbeiter ist er auch noch, studierte Anglistik und Geografie auf Lehramt. Ein Kopfmensch? Sicher. Aber auch einer, der Menschen begeistern kann? Das will er zeigen. Das Direktmandat liegt für die Liberalen in ähnlich weiter Ferne wie für Assenmacher der Renteneintritt. Kein Gedanke ist daran zu verschwenden. Und mit Platz 14 auf der Landesliste operiert der angehende Doktor allenfalls in dritter Reihe. Selbst 2009, als die FDP im Bund auf knapp 15 Prozent kam, zogen nur fünf Liberale aus Rheinland-Pfalz in den Reichstag an der Spree ein. Doch all das juckt den Kandidaten nicht. Assenmacher will den Liberalen ein neues Gesicht verleihen – fernab des Stempels der Klientelpartei als Sprachrohr von Großkonzernen, Lobbyisten und Marktenthusiasten. Möglicherweise verhilft der FDP ausgerechnet eine hausgemachte Trierer Krise zu neuem Höhenflug. Denn im anhaltenden Theater-Skandal sind die Freidemokraten die einzige Partei, die seit vielen Jahren eine konsequente Linie fährt.

Ein wenig nervös ist er schon. Was kein Wunder ist. Irgendwann demnächst wird Adrian Assenmacher neben SPD-Generalsekretärin Katarina Barley stehen, neben CDU-Mann Andreas Steier, der am Freitagabend auf dem Parteitag der Union nominiert werden soll, neben der Grünen-Frontfrau und Bundestagsabgeordneten Corinna Rüffer. Wenn die Pressefotografen ihre Kameras zücken, ist dann auch Assenmacher dabei – in ungewohnter Rolle. Barley und Rüffer kandidierten schon vor vier Jahren. Steier, designierter Erbe Bernhard Kasters, ist ebenfalls neu in der Runde. Aber anders als Assenmacher erwarb der Unionschrist sich seine politischen Meriten bereits im Kreistag und als regionaler Chef der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU.

Assenmacher ein Alibikandidat also? “Ganz sicher nicht”, sagt FDP-Chef Tobias Schneider. Weil Schneider selbst keine Ambitionen hatte (“Bundestag ist sowieso nicht mein Ding!”) und Stellvertreterin Katharina Haßler auch nicht wollte, mussten die Liberalen auf die Suche gehen. Die Wahl fiel auf Assenmacher, den Schneider ausgeschaut hatte und mit dem sich schließlich auch die Freidemokraten in Stadt und Landkreis anfreunden konnten. Beiden, Assenmacher wie Schneider, ist durchaus bewusst, dass die eigene Kandidatenkür mehr Symbolik denn echte Kampfansage um das Direktmandat ist.

Die andere FDP

Assenmacher wird also den Trommler für die Partei geben. Und diese Rolle kommt dem politischen Frischling, der erst im letzten Jahr in die FDP eintrat, durchaus zupass. Schließlich kämpfen die Liberalen auch im Wahlkreis Trier vor allem darum, nach vier Jahren der Absenz und dem katastrophalen Absturz von 2013 in den Bundestag zurückzukehren. Für Assenmacher heißt das in den kommenden Monaten: Die Schuhindustrie wird an ihm ihre helle Freude haben! Laufen, laufen, laufen, Klinken putzen von Haustüre zu Haustüre, Wählerinnen und Wähler davon überzeugen, dass und warum im Land nach vier Jahren des schwarz-roten Einheitsbreis der Großen Koalition, der ursächlich für das Erstarken des Rechtspopulismus ist, die starke liberale Stimme für Bürgerrechte wieder gehört werden sollte.

Wobei die Nachwehen der Möllemanns, Westerwelles und Röslers auch heuer noch empfindlich zu spüren sind. FDP, da war doch mal was? Wurmfortsatz der Großindustrie, Klientelpartei der Finanzlobby, Neoliberalismus auf Teufel komm’ raus, Globalisierungsfetischisten en gros: Als die gelbe Blase der politischen Schaumschläger von Möllemann bis Rösler wie ein Luftballon platzte, standen die Liberalen vor den Trümmern ihrer eigenen Hybris, der Westerwelle mit seiner Kanzlerkandidatur die Narrenkrone aufgesetzt hatte.

Aber FDP, da war doch einst noch etwas Anderes? Gerhart Baum, Hildegard Hamm-Brücher, Burkhard Hirsch, ja, auch Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher, der Freiburger Kreis, Grundwerte liberalen Gedankenguts, das die Individualität des Menschen auch gegen die doktrinären Bevormundungsabsichten des Staatsapparates verteidigt. Das ist gemeint, wenn Assenmacher betont, er wolle “back to the roots”, also zurück zu den Wurzeln, was er aber keineswegs als Hang zur Nostalgie ausgelegt wissen will. “Die Grünen etwa wollen die Menschen in allem bevormunden”, sagt er, “wir hingegen möchten, dass jeder sich innerhalb der gesetzlichen Grenzen frei entfalten kann.”

Was wie ein Allgemeinplatz klingt, bekommt beim Jung-Liberalen Assenmacher dann doch Tiefe und Weite, wenn er sagt: “Gerade die junge Generation in der Partei steht für diesen Anspruch – noch vor der einer kompetenten Wirtschaftspolitik.” Zwei Themenfelder hat er sich ausgesucht, die er im Wahlkampf kräftig beackern will: Bildung und Infrastruktur. “Wir brauchen in der Bildung endlich mehr Chancengleichheit für alle”, sagt er und definiert damit seine soziale Position. Bei der Infrastruktur meint Assenmacher nicht nur Straßen (“Der Moselaufstieg ist absolut sinnvoll, um Trier zu entlasten!”), Gleise und Wasserwege. Den Fokus will er hier auf die digitale Infrastruktur legen.

Rückenwind durch Theater-Skandal

Assenmacher und Parteichef Tobias Schneider hoffen auf ein gutes Ergebnis für die Liberalen im Wahlkreis Trier.

Assenmacher und Parteichef Tobias Schneider hoffen auf ein gutes Ergebnis für die Liberalen im Wahlkreis Trier.

“Es ist doch ein Unding, dass für den Nationalpark Hunsrück keine App programmiert werden kann, weil dort kein Internet existiert”, kritisiert er die Rückständigkeit in Rheinland-Pfalz. “Jetzt müssen wie zu Urgroßvaters Zeiten Schilder im Park aufgestellt werden.” Aus seinem Heimatdörfchen nahe Kaiserslautern hat er ein weiteres Beispiel mitgebracht: “Die Frage dort war: Straßenneubau oder Internetanschluss über Glasfaserkabel?” Die SPD im Gemeinderat habe schließlich den Straßenneubau durchgesetzt. “Die Straße”, sagt Assenmacher, “braucht niemand, aber Internet haben die Menschen immer noch nicht.”

Digital sei Deutschland auf dem Ausbaustand von Rumänien. “So verschleudern und verschenken wir unsere Ressourcen an Wissen und Innovation”, kritisiert er ferner. “Wird hier nicht ganz schnell investiert und gegengesteuert, werden wir ebenso schnell abgehängt.” Wo die Menschen gerade in den ländlichen Regionen des Wahlkreises der Schuh drückt, das will Assenmacher auf seiner Tour de Region erfahren. “Ich werde von Januar an sicher über die Dörfer tingeln und mir anhören, was die Bürger zu kritisieren haben. Als Wissenschaftler gehört die empirische Arbeit ohnehin zu meinen Kernkompetenzen.”

In der Stadt könnte der Theater-Skandal der FDP kräftigen Rückenwind bescheren. Wie Parteichef Schneider sagt auch Assenmacher: “Für Trier ist dieser Skandal eine Katastrophe. Aber wir als FDP weisen schon seit Jahren darauf hin, dass hier von nahezu allen Parteien politische Flickschusterei betrieben wird. Dabei braucht das Theater eine echte, zukunftsorientierte Strukturreform.” Vor der Kommunalwahl 2014 kritisierten die Liberalen den öffentlichen Zuschuss von über 130 Euro pro Theaterkarte scharf. “Dafür haben wir viele Schläge einstecken müssen”, sagt Schneider, “inzwischen wird jede Karte mit über 200 Euro aus Steuergeld subventioniert.”

Die Entwicklung der vergangenen Monate habe den Kurs der FDP bestätigt. “Und vielleicht honorieren die Wählerinnen und Wähler ja unsere seit Jahren gradlinige Haltung in der Theaterfrage, wenn wir uns schon politisch nicht durchsetzen können.” Darauf hoffen Assenmacher und Schneider ganz eigennützig. Denn schließlich braucht die FDP jede Stimme, um in den Bundestag zurückzukehren. (et)


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Featured, Politik Hinterlasse einen Kommentar

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