Ein Klangerlebnis für professionelle Ansprüche

Obwohl das Collegium Musicum aus musikalischen Laien besteht, führt Mariano Chiacchiarini diesen Klangkörper zu höchsten Ansprüchen. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Seit 40 Jahren gibt es das ‟Collegium Musicum‟, ein Zusammenschluss von mehr als 200 Musikern und Sängern an der Universität Trier. Für das Jubiläumskonzert im Amphitheater hatte Musikdirektor Mariano Chiacchiarini ein ‟Best of‟ aus 40 Jahren zusammengestellt. Um es vorweg zu nehmen: Es war ein überaus eindrucksvolles Klangerlebnis, das in seinen Details selbst professionellen Ansprüchen scheinbar mühelos gerecht werden konnte.

Von Rolf Lorig

Nein, in Experimenten hat sich Mariano Chiacchiarini bei der Zusammensetzung der einzelnen Darbietungen nicht verloren. Dafür aber hatte der umtriebige Argentinier, der neben dem Collegium Musicum auch mehrere Orchester in Deutschland, Argentinien und der Schweiz leitet, ein Programm entworfen, das sich aus einem geistlichen und einem weltlichen Teil zusammensetzte. Wobei er das so sklavisch wohl nicht auseinanderhalten wollte. Denn der Auftakt mit ‟O Fortuna‟ von Carl Orff basiert auf Lied- und Dramentexten aus dem frühen Mittelalter und wird wohl kaum zu kirchlichen Anlässen zur Aufführung gelangen. Denn besungen wird hier die Schicksalsgöttin Fortuna Imperatix Mundi, die nach römischer und griechischer Mythologie das Schicksal der Götter und der Menschen bestimmte.



Doch welches klassische Musikstück würde sich besser zur Konzerteröffnung in einem römischen Amphitheater eignen? Gleich hier haben die mehr als 200 Frauen und Männer die beste Möglichkeit, ihr Können unter Beweis zu stellen. Dass im Eifer des Gefechtes mit Einzelnen nicht die Gäule durchgehen, darüber wacht Musikdirektor Mariano Chiacchiarini wie ein Luchs. Seine Präsenz ist bis zu den Zuschauerreihen hin spürbar. Nicht eine Sekunde lässt er Orchester und Chor alleine, steht ganz offensichtlich mit jedem einzelnen der Musiker in direkter Verbindung. Sein Dirigat passt sich der jeweiligen Situation an: Von spartanisch-zurückhaltend bei ‟Denn er hat seinen Engeln befohlen‟ bis hin zu vollem Körpereinsatz bei ‟O Fortuna‟.

Sensible Stabführung mit starker Präsenz

Die Sensibilität des Dirigenten überträgt sich wie zu erwarten auf die Mitglieder von Chor und Orchester. Das Ergebnis spricht für sich. Wer nicht wüsste, dass hier keine Profis, sondern Laien am Werk sind, würde sich mit seiner Bewertung glatt vertun. Auf den Punkt genau erfolgen die Einsätze bei Orchester und Chor, wunderbar wandlungsfähig das Orchester, akzentuiert und aufmerksam der Chor.

Nach sieben Jahren als Musikdirektor in Trier macht Mariano Chiacchiarini der Stadt eine Liebeserklärung: “Jetzt bin ich fast trierisch!”

Dass der geistliche Teil des Konzertes auch Menschen anspricht, die der Kirche nicht allzu nahe stehen, ist sicherlich ebenfalls ein Verdienst der Auswahl. Und auch die Tempi: Die Besinnlichkeit von Mendelssohns ‟Denn er hat seinen Engeln befohlen‟ hebt Chiacchiarini nicht auf. Wer jedoch die getragene Vortragsweise des Stückes bei der Beerdigung von Helmut Schmidt noch im Ohr hat, erlebt hier ein deutlich fließenderes Tempo, was dem Anlass auf jeden Fall gerecht wird. Lebhaft ebenfalls Verdis ‟Libera me – dies irae‟, das in Tempo, Anspruch und seiner barocken Fülle möglicherweise auch Carl Orff beeinflusst haben mag.

Viel getragener und besinnlicher, aber auch partiell mit einer gewissen Monumentalität ausgestattet, ist dagegen ‟Denn alles Fleisch, es ist wie Gras‟ aus ‟Ein deutsches Requiem‟ von Johannes Brahms. Hier kann das Ensemble erneut unter Beweis stellen, dass es auch die leisen Töne beherrscht. Vor der Verabschiedung in die Pause schließlich ein weiterer Höhepunkt: Das Credo aus der argentinischen ‟Misa Tango‟ (Martín Palmeri), das das Collegium Musicum vor zwei Jahren fulminant in der Heiligkreuzer Kirche zur Aufführung brachte und das in seiner neuerlichen Aufführung die Erinnerung sofort wieder aufleben lässt. Interessant: Chiacchiarini teilt dem Publikum mit, dass der Komponist auf Wunsch eigens für das Collegium Musicum sein Werk um einen Bläsersatz angereichert hat, der dem Komponisten bei der Trierer Aufführung vor zwei Jahren dann so gut gefiel, dass er das Stück in der Form auch in Buenos Aires zu Gehör brachte.

Ein Blick aus der Vogelperspektive

Sommerliches Ambiente und römisches Erbe

Schwungvoll eröffnet das Orchester nach der Pause mit zwei Werken die Fortführung des Konzertes. Den Auftakt bildet der ‟Tanz Nr. 8‟ aus ‟Slawische Tänze‟ von Antonín Dvořák. Nicht minder schwungvoll, wenn auch kompositionsbedingt nicht mit dem gleichen Feuer, die Fortführung mit ‟Tanz Nr. 1‟ (‟Ungarische Tänze‟) von Johannes Brahms.

Und dann kommt einmal mehr das sommerliche Ambiente des Amphitheaters zur Geltung, das an diesem Abend glatt mit Verona konkurrieren könnte. Noch einmal Verdi, diesmal ‟Va, pensiero‟ aus der Oper ‟Nabucco‟, landläufig besser bekannt als der ‟Gefangenenchor‟. Eine Komposition mit Gänsehautgefühl, das Orchester und Chor auch prompt realisieren.

Und wie führt man die italienische Leichtigkeit fort? Am besten mit einer temperamentvollen Komposition eines zeitgenössischen mexikanischen Komponisten. Hier hatte sich Mariano Chiacchiarini für den Tanz Nr., 2 (‟Danzón No. 2‟) von Arturo Márquez entschieden, was ohne Zweifel eine gute und richtige Wahl war.

Immer für einen Spaß zu haben: Mariano Chiacchiarini

Den Schlusspunkt bei der Reihe der Tänze setzen schließlich die ‟Polowetzer Tänze‟ aus der Oper ‟Fürst Igor‟ von Alexander Borodin. Hier ist insbesondere der Chor gefordert, muss der Text doch auf Russisch gesungen werden. Das eingängige, schwebende Leitthema hat an diesem Abend wohl jeder der Besucher im Ohr, die schwierigen und zuweilen etwas sperrigen Zwischenpassagen, die von Krieg und Kampf erzählen, heben die Komposition aber aus der Austauschbarkeit des Banalen hervor. Keine einfache Herausforderung für Chor und Orchester, der beide aber mit Bravour gerecht werden.

Logisch, dass nach diesem perfekt vorgetragenen Programm die Konzertbesucher noch eine Zugabe einfordern. Beim ‟Radetzky-Marsch‟ (Johann Strauss sen.) ist vor allem das Orchester gefordert, Chor und Publikum begleiten gemeinsam klatschend die Musik. Und, na klar, jetzt ist die Stimmung erst richtig gut. Das Collegium Musicum lässt sich nicht lumpen. Noch einmal gibt es ‟O Fortuna‟, und damit endet ein Klassik-Open Air, das die Latte für künftige Veranstaltungen sehr hoch gelegt hat.

Maßgeblichen Anteil am Gelingen des Konzertes kann das das Trierer Unternehmen ProMusik für sich reklamieren, das sowohl für die Bühne wie auch den Ton und das Licht verantwortlich zeichnete.


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Kultur Hinterlasse einen Kommentar

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