Eine sympathische Krimi-Autorin, die es blutig mag

Ist auch eine unterhaltsame erzählerin: Nele Neuhaus

Ist auch eine unterhaltsame Erzählerin: Nele Neuhaus. Fotos: Rolf Lorig

BITBURG. Wie kann man eine Veranstaltungsreihe besser eröffnen? Am Freitag startete in der Bitburger Stadthalle das 12. Eifel Literatur Festival. Mit dabei waren die Queen der deutschen Krimiautoren, Nele Neuhaus, ein glänzend aufgelegter Josef Zierden, der in seiner Funktion als Festival-Leiter humorvoll und professionell durch den Abend führte sowie über 800 Gäste, die begeistert einem Auftakt nach Maß applaudierten.

Von Rolf Lorig

Wer schon mal Krimis von Nele Neuhaus gelesen oder die Verfilmung eines ihrer Bücher gesehen hat, weiß, dass die blonde 49-Jährige nicht gerade zimperlich ist, wenn es um die Menge oder die Auffindung ihrer Leichen geht. Neuhaus mag es gerne blutig, und wenn sie beispielsweise schildert, wie ein Geschoss einen Kopf zerfetzt, dann sollten auch ihre Leser nicht gerade zimperlich sein.

Nele Neuhaus – ein Monster? Beileibe nicht. Wer die Schriftstellerin an diesem Abend in der Stadthalle erlebte, registrierte eine charmante und humorvolle Frau, die genauso gut Pfarrerin, Bibliothekarin oder Apothekerin hätte sein können. Sie gehe gerne mit ihrem Hund spazieren, verriet sie. Und eigentlich habe sie kein ängstliches Naturell. Aber: “Seit ich Krimis schreibe gruselt es mich manchmal, wenn ich im Wald einen Baumstamm sehe. Denn in meiner Phantasie male ich mir aus, dass da ja eine Leiche hinter liegen könnte…”

Für ihre Bücher bereitet sie sich gerne intensiv vor. Dazu gehört, dass sie forensische Berichte liest, die erklären, welche Stadien eine Leiche bei der Verwesung durchläuft. Oder sie lässt sich von ihrem Lebenspartner – er wurde als Scharfschütze bei der Bundeswehr ausgebildet – genauestens in die Denkweise eines Heckenschützen einführen.

Bestens aufgelegt: Nele Neuhaus und Josef Zierden

Bestens aufgelegt: Nele Neuhaus und Josef Zierden

Nele Neuhaus ist eine geschickte und sehr gute Erzählerin. Selbst wenn sie völlig belanglose Dinge aus ihrem Alltag erzählt, hängt ihr das Publikum förmlich an den Lippen. Was die Autorin auch zu honorieren weiß: “Es ist unglaublich, wie still und leise über 800 Menschen sein können…”

Natürlich hat sie auch Kostproben ihres literarischen Schaffens mitgebracht. An diesem Abend liest sie aus “Die Lebenden und die Toten”, ihrem 2014 im Ullstein Verlag erschienenen Roman. Dabei wird allerdings deutlich, dass sich die Trostlosigkeit und Düsternis ihrer Handlungen, die sich mit der von skandinavischen Autoren durchaus vergleichen kann, beim Vorlesen nicht einstellen will. Denn wenn Neuhaus mit warmer und sympathischer Stimme auch schon mal hessische Mundart vorträgt, dann stellt sich eher ein Lächeln denn ein Gruseln ein. Einmal mehr wird hier der Beweis geführt, dass Lesen Kino im Kopf ist. Der Autor mag die Handlung und die Dialoge vorgeben, die Bilder entstehen erst beim Lesen im Kopf.

Am Anfang gab es nur Absagen

Ein wenig erinnert der Werdegang von Nele Neuhaus an die geistige “Mutter“ von Harry Potter, Joanne K. Rowling. Beide Autorinnen erhielten am Anfang von Verlagen nur Absagen. Nele Neuhaus aber glaubte an sich, verlegte ihr Erstlingswerk im Eigenverlag. Es war dem Tipp einer Buchhändlerin zu verdanken, dass 2007 schließlich doch ein Verlag auf die noch junge Autorin aufmerksam wurde. Heute hat sie eine Gesamtauflage von sechs Millionen Exemplaren und ihre Bücher werden in 31 Sprachen übersetzt.

Vor zehn Jahren hat Neuhaus ihr erstes Buch geschrieben. Sie erinnere sich noch gut an ihre erste Lesung, erzählt sie lächelnd. Zwei zahlende Gäste seien da gewesen. Für den Fall, dass die Presse kommen sollte, war die ganze Familie angetreten. Denn in der Zeitung sollte doch stehen, dass ein gutes Dutzend Menschen zu der Lesung gekommen war…

Das sind diese kleinen Momente, die Nele Neuhaus so sympathisch machen. Trotz ihres Erfolges scheint sie mit den Füßen auf dem Boden geblieben zu sein. Obwohl eine Restunsicherheit bleibt: Vielleicht ist sie doch sehr viel geschäftstüchtiger, als der äußere Schein vorgibt. Denn wenn sie so völlig entspannt mit ihrem Publikum plaudert oder aus ihrem Buch liest, dann purzeln die Produktnamen von quasi so ganz nebenbei, dafür aber en masse, in das Ohr des Publikums. Worauf man sich irgendwann die Frage stellt, ob das gerade ein gezieltes und damit bestelltes Product-Placement – oder Schleichwerbung – war, oder ob tatsächlich der reine Zufall seine Hand im Spiel hatte…

Viele nutzen die Gelegenheit und lassen ihre Bücher von Nele Neuhaus signieren.

Viele nutzen die Gelegenheit und lassen ihre Bücher von Nele Neuhaus signieren.

Kein Wunder, dass Festival-Leiter Josef Zierden seine helle Freude an dem prominenten Gast hatte. Hatte er schon in seiner Begrüßung mit der ihm eigenen geschliffenen Art seine Formulierungskunst eindrucksvoll unter Beweis stellen können, so überzeugte er auch im Duett mit Nele Neuhaus bei der obligatorischen Gesprächsrunde. Gekonnt warfen sich zur Freude des Publikums die beiden Wortkünstler gegenseitig die Bälle zu. Und so erfuhren die Gäste auf höchst unterhaltsame Art, dass der Vater von Nele Neuhaus in Trier geboren wurde und dort aufgewachsen ist. Obwohl sie selbst in Münster zur Welt kam, ist Cornelia Löwenberg, so ihr richtiger Name, die Moselstadt aber auch die Eifel nicht fremd.

Sicherlich wäre das Publikum noch länger in der Stadthalle geblieben, um Nele Neuhaus und Josef Zierden zu lauschen. Aber da war ja noch die Signierstunde. Und als sich der Festival-Leiter bei seinem Gast schließlich mit einem hochprozentigen Produkt aus der Eifel bedankte, wurde er mit einem Versprechen belohnt: Sie komme gerne wieder zu einer neuerlichen Lesung in die Eifel, versprach Nele Neuhaus. (rl)


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