Eine traurig schöne Überlebensgeschichte

Hermann Simon, Gründungsdirektor der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum – liest im Trifolion aus den Memoiren seiner Mutter. Foto: Anna Fischer

ECHTERNACH. Berlin 1942: Die Verhaftung durch die Gestapo steht unmittelbar bevor. Die junge Jüdin Marie Jalowicz will leben und taucht unter. Über 65 Jahre danach, am 1.Februar 2018, liest ihr Sohn Hermann Simon um 20 Uhr aus den spannenden Memoiren seiner Mutter im Trifolion Echternach. Diese Lesung ist ein Projekt der Gemeinde Echternach und vielen ortansässigen Akteuren und ist Teil der Veranstaltungsreihe “Trifolion Literatur”.

Offen und schonungslos schildert Marie Jalowicz, was es heißt, sich Tag für Tag im nationalsozialistischen Berlin durchzuschlagen: Sie braucht falsche Papiere, sichere Verstecke und sie braucht Menschen, die ihr helfen. Vergeblich versucht sie, durch eine Scheinheirat mit einem Chinesen zu entkommen oder über Bulgarien nach Palästina zu fliehen. Sie findet Unterschlupf im Artistenmilieu und lebt mit einem holländischen Fremdarbeiter zusammen.

Immer wieder retten sie ihr ungewöhnlicher Mut und ihre Schlagfertigkeit – der authentische Bericht einer außergewöhnlichen jungen Frau, deren unbedingter Lebenswille sich durch nichts brechen ließ. Verrat und Menschlichkeit, Grausamkeit und uneigennützige Hilfsbereitschaft – Jalowicz schildert mit ihrem Berliner Witz das soziale Milieu ihrer Zeit, ihrer Bekannten, ihrer Helfer und ihrer Verräter. Ihre Erlebnisse “gehen nicht in Gegensatzpaaren auf wie Verfolger – Helfer, Judenfreunde – Judenfeinde. Sie lassen sich weder auf bestimmte Personengruppen noch auf Individuen trennscharf anwenden“ urteilt die ZEIT über Jalowiczs Memoiren. “Vielmehr trugen viele, wahrscheinlich die meisten Menschen beides in sich: Gleichgültigkeit und gelegentliche Hilfsbereitschaft, humanes und rassistisches Verhalten, dunklere und hellere Seiten.“

Hermann Simon, Sohn von Marie Jalowicz Simon, Historiker und Gründungsdirektor der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum – veranschaulicht genau diese vielfältigen menschlichen Verhaltensformen in der Lesung, schildert skurrile Anekdoten und eine Überlebensgeschichte, die fast zu (traurig) schön ist, um wahr zu sein. (tr)


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Erstellt am Autor trier reporter in Die Reporter-Meldungen, Featured, Trifolion Hinterlasse einen Kommentar

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