“Eine Unterversorgung an Hebammen im Umkreis”

Hebamme Sabine Thul arbeitet als angestellte Hebamme im Klinikum Mutterhaus. Hier betreut sie gerade Petya Budinova-Rubick und ihre kleine Tochter Viktoria. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Das Thema ist nicht neu, doch weil noch keine tiefgreifende Lösung gefunden wurde, beschäftigt es weiter die Menschen. Genauer gesagt geht es um die Zukunft von Hebammen. Was viele als “den schönsten Beruf der Welt” apostrophieren, ist tatsächlich eher ein Trauerspiel in Deutschland. Problematische Arbeitszeiten, ein enormes Arbeitspensum, dazu eine zu geringe Entlohnung und horrende Haftpflicht-Versicherungsbeiträge für freie Hebammen − das alles sorgt dafür, dass es derzeit kaum Nachwuchs für diesen Beruf gibt. Für den reporter hat sich Rolf Lorig zum diesem Thema umgeschaut und die verschiedensten Eindrücke zusammengetragen.

‟In Deutschlands Kreißsälen fehlen vielerorts Hebammen‟ titelte vor wenigen Tagen die Ruhr Nachrichten und stellte fest: ‟So manchen Kreißsaal bringt das an seine Kapazitätsgrenze.” Ähnlich die Situation in Offenbach. Einige hessische Kliniken hätten Frauen an Kreißsälen bereits abgewiesen, weiß das Internetportal der Offenbach-Post, op-online.de, zu berichten, wobei man sich unter anderem auf eine Quelle beim Verein ‟Mother Hood‟ bezieht. Und dort wird man konkret: ‟ Die aktuelle Situation in der Geburtshilfe verschlechtert sich; es gibt zunehmend Kreißsaal-Schließungen, Personalmangel in den Kliniken und große Lücken in der Hebammen-Versorgung. Das gefährdet die Gesundheit von Müttern und Neugeborenen‟, so der Verein.

Folgt man dem Statistischen Landesamt, so hat in Rheinland-Pfalz die Zahl der Hebammen in 2016 (1183) gegenüber dem Vorjahr (1139) jedoch leicht zugenommen. Und in Trier? “Die Zahl der freiberuflich tätigen Kolleginnen ohne Geburtshilfe schwankt bedingt durch eigene Familienplanungen stetig. Zudem gibt es Kolleginnen, die in sehr geringem Maße tätig sind. Das sind ein bis zwei Familien pro Monat. Oder auch in hohem Maße, sie betreuen zehn bis zwölf Familien pro Monat”, weiß Ute Bösen. Sie ist die erste Kreisvorsitzende im Hebammenverband Trier/Saarburg − Bitburg/Prüm. Die genaue Zahl der hier tätigen Hebammen kennt sie aufgrund von mangelnder Erhebungen nicht. Denn: “Es gibt Hebammen, die sich erst gar nicht auflisten lassen oder kurzzeitig pausieren. Faktisch haben wir jedoch auf jeden Fall eine Unterversorgung hier im Kreis.”

‟Wir sind zum Monopolisten geworden, ohne dass wir dieses Ziel verfolgt haben“

In Trier ist das Mutterhaus mit seinen beiden Häusern in der Stadtmitte und in Ehrang die einzige Geburtsklinik für Stadt und Umland. 22 fest angestellte Hebammen arbeiten im Klinikum Mitte, weitere 21 am Standort Ehrang. Jedoch nicht alle in Vollzeit. ‟Um mögliche Vakanzen etwa durch Krankheit, Mutterschutz und Elternzeiten auszugleichen, sind Hebammen-Stellen ganzjährig ausgeschrieben‟, sagt Kliniksprecherin Helga Bohnet.

In den vergangenen vier Jahren haben gleich fünf Krankenhäuser in und um Trier ihre Kreißsäle aufgegeben. Lediglich in Saarburg gibt es noch ein Geburtshaus mit einer mittleren zweistelligen Geburtsrate. Weshalb das Einzugsgebiet des Klinikums nun in der Eifel bis Gerolstein, an der Mosel bis Zell und im Hunsrück bis Hermeskeil reicht.

Chefarzt Wolfgang Thomas sitzt mit am Runden Tisch, der in der Region zukunftsfähige Bedingungen für Hebammen und angehende Eltern erarbeiten will.

2400 Geburten − 1700 am Standort Mitte und 700 in Ehrang − weist die Statistik des Hauses für dieses Jahr aus. ‟Wir sind durch die Schließungen ringsum zum Monopolisten geworden, ohne dass wir dieses Ziel verfolgt haben“, sagt Wolfgang Thomas, der Ärztliche Direktor im Klinikum Mutterhaus und Chefarzt der Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin. ‟In der Tat haben auch wir einen permanenten Bedarf an Hebammen‟, bestätigt Thomas. Den Betrieb sieht er jedoch nicht gefährdet.

Genug zu tun haben die Hebammen auf jeden Fall. Denn die Geburtshilfe ist nur ein Teilbereich des Berufes.  Der Hebammen Landesverband-Rheinland-Pfalz klärt auf: ‟Sie bieten Geburtsvorbereitung, Hilfe bei Schwangerschafts-Beschwerden und Geburtshilfe an − im Haus der jungen Familie, im Geburtshaus oder in einer Belegklinik. Sie überwachen den Wochenbettverlauf und die Entwicklung des Neugeborenen, bieten Stillberatung und Ernährungsberatung bis zum 9. Lebensmonat des Babys an. Sie leiten Kurse zur Rückbildungsgymnastik und stehen für alle Fragen rund um die junge Elternschaft bereit.”

Ein breites und abwechslungsreiches Aufgabenfeld. Doch wo liegen nun die Ursachen für den Mangel an Nachwuchs? Einen Grund sieht Chefarzt Wolfgang Thomas im System einer Klinik: ‟Ein Krankenhaus ist immer im Dienst, an 365 Tagen, rund um die Uhr. Um diesen Betrieb sicherzustellen, ist ein Schichtdienst unabdingbar. Das wiederum ist eine Belastung für das Familienleben. Für eine Hebamme, die selbst Kinder hat, ist dieses Arbeitsmodell dann oft unattraktiv. Allerdings haben Hebammen die Möglichkeit, außerhalb der Geburtshilfe in den anderen Bereichen ihrer Betreuung tätig zu sein. Das hat dann auch den Vorteil, dass sie wie ihre an Kliniken fest angestellten Kolleginnen nicht diese horrenden Haftpflicht-Versicherungsprämien zahlen müssen.”

Und diese Versicherungsprämien haben es auf den ersten Blick ins sich. Der GKV, das ist der Spitzenverband Gesetzliche Krankenversicherungen, hat diese Beträge aufgelistet. Danach kostete noch 2010 die Berufshaftpflichtversicherung für freiberufliche Hebammen mit Geburtshilfe 3.689 Euro, bis 30. Juni 2017 belief sich dieser Betrag auf 6.843 Euro. Zum 1. Juli 2017 stiegen die Kosten auf 7.639 Euro (Betrag jeweils für zwölf Monate). Im kommenden Jahr rechnet man damit, dass die 8.000er Marke überschritten wird und 2020 sollen die Kosten 9.098 Euro pro Jahr betragen.

Einstiegsgehalt einer Hebamme liegt zwischen 2000 und 2400 Euro

Lange Zeit war das der zentrale Punkt, weshalb sich immer mehr freiberuflich tätige Hebammen aus der Geburtshilfe verabschiedet haben. Doch hier wurde 2016 eine Lösung gefunden, dazu noch einmal der GKV: “Die Refinanzierung der Berufshaftpflicht-Versicherung erfolgt durch die Krankenkassen in vier gleich großen Raten. Sie werden jeweils rückwirkend zum 1. Januar und 1. Juli eines Jahres ausgezahlt, wenn die Hebamme eine geburtshilfliche Leistung pro Quartal und den Abschluss einer Berufshaftpflichtversicherung nachweist und beim GKV-Spitzenverband den Sicherstellungszuschlag beantragt. Damit werden insbesondere Hebammen in strukturschwachen Regionen unterstützt, in denen es nur wenige Geburten gibt. Sowohl ein hoch aufwendiges Antragsprozedere für Hebammen als auch eine für Krankenkassen komplexe Prüfpraxis wird so vermieden.” Offenbar eine Frage der Sichtweise, denn immer wieder berichten Hebammen “von einem hohen bürokratischen Aufwand”.

Und wie sieht es um das Einkommen einer Hebamme aus? Bei einer Hebamme im öffentlichen Dienst liegt das Gehalt  durchschnittlich zwischen 2000 und 2400 Euro bei Berufseinstieg und kann sich bis auf 2800 Euro brutto steigern. Hinzu kommen Aufschläge für Überstunden, Nachtarbeit und Arbeit an Sonn- und Feiertagen.

Mit ihrem Beitrag zur Illuminale macht Hebamme Anja Lehnertz auf die Situation der Hebammen in Deutschland aufmerksam.

Anja Lehnertz, die als eine der ersten Hebammen medienstark auf die Schwierigkeiten ihres Berufsstandes aufmerksam gemacht haben, konkretisiert diese Zahlen: “Sicher kann eine selbstständige Hebamme mehr verdienen als eine angestellte Hebamme. Aber sie trägt das unternehmerische Risiko und auch alle Sozialversicherungen selber. Wer viel arbeitet, kann auch vom Hebammenjob leben. Doch trotz gerade stattgefundener Gebührenerhöhung sind wir noch weit weg von einer angemessenen Bezahlung im Verhältnis zu Arbeit, Verantwortung und persönlichem Engagement. Eine Beispiel aus der jüngeren Zeit: Ich habe eine Frau fünf Stunden betreut, weil sie in eine akute Psychose nach der Geburt des Kindes gerutscht ist. Mit Gespräch und Information der Psychiater und anschließender Einweisung kamen die Stunden schnell zusammen. Ich werde genau 39 Euro plus Wegegeld abrechnen können. Klar hätte ich auch nach 20 Minuten − das ist die Zeit, die eine Krankenkasse für eine Hausbesuch als Rechengrundlage nimmt − gehen und dem völlig überfordertem Vater die Organisation der Dinge überlassen können. Das hätte ich aber nicht mit meinem Gewissen vereinbaren können.”

“Das Angestelltenverhältnis vermittelt Sicherheit”

Ein anderes Thema ist die hohe Arbeits- und damit auch Gesundheitsbelastung bei den freiberuflichen Hebammen. Noch einmal Anja Lehnertz: “Burn out der Kolleginnen, hoher Krankheitsstand, unbesetzte Stellen, weil wir kein Personal mehr finden auf dem freien Markt. Eine Klinik-Hebamme betreut im Schnitt drei bis sechs Frauen gleichzeitig plus Telefon und muss sich um die administrativen Arbeiten kümmern. So wundert es nicht, dass die Verweildauer einer Hebamme im Beruf etwa drei bis fünf Jahre beträgt. Dazu kommen hohe Scheidungsraten.”

Szenenwechsel. Sabine Thul arbeitet als fest angestellte Hebamme im Klinikum Mutterhaus der Borromäerinnen. Auch sie kennt die Situation der freien Kolleginnen. ‟Das Angestelltenverhältnis und die Arbeit in der Klinik vermitteln Sicherheit‟, sagt sie. Besonders bei kritischen Situationen während der Geburt schätzt sie das schützende Netz, das eine Klinik sowohl für die Mütter wie auch für die Hebammen zur Verfügung stellt. ‟Bei jeder Geburt kann es zu unvorhergesehen Zwischenfällen kommen‟, weiß die Hebamme aus ihrer 27-jährigen Berufserfahrung. Der Drei-Schichten-Betrieb stellt für sie kein großes Problem dar, ist für sie sehr gut mit der Familie vereinbar.

Das Problem des fehlenden Nachwuchses will das Trierer Klinikum nun auf mehreren Wegen aktiv angehen. Zum einen ist man an Hebammen interessiert, die mit der Flüchtlingswelle nach Deutschland gekommen sind. ‟Voraussetzung ist, dass die Ausbildung mit der deutschen vergleichbar ist”, schränkt der Ärztliche Direktor aber ein. Und noch etwas ist ihm wichtig: ‟Deutsche Sprachkenntnisse müssen gegeben sein, da die Hebamme mit der werdenden Mutter kommunizieren muss.” Kliniksprecherin Helga Bohnet weist hier auf einen weiteren Aspekt hin: ‟Bei der großen Zahl an Frauen, die mit der Flüchtlingswelle zu uns gekommen sind, wäre es auch sehr gut, wenn wir Muttersprachlerinnen in unseren Reihen hätten, die der türkischen oder der arabischen Sprache mächtig sind.”

Während hier die Suche läuft, bereitet man sich darüber hinaus noch auf eine andere Weise vor. Ab dem kommenden Jahr stellt das Klinikum jährlich fünf Ausbildungsplätze zur Verfügung. ‟Nachdem wir im Spätsommer die Genehmigung zur Ausbildung aus Mainz erhalten haben, wollen wir im nächsten Sommer, also rechtzeitig zu Beginn des Ausbildungsjahres 2018 an den Start gehen‟, sagt Chefarzt Wolfgang Thomas. Seinen Worten zufolge werden die angehenden Hebammen dann ihr praktisches Rüstzeug in Trier erhalten. Für die Theorie wird die staatlich anerkannte Hebammen-Schule am Klinikum Kemperhof in Koblenz zuständig sein.

Auch die Unterweisung einer Mutter beim Stillen gehört zu den Aufgaben einer Hebamme.

Ähnlich gelagerte Überlegungen gibt es auch an der Hochschule Trier, wo Vizepräsident Andreas Künkler laut über die Einrichtung eines Bachelor-Studienganges ‟Hebammen-Kunde‟ an der Hochschule Trier nachdenkt. Für Wolfgang Thomas ist das vor dem Hintergrund der Diskussion um die Akademisierung der pflegerischen Berufe durchaus ein Schritt in die richtige Richtung.

Kreisverwaltung Trier-Saarburg und Stadt Trier sind mit im Boot

Auch die Politik arbeitet an dem Thema mit. Im August gab es unter dem Titel “Perspektiven zur Gesundheitsvorsorge durch Hebammen‟ an der Kreisverwaltung Trier-Saarburg eine Gemeinschaftsveranstaltung mit der Stadt Trier, an der sich unter anderem Krankenkassen, Hebammen- und Interessenverbände sowie das Klinikum Mutterhaus beteiligten. Für Chefarzt Thomas war das ein längst überfälliger Schritt. Er zeigte sich froh darüber, dass endlich alle Beteiligten das Gespräch suchen. Wie fruchtbar dieses Gespräch war, zeigte sich daran, dass prompt ein Runder Tisch vereinbart wurde.

Bereichsleiter Joachim Christmann von der Kreisverwaltung Trier erinnert sich: ‟Beide Kommunen, Stadt und Kreis, haben schon seit Jahren diesbezüglich eine Not-Sprechstunde, zudem gibt es über den Träger SKF auch eine koordinierende Tätigkeit. Wir wollen nun alle diese Angebote in gemeinsamen Gesprächen zusammenführen und ausbauen.” Erste Ideen seien bereits ausgetauscht worden, und man sei auf einem guten Weg, sagt der Bereichsleiter. Mit ersten spruchreifen Ergebnissen wollen die Teilnehmer des Runden Tisches laut Christmann am 30. Januar an die Öffentlichkeit treten.

Dass das funktioniert, darauf hofft auch Ute Bösen, die mit in der Runde sitzt. Sie begrüßt darüber hinaus die Initiative des Mutterhauses: “In der praktischen Ausbildung von Kolleginnen im Mutterhaus steckt auf jeden Fall die Chance, langfristig eine Verbesserung der Hebammenversorgung sowohl im angestellten als auch im freiberuflichen Bereich zu erreichen. Voraussetzung ist die Umsetzung einer hochqualifizierten Ausbildung, damit der Verbleib der fertig ausgebildeten Hebammen hier in der Region auch attraktiv für sie ist. Das bedeutet auch, dass die Rahmenbedingungen gut sein müssen.” Und auch daran würden die Teilnehmer am Runden Tisch gemeinschaftlich und institutionsübergreifend arbeiten.


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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