“Erschöpfte Lehrer, Bildung tritt in den Hintergrund“

Michael Winter und seine Lehrbeauftragte Elisabeth Tressel. Foto: Rolf Lorig

Michael Winter und seine Lehrbeauftragte Elisabeth Tressel. Foto: Rolf Lorig

TRIER. Was können Schulen für sozial benachteiligte Schüler tun? Kann eine weiterführende Schule wie die Realschule plus in sozial benachteiligten Stadtteilen zur Chancengleichheit beitragen? Der Gymnasiallehrer Michael Winter ist fest davon überzeugt. Im Rahmen seiner Masterarbeit an der Universität Trier verfasste er eine empirische Untersuchung, die sich mit “Möglichkeiten und Grenzen von Schulen im Umgang mit sozialer Ungleichheit“ auseinandersetzte. Die Ergebnisse dieser Arbeit trug er im Fachbereich Raum- und Umweltwissenschaften im Rahmen eines gut besuchten Vortrages vor.

Es gibt Themen, denen wünscht man ein ganz bestimmtes Publikum. So auch im Fall des Vortrages von Michael Winter. Studenten und Lehrer waren gekommen, um den  Ausführungen zu lauschen. Schön wäre es gewesen, wenn auch das Fachpublikum der ADD an diesem Nachmittag den Weg zum Campus II der Universität Trier gefunden hätte. Denn was Michael Winter da an Ergebnissen zusammengetragen hatte, sollte alle Verantwortlichen in Sachen Bildung hellhörig machen. Denn für Winter, derzeit als Aushilfslehrer an der Grundschule St. Martin tätig, steht fest, dass insbesondere das wenig populäre Schulmodell Realschule plus zur Chancengleichheit beitragen kann.

Drei Mal Realschule plus

Für seine Untersuchung hatte Winter drei dieser Schulen unter die Lupe genommen: Die Realschule plus in Ehrang, die Nelson Mandela-Schule in Trier-Süd und die Kurfürst-Balduin Schule in Trier-West. Im Laufe seiner Arbeit machte er die Entdeckung, dass Schüler aus sozial benachteiligten Wohngebieten deutlich höhere Anforderungen an das Verhalten der Lehrkräfte stellen. Während in sozial bessergestellten Gebieten das Verhalten heranwachsender Kinder durch das Aufwachsen in den Familien von einem festen Regelwerk begleitet wurde, fehlte im anderen Fall dieses Regelwerk ganz oder teilweise. Eine Ursache sah der Lehrer darin, dass die Eltern schon früh ihre Verantwortung an Institutionen wie einen Kinderhort abgegeben hatten. Während für andere Kinder das Einnehmen von gemeinsamen Mahlzeiten ein gewohntes Ritual war, fehlte das ihren Altersgenossen. Neben einem schlechten oder gar nicht vorhandenen Sozialverhalten mangelte es zudem auch an einer echten Kommunikation. Woher soll die auch kommen, wenn Eltern ihre Kinder lieber vor den Fernseher setzen statt gemeinsam mit ihnen zu spielen oder zu sprechen, lautete die rhetorische Frage. Daraus resultiere auch das Einsetzen von körperlicher Gewalt in der Konfliktlösung: “Wenn Worte fehlen, müssen Taten diese ersetzen.“

Einen Ausweg aus der Misere sieht Michael Winter in gemeinsamen Anstrengungen, an denen sich neben Kindern, Lehrer und Eltern auch weitere Gruppen beteiligen müssten. Als Beispiele benannte er neben Schulleitern Politiker, Sozialarbeiter, Quartiermanager und Stadtplaner. Der größte Handlungsbedarf liege in der Vereinbarung von Theorie und Praxis: “Wenn man keinen Einblick in die Schulen hat fällt es schwer zu beurteilen, wo es hakt.“

Wo es genau hakt, das versuchte er in Interviews mit Schulleitern herauszufinden. Die Antworten seien immer gleich gewesen: Ein eigenes, ausreichendes Budget, mehr Räume und mehr Personal, eine größere Sensibilisierung für die Thematik sowie eine Priorisierung. Die Lehrer seien sehr belastet, die Sorge vor der Entstehung neuer problembeladener Quartiere wachse. Das Ergebnis: “Erschöpfte Lehrer, Bildung tritt in den Hintergrund.“

Eltern kann man am besten über motivierte Kinder erreichen

Um diese Situation zu vermeiden, müssten alle Parteien an einem Strick ziehen und gemeinsam über Angebote sprechen. Eltern könne man am besten über motivierte Kinder erreichen, eine andere Möglichkeit sei die Ansprache durch Quartiermanager, denen die Menschen vertrauten. Lehrer müssten die Schüler dort abholen, so sie aktuell stünden. Die Motivation der Kinder könne durch das gezielte Einbeziehen von musischen Fächern gesteigert werden, indem man so gezielt ihre Interessen bedienen würde. Dabei gelte es auch, ein funktionierendes Zusammenleben vorzuleben sowie nicht vorhandene Regeln zu implantieren, indem man diese spielerisch erläutere.

Den Eltern müsse man Anlaufstellen bieten und Treffpunkte auf ungezwungener Ebene bieten. Daneben gelte es Erziehungsangebote zu erarbeiten und zur Stärkung des Selbstgefühls bei Arbeitslosen mit einem Berufscoaching weiter zu helfen. Dabei sei Fingerspitzengefühl von Nöten: “Die Eltern dürfen uns auf keinen Fall als Widersacher empfinden.“ Vielmehr müsse eine Situation geschaffen werden, die den Wert der Bildung deutlich mache. Darüber hinaus sei es wichtig eine Tagesordnung zu reaktivieren und Strukturen zu implementieren.

Die genaue Vorgehensweise müsse von allen Beteiligten am runden Tisch erarbeitet werden; auch hier komme den Quartiersmanagern eine wichtige Rolle zu. Die Ergebnisse sollte ein Moderator in die Politik nach ober weitergetragen. Der Politik komme dann die Aufgabe zu, für die erforderlichen Mittel Sorge zu tragen. In der Rolle des Moderators sieht Winter entweder Sozialarbeiter, Quartiermanager oder auch pensionierte Lehrer: “Menschen mit hoher Sozialkompetenz, die auch Differenzen ausräumen können.“

Die Herausforderung in seiner Idee liege in der Bereitstellung von Personal und finanziellen Ressourcen, räumte der Gymnasiallehrer ein. Doch gebe es am Markt genügen qualifizierte Lehrer, die in diese Aufgabe einsteigen könnten. Winter ist sich bewusst, dass sein Modell einen hohen sozialen Einsatz einfordert und sehr zeitintensiv ist. Doch dürfe man sich nicht von Bedenken schrecken lassen sondern die Situation erfordere es vielmehr, die Möglichkeiten aktiv anzugehen. Winter ist sich sicher: “Man muss die Herausforderungen annehmen, wenn einem das Wohl der Kinder am Herzen liegt.“ (rl)


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft 3 Kommentare

3 Kommentare zu “Erschöpfte Lehrer, Bildung tritt in den Hintergrund“

  1. Leonards

    Toller Artikel! Bin eine Schülerin von Herr Winter in Englisch auf dem Gymnasium Konz. Eine Frage,welche Grundschule St. Martin? Die in Gusterath?

     
  2. Schneider

    Dieser Lehrer ist zu streng und gibt zu viele Hausaufgaben.Also von mir bekommt er einen Daumen 👍 drotzdem

     
  3. Jägerwald

    ja “drotzdem”, genau.

     

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