Für ein neues Stadttheater

Feuilletonist und Theaterkritiker Martin Eich (hier am 25. Oktober bei einer Podiumsdiskussion in Regensburg): "Die Existenz des Theaters wird nicht von denen bedroht, die wie FPD und AfD die Strukturfrage stellen, sondern von Apologeten einer argumentfreien, blinden Weiter-so-Ideologie." Foto: Tino Lex/Regensburg

Feuilletonist und Theaterkritiker Martin Eich (hier am 25. Oktober bei einer Podiumsdiskussion in Regensburg): “Die Existenz des Theaters wird nicht von denen bedroht, die wie FDP und AfD die Strukturfrage stellen, sondern von Apologeten einer argumentfreien, blinden Weiter-so-Ideologie.” Foto: Tino Lex/Regensburg

Die Weichen sind gestellt: Intendant Karl M. Sibelius ist schon weg, Kulturdezernent Thomas Egger wird am Montag folgen. Aber wie geht es mit dem Theater weiter, wenn die beiden Hauptverursacher der gegenwärtigen Krise nicht mehr im Mittelpunkt stehen und die strukturellen Defizite des Hauses vermehrt in den Blick geraten? Ist das Theater überhaupt reformierbar, haben die Stadtratsfraktionen aus der Affäre gelernt? Ein Essay von Martin Eich

Regensburg, 25. Oktober. Ich sitze im weiträumigen, hellen Redaktionsgebäude der Mittelbayerischen Zeitung. Mir gegenüber eine Wand aus Gesichtern, vor der sich unser Podium über, so der Titel der Veranstaltung, “(Irr)wege der finanziellen Förderung von Kunst und Kultur” streiten soll. Professor Armin Klein, Mitverfasser des umstrittenen Buches “Der Kulturinfarkt” und außer mir der einzige auswärtige Diskutant, hat mit seinem Einführungsreferat vorgelegt. Jetzt nutzt der Oberbürgermeister, seit Monaten durch eine undurchsichtige Spendenaffäre angezählt, die willkommene Gelegenheit, sich als Volkstribun zu inszenieren. Als der Strom seiner Allgemeinplätze endlich versiegt ist, wendet die Moderatorin sich an mich, und ich setze schon an, Kleins professorale Befunde abstrakt auf die Bühnenlandschaft zu übertragen. Doch die erste Frage hier, kurz vor der deutsch-tschechischen Grenze, gilt konkret einem Theater am anderen Ende der Republik: “Herr Eich, was ist momentan eigentlich in Trier los?”

Ich schüttele meine Überraschung ab, referiere aus dem Gedächtnis die Kerndaten der abgelaufenen Spielzeit, berichte mehrere Minuten über wegbleibende Besucher und ein Defizit, das sich – Duplizität der Ereignisse – gerade am Vortag nochmals um eine knappe Million Euro erhöht hat. Je länger ich rede, desto stiller wird es im Auditorium. Am Ende liegt bleischweres Schweigen über den Reihen. Manche der Zuhörer, die meisten dürften Theatermacher sein, sind bleich geworden. Andere schütteln langsam den Kopf.

Eine Episode, die als Gleichnis taugt. Karl M. Sibelius sollte das Haus am Augustinerhof ins Gespräch bringen, lautete der Auftrag; tatsächlich hat er es ins Gerede gebracht. Von Euphorie besoffen waren nicht nur Stadträte. “Karl wird dem Trierer Theater bundesweite, möglicherweise sogar europaweite Aufmerksamkeit bescheren”, orakelte Hermann Lewen, Intendant des Mosel-Musik-Festivals. Gerade einmal eineinhalb Jahre liegt das zurück. Zumindest national gilt: Mission accomplished. Wenn auch anders als gedacht und gewünscht. Das entlastet weder Intendant Sibelius noch Dezernent Thomas Egger, weitet aber den Kreis der Verantwortung. Die in ihm versammelt sind, wissen um ihre Versäumnisse. Und nivellieren.

Als ließe sich beides entkoppeln, wird in Trier immer noch die Mär von den schlechten Zahlen und der guten Kunst gepflegt. Das ist die letzte Verteidigungslinie derer aus Politik, Medien und Kulturszene, die Karl M. Sibelius kürten, zum Heilsbringer verklärten und selbst dann noch ihr Hosianna intonierten, als längst kritische Reflexion gefordert war; ein verzweifeltes Ringen um persönliche Rest-Legitimität, das scheitern muss. Bereits der oberflächliche Blick in die Theaterstatistik liefert Gegenbeweise: Ein ästhetisches und inhaltliches Angebot, bei dem man sich mittels durchschnittlicher Auslastungen von 43,4 (Oper, “Die Ausflüge des Herrn Broucek”), 39,2 (Schauspiel, “Das Cabinet des Dr. Caligari”), 25,0 (Tanz, “Ein neues Stück”) oder 41,4 Prozent (Schauspiel, “Molière”) im Parkett versuchsweise sozialer Vereinsamung aussetzen konnte, wird und darf niemals richtig sein. Denn Souverän jedes Intendanten, Richter jedes Spielplans ist das Publikum; Theatermacher, die solche Quoten verschulden, haben es weder im Blick noch im Sinn. Schlimmer: sie erheben sich über den Zuschauer, indem sie seine Interessen missachten. John Dew, damals scheidender Intendant in Darmstadt, hat es vor drei Jahren im Gespräch treffend formuliert: “Nichts ist wichtiger als das Publikum. Wir können nicht erwarten, dass Theater subventioniert werden, wenn wir munter und unverdrossen an den Bedürfnissen der Menschen vorbeiproduzieren. (…) Ja bitte, für wen machen wir das denn alles? Wem ist denn damit gedient, wenn wir vor leeren Sitzreihen spielen würden? Ich kann diese Arroganz dem Publikum gegenüber nicht verstehen.”

Die Resultate beider Denkschulen entfalten ihre eigene, je nach Standpunkt niederschmetternde oder erhebende Kraft. Statistisch besuchte jeder Darmstädter das Theater unter Dew zweimal jährlich; hingegen geht jeder zweite Trierer jährlich kaum mehr als einmal ins Theater. Eine Bilanz, viermal schlechter, obwohl das Darmstädter Haus sein Einzugsgebiet mit fünf Konkurrenten teilt und nicht wie das Theater Trier von einem regionalen Alleinstellungsmerkmal profitiert. So was kommt von so was, weiß der Volksmund, aber nicht der Volksfreund.

Ein imperativer Dreiklang

Sage niemand, es habe an Warnungen gefehlt. Ein Stadttheater Trier dürfe es nicht mehr geben, forderte Sibelius schon vor seiner Intendanz, und etablierte stattdessen das nichtssagende, aber irgendwie hip klingende Kunstwort “teatrier”. Ein Sprungbretttheater solle es werden, hieß es dann; ein Absprungtheater wurde es (als erstes sprang das Publikum). Nicht trotzdem, sondern deshalb. Denn dieser Leitung war die Stadt insgesamt und nicht nur deren Finanznöte gleichgültig. Was ein Fehler, welche Hybris gegenüber Trier und den Trierern! Und, ja, auch das: Welche Unkenntnis der Theatergeschichte! Denn das klassische spanische, das elisabethanische, das attische Theater – sie konnten nur zu Welttheatern werden, weil sie als Provinztheater auf ihr Publikum wirken wollten und Bezüge herstellten. Als Aischylos’ Trägodie “Die Perser” 472 v. Chr. am Fuß der Akropolis uraufgeführt wurde, lag es nur acht Jahre zurück, dass diese von den Invasoren zerstört worden war.

Und heute, hier in Trier? Ein Spielplan der Beliebigkeit, wie er an jedem schlecht geführten Theater zwischen Flensburg und Freilassing denkbar wäre. Der Ort wurde nicht zum Schauplatz. Obwohl es sich nicht nur in diesem Jahr angeboten hatte. Unweit von Trier, in Verdun, bluteten vor 100 Jahren zwei Heere aus, rangen Franzosen und Deutsche um jeden Quadratmeter. Nur an Mosel und Saar verdichtet sich die Geschichte beider Völker zu einem homogenen Gemenge, und eine gemeinsame Produktion des von Napoleon initiierten Theaters mit einem französischen Haus (Timo Krstins bemerkenswertes Militär-Stück “Berg” hätte kaum modifiziert werden müssen) – die frühere französische Garnison Trier wäre von Kulturjournalisten beider Länder überlaufen worden, der Prestigegewinn für Stadt und Theater nicht abschätzbar gewesen. Vertan. Wie so vieles.

Aus dem Urschlamm der Versäumnisse formt sich eine Erkenntnis: Es genügt nicht, Köpfe auszutauschen; Konzepte müssen sich ändern. Denn das Theater Trier ist gegenwärtig auf eine gefährliche Weise ort-, geschichts- und damit zukunftslos. Frei nach jener berühmten Definition André Bretons, die seinen Roman “Nadja” beschließt (“Die Schönheit wird KONVULSIV sein oder sie wird nicht sein.”): Das Theater Trier wird LOKAL sein oder es wird nicht mehr lange sein.

Auch eine andere Flanke gibt nach. Von Spielzeit zu Spielzeit schmilzt der Anteil des Theateretats, der für Kunst ausgegeben werden kann. Und kein weißer Ritter will vor dem Stadttor erscheinen, mögen die Wachen auch noch so sehnsuchtsvoll ins Umland blicken: Weder wollen die Landkreise sich finanziell am Theater beteiligen (wie es die FWG unlängst wieder vorschlug), noch wird die Landesregierung ihren Zuschuss erhöhen (was die Grünen unverdrossen fordern). Warum sollte sie auch? Bereits jetzt wird das Theater Trier gegenüber den Häusern in Koblenz und Kaiserslautern bevorzugt, bekommt 50 statt 40 Prozent seiner ungedeckten Ausgaben bezahlt. Trier müsse seine Hausaufgaben selbst machen, erklärte Kulturminister Konrad Wolf apodiktisch im September bei einer Ausschusssitzung in Mainz. Und wer in diesem Moment im Saal war, konnte die vibrierende Härte seiner Stimme bestaunen (Grüne aus Trier waren es, anders als SPD-Stadtrat Markus Nöhl, nicht).

Die Existenz des Theaters hängt an einem seidenen Faden, der sich immer mehr ausdünnt. Sie wird nicht von denen bedroht, die wie FDP und AfD die Strukturfrage stellen, sondern von Apologeten einer argumentfreien, blinden Weiter-so-Ideologie, an der bereits die “Titanic” scheiterte. Fragen können per definitionem nicht gefährlich sein; Ungemach resultiert immer aus fehlenden oder falschen Antworten. Keine Stadtratsfraktion will das Theater abschaffen oder zu einer reinen Bespieltstätte entkernen (wiewohl im Meinungskampf ebenso gebetsmühlenartig wie unredlich anderes behauptet wird), aber mathematische und logische Gesetzmäßigkeiten haben sich noch stets jeder Vorgabe als überlegen erwiesen. Das zu erkennen, definiert die Qualität von Politik; die richtigen Entscheidungen aus dieser Erkenntnis abzuleiten, adelt sie. “Es ist ein Zeichen der Weisen, die Dinge zu verlassen, bevor die Dinge sie verlassen”, schrieb der spanische Philosoph und Aufklärer Baltasar Gracián, ein Vorgänger Immanuel Kants, bereits Mitte des 17. Jahrhunderts. Übertragen auf das Hier und Jetzt Trierer Kulturpolitik formt sich daraus ein imperativer Dreiklang: Mut zur Realität! Mut zu zukunftsträchtigen Weichenstellungen! Mut zur Korrektur theaterinterner Fehlentwicklungen!

Denn daran herrscht noch immer und vom städtischen Rechnungsprüfungsamt unangefochten kein Mangel.

Beispiel Gäste

Das Theater Trier sei ein Ensembletheater, hieß und heißt es. Als solches müsse es erhalten bleiben. Richtig ist vielmehr: Es muss wieder ein Ensembletheater werden. Im Haushaltsjahr 2015 wurden 1,3 Millionen Euro für Honorare ausgegeben. Die Bayerische Staatsoper (Etat: 102,6 Millionen) hatte im gleichen Jahr 5,1 Millionen Euro dafür übrig, das Burgtheater Wien (Etat: 60,7 Millionen) in der vergangenen Spielzeit 761.000 Euro. Letzteres entspricht ungefähr dem finanziellem Aufwand, der schon während der Intendanz Gerhard Webers regelmäßig für Gäste betrieben wurde (z. B. 2013: 784.483 Euro, 2014: 781.068 Euro). Zwei der profitabelsten Häuser der deutschsprachigen Theaterlandschaft haben prozentual niedrigere Gästeetats als das Theater Trier, das bei der Eigenquote zu den Schlusslichtern gehört. Ein Ensembletheater?

Beispiel Tanzsparte

In den letzten drei Spielzeiten unter Gerhard Weber wurden jeweils nur zwei Produktionen herausgebracht, in der vergangenen und der laufenden Spielzeit waren beziehungsweise sollen es drei sein. Dafür wird die aufwendige Infrastruktur einer eigenständigen Sparte unterhalten, die zudem mit Susanne Linke und Waltraud Körver aus unerfindlichen Gründen zwei Leiterinnen braucht – auch so entsteht ein Rekorddefizit. Konfrontiert man einen der versiertesten Theatergeschäftsführer, den wir haben, mit diesem Missverhältnis zwischen Organisation und Produktion, erntet man als spontane Reaktion eine entgeisterte, aber aussagekräftige Frage: “Haben die an der Mosel so viel Geld, dass sie es unbedingt verbrennen müssen?”

Beispiel Orchester

Zu den größten und am vehementesten verteidigten Absurditäten der daran nicht armen Bühnenszene gehört es, Musiker-Gagen nicht nach individueller Qualifikation, sondern anhand standardisierter Orchesterumfänge zu bemessen. Es gilt die tarifvertragliche Formel: Je größer der Klangkörper, je höher das Gehalt. Das Trierer Orchester hat seit der Spielzeit 1996/97 mit 56 Musikern exakt die Mindestgröße eines C-Orchesters, tatsächlich besetzt sind aber nur 48 Planstellen. Die Differenz, teilt das Kulturdezernat mit, werde bedarfsweise mit Aushilfen aufgefüllt. Eine Nachfrage ergibt: In diesen zwei Jahrzehnten hat das Orchester – faktisch ein niedriger zu honorierendes D-Orchester – nicht ein einziges Mal die Größe eines C-Orchesters erreicht. Überschlägig gerechnet, kostet es jährlich etwa 100.000 Euro zu viel: Mehrausgaben, die keinen künstlerischen Nutzen generieren; Mehrausgaben, mit denen man drei bis vier Schauspielproduktionen realisieren könnte; Mehrausgaben, die sich in 20 Jahren auf knapp zwei Millionen Euro addiert haben.

Dem Spielzeitheft 2012/13 ist ein Aphorismus Gotthold Ephrahim Lessings vorangestellt: “Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.” Wohl selten war ein Zitat zukunftsweisender gewählt.

Wer die Dinge unvoreingenommen sieht, wer sich der Kombination erinnert, die der Soziologe Max Weber vor beinahe einem Jahrhundert in seinem Vortrag “Politik als Beruf” empfahl, nämlich Leidenschaft und Augenmaß (nicht: statt), kann vor einer schmerzlichen Erkenntnis nicht die Augen verschließen: Überleben wird das Theater Trier selbst bei höheren Eigeneinnahmen und sparsamerer Haushaltsführung nur mit weniger Sparten oder mehr Zuschüssen. Wer Letzteres will und dafür im Stadtrat den Arm hob (weil er für die bisherige, langfristig nicht finanzierbare Struktur votierte), muss erklären, wo er streichen will. Das Ausstellen ungedeckter Schecks ersetzt kein Konzept. “Politik”, sagte mir kürzlich Stefan Rosinski, unter Frank Castorf stellvertretender Volksbühnen-Intendant und später Geschäftsführer der Berliner Opernstiftung, “lebt immer von und in der Hoffnung.” Er hat recht. Sie muss sich aber in den Gefilden der Realität verankern. Illusion und Selbsttäuschung haben Karl. M. Sibelius erst zum Intendanten gemacht; sie dürfen seine Intendanz nicht überdauern.

Was zu tun ist, hat sich in diesen Monaten kristallklar offenbart. Statt eines nicht reformierten Dreispartenhauses braucht Trier ein zukunftsfähiges Dreispartenhaus mit Schauspiel, Musiktheater (einschließlich Orchester) und Jugendtheater. Der Sinn dieser Konstruktion liegt in den Besonderheiten des Theaterbetriebs und denen des Standorts begründet: Orchester und Musiktheater ergänzen sich, das Jugendtheater formt das Publikum der nächsten Jahrzehnte heraus, und das Schauspiel prägt das Profil des Hauses. Denn keine andere Sparte kann mit geringerem Aufwand mehr Repertoire produzieren, keine kann zeitnäher auf gesellschaftliche und politische Realität regieren, keine kann lokaler sein. Eine entseelte, gigantomanische Eventkultur, die mit NeroHero ihr Extrem gefunden hätte, ist nicht die Antwort auf Publikumsflucht und Legitimationsdruck. Sie hat die Nachhaltigkeit eines Feuerwerkkörpers: Es kracht, es blitzt, und dann ist es so dunkel wie vorher. Das Theater Trier muss hingegen in Anspruch und Selbstverständnis wieder ein Stadttheater sein.

Theater als Hochstätte kommunaler Selbstvergewisserung

Wie geht es weiter mit dem Theater, wenn am Montag nach Intendant Karl Sibelius mit Thomas Egger auch der zweite Hauptverantwortliche für die Krise Geschichte ist? Foto: Rolf Lorig

Wie geht es weiter mit dem Theater, wenn am Montag nach Intendant Karl Sibelius mit Thomas Egger auch der zweite Hauptverantwortliche für die Krise Geschichte ist? Foto: Rolf Lorig

Ein solches Haus wäre imstande, eine verwundete, entfremdete Stadt zu versöhnen. Weil es sich als ein Teil von ihr begreift; weil es sich nicht über sein Publikum stellt; weil es still um jene wirbt, die es finanzieren, aber nicht frequentieren, indem es mit gewährten Finanzmitteln sorgsam umgeht. Es drängt sich nicht auf, biedert sich nicht an, will nicht ästhetisch missionieren. Aber es unterbreitet das Angebot, sich der Ortlosigkeit und Relativität des modernen Daseins zu erwehren, eigene Grundlagen zu entdecken. “Es sind in der Regel die Einwohner selbst, die sich mit ihren Städten auseinandersetzen. Denn stets ist das Zugehörigkeitsgefühl zu der betreffenden Stadt einer literarischen oder wissenschaftlichen Beschäftigung mit den materiellen Vorgängen, die sie geformt haben, förderlich”, schrieb der italienische Architekturhistoriker Leonardo Benevolo in seiner brillanten Monografie “Die Stadt in der europäischen Geschichte”, eine einzige Hommage an das, was der Autor “Landschaften aus Stein” nannte. Das neue Stadttheater Trier muss sich dem von Benevolo beschriebenen Effekt verpflichten, ihm dienen.

Dann wird kein Trierer um sein Theater bangen müssen. Jimmy Nail, als mentaler Zwilling Bruce Springsteens ein Chronist der Verlorenen, hat 1995 in “Big River” den Niedergang seiner Heimatstadt Newcastle upon Tyne – flächenmäßig beinahe gleich groß wie Trier und ebenfalls aus einer römischen Siedlung entstanden – besungen und die Kraft der Vergangenheit beschworen. Was als Zustandsbeschreibung gedacht war, geriet zur Weissagung. Wer heute durch Newcastle geht, erlebt eine pulsierende Stadt, die Geschichte und Kultur (auch ökonomisch) in Zukunft transformiert und somit über die Umstände triumphiert hat. Redet man mit Nail, spürt man die Genugtuung eines Mannes, der sich dessen stets sicher war. Und damals aus trotzigem Selbstbehauptungswillen die Abschlusszeile seiner Ballade formte:

‘Cause this is a mighty town,
It’s built upon solid ground
And everything they tried so hard to kill,
We will rebuild.

Diesen Geist gemeinschaftlichen Überwindens, der die Menschen am Tyne seit jeher prägt, braucht es jetzt an der Mosel. Trier und sein Theater müssen eine symbiotische Wechselwirkung eingehen. Denn beide bedingen einander, materiell wie ideell.

Unter Karl M. Sibelius ist das Stadttheater Trier zu einem Theater der Unkenntnis und der Willkür geworden; bestehen kann und wird aber es nur als Hochstätte kommunaler Selbstvergewisserung, kommunalen Stolzes. Nichts Geringeres muss es werden. Ein Theater, würdig der ältesten Stadt Deutschlands, das Tradition und Aufbruch, Besinnung und Bestimmung verbindet. Eines, von dem man künftig nicht nur in Regensburg mit Respekt und Ehrfurcht spricht.


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Erstellt am Autor Martin Eich in Autorenbeiträge, Dossier Theater, Featured, Meinung 15 Kommentare

15 Kommentare zu Für ein neues Stadttheater

  1. Jürgen Polka

    Brillianter Beitrag – einmal mehr großes Kompliment an den “Reporter Trier” für die Publikation dieses Essays.Habe es eigentlich nicht mehr für möglich gehalten,dass die armselige Trierer Medienlandschaft noch einmal fachlich qualifizierte Berichte und dazu intellektuelle Diskurse auf einem derartigen Level bieten kann…..muss mich jetzt nicht mehr wehmütig an meine Berliner Jahre erinnern.
    Zum Inhalt:Soweit der Essayist von einem “Weiten der Verantwortung” spricht,bleibe ich bei meiner Auffassung:Dies gilt auch für die strafrechtliche Aufarbeitung.Wer jetzt schon sicher zu sein glaubt,im zu erwartenden Ermittlungsverfahren käme ohnehin wenig heraus, könnte sich schwerwiegend irren.

     
  2. Volker Zemmer

    Welch ein herausragender Beitrag; vielen Dank an den Trier-Reporter und Martin Eich. Ich hoffe sehr drauf, dass sich unsere Kommunalpolitiker den Beitrag ausdrucken und als Nachtlektüre über das Bett hängen oder besser noch dauernd als ständige Mahnung mit sich tragen. Aber ich befürchte, dass es wieder, wie so oft in den letzten Monaten, auf taube Ohren stoßen wird. Der Volksmund sagt auch, dumm geboren, nichts dazugelernt und dann auch noch die Hälfte vergessen: Willkommen in Trier!

     
  3. Joachim Baron

    Brutal offen, brutal ehrlich, und Sie sprechen sicher sehr vielen Trierern aus der Seele, Herr Eich. Vielen Dank für die klaren Worte.

     
  4. Steuerzahler

    Danke, Herr Eich, eigentlich alles gesagt. Bei vielen Kulturschaffenden scheint immer noch die Meinung vorzuherrschen, dass die Kunst umso besser und höher zu bewerten ist, je leerer die Reihen im Theater sind. Dass eben jene aber ihre im freien Raum schwebende Kunst finanzieren, haben viele Künster an staatlich subventionierten Kulturstätten in den letzten Jahren unter aktiver Mithilfe dienstbeflissener Politiker, die sich auch gerne im vermeintlichen Glanz elitärer Zirkel sonnen, erfolgreich verdrängt. Herr Sibelius und sein Leitungsteam sind echte Meister in dieser Disziplin…

     
  5. Marco Berweiler

    Man sollte Martin Eich nicht nur in die Suche nach dem neuen Intendaten mit einbeziehen, sondern auch in die dringend notwendige Strukturreform, um die Kosten zu senken und die Effektivität zu steigern.

    Was Martin Eich sonst noch so gesagt hat, kann man hier erfahren:

    https://www.youtube.com/watch?v=3pFPmSU59dw

    Solange man an veralteten Strukturen und einem Multi-Spartenhaus festhält, wird das Schiff weiter sinken.

    Trier kann und darf sich auf Dauer solche Unsummen für ein geldverschleuderndes, überdimensioniertes und am Publikum-vorbei-spielendes Theater nicht mehr leisten.

    Man muss auch mal an die Trierer denken, die nicht ins Theater gehen.

    Das Geld, welches fürs Theater ausgegeben, fehlt nun einmal an anderer Stelle, wie aktuell z.B. für die Projekte zur Verkehrssicherheit (“Blitzer-Einnahmen”).

    Man darf auch nicht so tun, als ob das Theater die einzige Kultur-Einrichtung in Trier ist.

     
  6. Anna Majewski

    In anderen Städten läuft es doch auch oder hören Sie solche Querelen und miserabel Zahlen aus KL, KO oder MZ? Es ist also von Anfang an ein hausgemachtes Desaster gewesen, verursacht von Fehlbesetzungen, welche Fehlbesetzungen engagierten. Sehr gut der Hinweis auf die zwei Leiterinnen des Tanztheaters….niemand braucht das. Alles nur Gefälligkeitsjobs, ebenso die Operndirektorin usw. Hier muss gründlich aufgeräumt werden, diese Verträge dürfen nicht verlängert werden, um alles was mit KMS in Zusammenhang steht zu beenden. Ich warte auf den Tag, wo Anklage gegen KMS und TE erhoben wird. Sie werden alle Tricks anwenden, um sich als unschuldig darzustellen. Hoffentlich kommt eines Tages ans Licht, wer hier wirklich die Strippen gezogen hat und aus welchem Grund. Die Erleichterung am Haus ist jedenfalls groß, dass dieses tragische Kapitel beendet ist. Interessant, dass in Trier wohl seit Jahren in Sachen Orchester betrogen wurde- auch das sollte lückenlos aufgeklärt und ggf Gelder aus den Taschen der Musiker zurückgezahlt werden.Ein absoluter Neuanfang ist nötig. Danke Herr Eich- Danke Trier-Reporter! Sie haben Großartiges geleistet.

     
  7. Det

    Alle Kommentare, richtig, zutreffend,klar, aber eines gerät leider in den Hintergrund.
    Wer hat diese Figuren, Sibelius, Eggert,ec.. in die Funktionen gehievt, in der sie Schaden, für die Allgemeinheit angerichtet haben.
    Sind diese Gestalten, welche im Trierer Stadtrat( jedenfls. z.T.) nicht immer noch die gleichen?
    Sind hier wirklich Änderungen zum Guten,zu erwarten?
    Haben diese Protagonisten nicht schon des öfteren ihrre Unfähigkeit,bzw. Abhängigkeit bewiesen?

     
  8. Harry Reinhard

    Ein sehr guter Artikel der die Situation und Lage des Trierer Theaters erfasst UND mal Lösungswege zeigt.

    Wenn man eine PfLICHTLESUNG ausrufen könnte….. dieser Artikel wäre eine sowohl für die Verantwortlichen aus Kunst und Politik.

    Ob man den Mum hat diesen Weg zu gehen ist zu bezweifeln … eine Ausrichtung auf’s Publikum wird immer noch als Eingriff in die KÜNSTLERISCHE Freiheit verstanden …. bis zur endgültigen Schließung.
    Andere bedürftige Baustellen haben wir noch in großer Zahl… und somit wird es immer schwieriger zu erklären ist wo Fördergelder versenkt werden…

     
  9. Karl Haesser

    Schappo Herr Eich- diesen Artikel sollten die Damen und Herren aus dem “Kulturausschuß” sich zu Gemüte führen.
    Es reicht eben nicht, mittels Freikarte zur Premiere zu erscheinen und bei Sekt und Häppchen über die gesehene Aufführung zu debatieren!

     
  10. Robert Friedrich

    Ein sehr gelungener Beitrag mit Niveau. Ich kann mich hier den entsprechenden Kommentaren nur anschließen. Endlich liest man aus profilierter Feder das, was viele denken und sich oft nicht trauen zu sagen: Viele Inszenierungen treffen einfach nicht den Nerv des Publikums; sowohl ästhetisch als auch in Fragen der Regie. Das scheint aber ein grundsätzliches Problem deutscher Theaterlandschaft zu sein. Statt für ein Publikum zu inszenieren werden oft interne Narzissmen gepflegt. Skandal kommt in der Szene eben besser an, als eine “gefällige” Inszenierung. Und so wird es wahrscheinlich auch weiterhin selbstgefällige Inszenierungen geben, in denen nach der Premiere mehr Theaterleute als Publikum im Foyer verweilen. Das erinnert mich leider sehr an sonntägliche Gottesdienste, an denen mehr Menschen um den Altar als im Kirchenraum stehen.
    Haben denn die Macher den Draht zu Ihrem Publikum tatsächlich verloren? Müsste ein Theater nicht viel mehr den Puls der Zeit spüren und sich leidenschaftlich und klug in die Herzen und Köpfe seines Publikums spielen?

     
  11. Fred Olk

    Das ist ein hervorragendes Essay.

    Es besteht jetzt die Gefahr, dass nach den Dilettanten die Buchalter an der Reihe sind, die sich fälschlicherweise Controller nennen.

    Der Begriff Controlling hat ja nichts mit Kontrolle zu tun; Controlling ist ein anerkanntes Führungs- und Steuerungsinstrument, es soll die Leitung unterstützen und nicht selbst leiten.

    Das Theater muss sich aber auch selbst an den Haaren aus dem Sumpf ziehen und nicht immer auf Andere warten. Es muss auch selbst in den organisatorischen Abläufen etwas tun (z. B. jeden Tag eine andere Produktion)und es muss aufhören, sich selbst für elitär zu halten und in Fragen der Kultur einen Führungsanspruch zu erheben.

    Es macht wenig Sinn, dass der Stadtrat (der total versagt hat)das Budget regelmäßig kontrolliert. Es muss eine Budgetvorgabe geben und eine Leitung. die diese Budgetvorgaben vertraglich (!)zu beachten hat, denn es ist wichtig, dass die Kreativität erhalten bleibt.

     
  12. Trierer 0815

    Ein herrvorragendes Essay , mit wiedereinmal allen Punkten zu 100% getroffen . Vielen Dank Herr Eich für die klaren Worte . Ob sie auch befolgt werden bleibt nur zu hoffen . Auch einen großen Dank an die Berichterstattung des Trier-Reporter , denn unser Tageblatt Volksfreund hat doch auf der ganzen Linie versagt . Da es vom Volksfreund immer nur eine Nachberichterstattung gab , anstelle richtigem Journalismus . Nun Sibelius ist zwar weg , aber einen richtigen Neustart , wie anvisiert , ist dennoch kaum möglich , sind doch die Diletanten die Sibelius eingestellt hatte nach am Theater am wurschteln . Sie agieren dort immer noch so Kopflos und Ideenlos wie zu Sibelius Zeiten . Eine Besserung ist da wohl kaum in Sicht . Diese sogenannte Leitungsgruppe (Frötschner , Jon) wird das Trierer Theater wohl kaum nach vorne bringen , was sie zu leisten vermögen haben wir ja alle im letzten Jahr gesehen . Sicher haben sie bestehende Verträge , die sie sicher gerne ausführen werden , denn sonstwo würde die auch keiner nehmen . Aber bitte bitte gebt denen auf keinen Fall eine Vertragsverlängerung alla Sibelius . Lernt aus den gemachten Fahlern . Das Tanztheater ist eine Frechheit , Frau Linke mit ihrer Truppe die ein Haufen Geld kostet und nicht mal in der Lage ist ein paar Tänzer für die Produktion “Im weissen Rössl”abzustellen . Nein da werden extra externe Tänzer engagiert . Frau Linke beglückt uns nur einige Male im Jahr mit ihrem tollen Tanztheater , für gerade mal 100 Zuschauer am Abend . Jetzt ist es an der Zeit im neuen Jahr einen Intendanten zu finden , der bereit ist mit diesem Chaotenhaufen zusammen zu arbeiten und der ihnen mal eine Richtung vorgibt in die es mit dem Theater gehen soll . Bitte lieber Trier-Reporter bleibe am Ball und halte die Trierer weiter so auf dem laufenden wie bisher . Auch interessant ist , was die Staatsanwaltschaft in der nächsten Zeit noch zu Tage fördern wird ……..

     
    • Rupert

      Der im Mai fristlos entlassene Schauspieldirektor Ulf Frötzschner kehrte ja für die Spielzeit 2016/2017 noch einmal ans Theater Trier zurück. Er hat(te) ja auch einen Fünf-Jahres-Vertrag, er wird ja das Theater Trier im Sommer ’17 mit einer Abfindung von 50.000 Euro verlassen. – Die anderen leitenden MitarbeiterInnen werden ja wohl auch solche langfristigen, aber befristeten Verträge haben, anders ist das ja in solchen Kulturinstitutionen auch gar nicht machbar. – Natürlich muss ein Intedant als Führungsperson her, die Leitung durch das siebenköpfige Kollektiv kann nur interemistisch sein. – Aber warum dilettantisch und kopflos? Stellen Sie das in den aktuellen Arbeiten, am Spielplan fest? Belege bitte!

       
  13. Rainer Landele

    danke für die art der thematisierung und für die inhalte ebenso.

     
  14. Hubert Hansen

    Wenn ich das richtig verstanden habe, wird nicht erst seit der Ära Sibilius im Theater das Geld mit vollen Händen ausgegeben bzw. rausgeworfen.
    Anscheinend sind hier seit über 20 Jahren unnötigerweise Steuergelder verschwendet worden.

    Ich zitiere: “Je größer der Klangkörper, je höher das Gehalt. Das Trierer Orchester hat seit der Spielzeit 1996/97 mit 56 Musikern exakt die Mindestgröße eines C-Orchesters, tatsächlich besetzt sind aber nur 48 Planstellen. Die Differenz, teilt das Kulturdezernat mit, werde bedarfsweise mit Aushilfen aufgefüllt. Eine Nachfrage ergibt: In diesen zwei Jahrzehnten hat das Orchester – faktisch ein niedriger zu honorierendes D-Orchester – nicht ein einziges Mal die Größe eines C-Orchesters erreicht. Überschlägig gerechnet, kostet es jährlich etwa 100.000 Euro zu viel: Mehrausgaben, die keinen künstlerischen Nutzen generieren; Mehrausgaben, mit denen man drei bis vier Schauspielproduktionen realisieren könnte; Mehrausgaben, die sich in 20 Jahren auf knapp zwei Millionen Euro addiert haben.”

    Jetzt geht es hierbei “nur” um das Theater.
    Wie wurde und wird in den anderen Sachbereichen mit Steuergeldern umgegangen. Jetzt muß sich doch jeder klardenkende Mensch fragen, ist dies nur die Spitze des Eisbergs.
    Wie wäre es um die Schulden der Stadt gestellt, wenn verantwortungsvoll mit seinen anvertrauten Geldern umgegangen wäre?

     

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