Gegen den Trend

Ortstermin mit Stadtchef: Mertes, Schütze, Leibe und Weinand in der Neustraße.

TRIER. Noch boomt Trier als Knotenpunkt des Einkaufs in der Region. Noch. Doch es gibt auch Anzeichen dafür, dass der Zenit überschritten sein könnte. In der Neustraße stehen inzwischen elf von 59 Ladenlokalen leer. Das attraktive Pflaster zwischen Kaiser- und Fahrstraße liegt an der Peripherie der Fußgängerzone, in der die Mieten längst exorbitant in die Höhe geschnellt sind. Das Rathaus will nun gegensteuern, um keinen negativen Trend aufkommen zu lassen, der auch auf andere Ecken der City übergreifen könnte. Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD) kam am Mittwochmorgen selbst in die Neustraße, wo Katazynka Schütze von Januar an ihr Geschäft für Kinderschuhe führen wird. Bis dahin sitzt im Laden mit der Nummer 61 Daniel Mertes als städtischer Ansprechpartner für interessierte Unternehmen. Das Rathaus ist aktuell Untermieter im Ladenlokal, das Schütze im Januar beziehen wird.

Leidet die Stadt inzwischen an Überhitzung? Johannes Weinand, Chef der städtischen Statistiker, verneint das. “Unser Ansatz geht dahin, gerade Straßen wie die Neustraße weiterzuentwickeln.” Auch Leibe sagt: “In der Zentrallage laufen die Geschäfte gut.” Doch was für den großen Kreislauf gilt, trifft auch auf den Mikrokosmos des kommunalen Geld-Waren-Austauschs zu. Unendliches Wachstum ist eine Illusion. Irgendwann ist die Grenze erreicht. Global reißen dann Finanzkrisen ganze Volkswirtschaften in die Knie, lokal kollabiert das System wegen explodierender Mieten und ausbleibender Kunden. Ein Teufelskreis.

Solche Entwicklungen beginnen oft im Detail und breiten sich schließlich wie eine Pandemie aus – in der Dynamik der rasant rotierenden Spirale. In Bitburg soll die geplante Bit-Galerie als Einkaufszentrum Kunden anziehen; Wittlich gibt ohnehin Gas bei der Neukundengewinnung. Das sind jene beiden Städte, die in der Region neben Trier Zuzug verzeichnen. Auch Luxemburg bemüht sich, seine zahlungskräftigen Einwohner innerhalb des eigenen Großherzogtums zu behalten. Der Kampf um den Kunden ist längst entbrannt.

Die Statistik, die Leibe jüngst zusammen mit Weinand vorlegte, soll die Debatte um den speziellen Trierer Weg anfachen. Dabei geht es nicht nur um eine Dekade. Die grundsätzlichen Parameter einer generationenübergreifenden Entwicklung stehen hier zu Diskussion. Weiteres Wachstum mit allen auch negativen Begleiterscheinungen, oder doch ein sanftes und gesteuertes Gesundschrumpfen? Das sind die Fragen, die politisch beantwortet werden müssen. Dabei spielen auch Faktoren eine Rolle, die jetzt noch unter der Oberfläche schwelen. Für mehr als 40 Millionen Euro will die Stadt eine neue Hauptfeuerwache bauen. Schrumpft Trier allerdings deutlich, taucht zwangsläufig die Frage auf, ob die Stadt überhaupt noch eine Berufsfeuerwehr braucht?

Hohe Mieten drücken

Von Januar an verkauft Katazynka Schütze in der Neustraße 61 Kinderschuhe. Bis dahin hat Daniel Mertes dort sein Büro.

Aktuell liegt der Fokus des Rathauses jedoch auf den kleineren Brandherden. Um die zu löschen, bezieht Daniel Mertes sein Büro bis Anfang kommenden Jahres in der Neustraße. Seit Oktober ist der 27-Jährige bei der Stadt beschäftigt. Seine Aufgabe: Ansprechpartner für Unternehmer und Geschäftsinhaber. Wobei Leibe auch die Wohnungssituation in der Kernstadt nicht aus dem Auge verlieren will. “Beides greift ineinander und ist nicht zu trennen”, sagt der Sozialdemokrat. Dort, wo zur Römerzeit noch 80.000 Menschen wohnten, leben heute nur noch 9.000. Anders als vor 2.000 Jahren, als Trier ebenfalls 100.000 Einwohner hatte, ist die Innenstadt heute als Wohnort nicht mehr attraktiv.

“Es wird schwierig, diesen Trend umzukehren”, sagt Weinand. Seit mehr als zwei Jahren müht sich sein Amt in der Parallelität von Konzept und Umsetzung um Besserung. Doch die Flucht aus der Innenstadt heraus konnte bisher noch nicht gestoppt werden. “Es gibt Ansätze”, sagt Leibe, “etwa dann, wenn Eigentümer in ihren Häusern neben dem Ladengeschäft Flächen auch wieder zu Wohnungen umbauen.” Auch hierbei soll Mertes als Ansprechpartner Hilfestellungen bieten.

Das Problem der hohen Mieten drückt auch Katazynka Schütze. Sie zieht demnächst mit ihrem Geschäft für Kinderschuhe vom Anfang der Neustraße ein paar Meter weiter in Richtung City. “Aber ganz vorne zur Fahrstraße hin sind die Mieten bei 3.000 Euro und mehr aber nicht zu bezahlen”, sagt sie. “Oft sind die Mietvorstellungen der Eigentümer unrealistisch”, so Weinand. Ein Grund für die Leerstände. Der zweite: Nach dem Auszug von Mietern renovieren Eigentümer ihren Besitz zunächst einmal aufwändig. Und dann gibt es auch noch jene Fälle – in der Neustraße zwei an der Zahl –, dass Hauseigentümer überhaupt nicht wissen, dass sie Eigentum besitzen. “Klingt seltsam”, sagt Weinand, “ist aber so.” Dem Rathaus sind derart die Hände gebunden. “An diese Eigentümer kommen wir nur schwer heran”, so Weinand.

Bleibt der Aspekt der Attraktivität: Nach wie vor rollt der Verkehr durch die Neustraße – auch durch den verkehrsberuhigten Bereich. Und die Wildparker, die Schaufenster und Eingänge zustellen, sind auch für die Geschäftsleute inzwischen ein Problem. Dennoch ist die Stimmungslage heterogen, gehen die Meinungen auseinander. “Die einen sind dafür, dass die Autos weiter durch die Straße fahren”, sagt Schütze, “die anderen sind dagegen.” Leibe will das Stimmungsbild in den kommenden Monaten immer wieder abfragen. “Wenn sich abzeichnet, dass die Mehrheit gegen den Autoverkehr ist, stehe ich für Maßnahmen zur Verfügung”, sagte der Stadtchef. Wichtig sei dabei primär, “dass wir im Dialog bleiben”. (et)

Extra

Das Büro von Daniel Mertes in der Neustraße 61 ist dienstags und donnerstags von 15 bis 18 Uhr und mittwochs von elf bis 14 Uhr geöffnet. Zu diesen Zeiten steht Merten dort als Ansprechpartner zur Verfügung. (et)


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Featured, Politik Hinterlasse einen Kommentar

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