Gelungene Premiere für Wittlicher Wissenschafts-Dialog

Geht auch unbequemen Fragen nicht aus dem Weg: Professor Andreas Pinkwart, hier im Gespräch mit Professor Jörn Block von der Forschungstelle Mittelstand. Fotos: Rolf Lorig

WITTLICH. Das Wissen der Forschungsstelle Mittelstand an der Universität Trier nutzt die Stadt Wittlich, um sich aktiv auf die Herausforderungen des Industriezeitalters 4.0 vorzubereiten. In Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle Mittelstand, der Sparkasse Mittelmosel – Eifel Mosel Hunsrück und der Vereinigte Volksbank Raiffeisenbank eG hat die Stiftung Stadt Wittlich den ‟Wittlicher Wissenschafts-Dialog‟ ins Leben gerufen. ‟Führung in Zeiten des digitalen Wandels‟ lautete der nicht gerade mitreißende Titel der Auftaktveranstaltung. Mitreißend war allerdings der Redner des Abends: Professor Andreas Pinkwart, Minister für Wirtschaft, Digitales und Energie in Nordrhein-Westfalen.

Ein Bericht von Rolf Lorig

Rhetorisch glänzende Redner, die zudem auch noch sachlich fundiert agieren, erlebt man nicht alle Tage. Wer aber am Montagabend in der alten Wittlicher Synagoge zu den 180 eingeladenen Gästen zählte, erlebte eine Sternstunde der Vortragstechnik. Wobei der Minister ein derart leidenschaftliches Plädoyer für die digitale Revolution abbrannte, dass manch einem der Besucher am Ende des Abends die Fragezeichen sichtbar in den Augen standen. ‟Ich weiß nicht, ob mir das Gehörte vom Inhalt her gefallen hat‟, grübelte ein Druckereibesitzer, der mit seinem Produkt den klassisch-analogen Markt bedient, bei dem er aber deutlich eine sinkende Nachfrage feststellt. Eine gewisse Skepsis schwang auch bei einer Finanzbeamtin mit, die feststellen muss, dass Pinkwart mit der ein oder anderen Behauptung seinen Zuhörern ‟eine Menge zugemutet hat.”

‟Die Digitalisierung kommt. Die Frage ist nur wie und was machen wir daraus?”

Und in der Tat, der frühere Rektor der Handelshochschule Leipzig machte bei seinem Vortrag keinen Hehl daraus, dass er an die Zukunft glaubt: ‟Die Digitalisierung kommt. Die Frage ist nur wie und was machen wir daraus?” Ohne große Vorreden stieg Pinkwart direkt in das Thema ein: ‟Alles was den Menschen ausmacht, kann inzwischen mithilfe von Nullen und Einsen umgewandelt werden.” Dadurch habe sich der Mensch Bereiche und Möglichkeiten erschlossen, die noch vor ein paar Jahren undenkbar gewesen seien. Als einfache Beispiele aus dem Alltag führte Pinkwart hier Smartphone und digitale Filmkameras an. Und er wagte sogar einen Vorstoß in einen Bereich, der hierzulande eher ein Tabu-Thema ist, in Japan aber bereits gelebte Praxis: ‟Japaner lieben humanoide Roboter, haben diese mittlerweile so weit entwickelt, dass sie auch in der Pflege eingesetzt werden können.”

Auch Universitätspräsident Michael Jäckel weiß um die Chancen der Digitalisierung des Arbeitsmarktes.

Für Pinkwart steht fest, dass die Digitalisierung dem Menschen nicht nur in technischer Hinsicht Erleichterungen im Arbeitsleben bringen wird. Auch für Schulen und Universitäten sieht er hier neue Chancen. Vorlesungen können seinen Worten zufolge von Millionen Menschen über das Netz verfolgt werden, ausgefallene Schulstunden über das Netz zeitgleich aus einer anderen Schule übertragen werden. Und auch die Vorbereitung der Studenten könnten Avatare übernehmen. ‟Das Ergebnis wären vorbereitete Studenten in der Vorlesung‟, schwärmte der ehemalige Hochschullehrer.

Mit Blick auf die anwesenden Unternehmer wandte sich der Redner dann der Praxis zu und bemühte den Automobilbau als Beispiel. Heute gehe es nicht mehr um die Frage, welcher Verbrennermotor der richtige für ein Auto sei. Für Pinkwart steht fest, dass dies künftig der Elektroantrieb sein wird. Vielmehr aber gehe es um die Frage, ob das Auto autonom fahren kann. Denn die Menschen von morgen hätten andere Ansprüche: ‟Die sehen stundenlange Fahrten hinter dem Steuer als verlorene Zeit an, die wollen viel lieber diese Zeit an ihrem Laptop verbringen und so produktiv tätig sein.” Dass auch die Bundeskanzlerin gedanklich in der neuen Welt unterwegs ist, veranschaulichte der Minister an einem Beispiel: ‟Frau Merkel hat bereits die Überlegung geäußert, dass im Falle der Einführung von autonom fahrenden Autos geprüft werden soll, ob das Führen eines Pkw durch einen Menschen am Lenkrad noch erlaubt werden soll, wenn sich die Technik als sicherer erweisen sollte.”

Neue Geschäftsfelder erschließen sich

Die Digitalisierung habe viele Bereiche bereits gravierend verändert, so auch den Musikmarkt. Der Künstler verdiene nicht mehr durch den Verkauf des Tonträgers sondern durch den Besuch der Fans von seinen Konzerten. Dass es sich trotzdem lohnen kann weiter in dieser Branche zu bleiben, verdeutlichte er am Beispiel der Sängerin Rihanna. Sie bediene sich ganz geschickt der modernen Medien wie Facebook, Twitter & Co und nutze die große Zahl der Follower um beispielsweise in der Modebranche selbst Trends zu setzen, womit sie sich ein neues Geschäftsfeld erschlossen habe.

Genau das sei der Ansatz, den jeder Unternehmer für sich betrachten müsse: ‟Lohnt sich mein Geschäft noch oder schließe ich es besser, um mir mithilfe der neuen Märkte und deren Bedürfnisse ein neues Geschäftsfeld zu erschließen? Damit einher müsse immer die Frage gehen, wie sehr hat sich mein Umfeld verändert?

Und wieder kam Pinkwart auf das Beispiel Automobilindustrie und seine Zulieferbetriebe zurück. Wenn das autonome Fahren komme, dann habe das auch direkte Auswirkungen auf die Zahl der Fahrzeuge: ‟In diesem Fall braucht eine Familie nicht mehr zwei oder drei Autos. Autonom fahrende Fahrzeuge liefern ihre Insassen an den Zielpunkten ab und kehren wieder an den Ausgangsort zurück, wo sie von den anderen Familienmitgliedern oder den Nachbarn mit genutzt werden können.” Die Folge wäre eine deutliche Entlastung der Straßen (‟Wir würden nur noch ein Zehntel der Autos brauchen‟) und auch ein Rückgang von Unfällen: ‟Diese Fahrzeuge sind untereinander vernetzt, da klappt die Kommunikation, was auch neue Möglichkeiten in der Verkehrsführung schafft.”

Konzentriert verfolgen die Besucher in der Kultur- und Tagungsstätte Synagoge die Ausführungen des nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministers.

Verabschiedung von Prozessen und Infrastruktur

Für Pinkwart steht fest: ‟Digitalisierung heißt, dass wir uns von gewohnten Prozessen, aber auch von bestimmten Formen der Infrastruktur verabschieden können.” Mitarbeiter müssten nicht länger standortgebunden arbeiten, was die Vorhaltung von Büro-Gebäuden automatisch erübrige. Hier seien viele Banken ihren Kunden schon weit voraus, weil sie sich schon vor Jahren von ihren Assets getrennt hätten.

Künftig müssten Unternehmen eine zum Markt hin offene Struktur besitzen, die den Kunden und seine Interessen wieder in den Mittelpunkt stelle. Zudem forderte Minister Pinkwart Mut bei Entscheidungen ein, was auch für die Politik gelte. Von der wünscht er sich auf Bundesebene die Möglichkeit zu schnellen und strategischen Entscheidungen: ‟Es muss bei Projekten von nationaler Bedeutung wie beispielsweise dem Bau eines Tunnels auf der A1 möglich sein, diesen komplett in zwei Jahren fertigzustellen.” Möglich machen könnte das ein Planungsbeschleunigungsgesetz, so des Ministers Überlegung.

Er ist aber bei allem Idealismus auch Realist genug die Probleme zu erkennen, die im Bemühen um Veränderungen auftun können: ‟Wir dürfen bei aller Bereitschaft nicht zu radikal vorgehen.” Auf dem Weg in die vierte industrielle Revolution sei Führung erforderlich, die auch Orientierung vermittle und Standortbestimmungen ermögliche. Mit einem letzten Beispiel versuchte Andreas Pinkwart noch unentschlossenen Zuhörern die Angst vor Veränderungen zu nehmen: “Noch vor 200 Jahren arbeiteten 99% der Menschen in der Landwirtschaft. Heute ist das nicht mal ein Prozent – aber das reicht, um alle satt zu machen.”

Lang anhaltender Applaus war der Dank für einen glänzenden, frei gehaltenen Vortrag, der deutlich länger ausfiel als das Programm vorsah, dem aber jeder im Saal bis zum letzten Wort folgte.

Mit einer Vorstellung der Forschungsstelle Mittelstand, an der alle Beteiligten mitwirkten, ging ein ebenso spannender wie informativer Abend zu Ende. Und einer der Besucher brachte es beim Verlassen des Saales auf den Punkt: ‟Eine sehr gelungene Premiere.”


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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