Grenzenloser Optimismus und die Liebe zur Klassik

Kloster Machern ist einer von Hermann Lewens Lieblings-Konzertsäle. Fotos: Rolf Lorig

REGION. Wenn sich am 31. Dezember das alte Jahr verabschiedet, dann endet auch für Hermann Lewen eine Epoche. 32 Jahre lang stand sein Name mit mehr als 1600 Konzerten an 85 Spielorten für das Mosel Musikfestival. Das Festival wird am 1. Januar erneut an den Start gehen. Dann aber ohne den Mann, der es 1985 aus der Taufe gehoben hat. ‟Ich war alles in allem 47 Jahre im Beruf‟, sagt der 65-Jährige. ‟Und da bleibt es nicht aus, dass man irgendwann müde wird.” Sein Lebenswerk (‟Das Festival hat noch ein großes Potenzial!‟) wird der frühere stellvertretende Intendant des Trierer Theaters, Tobias Scharfenberger, fortführen. Lewen hat ihn selbst ausgesucht. Doch aus der kulturellen Szene meldet sich ‟der Altricher Jung‟ nicht ab: ‟Ich werde weiter denken und gestalten − nach einer kleinen Auszeit.” Für den reporter hat Lewen im Gespräch mit Rolf Lorig 32 Jahre Mosel Musikfestival Revue passieren lassen.

Wenn Hermann Lewen in seinem Wohnzimmer steht und aus dem Fenster schaut, hat er einen ungestörten Blick auf einen seiner liebsten Konzertsäle. Die Intimität, der noch spürbare Geist des früheren Klosters Machern hat es ihm angetan. ‟Wir hatten hier sehr  prominente Klassik-Stars zu Gast. Und viele davon waren zum ersten Mal an der Mosel. Und etliche haben mir gesagt, dass sie nicht verstehen können, warum sie nicht schon früher in diese tolle Region gekommen sind‟, erinnert er sich.

Ob ihm schon an seiner Wiege gesungen wurde, dass er eines Tages eines der 100 weltweit bedeutendsten Klassik-Festivals gründen und zum Erfolg führen wird? Wohl kaum. Lewen kam 1952 ‟als Bauernjung‟ in Altrich zur Welt. Die Liebe zur Klassik erbte er von der singenden Mutter; schon im Grundschulalter begann seine Ausbildung als Chorknabe sowie am Klavier und an der Orgel. An die Königin der Instrumente in seinem Heimatort denkt der Intendant gerne zurück: ‟Eine wundervolle Klais-Orgel.” Über das Klavier spricht er nicht mit der gleichen Empathie, behauptet gar von sich, ein ganz schlechter Pianist zu sein. Und doch steht ein höchst dekoratives Klavier in seinem Wohnzimmer. Kaum vorstellbar, dass es ausschließlich der Dekoration dient.

Nachdenken am Fenster…

Er kann mit den Menschen

Musik ist das eine, eine Ausbildung was anderes. Dem Wunsch der Eltern folgend, begann Lewen ganz klassisch sein Arbeitsleben mit einer Verwaltungsausbildung bei der Stadt Wittlich. Schon damals zeichnete sich offenbar ab, dass er mit den Menschen kann. Touristik war sein erstes Ding, Menschen für die Mosel zu interessieren war ihm ein Herzensanliegen. Später wechselte er als Kulturreferent ‟zu schlechteren finanziellen Bedingungen‟ zur Stadt Bernkastel-Kues. Grund: Dort gab es einen Bürgermeister, der seiner Stadt das Thema Kultur in vollem Umfang erschließen wollte − für Lewen ein Glücksfall. Denn er hatte schon längst erkannt, ‟dass wir eine Region sind, in der man gerne einen Kurzurlaub verbringt vorausgesetzt, es gibt neben den Schönheiten der Natur auch noch lockende kulturelle Anreize”. Und so entstand die Idee zu einem regionalen Klassikfestival. Das trug von 1985 bis 2007 den Namen ‟Mosel Festwochen‟, wurde anfänglich nur alle zwei Jahre veranstaltet. Schon bald erfolgte der Wechsel auf den jährlichen Turnus. Auch der Name war dem umtriebigen Kulturschaffenden auf Dauer zu unspezifisch, hätte sich doch alles dahinter verbergen können. Also kam im Oktober 2007 die Umbenennung.

Das Mosel Musikfestival ist ein Erfolgsmodell, das den Vergleich zum ungleich größeren ‟Rheingau Festival‟ oder dem von Justus Franz − auch er war wiederholt beim Mosel Musikfestival zu Gast − ins Leben gerufene “Schleswig-Holstein Musik Festival” nicht zu scheuen braucht. Gut, gemeint ist hier nicht die finanzielle Ausstattung. Wohl aber die künstlerische Qualität. Klassik-Stars wie Simone Kermes, Thomas Quasthoff, Barbara Hendricks und viele mehr gastierten zum Teil wiederholt beim Mosel Musikfestival. Zudem darf sich Hermann Lewen gar rühmen, den weltbekannten Pianisten Martin Stadtfeld entdeckt zu haben. ‟Bei einem seiner Auftritte war das ZDF bei uns zu Gast und hat einen 4-0miütigen Film gedreht, in dem Martins Auftritt breiten Raum erhalten hat. Und dieser Beitrag hat ihm dann in der Folge den großen Durchbruch beschert.”

Preise bis zum Bundesverdienstkreuz

Ja, mit den Medien kann Lewen genauso gut wie mit Künstlern, Politikern und Sponsoren. Wenn es um sein Festival geht, dann kann der Intendant eine Hartnäckigkeit unter Beweis stellen, die alles Vergleichbare in den Schatten stellt. Wo andere aber irgendwann als lästig empfunden werden, kann man Hermann Lewen einfach nicht böse sein. Denn sein Produkt ist längst ein hochkarätiges Aushängeschild der Region. Und das wissen auch die Medien und schätzen den Kulturmanager wegen seines Engagements. Weshalb der Verfasser dieser Zeilen im Namen des Bezirks Trier im Deutschen Journalisten-Verband (DJV) Hermann Lewen bereits im Jahr 2000 mit dem Medien-Preis ‟Der kurze Draht‟ auszeichnen durfte. Und es war fürwahr nicht die einzige Auszeichnung, die Lewen für dieses Engagement erhalten hat: Drei Jahre später folgte der Tourismuspreises des Hotel- und Gaststättenverbandes Bernkastel-Wittlich, 2008 die vom Bundesland Rheinland-Pfalz verliehene Peter-Cornelius-Plakette und schließlich 2011 das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland.

Bilder von Insterburg, Inge Meysel, Vera Tschechowa, Hans-Joachim Kulenkampff, Udo Jürgens und vielen mehr dokumentieren die Anfänge von Lewen und hängen in seiner Gästetoilette…

Was war sein Erfolgsrezept? Danach befragt, muss Hermann Lewen nicht lange überlegen. ‟Ich habe immer nach dem Luther-Wort gelebt: ‘Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen’.” Der Glaube an die Zukunft hat den unerschütterlichen Optimisten ständig nach vorne getrieben. Der damit einhergehende Erfolg, aber auch seine Hartnäckigkeit haben ihm auch bei den Verhandlungen mit den Sponsoren immer aufs Neue geholfen. Geld in Hülle und Fülle hatte das Festival nie. ‟Ich würde mir wünschen, dass mein Nachfolger Tobias Scharfenberger etwas mehr Risikokapital zur Verfügung stehen würde‟, sagt er. Das wäre für eine personelle Aufstockung dringend erforderlich. Scherzhaft, aber durchaus auch ernst gemeint, lässt er schon mal in seine Gespräche einfließen, dass die Gäste des Mosel Musikfestivals alle Mitarbeiter auch persönlich kennen. Kein Wunder, wenn man dazu längst nicht alle Finger einer Hand benötigt…

Außergewöhnliche Spielstätten und handfeste PR

Doch wie das so ist mit dem lieben Geld, auf eines ist Hermann Lewen besonders stolz: ‟Für jeden Euro, den ich auf der Bühne ausgegeben habe, habe ich 1,20 Euro eingenommen.” Nur deswegen habe das Festival auch bestehen können. Von den öffentlichen Zuschüssen − alles in allem knapp 300.000 Euro − alleine wäre das nicht machbar gewesen, ist er überzeugt. Kein Wunder, denn wenn man mal genauer auf das schaut, was das Mosel Musikfestival ausmacht, dann entdeckt man auch, weshalb genügend Geld für solch ein Vorhaben so wichtig ist: ‟Viele unserer Spielstätten sind nicht wirklich Spielstätten im klassischen Sinn. Da mangelt es oft an allem: Stühle und portable Toiletten müssen angemietet, Strom muss organisiert werden − kurz, der Aufwand ist gewaltig.” Wer jetzt argumentiert, dass es genügend Spielstätten in Hallen, Kirchen, Bürgerhäusern und andernorts gibt, verkennt, dass es genau das Außergewöhnliche ist, das die Menschen interessiert und dauerhaft an das Festival bindet. Wobei der Intendant ein Thema geflissentlich verschweigt, das dem Festival durchaus zu schaffen macht: Ständig steigende Kosten durch immer neue Sicherheitsauflagen…

Bei mehr als 1600 Konzerten hat Hermann Lewen sein Pubikum begrüßt. So auch hier mit seinem Nachfolger Tobias Scharfenberger.

32 Jahre Mosel Musikfestival an dieser Stelle ausführlich zu portraitieren, dafür reicht selbst an dieser Stelle der Platz nicht aus. Neue Ideen hätte Lewen noch viele gehabt: Beispielsweise hätte er gerne den Basilika-Vorplatz (‟Von der Bauweise wie eine Arena.‟) zum Open Air-Konzertsaal gemacht, doch da hätte der Verkehr umgeleitet werden müssen. Sehr zufrieden ist er auch angesichts der Bilanz von über 200 Konzerten, die vom Rundfunk aufgezeichnet und in alle Welt übertragen wurden: ‟Da haben wir neben dem kulturellen Aspekt auch eine handfeste PR-Arbeit für die Region geleistet. Hätte man das alles mit Anzeigen versucht, wären dafür Millionenbeträge erforderlich gewesen.”

Schöne Momente? ‟Davon gab es sehr viele. Die waren immer dann da, wenn die Menschen nach einem Konzert berührt von der Musik zufrieden nach Hause gegangen sind.‟ Gab es auch weniger schöne Momente? Lewen muss überlegen. Dann fallen ihm zwei ein: ‟Ein Konzert mit einem englischen Jugendorchester auf der schwimmenden Bühne. Die hatten die Symphonie erst dreimal geprobt, am liebsten wäre ich vor Scham in die Mosel gesprungen.” Und das zweite Erlebnis? Lewen grinst verschmitzt: ‟Das war ein Gitarren-Quartett. Die Musiker sollten um 17 Uhr spielen, saßen aber eine Viertelstunde vorher noch in der Saune und waren im Glauben, ihr Auftritt sei erst um 20 Uhr…‟

Und nein, die Ideen sind ihm noch lange nicht ausgegangen. Um die auch weiterhin realisieren zu können, hat er das Unternehmen cultexpert.de ins Leben gerufen. Da wird er künftig seinen Tummelplatz finden: ‟Denn ich bekomme immer wieder Anfragen, wie man am besten kulturelle Veranstaltungen erstellt. Und da werde ich künftig weiter denken und gestalten − nach einer kleinen Auszeit.”

Und auch die Universität Luxembourg hat sich die Erfahrung des umtriebigen Kulturmanagers gesichert und ihm einen Lehrauftrag erteilt.


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft, Kultur, Moselmusikfestival 2 Kommentare

2 Kommentare zu Grenzenloser Optimismus und die Liebe zur Klassik

  1. angelika hamood

    Danke für den unermüdlichen Einsatz – ganz großes Kino ! Glanz und Kunst an der Mosel – Genuss für die Ohren…leider nicht mit der verdienten nationalen Aufmerksamkeit , da GEZ gesponserte Anstalten wie der SWR / ARD uns im TV lieber mit Profifußball langweilen , nur mager berichten ,nicht mal ein Konzert im ganzen senden oder ein Highlight es mal ins 3sat schaffen würde…schade ! Dank an alle Sponsoren – bitte macht weiter !

     
  2. Volker Zemmer

    Tja, so einer hätte der Trierer Kultur mal richtig gut getan …

     

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