“In Literatur und Forschung herrscht Eskapismus“

Literaturwissenschaftler Michail Pavlovec sieht Chancen für Veränderungen in der internationalen Vernetzung von Forschung und Kunst. Foto: Universität Trier

TRIER. Am kommenden Sonntag ist die Bevölkerung in Russland aufgerufen, einen neuen Präsidenten zu wählen. Aller Voraussicht nach wird es der alte sein. Literaturwissenschaftler Michail Pavlovec, derzeit zu Gast an der Universität Trier im Rahmen der Kolleg-Forschergruppe “Lyrik in Transition“, spricht von “Putin-Wahl“. Im Interview äußerst sich Pavlovec darüber, wie sich Bevölkerung, Wissenschaft und Literatur mit den Verhältnissen arrangieren. Chancen für – wenn auch kleine – Veränderungen sieht er in der internationalen Vernetzung von Forschung und Kunst.

Wenn Sie an den kommenden Sonntag denken, dann sprechen Sie von “Putin-Wahl“. Wie meinen Sie das?
Die Menschen in Russland verstehen die Wahlen als Inszenierung. Sie wissen, egal ob sie zur Wahl gehen oder nicht, es wird sowieso Putin gewählt und ihre Stimme hat keinerlei Funktion. Also richten sie sich in ihrem häuslichen Umfeld ein, an Politik ist man weniger interessiert. Gleichzeitig ist die Einstellung zu Putin insgesamt sehr positiv, man assoziiert mit ihm eine gewisse Stabilität, unabhängig davon, dass sich in den letzten Jahren gezeigt hat, dass das gar nicht so ist. Für viele steht Putin außerdem für eine Vergrößerung des Imperiums, für ein größeres Machtgebilde, sie identifizieren sich mit diesem Neoimperialismus.

Stabilität kann auch Stillstand bedeuten. Als Literaturwissenschaftler analysieren Sie insbesondere russische Lyrik. Spüren Sie in der Literatur Stillstand?
Im Vorfeld der letzten Wahlen hat sich eine neue politische Lyrik herausgebildet, kurze, teilweise gereimte Texte, die sich vor allem in den Sozialen Medien verbreitet haben, über Lesungen, Lieder oder spontane Vorträge auf Plätzen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln. Dieser Schwung, den wir um 2012 hatten, fehlt heute. Es gibt eher den Übergang zu Anekdoten, man macht Putin, die Wahlen und die Probleme, die damit zusammenhängen, lächerlich. Aber diese seriöse kritische Lyrik, die einen Auftrag sah, im Vorfeld der Wahlen das Bewusstsein der Bevölkerung zu beeinflussen, die ist jetzt nicht mehr da. Wohl aber gibt es eine starke propagandistische Lyrik, welche die Wahlen unterstützt. Die ist für Forschungszwecke allerdings nicht so interessant.

Also stützt Lyrik das System heute eher?
Es gibt auch Intellektuelle und Literaten, die ihre Einstellung um 180 Grad gedreht haben. Da ist zum Beispiel eine Lyrikerin, die nach der Annexion der Krim Hohelieder auf Putin gedichtet hat. Seitdem aber ein Video öffentlich wurde, in dem Russland Raketen auf Amerika richtet, hat sie ihre Meinung geändert und postet im Moment hochgradig politische Gedichte ernsthafter Natur auf Facebook, die ihre kritische Sichtweise auf Putins Politik zum Ausdruck bringen. Das hat nicht nur eine allgemeine politische Motivation in ihrem Fall, sondern auch eine sehr persönliche: Ihr Sohn wird demnächst zum Militärdienst eingezogen und sie befürchtet, dass er in die anstehenden Konflikte einbezogen wird.

Und das lässt sich Putin gefallen?
Die Sphäre der Lyrik gilt als relativ abgeschlossen und wird von staatlicher Seite aus als wenig einflussreich eingeschätzt. Von daher sind Dichter, die ihre kritische Meinung äußern, eigentlich vollständig frei. Allerdings sieht das anders aus, wenn sie sich auch politisch engagieren und aus der Sphäre der Poesie ins Leben treten. Sie werden zwar nicht mit dem Leben bedroht oder umgebracht, ein beliebtes Mittel ist vielmehr, die Person zu verunglimpfen. So sind zum Beispiel in öffentlichen Toiletten auf dem Fußboden Oppositions-Politiker oder Kritiker abgebildet, damit die Besucher sie mit ihren Füßen treten. Unter diesen Bildern fand man auch Dmitri Bykov, einer der bekanntesten und schillerndsten sogenannten Bürgerpoeten.

Und wie lebt und arbeitet es sich als Wissenschaftler in Russland?
Literaturwissenschaften sind wie die Geisteswissenschaften relativ frei, weil sie aus staatlicher Sicht marginal sind und für sich abgeschlossen arbeiten und keinen großen Einfluss auf die Bevölkerung ausüben. Umgekehrt gilt aber auch, dass hier Personen aktiv sind, die besondere staatliche Förderung genießen, obwohl sie nicht über höhere wissenschaftliche Qualitäten verfügen. Sie werden als Instrument ideologischer Beeinflussung benutzt, sie besetzen wichtige Posten, manipulieren Begutachtungssysteme und entscheiden somit auch über die Vergabe von Drittmitteln. Das kann sogar so weit gehen, dass Personen gefördert werden, die Geschichtsverfälschung betreiben und so Pseudowissenschaft mit staatlicher Förderung stattfindet. Die Gelder fehlen dann natürlich bei denjenigen, die vernünftige und kritische Forschung betreiben.

Wie kann sich unabhängige Forschung in so einem Umfeld künftig behaupten?
Gerade die Literaturwissenschaft ist ein Bereich geworden – das war auch zur Sowjetzeiten schon so – wo man die Freiheit finden kann, sich jenseits von ideologischen Beeinflussungen zu äußern und eine Art Eskapismus auszuleben. Personen, die sich diesen Freiraum erobert haben, können nur schwer wieder staatlicher Kontrolle unterworfen werden, weil sie inzwischen über internationale Kontakte verfügen und wirklich innerlich und geistig frei geworden sind, um diese Freiheit nutzen zu können. Darin liegt ein großes Zukunftspotential. (tr)

 

Hintergrund

Professor Michail Pavlovec ist von Januar bis Juli 2018 Fellow der DFG-Kolleg-Forschergruppe “Russischsprachige Lyrik in Transition“ (FOR 2603). Nach seiner Promotion im Jahr 1997 (“The Artistic system of the B.L. Pasternak and the work of R. M. Rilke“) arbeitete Pavlovec als Hochschullehrer an verschiedenen pädagogischen Universitäten. Seit 2014 ist er Professor an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Higher School of Economics (Moskau). In seiner Forschung beschäftigt sich Pavlovec mit der literarischen Avantgarde sowie der Geschichte und Theorie der literarischen Bildung. In seinem aktuellen Forschungsvorhaben widmet er sich der Tradition des Futurismus‘ in russischer Lyrik von der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts.

Kolleg-Forschergruppe “Lyrik in Transition“
Die Zusammenhänge von Lyrik und Sprache, Kultur und Gesellschaft zu untersuchen und zusammenzubringen, und das weltweit – das ist das Ziel der von Trier aus gesteuerten internationalen Kolleg-Forschergruppe. Hier arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Philologien zusammen: aus Sprach-, Kultur und Literaturwissenschaft, darunter Slavistik, Sinologie, Anglistik, Japanologie, Amerikanistik und Romanistik. Hinzu kommt die gemeinsame Forschung der Philologien mit der Philosophie und auch den Sozialwissenschaften. Gestartet ist das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit rund fünf Millionen Euro geförderte Kolleg im Herbst 2017. Seither forscht das Trierer Team vor Ort mit Fellows, tauscht sich auf Tagungen weltweit mit anderen Kollegen aus und lädt die Öffentlichkeit zu Vorträgen und poetischen Darbietungen ein. (tr)


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Erstellt am Autor trier reporter in Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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