“In Trier habe ich keine Ressentiments erfahren”

Plädieren für Offenheit und setzen sich für ein besseres gesellschaftliches Miteinander ein: Gabriele Bischoff, Katarina Barley, Johannes Kram und Thomas Schmitt. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Der in Trier geborene Blogger, Autor von Büchern, Theaterstücken und Liedtexten, Johannes Kram hat sich nicht nur im fernen Berlin einen Namen gemacht. Den Kontakt zu seiner Heimatstadt aber hat der Allrounder niemals abreißen lassen. Am Donnerstag stellte er im Kasino am Kornmarkt sein neuestes Buch vor: “Ich hab’ ja nichts gegen Schwule, aber…”

Von Rolf Lorig

Johannes Kram ist ein streitbarer Mensch. Einer, der die Auseinandersetzung nicht scheut. Der auch dann noch am Thema dran bleibt, wenn andere Menschen längst resigniert haben. Und, ach ja: Johannes Kram ist homosexuell. In der Schule schmierte ein Mitschüler auf seine Bank: “Kram, Du schwule Sau.” Eine kurze Erinnerung, die Kram seinem Publikum im voll besetzten Kasino so ganz nebenbei erzählt. Und die doch deutlich macht, wie sehr der Autor noch bis heute unter der Diskriminierung leidet.

Seinem neuen Buch hat Kram den Untertitel “Die schrecklich nette Homophobie in der Mitte der Gesellschaft” gegeben. Diese Mitte der Gesellschaft sitzt an diesem Abend gespannt im Raum: Unternehmerinnen, Künstler, ein Chefredakteur, Rentner, Studenten, Politiker. Eine bunte Versammlung von Heteros, Schwulen und Lesben, bei dieser Veranstaltung friedlich vereint. Dieser scheinbare Frieden macht Kram Hoffnung: “Es hat sich in 25 Jahren viel verändert in meiner Heimatstadt”, stellt er unter dem Applaus der Anwesenden fest.

Keine Frage, da hat es in der Tat einen gesellschaftlichen Wandel gegeben. Was auch prompt einer seiner Podiumsgäste an diesem Abend mutig unter Beweis stellt: Thomas Schmitt, Kulturdezernent der Stadt Trier.

Auch er kann ein Lied über die neue Strömung in Deutschland singen: der Schauspieler und Regisseur Pierre Sanoussi-Bliss im Gespräch mit Johannes Kram.

Ressentiments wurden immer weniger

Natürlich überlege er immer, ob er einer Einladung wie dieser Folge leisten solle, räumt Schmitt im Gespräch mit Johannes Kram ein. Denn eigentlich sollte die eigene Sexualität kein öffentliches Thema sein. Er weiß aber auch, wie sehr es belasten kann, wenn man versucht, seine Neigungen vor der Öffentlichkeit zu verstecken. Deshalb habe er sich zu Beginn seiner beruflichen Tätigkeit als Politiker auch für den geraden Weg entschieden: “Als ich an den Start ging, hatte ich mein Outing bereits hinter mir.”

Natürlich sei er immer wieder Ressentiments begegnet, “doch die wurden immer weniger.” Und ja, als er sich um seine Stelle in Trier beworben hatte, sei die oft beherrschende Frage auch für ihn wiederaufgetaucht: “Wird meine Sexualität ein Thema oder wird man meine Qualifikation in den Vordergrund stellen?” Das Ergebnis sei erfreulich gewesen: “Nein, hier in Trier habe ich keine Ressentiments erfahren.”

Johannes Kram ist sichtlich erfreut. Er kennt das auch anders. In seinem neuen Buch, aus dem an diesem Abend der Moderator Alfonso Pantisano verschiedene Kapitel liest, klagt Kram eine neue Homophobie an, die er in der Mitte der Gesellschaft ausgemacht hat. Und das zu einem Zeitpunkt, wo doch vordergründig die Ehe für Alle jegliche Probleme aufgelöst zu haben scheint. Kram aber stellt fest: “Diskriminierung in Deutschland ist Alltag, nur etwa ein Drittel aller Homosexuellen hat sich am Arbeitsplatz geoutet.” Woran das liegt, auch das hat Kram aufgedeckt: “Tief sitzende Ressentiments gegenüber homosexuellen Menschen wurden niemals richtig in der Gesellschaft aufgearbeitet.”

“Gefragt sind heute kurze und griffige Schlagzeilen”

Ein Argument, das Bundesjustizministerin Katarina Barley nicht von der Hand weisen mag. Auch sie stellt fest, dass sich etwas in der öffentlichen Diskussion verändert. Das habe was mit Netzwerken und rechten Gruppierungen zu tun, mutmaßt die Ministerin. Und benennt als weiteren Grund eine zunehmende Bequemlichkeit der Menschen: “Kaum jemand liest heute noch lange Artikel oder gar mehrere Zeitungen. Gefragt sind vielmehr kurze und griffige Schlagzeilen.”

Als Familienministerin hat sie im Bundestag für die Ehe für Alle plädiert. Als Wegbereiterin will sie sich aber nicht sehen: “Wir Politiker waren nur Ausführende, die Arbeit haben über die ganzen Jahre die Aktivisten gemacht.” Für das Buch ihres Gastgebers hat sie nur lobende Worte: “Ich habe es ganz gelesen – und das spricht bei meiner knappen Zeit für sich.”

Äußerst stimmgewaltig: Das niederländische Duo Ludique Live.

Für das Programm des gut zweieinhalbstündigen Abends hat sich Johannes Kram weitere Gäste eingeladen, darunter die Aktivistin Gabriele Bischoff und den Schauspieler Pierre Sanoussi-Bliss, der 18 Jahre lang in der Serie “Der Alte” den Kommissar Axel Richter spielte und dann aus nicht nachvollziehbaren Gründen gekündigt wurde. Sarkastisch geht Johannes Kram auf Ursachensuche: “Kein Wunder, Du bist schwul, ein Farbiger und auch noch ein Ossi.” Tatsächlich ist Sanoussi-Bliss als Sohn eines guinesischen Diplomaten und einer ostdeutschen Lehrerin in Ost-Berlin aufgewachsen. Dass er vom ZDF ohne nähere Angaben von Gründen rausgeworfen wurde und seit dreieinhalb Jahren keine Fernsehrollen mehr angeboten bekommen hat, frisst in dem Schauspieler, der seinen Lebensunterhalt seitdem an Theatern bestreitet. Auch er hat die neue Stimmung in der öffentlichen Diskussion längst wahrgenommen, will aber nicht begreifen, weshalb Medienschaffende nicht gezielt dagegen ankämpfen: “Denen müsste es doch Mut machen, dass der Film ‘Ziemlich beste Freunde’ zwölf Millionen Menschen in die Kinos gezogen hat und dass der farbige Hauptdarsteller ganz wesentlich zu dem Erfolg des Films beigetragen hat.”

Antworten auf all die offenen Fragen kann auch dieser Abend, der musikalisch von Eric Rentmeister, Kevin Dickmann, Yvonne Braschke, Ludique Live und Florian Ludewig gestaltet wurde, nicht geben. Wohl aber Denkanstöße für den Umgang mit Menschen, die einfach anders sind als es eine scheinbar gesellschaftliche Norm vorgeben will…

 

Das Buch

Johannes Kram: “Ich hab’ ja nichts gegen Schwule, aber…”

Quer Verlag GmbH, 2018 – 190 Seiten, 14,90 €

ISBN 3896562606, 9783896562609

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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft 3 Kommentare

3 Kommentare zu “In Trier habe ich keine Ressentiments erfahren”

  1. Peter Müller

    Das Buch von Kram ist zu Recht nicht ganz unumstritten, was auch die Besprechungen in den Feuilletonspalten zeigen. Nun bin ich mein ganzes Erwachsenenleben dafür eingetreten, Homosexualität als etwas relativ Normales anzusehen, aber dieser geradezu überdrehte Hang zu Dünnhäutigkeit, gnadenloser Selbstüberschätzung, ja sogar zu einer gewissen Hybris der einschlägigen Klientel geht mir und vielen anderen doch gewaltig auf den Zeiger. Ich rate zu etwas mehr Gelassenheit – auch das gehört zur Normalität – und dazu, nicht in jedem Schwulenwitz ein Beispiel für Diskriminierung zu sehen.

     
  2. Bb

    Herr Müller, lesen Sie das Buch!

     
  3. Stephan Jäger

    Bundesjustizministerin Katarina Barley
    „Das habe was mit Netzwerken und rechten Gruppierungen zu tun, mutmaßt die Ministerin.“

    Es mag ja die wohlfeilere und vor allem politisch korrektere Variante sein auch die Ursachen für die „neue Homophobie“ ausschließlich bei den „bösen Rechten“ zu suchen. Eine wesentlich aggressivere und gefährlichere Form von Homosexuellenfeindlichkeit wird Frau Barleys Ressort in Zukunft aber wohl aus einer völlig anderen Richtung beschäftigen. Besser, sie setzt sich – unter Inkaufnahme der Gefahr, dann selbst „in die rechte Ecke gerückt zu werden“ – auch damit zeitig auseinander.

     

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