Interessen und Talente bei Berufswahl sehen

Beleuchten gemeinsam die Bilnz des Ausbildungsjahres: Günther Behr, Axel Bettendorf, Heribert Wilhelmi und Ulrich Schneider (von links). Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Die regionale Wirtschaft braucht dringend Nachwuchs. Das ist der Tenor einer Pressekonferenz, zu der die Agentur für Arbeit gemeinsam mit den beiden Trierer Wirtschaftskammern eingeladen hatte. Im Blickpunkt stand die Jahresbilanz des regionalen Ausbildungsmarktes. Für Heribert Wilhelmi, den Vorsitzenden der Geschäftsführung der Trierer Agentur für Arbeit, besteht kein Zweifel: ‟Was sich seit einigen Jahren beobachten lässt, ist, dass die Bewerber sich bei uns in der Region Trier den Ausbildungsbetrieb aussuchen. Das ist ein Wandel vom Arbeitgeber- hin zum Bewerbermarkt.”

Von Rolf Lorig

Dass man in Trier an einem Strang zieht, wenn es um das Thema Ausbildung geht, machte bei der Pressekonferenz die Besetzung des Podiums deutlich. Neben Heribert Wilhelmi war auch der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer (HwK) Trier, Axel Bettendorf, anwesend. Er hatte seinen Geschäftsführer Günther Behr mitgebracht, der bei der HwK den Bereich ‟Duales Studium‟ verantwortet. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Trier war durch Ulrich Schneider vertreten, der als Geschäftsführer für den Bereich Ausbildung zuständig ist. Für Axel Bettendorf ist dieses Miteinander von Kammern und Arbeitsagentur mit ein Grund dafür, ‟dass wir in der Region annähernd Vollbeschäftigung haben”.

“Der Ausbildungsmarkt hat sich gewandelt”, sagt Heribert Wilhelmi

Ausbildungsbereitschaft ist gestiegen

Dem wollte und konnte niemand widersprechen. Fakt aber ist, dass ‟es immer schwieriger für die Ausbildungsbetriebe wird, ihre Lehrstellen zu besetzen‟, stellte Heribert Wilhelmi fest. Und noch etwas hatte er rausgefunden: ‟‟Die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe ist auf hohem Niveau nochmals gestiegen.” Bis Ende des Bilanzjahres im September seien der Agentur für Arbeit Trier insgesamt 4.066 offene Stellen gemeldet worden, das seien 152 mehr als im Vorjahr. Demgegenüber sei die Zahl der potenziellen Bewerber auf diese Stellen jedoch um 119 Personen gesunken und habe bei 3.335 gelegen.

Einen besonders großen Bedarf sieht Wilhelmi auf Nachfrage des reporters vor allem in der Gastronomie und der Pflege. Laut Axel Bettendorf setzt sich das aber auch quer durch das gesamte Handwerk fort. Für die IHK sieht Ulrich Schneider vor allem einen großen Nachwuchsbedarf bei Zerspanungs- und Konstruktionstechnikern.

Kämpft weiterhin um jeden Auszubildenden: Axel Bettendorf

179 Jugendliche haben keinen Ausbildungsplatz

Weil weniger Bewerber als offene Stellen zur Verfügung stehen, sind laut Wilhelmi 569 offene Stellen unbesetzt und 179 junge Leute ohne Ausbildungsplatz geblieben. Die Erkenntnis daraus: ‟Die Betriebe müssen sich für Bewerber öffnen, die gewisse Defizite mitbringen‟, so der Vorsitzende der Geschäftsführung. Um beide Seiten zusammen zu bringen, biete die Agentur zahlreiche Fördermöglichkeiten an, um möglichst viele Jugendliche fit für den Beruf machen zu können. Zudem bemühe man sich auch um Nachwuchs bei Flüchtlingen und Studienabbrechern.

Während die Zahl der Flüchtlinge in Ausbildungsverhältnissen (Ulrich Schneider: ‟Knapp 25 Prozent der ausländischen Auszubildenden stammen aus Ländern, bei denen ein Flüchtlingshintergrund vermutet werden kann.”) beständig steigt, ist die Situation bei den Studienabbrechern etwas unübersichtlicher. Für Axel Bettendorf ist das gerade die Klientel, die den Führungsnachwuchs im Handwerk sicherstellen könnte. Etwa ein Drittel der Studierenden beendet vorzeitig sein Studium. ‟Davon entschließen sich 40 Prozent für ein duales Studium‟, so die Erkenntnis. Der Rest sei unklar: Viele würden ein neues Studium aufnehmen, andere in die klassische Berufsausbildung gehen.

Stellt für die IHK bei den Zahlen ein vergleihbares Niveau gegenüber dem Vorjahr fest: Ulrich Schneider

“Eltern sehen ihren Nachwuchs im akademischen Umfeld”

So sehr sich Günther Behr über die freut, die von der Universität dann doch in die Handwerksbetriebe kommen, so sehr beklagt er die verlorene Zeit. Die Ursache, darin sind sich alle einig, liege in der Regel bei den Eltern, die ihren Nachwuchs schon früh im akademischen Umfeld sehen. ‟Dabei ist gerade heute das Handwerk der ideale Ort, um beruflich durchstarten zu können‟, befand Axel Bettendorf und verwies darauf, dass sich innerhalb der nächsten zehn Jahre bei etwa einem Drittel der Betriebe in der Region die Nachfolgefrage stellen wird.

Vielleicht mit ein Grund dafür, dass die Handwerksbetriebe in der Gunst der Bewerber einen Tick besser da stehen. Denn während bei der IHK die Situation gegenüber dem Vorjahr (+24 Ausbildungen) in etwa gleich geblieben ist, kann sich die HwK über etwa sieben Prozent mehr Ausbildungsverträge als im Vorjahr freuen.

Für die Arbeitsagentur und die beiden Trierer Wirtschaftskammern liegt der Schlüssel zur Verbesserung der Ausbildungssituation in der bestehenden Kooperation, die weiter ausgebaut und fortgeführt werden soll. Dazu gehört auch eine Intensivierung der Elternarbeit, die den Interessen und Talenten der Jugendlichen Rechnung tragen soll.

Extra

Arbeitslosigkeit in Rheinland-Pfalz erstmals unter 100.000

Die Arbeitslosigkeit hat in Rheinland-Pfalz im Oktober einen historischen Tiefstand erreicht. Erstmals seit mehr als 25 Jahren waren in Rheinland-Pfalz weniger als 100.000 Menschen arbeitslos gemeldet. Das teilten Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Arbeitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler anlässlich der Bekanntgabe der aktuellen Arbeitsmarktzahlen mit. Danach waren im Oktober in Rheinland-Pfalz 98.325 Menschen arbeitslos gemeldet. Das sind 2.495 weniger als im September und 7.197 weniger als noch im Vorjahresmonat. Die Arbeitslosenquote sank um 0,1 Prozentpunkte auf 4,5 Prozent. Im Oktober des Vorjahres lag sie bei 4,8 Prozent. (tr)


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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