Jean-Claude Juncker und die Europäische Kunstakademie

Kann über mangelnde Arbeit und Herausforderungen nicht klagen: Dr. Gabriele Lohberg, Leiterin der Europäischen Kunstakademie. Fotos: Rolf Lorig

Kann über mangelnde Arbeit und Herausforderungen nicht klagen: Dr. Gabriele Lohberg, Leiterin der Europäischen Kunstakademie. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Im kommenden Jahr kann der Verein ‟Europäische Kunstakademie‟ auf sein 40-jähriges Bestehen zurückblicken. Natürlich wird man bei der Gelegenheit auch ein wenig Geburtstag feiern. Mit mehreren Ausstellungen, einem Erasmus-Projekt, Konzerten und Matineen. Aber alles im überschaubaren Rahmen. Eben so, wie das seit fast 40 Jahren gelebter Alltag der Akademie ist. Wobei − auch in einem weiteren Punkt ist man sich treu geblieben. Bei der Wahl des Schirmherrn nämlich. Denn eine Europäische Kunstakademie braucht zum Geburtstag einen europäischen Schirmherrn. Und das ist kein Geringerer als der Präsident der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker. Über Vergangenes und Zukünftiges hat der reporter mit Gabriele Lohberg, der Leiterin der Akademie, gesprochen. Und dabei auch die Themenbereiche Finanzen und Herausforderungen beleuchtet.

Ein Beitrag von Rolf Lorig

Wer sich zum ersten Mal mit der Europäischen Kunstakademie beschäftigt, kommt um einige Zahlen nicht herum. ‟Seit Professor Erich Kraemer die Akademie 1977 ins Leben rief, haben hier 300 Frauen und Männer unterrichtet, gab es mehr als 47.000 Teilnehmer, 4000 Kurse und über 300 Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen.” Eigens für das anstehende Jubiläumsjahr ist Gabriele Lohberg tief in das Archiv der Akademie eingestiegen. Vor wenigen Wochen hat die promovierte Kunsthistorikerin ihr 20-jähriges Dienstjubiläum gefeiert. ‟Als ich damals von Davos in der Schweiz nach Trier kam, hätte ich niemals gedacht, dass ich so lange hier bleiben werde‟, sagt sie.

War der Wechsel von der Schweiz nach Trier kein Kulturschock? Lohberg verneint lachend. Nein, den habe sie vorher erlebt. Als sie von Köln aus dem Ludwig-Museum nach Davos ins Kirchner-Museum wechselte. ‟In Köln hatte ich mit lebenden Künstlern zu tun, in der Schweiz durfte ich nur tote Künstler ausstellen.” Das waren zwar klingende Namen, die Sehnsucht nach dem Leben aber blieb. Bis dann das Angebot aus Trier kam. Dort suchte man eine Nachfolgerin für den 1994 verstorbenen Erich Kraemer, dessen Lebenswerk, die Europäische Kunstakademie, vorübergehend von Klaus Schulte verwaltet wurde. ‟Das Angebot, plötzlich mit 60 lebenden Künstlern zusammenarbeiten zu können, war einfach zu verlockend für mich‟, erinnert sich die Akademieleiterin.

Den Übergang von der reichen Schweiz in das nicht gerade auf Rosen gebettete Trier empfand sie nicht so stark: ‟Damals war die finanzielle Situation hier in Trier gar nicht so schlecht.” Zudem hatte einige Jahre zuvor der frühere Trierer Oberbürgermeister Carl-Ludwig Wagner der Akademie in seiner Funktion als neuer Finanzminister mit nicht unbeträchtlichen Landesmitteln zu einem respektablen Umzug verholfen: aus den maroden Mauern des Martinerhofes auf der linken Moselseite in die großzügig dimensionierten Räume eines ehemaligen Schlachthofes auf dem gegenüberliegenden Ufer.

Gabriele Lohberg kann zusammenführen

Hier arbeiten wir! Gelungener Hinweis auf die Akademie in der Aachener Straße.

Hier arbeiten wir! Gelungener Hinweis auf die Akademie in der Aachener Straße.

Die ersten Jahre liefen gut. Die neue Leiterin brachte gute Kontakte zu Künstlern aus der Kölner Szene mit. ‟In den 90er Jahren tobte in der Kölner Kunstszene der Bär.” Was aber ebenso schwer wog: Gabriele Lohberg kann zusammenführen. Als sie nach Trier kam, drohte dem Siebdruck das Aus. Zusammen mit den Malern fand Lohberg einen Neuanfang: ‟Die Maler schickten einfach ihre Schüler mit den fertigen Bildern zum Siebdruck und trugen ihnen auf, das Ganze im Siebdruck neu umzusetzen.” Für Lohberg war das eine ‟künstlerische Mund-zu-Mund-Beatmung‟, die am Ende auch den gewünschten Erfolg brachte. Eine weitere Krise kam 2001 mit der Einführung des Euro. ‟Da war die Mark plötzlich nur noch die Hälfte wert.” Unterstützt vom damaligen Schatzmeister Dieter Werner konnte auch diese Klippe genommen werden. Aber eines ist ihr deutlich in Erinnerung geblieben: ‟Wir hatten über 2000 Teilnehmer, machten aber keine Gewinne mehr.”

Viel anders sieht die Situation auch heute nicht aus. In den letzten beiden Jahren konnte Lohberg, die wie der ehemalige Intendant Karl Sibelius Geschäftsführerin und Künstlerische Leiterin ist, dank einer vorsichtigen Politik das Geschäftsjahr jeweils mit einer schwarzen Null abschließen. Dabei standen ihr bei weitem nicht die gleichen finanziellen Mittel zur Verfügung, auf die Sibelius zurückgreifen konnte. Die Europäische Kunstakademie, ein eingetragener Verein mit anerkannter Gemeinnützigkeit, hat einen jährlichen Umsatz von etwa 750.000 Euro. Die Mitglieder des Vereins sind unter anderem die Stadt Trier, der Landkreis Trier-Saarburg und die Hochschulen. Von Stadt und Land bekommt die Einrichtung jährlich etwa 150.000 Euro, dazu die mietfreie Unterbringung im alten Schlachthof. Der Rest stammt aus Vermietungen (‟Die Räumlichkeiten werden mehr und mehr als Veranstaltungsort entdeckt und bescheren uns dringend benötigte Einnahmen.‟) und Teilnehmergebühren.

Rund 1300 Studierende weist die Bilanz jährlich auf. Diese Zahl zu halten, wird zunehmend schwieriger. ‟Als ich nach Trier kam, gab es außer Salzburg kaum Mitbewerber‟, erinnert sich Lohberg. Das aber hat sich gewaltig geändert. Die Zeitschrift art weist auf mehreren Seiten eine Fülle an nationalen und internationalen Kunstangeboten aus. ‟Nach wie vor gibt es in Europa keine vergleichbare Einrichtung dieser Größe in freier Trägerschaft‟, zeigt sich die Leiterin selbstbewusst. Aber sie weiß auch: ‟Die Teilnehmer binden sich nicht mehr an eine Einrichtung, schauen sich auch gerne anderswo um.” Das gelte leider ebenfalls für die Dozenten.

Mehr Unterstützung wäre hilfreich

Vor dem Hintergrund der wachsenden Konkurrenzsituation wünscht sich Gabriele Lohberg schon heute mehr Unterstützung. ‟Was wir mit einer Handvoll hauptamtlich beschäftigten Kräften leisten, ist eigentlich kaum zu verantworten.” In der Tat gibt es nur drei Hauptamtliche (Geschäftsführerin, Marketing-Fachmann und ein Hausmeister), zwei Dreiviertelstellen für Verwaltungsaufgaben, eine Buchhalterin mit einer halben Stelle und einen FSJler. Gerne hätte Lohberg noch einen Kurator für Ausstellungen und einen Veranstaltungsmanager. Und ein Budget fürs Marketing…

Viele Wege...

Viele Wege…

Wünschen kann man sich fast alles. Ein Wunsch ist ja bereits in Erfüllung gegangen: Jean-Claude Juncker. Oberbürgermeister Wolfram Leibe hat dafür die Tür geöffnet, hat bei Juncker nachgefragt. Dem überzeugten Europäer hat die Idee der Europäischen Kunstakademie offenbar gut gefallen. Wann er die Einrichtung nun besuchen wird, das steht noch nicht fest. Aktuell wird noch an verschiedenen Terminen gearbeitet. Doch was erhofft sich Gabi Lohberg von Jean-Claude Juncker? Geld bringt ein Schirmherr nun mal nicht mit. Doch das erwartet sie auch nicht. Sie treibt eine andere Idee um. 2011 habe die Enquete-Kommission des Bundestages die dringliche Empfehlung gegeben, eine Europäische Kunstakademie zu einzurichten, in der auch europäische Kultur vermittelt werde. ‟Sollte diese Empfehlung einmal umgesetzt werden, würde sich die Einrichtung hier in Trier sofort anbieten, da wir bereits alle Voraussetzungen erfüllen.” Möglicherweise könnte Jean-Claude Juncker dann mithelfen, die Weichen in Richtung Trier zu stellen.

Ob Gabriele Lohberg das noch zu aktiven Zeiten erleben wird? Im Januar 2020 wird sie aus Altersgründen die Leitung des Vereins in andere Hände übergeben müssen. Doch wer weiß − manchmal gehen Träume noch in Erfüllung. Und außerdem steht im Jahr 2027 noch der 50. Geburtstag an…

Extra

Zahlen und Fakten

Das Angebot der Europäischen Kunstakademie umfasst mehrere Studiengänge, auch berufsbegleitend, und Kurse. Rund 60 Dozenten betreuen ganzjährig rund 1300 Studierende in den Studienbereichen Zeichnung und Malerei, Druckgrafik, Fotografie, Digitale Medien, Keramik und Skulptur .

Jugendkunstschule ‟PINK PAINTER‟

Seit 2008 ist PINK PAINTER die Jugendkunstschule in Trier. Hier gibt es Kurse für Kinder ab vier Jahre, in allen Bereichen der bildenden Kunst. Erfahrene Dozenten betreuen Kinder und Jugendliche bis 24 Jahre in den Bereichen Malen, Zeichnen, aber auch Skulpturen. Objekte und Fotografien entstehen in den Workshops in Trier.

Die Jugendkunstschule veranstaltet Workshops mit Schulklassen, Kunst-Leistungskursen, ja sogar ganzen Schulen. Insgesamt nutzen etwa 250 Kinder das Angebot der Jugendkunstschule.

Woher kommen die Teilnehmer?

Etwa 40 Prozent der Teilnehmer kommen aus Rheinland-Pfalz, 35 Prozent aus Nordrhein-Westfalen und knapp 15 Prozent aus Luxemburg. Der Rest verteilt sich auf andere deutsche Bundesländer sowie auf Länder wie Spanien, Südafrika, Kanada, Korea oder die USA. Nach Aussage von Akademie-Leiterin Gabriele Lohberg ‟gibt es kaum ein Land, aus dem nicht auf unsere Homepage zugegriffen wird”. Monatlich werde die Homepage etwa 8000 Mal aufgerufen.

Übernachtung in und um Trier

Die Akademie ist den Teilnehmern bei ihrer Suche nach einer Unterkunft behilflich. Auf der Webseite findet sich ein Verzeichnis mit einer Liste von privaten Zimmervermietern. Allein im Jahr 2016 haben mehr als 1300 Teilnehmer neben der Kursgebühr etwa 720.000 Euro in der Stadt Trier für Übernachtungen, Essen und Trinken sowie kulturelle Veranstaltungen ausgegeben.

Der Förderverein

Im Jahr 2001 wurde der ‟Förderkreis Europäische Kunstakademie e.V.” ins Leben gerufen. Zweck des Fördervereins ist die ideelle und finanzielle Förderung der Europäischen Kunstakademie sowie die Förderung grenzüberschreitender Initiativen der Akademie. Der Verein lädt regelmäßig zu künstlerischen Veranstaltungen ein und organisiert eigene Events wie beispielsweise den ‟Markt der Künste‟. Aktuell hat der Verein etwa 60 Mitglieder. (rl)


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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