“Jetzt bin ich ein linker Grüner”

Johannes Schölch-Mundorf ist jetzt ein linker Grüner. Foto: privat

TRIER. Nach knapp zehn Jahren war das Maß endgültig voll: Ende Oktober hat Johannes Schölch-Mundorf die SPD verlassen. Anfang November trat der ehemalige Ortsvereinsvorsitzende und stellvertretende Ortsvorsteher von Trier-West/Pallien bei den Grünen ein. Im Interview mit dem reporter begründet der 52-jährige Pädagoge seinen Austritt aus der SPD mit dem “autoritären Führungsstil einiger Personen vor Ort”, rechnet aber auch mit der GroKo-Politik seiner ehemaligen Partei ab.

Sie haben die SPD Ende Oktober nach knapp zehn Jahren Parteizugehörigkeit verlassen. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

Schölch-Mundorf: Ein autoritärer Führungsstil von einigen Personen vor Ort, der mit Blick auf die anstehende Kommunalwahl sogar mitunter soweit führt, dass nicht einmal in internen Gruppen kontroverse Meinungen erlaubt sind. Das Wort “Basta” ist wieder aktuell. Die Trierer SPD war zu Zeiten meines Eintrittes mit Malu Dreyer als Vorsitzende eine andere. Heute sehe ich mit meinen Idealen Sozial, Gerecht und Demokratisch keinen Platz mehr für mich in der SPD. Aber auch die vielen Zugeständnisse, die die SPD im Bund wegen der GroKo machen muss und die noch immer mangelnde Bereitschaft zur seit langer Zeit angekündigten Erneuerung gaben den Ausschlag für meinen Austritt. Mitte Oktober war ich noch auf dem Basiskongress der SPD-Linke in Berlin – ohne Antworten zu bekommen. Im Gegenteil. Auch dort habe ich die große Frustration der Genossen hautnah erlebt, die ja auch von der ARD ausgiebig aufgezeichnet wurde.

Sie sprechen von “einigen Personen mit autoritärem Führungsstil” in Trier. Können Sie hier Ross und Reiter nennen?

Schölch-Mundorf: Ich bitte um Verständnis dafür, dass ich öffentlich keine Namen nennen möchte.

Es gab und gibt immer wieder Beteuerungen der SPD-Spitze, die Partei werde sich auch in der Großen Koalition mit der Union erneuern können. Glauben Sie noch daran?

Schölch-Mundorf: Nein. Für mich gibt es nur noch eine wirkliche Erneuerung in der Opposition. Ich war wie 34 Prozent der Mitglieder von Beginn an gegen die GroKo. Lediglich Katarina Barley war für mich als Bundesministerin immer ein Hoffnungsschimmer. Doch sie wird nun das Bundeskabinett und Berlin für das Europaparlament verlassen.

Auch führende regionale Sozialdemokratinnen wie Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Justizministerin Katarina Barley hatten sich für die GroKo starkgemacht. Enttäuscht Sie das?

Schölch-Mundorf: Ja, davon war ich damals äußerst enttäuscht. Katarina Barley machte und macht als Bundesministerin allerdings eine sehr gute Arbeit. Insofern war ihr Einsatz für die GroKo durchaus verständlich.

Glauben Sie, dass die SPD noch zu retten ist?

Verständnis für Barley, Enttäuschung wegen Dreyer …

Schölch-Mundorf: Ich denke, die Menschen suchen heute andere Antworten als vor 155 Jahren zur Zeit der Gründung der SPD. Ihre traditionelle Wählerschaft ist ihr abhandengekommen. Außerdem fehlt der Wille zur Erneuerung. Das mussten wir von der Arbeitsgemeinschaft für Bildung feststellen, deren Vorsitzender für die Region Trier ich war. Auf unser Positionspapier, das wir binnen fast dreier Jahre mit fundierten Vorschlägen zur Veränderung des Bildungssystems in Rheinland-Pfalz in einer Gruppe mit Fachleuten aus der Praxis erarbeitetet haben, gab es entweder keinerlei Reaktion von den Verantwortlichen in den Führungsetagen oder aber deutliche Weisungen, es nicht zu veröffentlichen. Passend dazu hat der Tagesspiegel übrigens am 10. November kommentiert: “Umso mehr fällt auf, wie unerbittlich die SPD umgeht mit Genossen, die auf eigene Rechnung analysieren und Konzepte entwerfen.” Und Michael Roth von der SPD schreibt: “Gleichzeitig brauchen wir Mut zum kreativen Streit.”

Der Niedergang der Sozialdemokratie wirkt sich vertikal auf allen Ebenen aus. Was bedeutet das für die Arbeit der SPD in den Kommunen?

Schölch-Mundorf: Das werden die Wählerinnen und Wähler bei der Kommunalwahl im Mai 2019 beantworten …

“Grüne können SPD überflügeln”

Ihre neue politische Heimat sind die Grünen. Warum nicht die Linken, da Sie sich doch selbst als Linker bezeichnen?

Schölch-Mundorf: Ich war schon immer ein grüner Linker und bin jetzt ein linker Grüner. Die Linke ist für mich als Partei nie in Frage gekommen wegen ihrer Vergangenheit, die etwa mit Sarah Wagenknecht bis in die Gegenwart reicht. In meiner Jugend war ich mehrere Jahre intensiv und aktiv in der Ost-West-Partnerschaft der evangelischen Jugend Heidelberg beteiligt. Das hat mich sehr früh gelehrt, unsere Demokratie in Abgrenzung zum totalitären System der damaligen DDR zu schätzen.

Was machen die Grünen besser als die SPD?

Schölch-Mundorf: An allererster Stelle die Partizipation. Jüngst war ja die Mitgliederversammlung der Trierer Grünen. Es wurden verschiedene Themen mit Anträgen vorbereitet, die dann in der Versammlung mit disziplinierter Diskussion und Änderungen bis zur durchaus nicht immer einheitlichen Abstimmung gebracht wurden. Ein weiterer wichtiger Grund ist für mich die klar ökologische Ausrichtung der Grünen. Ohne dieses Extra werden wir keine Zukunft haben. Besonders nicht für unsere Kinder. Dies ist mir nach fast zehn Jahren bei der SPD wieder klar geworden. Ebenso wichtig ist für mich der Einsatz für den Erhalt von Frieden, das heißt zum Beispiel: keine Waffenexporte etwa nach Saudi-Arabien. Der Ausstieg aus der Kohle und die Einführung einer Finanztransaktionssteuer sind weitere Themen, bei denen die Grünen klare Positionen haben, im Gegensatz zur SPD.

Im kommenden Jahr stehen die Kommunalwahlen an. Können die Grünen die SPD mit dem Rückenwind aus dem Bund überflügeln?

Schölch-Mundorf: Selbstverständlich. Ich bin davon überzeugt.

Welche Schwerpunkte sollten die Grünen im Wahlkampf setzen?

Schölch-Mundorf: Die Grünen haben in mehreren offenen Veranstaltungen die Themen für das Wahlprogramm gesammelt und werden dieses zu Beginn des Jahres als ihr Wahlprogramm verabschieden. Dem möchte ich nicht vorgreifen. Aber eine wichtige Entscheidung ist bereits gefällt: Es darf keine Ansiedlung eines neuen Einkaufszentrums im Industriegebiet Euren geben mit allen negativen Folgen für den Verkehr bis hin zur Begründung eines Moselaufstiegs. Kostenfreie Schülertickets oder gar wie in Luxemburg freier ÖPNV für alle Jugendlichen wären ein wünschenswertes Thema. Mehr und dauerhafte Jugendbeteiligung in Trier, für die die Stadt Trier gerade ausgezeichnet wurde und bei der ich ehrenamtlich mitarbeite. Dann natürlich der Ausbau sicherer Rad- und Fußwege, die weitere Sanierung der Schulen, und mein Traum wäre der ehemalige Edeka in der Aachener Straße als dauerhafter Standort für die Skatehalle in Verbindung mit weiteren sportlichen und kulturellen Angeboten. Auch fehlt ein offener Treffpunkt oder ein Jugendcafé in der Innenstadt. Dies sind nur einige Punkte, die mir spontan einfallen und für die ich mich bereits seit Jahren auf kommunaler Ebene einsetze.

Werden Sie für Ihre neue Partei auf der Stadtratsliste kandidieren?

Schölch-Mundorf: Seit meinem 16. Lebensjahr engagiere ich mich ehrenamtlich in der Politik, Jugendpolitik und in Initiativen für eine lebenswerte Zukunft. Deswegen werde ich meinen Hut in den Ring werfen, wie man so schön sagt. Anders als bei der Trierer SPD, wo geheim – von vier Personen vor der letzten Wahl – eine Liste zur gesamten Abstimmung erstellt wurde, kann man sich im Prinzip bei den Grünen auf jeden Listenplatz bewerben.

Die Fragen stellte Eric Thielen

Zur Person

Johannes Schölch-Mundorf wurde in Heidelberg geboren, studierte in Freiburg und Trier, war Gründungsmitglied von Attac und trat 2009 in die SPD ein. Von 2012 bis 2014 war er Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Trier-West-Pallien und von 2014 bis 2017 stellvertretender Ortsvorsteher, ferner von 2017 bis 2018 Vorsitzender der SPD-Arbeitsgemeinschaft Bildung in der Region Trier. Seit 2013 arbeitet der gebürtige Heidelberger als Pädagogische Fachkraft an der Nelson-Mandela-Realschule Plus. Nach seinem Austritt aus der SPD Ende Oktober ist er seit Anfang November Mitglied bei den Trierer Grünen. Schölch-Mundorf lebt in Pallien und ist alleinerziehender Vater eines 17 Jahre jungen Sohnes.


Drucken
Erstellt am Autor Eric Thielen in Featured, Politik 1 Kommentar

Kommentar zu “Jetzt bin ich ein linker Grüner”

  1. Peter Müller

    Muß man denn dem geradezu zwanghaften Drang zur Selbstdarstellung ein solches Forum bieten?

     

Hinterlasse einen Kommentar

* Eingabe erforderlich (Pflichtfelder). Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Die Angabe eines Klarnamens ist nicht erforderlich.