“Keine Schnellschüsse, dafür nachhaken, nachfragen”

Mit Moderatorin Marion Barzen (SWR) diskutireen Uwe Conradt, Frank Überall, Joachim Görgen, Stefan Brauburger, Thomas Roth und Rainer Auts. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Eine Branche befindet sich im Umbruch. Noch im Jahr 1991 hatten hierzulande die Tageszeitungen eine tägliche Auflage von rund 27,3 Millionen Exemplaren. 26 Jahre später liegt die verkaufte Auflage bei rund 14,7 Millionen Exemplaren. Wie geht man mit dieser Entwicklung um? Eine Frage, die der Bezirk Trier im Deutschen Journalisten-Verband (DJV) in Zusammenarbeit mit der Karl-Marx-2018-Ausstellungsgesellschaft bei einer öffentlichen Podiumsdiskussion in die Thermen am Viehmarkt zu beleuchten versuchte.

Ein Beitrag von Rolf Lorig

Schon Karl Marx kannte das Problem: Ohne Geld geht nichts. Der Philosoph, der sich für eine gerechtere Verteilung des Kapitals einsetzte, hatte zeit seines Lebens finanzielle Probleme. Um seine Familie ernähren zu können, arbeitete er auch als Journalist. Dabei erlebte er ähnliche Veränderungen wie die, die deutschen Verlagen heute Kopfzerbrechen bereiten. Im beginnenden Zeitalter der Kommunikation richtete die Leserschaft steigende Erwartungen an Schnelligkeit und Qualität der Berichterstattung, weshalb sich die Verlage auf diese neuen Ansprüche einstellen mussten. Eine Parallele, die der DJV-Bezirk Trier als Basis für seine Veranstaltung nutzte und dazu interessante Gesprächspartner eingeladen hatte.

Chefredakteur Thomas Roth will dem Trierischen Volksfreund wieder neue Leser erschließen.

Auflage sinkt, Arbeitsplätze gefährdet

Thomas Roth, Chefredakteur des Trierischen Volksfreunds, war einer der Gäste. Roth steht im Augenblick vor einer schwierigen Situation. Auch die Auflage des “Trierischen Volksfreund” befindet sich im Sinkflug. Lag 1998 nach Angaben der ivw die Druckauflage noch bei 106.000 Exemplaren (davon 96.000 Abonnenten), so sind es aktuellen Zahlen zufolge noch 76.000 bei rund 70.000 Abonnenten. Zahlen, die unter Beweis stellen, dass die allgemeine Entwicklung auch vor der Großregion Trier nicht haltgemacht hat.

Dass die Eigentümer, in diesem Fall die “Rheinische Post”, der die Saarbrücker Zeitungsgruppe und damit auch der Trierische Volksfreund gehört, das nicht tatenlos beobachten, liegt auf der Hand. Informationen des SWR, aber auch des DJV zufolge will die Saarbrücker Zeitungsgruppe bis zum Jahr 2021 wegen steigender Kosten und sinkender Werbeeinnahmen Arbeitsplätze in Saarbrücken, Zweibrücken und Trier zu streichen. Nach Angaben des SWR sollen bei allen Zeitungen zusammen 100 Stellen wegfallen, davon alleine beim Trierischen Volksfreund mehr als 30 Stellen.

Als Chefredakteur der hieseigen Tageszeitung kennt Roth diese Zahlen, und auch, dass etwa ein Drittel davon seinen Verantwortungsbereich betreffen. Mit Sorge sieht er die täglichen Todesanzeigen in der Zeitung, weiß, dass das ehemalige Abonnenten sind. Mit Blick auf den Auflagenrückgang will und kann er über Ursachen und Fehler in der Vergangenheit nicht spekulieren, weil diese Talfahrt schon lange vor seiner Zeit eingesetzt hat. Die generelle Entwicklung sei eine Situation, die man sich nicht wünsche, sagt er. Dennoch glaubt er (noch) an den Fortbestand der klassischen Zeitung.

“Was können wir tun, um neue Leser und damit auch neue Anzeigenkunden zu gewinnen?”

Eine verbindliche Aussage zu treffen, wann es die in Papierform nicht mehr gebe, sei unmöglich. Viel spannender aber sei die Frage: “Was können wir tun, um neue Leser und damit auch neue Anzeigenkunden zu gewinnen?” Die von ihm anvisierte Zielgruppe ist die der 30- bis 40-Jährigen. Um die zu erreichen, müsse sich die Tageszeitung auf ihre Stärken besinnen: “Noch mehr Berichte aus dem lokalen Geschehen.” Wobei der Chefredakteur betont, dass auch dem digitalen Medium eine besondere Rolle in den Gesamtüberlegungen zukomme: “Alleine mit der klassischen Zeitung, mit einem Produkt alleine, können wir nicht alle Geschlechter und Altersgruppen erreichen.” Das digitale Produkt biete die Chance, zielgruppengerechter zu agieren. Hier schaut er auf das Angebot von amazon: “Wenn ein Kunde dort einen Beitrag kauft, dann schlägt ihm ein Algorithmus gleich eine Reihe ähnlich interessanter Beiträge zum Kauf vor.” Das zu leisten, dazu sei man als Regionalzeitung heute aber noch nicht in der Lage, räumt er offen und selbstkritisch ein. Doch in der personalisierte Zeitung sieht er den Weg, den es zu beschreiten gelte.

Frank Überall: “Wir sind System-Medien, denn wir stehen zu dem demokratischen System.”

Immer mehr technische Kompetenz

Frank Überall, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes, will das nicht bestreiten. Alleine mit dem Weg zum Ziel hat er noch Probleme. Weiß er doch zu berichten, dass die Verlage vom journalistischen Nachwuchs “immer mehr technische Kompetenz” erwarten. Jedoch bleibe sehr oft außen vor, dass diese Kompetenz auch ihren Preis habe. So gebe es Verlage, die  freie Mitarbeiter mit zehn Cent pro Zeile und 3,63 Euro für ein Foto abgespeist würden. Und von diesem Geld müsse der freie Journalist auch noch Steuern und Versicherungen zahlen. Für diese Geiz-Mentalität gebe es viele Gründe: eine falsche Denke in den Verlagen, aber auch der Verbraucher selbst, der glaube, alles kostenlos bekommen zu können: “Da muss sich jeder zunächst erst mal selbst an die Nase fassen.” Für ihn ist es deshalb eine dringliche Aufgabe, dass “wir alle den Wert von Journalismus wieder erklären müssen”.

Als Direktor der Landesmedienanstalt des Saarlandes kann Uwe Conradt dem nur zustimmen. Wie Roth sieht er den Weg in die journalistische Zukunft in der Verknüpfung des traditionellen Mediums mit den neuen Medien wie WhatsApp, Twitter, Youtube oder Facebook. Ein wichtiger Punkt ist auch für ihn die Frage: “Wie kann Journalismus weiter bezahlt bleiben?” Er ist sich sicher: “Wenn wir es nicht schaffen, Möglichkeiten der finanziellen Erschließung zu schaffen, dann haben wir ein ernsthaftes Problem für die Demokratie.”

Joachim Görgen, Abteilungsleiter Multimediale Nachrichten beim SWR in Mainz, setzt in dieser Frage auf Qualität. In der Ausbildung von jungen Journalisten müsse bereits deutlich werden, dass Qualitätsjournalismus eine ganz andere Beachtung erfahre. Gerade bei Berichterstattungen wie über das Geschehen in Chemnitz seien Sorgfalt und Unvoreingenommenheit unerlässlich.

Die Frage der Ausbildung greift dann noch einmal Frank Überall auf. Er räumt ein, dass insbesondere in den neuen Medien viele junge Talente unterwegs sind. Doch ein ernsthafter Journalismus könne nur der betreiben, der diesen Beruf auch erlernt habe: “Denn diese jungen Menschen wissen auch, dass es einen Wertekodex gibt und dass dieser beachtet werden muss.”

“Wir stehen zu dem demokratischen System”

Weiter weist Überall auch auf einen ganz zentralen Punkt hin: “Wir sind System-Medien, denn wir stehen zu dem demokratischen System. Menschen, die mit diesem System ihre Probleme haben, werden auch uns ablehnen.” Insbesondere in den elektronischen Medien gebe es eine Berichterstattung, die sich gegen das demokratische System wende. “Was da passiert, das ist kein Journalismus, das hat mit diesem Beruf nichts zu tun.”

Dem stimmt Stefan Brauburger, Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte, zu. Auch er setzt auf Qualitätsjournalismus als Rezept für die Zukunft. Was sich für ihn auch auf die Form der Präsentation bezieht. Indem man Informationen interessant und nachvollziehbar verpacke, könne man sich auch den Personenkreis erschließen, der noch auf den ersten Blick unerreichbar scheine. Als Beleg dafür benennt er die ZDF-Reihe “History”. Tests mit jungen Fernsehzuschauern hätten ergeben, dass diese nach erfolgtem Probezuschauen bedauerten, nicht schön früher der Reihe öfter eingeschaltet zu haben.

Das Gespräch interessiert verfolgt hatte neben Bischof Stephan Ackermann, Oberbürgermeister Wolfram Leibe, Gewerkschaftsvertretern, Journalisten und Gästen auch Staatsminister Konrad Wolf. Er hatte nach der Begrüßung der Gäste durch die Vorsitzende des DJV-Bezirks Trier, Sabine Krösser, den Abend mit einem Grußwort eröffnet und darin die Rolle des Journalisten Karl Marx beleuchtet. Der habe den Journalismus stets als große Chance begriffen, seine Gedanken, seine messerscharfen Analysen gesellschaftlicher Umstände und auch seine politischen Forderungen der Öffentlichkeit zu präsentieren. “Marx nahm sich die Zeit zur Recherche, zum ausführlichen Ergründen der Umstände, der Entwicklung, der Einbettung in den großen Kontext. Hierauf baute er seine Einschätzungen auf, erklärte das Geschehen, erklärte seinen Leserinnen und Lesern die Welt.”

Für Minister Wolf ist genau dies ist das Gegenteil von “Fake News“ und Verschwörungstheorien. “Das ist die Stärke des Journalismus. Keine schnelle Schlagzeile, sondern nachhaken, nachfragen und darauf aufbauend eine Analyse betreiben.”


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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