Lasst ihn stehen!

Marx und sein Double: Michael Thielen vor dem Dummy des Philosophen.

Jetzt mal ganz im Ernst: Die Aufregung um Karl Marx ist künstlich – und heuchlerisch. China schenkt Trier eine Statue, und die soll auf dem Simeonstiftplatz stehen. Da passt sie hin, und das ist auch gut so. Wer jetzt wie die alte Fastnacht um die Ecke kommt und von Gigantomanie faselt und von Menschenrechten und von Millionen Toten, die in Marx’ Namen Opfer wurden, der hat nichts verstanden. Oder will eben aus reinem Prinzip heraus nichts verstehen. Das hier ist Kunst, mehr nicht. Wo waren die politischen Moralapostel denn, als die Städtepartnerschaft mit Xiamen abgeschlossen wurde? Mucksmäuschenstill waren sie. Und wo sind dieselben Stimmen, wenn deutsche Unternehmen ihre (Billig-)Waren von schlechtbezahlten chinesischen Arbeitern unter unmenschlichen Bedingungen produzieren lassen? Die Produkte sind uns billig, aber Marx darf uns nicht recht sein? Welche Heuchelei! Ein Kommentar von Eric Thielen

Ja, gut, eine Nummer kleiner hätte es auch getan. Und muss der Sockel wirklich sein? Man könnte den ollen Marx ja auch im wahrsten Sinne des Wortes vom Sockel holen, um im Trierer Jargon zu bleiben. Kein Widerspruch. Aber jetzt mal Tacheles: Hätte das Rathaus dem Künstler wirklich solche Auflagen machen sollen? Nein. Und zwar ganz einfach deswegen: Wer die Freiheit postuliert, der muss sie anderen auch zugestehen – vor allem in der Kunst. Vorgaben und Zensur sind Merkmale totalitärer Staaten. Wir aber nehmen uns die Freiheit und geben sie anderen. Das ist der wesentliche und qualitativ hochwertige Unterschied zwischen den Demokratien und solchen Diktaturen wie China.

Professor Wu Weishan hatte seine Idee, und die muss er auch umsetzen dürfen. Dass Trier ihm das zugesteht, ist freiheitlich und demokratisch. Mit Auflagen wären wir hier keinen Deut besser als die Zensoren im Reich der Mitte. Und genau von diesen wollen wir uns doch abheben. Oder nicht? Weil wir eben nicht so sein wollen wie die da drüben. Demokratie muss und soll Spannungen aushalten. Und sie kann das auch. Weil sie nämlich im Gegensatz zu den starren totalitären Systemen geschmeidig und flexibel ist.


Auch zum Thema Marx − Ob’s ihm gefiele?


Demokratie muss auch das heftige Reißen vom rechten und vom linken Rand aushalten. Übrigens genau deswegen ist ein NPD-Verbot ebenso Humbug wie jetzt die überzogene Kritik aus bestimmten politischen Ecken an der Marx-Statue. Wer mit sicheren Füßen auf dem Boden demokratischer, unveräußerlicher Rechte und Prinzipien steht, der mag über beides nur lachen.

Kunst muss und soll (auch) provozieren. Die Statue steht noch nicht einmal, und doch ist die Debatte bereits im Gange. Die einen echauffieren sich, die anderen klatschen Beifall. Ist nicht genau das urdemokratisch? Reibung, Protest, Kritik, Zustimmung und Ablehnung: Das Kunstwerk hat seinen Zweck schon vor der Enthüllung erreicht. Herrlich, weil es besser nicht geht!

Lasst die Kirche im Dorf!

Der Kommentar

Man muss überhaupt nicht tiefer suchen. Ob Jesus nun Urheber der Kreuzzüge war oder Nietzsche Wegbereiter des Nationalsozialismus, oder Mohammed geistiger Vater des IS ist, oder ob Luther als bekennender Antisemit den Holocaust vorbreitete, Rousseau Urheber des Schreckensregimes während der Französischen Revolution oder Einstein Vater der Atombombe war – was, bitte, soll das? Ja, Lenin, Stalin, Mao und Pol Pot machten sich Marx zu eigen. Sicher aber ist, dass dies dem Trierer Jung’ überhaupt nicht gefallen hätte. Jesus wäre kein Freund der Kreuzzüge gewesen, Nietzsche hätte sich mit Hitler nicht an denselben Tisch gesetzt, Mohammed wäre der IS zuwider, Luther die Konzentrationslager von Auschwitz und Treblinka, Rousseau die Guillotine, und Einstein verfluchte sich zeitlebens dafür, dass er die geistigen Voraussetzungen für die Bomben von Hiroshima und Nagasaki gefunden hatte.

Genug der Vergleiche, die ohnehin stets mit beiden Beinen hinken. Denn sie alle dachten wie Marx aus ihrer Zeit heraus. Für den Wahnsinn mutierter Adepten ist keiner dieser Denker verantwortlich oder gar zur Rechenschaft zu ziehen. Marx ist in Trier geboren. Von ihm als berühmtesten Sohn der Stadt zu sprechen, ist aber falsch. Er ist der bekannteste. Das genügt. Seine Abiturarbeit in Religion lässt den späteren Religionszerstörer (“Die Religionskritik ist die Voraussetzung aller Kritik.”) übrigens nicht einmal erahnen.

Mit 17 Jahren schüttelte er den Trierer Staub von den Schuhen, nun kehrt er in Bronze zurück. Als Geschenk Chinas und als Werk des Künstlers Wu Weishan. Er wird in Wurfweite zur Simeonstraße stehen, und Menschen werden kommen, ihn anzusehen: Kritiker, Bewunderer, Jünger und auch eingefleischte Gegner. Für die Stadt wird dieser Marx eine künstlerische Attraktion sein. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das tut Trier gut, weil es zeigt: Hier ist für alle und alles Platz – auch für Marx.

Den Überaufgeregten sei gesagt: Lasst die Kirche im Dorf und kümmert Euch darum, dass bundesdeutsche Firmen sich nicht mehr an der Ausbeutung chinesischer Arbeiter bereichern! Anders als diese heuchelnden politischen Pharisäer des 21. Jahrhunderts wäre Karl Marx heute der erste, der gegen die Versklavung des Proletariats im Reich der Mitte protestieren würde. Chinesisches Geld für die deutsche Wirtschaft und chinesische Arbeitskraft für deutsche Waren ist den Heuchlern recht, Marx aber darf es nicht sein? Welche Verlogenheit!

Und wem das immer noch nicht reicht, um seinen Frieden mit der Statue des Trierer Jung’ zu machen, der mag sich am Pragmatiker Wolfram Leibe orientieren. Wenn dem Oberbürgermeister dieser Stadt etwas zuwider ist, dann sind es Ideologien. “Dieses Kunstwerk ist keine Verherrlichung der Person Karl Marx”, sagt Leibe. Damit ist alles gesagt. Und nun lasst ihn also kommen und dann auch stehen, den ollen Marx!


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Meinung 6 Kommentare

6 Kommentare zu Lasst ihn stehen!

  1. magnusausonius

    Lieber Herr Thielen, Sie sollten dringend auf Ihre Wortwahl achten. Wer Andersdenkende in seinem Blog als “heuchelnde politische Pharisäer des 21. Jahrhunderts” verunglimpft, macht sich unglaubwürdig und hat jeden journalistischen Kredit verspielt.

     
  2. magnumselleck

    Sehr geehrter Herr “Magnusausonius”,
    nun, es gibt im Journalismus verschiedene journalistische Darstellungs- bzw. Stilformen, was man schon als Nutzer von Medien wissen sollte, um die Beiträge richtig einordnen zu können: Zum Beispiel gibt es die “Kurzmeldung”, die “Nachricht”, den “Leitartikel”, die “Glosse” und so auch den “Kommentar”. “Ein Kommentar im Journalismus ist ein Meinungsbeitrag zu einem Thema, der den Autor namentlich nennt.” Meinungsbeiträge in den Medien sind durch Artikel 5 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland geschützt. Die Trennung von Meinungen und Informationen soll Transparenz für den Leser herstellen. Dies tut Herr Thielen, indem er seine Meinung klar als “Kommentar” betitelt! Daneben gibt es den so genannten “journalistischen Bericht”, in dem nur reine Informationen ohne eine Meinung dargestellt werden sollen. Auch dieser Vorgabe folgt Herr Thielen. Also, wo ist das Problem! Ein Kommentar enthält die persönliche Meinung des Verfassers und kann auch durchaus stilistisch zugespitzt sein! Vielleicht hätte Herr Thielen besser die Überschrift Glosse gewählt, aber das ist Erbsenzählerei.
    Zur Lektüre hierzu empfehle ich Ihnen: “Walther von La Roche, Gabriele Hooffacker, Klaus Meier: Einführung in den praktischen Journalismus. 19. Auflage. Berlin 2013 (praktischer-journalismus.de). Website zum Buch mit weiterführenden Informationen zum Journalismus, ISBN 978-3-430-20045-5”

     
  3. magnumselleck

    Sehr geehrter Herr Thielen,
    bevor ich es vergesse, ein sehr guter Kommentar, der voll ins schwarze bzw. rote? ;-)trifft!

     
  4. Mücke

    Ich kann mich der Überschrift nur anschließen. Die Statue-Silhouette war bereits extrem cool.

     
  5. Michael Thielen

    Ich stimme dir uneingeschränkt zu, lieber Namensvetter. Du bringst die verschiedenen Facetten des Themas spitz formuliert auf den Punkt. Ich hätte es nicht besser gekonnt. Kompliment.

     
  6. Jessica Niemeyer

    Die Statue wird ein eyecatcher – ich hoffe die Bilder davon werden dann schnell in allen Reiseführern erscheinen – eine weitere Attraktion für unsere Stadt. Da wir total pleite sind kann man nur hoffen , dass andere Länder uns auch solch schöne Geschenke machen .

     

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