Licht und Schatten im Karl-Marx-Quartier

Der Blick von der Dachterrasse eines gegenüberstehenden Hauses zeigt die Baustelle. Fotos Rolf Lorig

TRIER. Schräg gegenüber des Karl-Marx-Hauses, an der Einmündung der Jüdemer-Straße, gibt es einen kleinen Platz ohne Namen. Der sollte nach dem Willen der Anwohner “Karl-Marx-Platz” heißen. Ob das so kommen wird, liegt vor allem beim Ortsbeirat. Denn da liegt das Vorschlagsrecht. Während man dort noch überlegt, schafft die Stadt seit dem 20. November schon mal Fakten. Nicht beim Namen, sondern bei der Gestaltung des Platzes. Der soll künftig zum Verweilen anregen. Eine Idee, die vor allem bei den direkten Anwohnern nicht unbedingt auf Begeisterung stößt. Für den reporter war Rolf Lorig bei einem Pressetermin mit Dezernent Andreas Ludwig vor Ort und nutzte dabei auch die Gelegenheit zum Gespräch mit verschiedenen Anwohnern.

Die Absicht ist löblich: “Hier soll auf einer Fläche von 420 Quadratmetern ein attraktiver Treffpunkt im Karl-Marx-Quartier entstehen”, verkündet Andreas Ludwig und zeigt auf den Platz, der schon jetzt im Rohzustand erkennen lässt, dass dieses Vorhaben gelingen könnte. Die drei Bäume, es handelt sich um Robinien, sollen auch künftig Schatten spenden. “Wir haben die Bäume im Vorfeld untersucht und festgestellt, dass sie einen guten Gesundheitszustand haben”, klärt Stefan Jacobs vom Landschaftsarchitekten Ernst+Partner auf. Vorgesehen sei, im Bereich der Bäume drei Bänke aufzustellen. Eine davon soll seniorengerecht sein, also eine höhere Sitzfläche erhalten, die das Aufstehen für ältere Menschen einfacher macht.

Christian Henniger gefällt das. Der bärtige Mann ist der 1. Vorsitzende der Interessengemeinschaft Karl-Marx-Viertel e.V. Das Karl-Marx-Viertel habe sich schon lange einen belebenden Ort für nachbarschaftliche Treffen gewünscht, sagt er. Dass dies nun rechtzeitig zu den Feierlichkeiten des Karl-Marx-Jahres Realität wird, freut ihn. Schön wäre es, findet Henniger, wenn der Platz mit einer kleinen Karl-Marx-Statue auch noch seine Abrundung erhalten würde.

Der offizielle Plan des Tiefbauamtes.

Angst vor dem Lärm der Nacht

Ganz so groß ist die Freude über den Platz bei den Anwohnern rundum nicht. Zwei Frauen und ein Mann äußern sich gegenüber dem reporter zu dem Thema, wollen aus nachvollziehbaren Gründen an dieser Stelle ihre Namen aber nicht genannt wissen. Grundsätzlich sei die Idee gut, räumt eine der beiden Frauen ein, die mit dem Kinderwagen unterwegs ist. Ein Ort der Begegnung für die Nachbarschaft, das wäre nicht übel.

Wovor aber alle Angst haben, das bringt der Mann auf den Punkt: “Bänke, die werden nicht nur tagsüber genutzt, die ziehen auch in der Nacht die Menschen an.” Und wird dann noch deutlicher: “Die Karl-Marx-Straße ist vor allem nachts eine sehr laute Straße. Für viele Jugendliche ist es das Durchzugsgebiet, wenn sie in Richtung A1 in Trier-West ziehen. Das machen sie in der Regel gegen Mitternacht. Oft haben sie schon etliches an alkoholischen Getränken intus. Die Folge ist, dass sie dann ziemlich laut sind. Das Gegröle und damit die Störung des Schlafs ist das eine, der Wegfall aller Hemmungen das andere.” Dann berichtet er, dass ungehemmt in die Hauseingänge uriniert werde und dass mach einer im Schatten parkender Autos auch seine große Notdurft in den Einfahrten verrichte.

Raser und Poser in der Karl-Marx-Straße

Eine der beiden Frauen schneidet ein ganz anderes Thema an. “Einen solchen Platz hier zu bauen, das ist eine Sache. Was uns aber wirklich unter den Nägeln brennt, das ist der Verkehr.” Und sie berichtet von Autofahrern, die auf der schmalen Straße mit aufgemotzten Autos laut lärmend und mit großem Tempo unterwegs sind. Und wie zur Bestätigung kommt in dem Moment ein Stadtbus vorbei, dessen Tempo in der Tat als subjektive Bedrohung wahrgenommen wird. “Solche Fahrten sind kein Einzelfall”, zeigt sich der Mann resigniert. Allerdings nimmt er gerade bei großen Fahrzeugen eine kommende Unfallgefahr wahr: “Wenn der Platz fertig ist, sollen ziemlich dicht am Rand Fahrradständer aufgebaut werden. Wenn jetzt ein Bus oder Lkw schnell unterwegs ist und aus irgendeinem Grund plötzlich nach links ausweichen muss, könnte es gut sein, dass er dann in die Fahrradständer rauscht.”

Insgesamt fünf “Fahrradanlehnbügel”, so die offizielle Bezeichnung, sieht der Plan vor. Und in der Tat befinden sich diese relativ nahe an der Fahrbahn. Wobei, wenn der fließende Verkehr sich an die Regeln hält, es kaum zu Unfällen kommen dürfte. Die Fahrbahn, so zeigt es der Plan, wird ebenso unverändert bleiben wie der dem Platz gegenüber verlaufende nordwestliche Gehweg.

Wolfgang van Bellen, Leiter des Tiefbauamtes der Stadt Trier, erläutert, dass die Grundfläche des Platzes aus anthrazitfarbenem Betonpflaster bestehen wird. In dieses Pflaster sollen zwölf “Lebenslinien”, also Granitbänder mit Zitaten des großen Philosophen und Ereignissen aus seinem Leben eingelegt werden. Was genau da jetzt zur Veröffentlichung kommen soll, das kann Baudezernent Ludwig noch nicht sagen. Hier sei man noch in der Findung. Allerdings gebe es schon etliche Vorschläge. Viele davon habe eine Geschäftsinhaberin – Brigitte Biertz führt in der Nachbarschaft einen Bio-Fach-Bedarf – bereits mehrere Vorschläge als Ergebnis einer Umfrage unter ihren Kunden eingereicht. Fest aber steht, dass die Bänder lesbar aus Richtung der Innenstadt vom Karl-Marx-Haus aus über den Platz verlegt werden.

Baustellentermin: Karl-Alois Bromberg (Tiefbauamt), Stefan Jacobs (Ernst und Partner), Christian Hennger (Karl-Marx Viertel), Dezernent Andreas Ludwig und Amtsleiter Wolfgang van Bellen.

Bleiben Betriebe auf der Strecke?

Um den Platz weiter zu beleben, sei zudem eine Sondernutzungsfläche für Außengastronomie ausgewiesen worden. Die Frage des reporters, ob es da schon konkrete Interessenten gebe, muss Rathaussprecher Michael Schmitz verneinen. Bislang habe es erst unverbindliche Anfragen gegeben.

Auch die Beleuchtungsfrage ist geklärt. Es werden vier Stelen sein, der gleiche Leuchtentyp, wie er auch auf dem Hauptmarkt zum Einsatz kommt. Und, ja, bestätigt Karl-Alois Bromberg vom Tiefbauamt, die SWT würden bei der Montage auch Kabel für das in der Innenstadt kostenlos erhältliche WLAN verlegen.

Auch an die Barrierefreiheit wurde gedacht. So soll es neben der bereits erwähnten erhöhten Sitzmöglichkeit auch zwei barrierefreie Querungsstellen und eine Blindenleitführung über den Platz geben.

Bleibt die Kostenfrage. Insgesamt 210.000 Euro fallen dafür an, 135.000 Euro kommen aus dem Strukturprogramm “Städtebauliche Entwicklung”.

Und bis wann wird der Platz fertig sein? Hier gehen die Beteiligten von Ende März aus. Insbesondere die umliegenden Geschäfte hätten sich da ein früheres Ende gewünscht. “Umsatzeinbrüche von 25 Prozent und mehr sind wegen der Baustelleeine traurige Realität”, sagt eine Geschäftsinhaberin. Insbesondere das Weihnachtsgeschäft gehe baustellenbedingt an den Betrieben vorbei. “Man muss den Dezember noch abwarten. Aber möglicherweise wird der ein oder andere Betrieb − nicht zuletzt auch wegen der sich dann anschließenden Bauarbeiten in der Karl-Marx-Straße − die Eröffnung des Platzes nicht mehr miterleben.”


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft 2 Kommentare

2 Kommentare zu Licht und Schatten im Karl-Marx-Quartier

  1. Sascha

    Sehr schön, diesen Platz in Wert zu setzen. Allerdings sollte man dringend auch ein paar Poller und Steine am Straßenrand einplanen, sonst ist der Platz schneller zugeparkt, als man denkt. Vor allem der Klientel der benachbarten Shisha Bar gehen solche Regeln ja am ***** vorbei, wie man täglich am Viehmarkt sieht.

     
  2. Fritz - Ulrich Hein alias hein-tirol

    Hat man absichtlich vergessen, dass für den Lieferverkehr eine Wendeplattform in der Jüdemerstr. eingeplant wird?

     

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