Marx zwischen Moselwinzern und Industrie-Kapitalismus

Ausschnitt aus dem Bild “Arbeitslose” von Rudolf Jacob Zeller, das im Rheinischen Landesmuseum zu sehen sein wird. Repro: Veranstalter

TRIER. Angesichts von Digitalisierung, Globalisierung und ungleicher Einkommens- und Vermögensverteilung rückt das Thema “Arbeit“ immer mehr in den Fokus von politischen und gesellschaftlichen Debatten. Karl Marx hat mit seinen umfassenden Analysen und seiner Kritik an den Arbeitsbedingungen seiner Zeit einen Meilenstein auf diesem Feld gesetzt. In der großen Landesausstellung “Karl Marx 1818 – 1883. Leben.Werk. Zeit.”, die ab dem 5. Mai 2018 anlässlich seines 200. Geburtstags sein Leben, Werk und Wirken vorstellt, spielt das Thema Arbeit daher eine zentrale Rolle. Von der Situation in den Fabriken im 19. Jahrhundert über die Wahrnehmung der Arbeit durch die Kunst bis zur Frage, wie aktuell Marx‘ Analyse des Kapitalismus in Zeiten von Finanzkrisen und Globalisierung heute ist, finden sich an den beiden Ausstellungstandorten sowie im umfangreichen Veranstaltungsprogramm zahlreiche Anknüpfungspunkte.

Den sich rasant wandelnden Arbeitsbedingungen im 19. Jahrhundert, etwa in den Textilfabriken, widmet sich das Rheinische Landesmuseum Trier. Die Ausstellung zeigt eindringlich, unter welchen Bedingungen Männer, Frauen und Kinder nicht nur in familiär organisierten Handwerksbetrieben, sondern auch zunehmend in den Fabriken beschäftigt waren. Als Lohnarbeiter begaben sie sich in eine Abhängigkeit vom Unternehmer, der aus dem Erwerb der Arbeitskraft eines Arbeiters Profit erzielt – und dies oftmals unter katastrophalen Arbeitsbedingungen und zunächst ohne soziale Absicherung. Gemälde wie das Bild “Arbeitslose“ von Rudolf Jacob Zeller (1880–1948) geben davon Zeugnis. Doch die industrielle Revolution, so zeigt die Landesausstellung auch, hatte nicht nur Schattenseiten. Durch zahlreiche technische Errungenschaften, für die sich Karl Marx begeistern konnte, wurde auch Arbeit erleichtert. Dies veranschaulichen im Landesmuseum Exponate aus der Arbeitswelt, etwa ein Lochstreifenstanzer und ein Reliefschreiber, der zu einer Vernetzung der Welt beitrug.

Fabrikanlagen als Bildmotive

Welche Rolle die Arbeit in der Kunst spielt, können Besucher hier ebenfalls erfahren: In ganz Europa wirkte sich die voranschreitende Industrialisierung auf das Kunstschaffen aus. Hochkarätige Gemälde zeigen, wie im 19. Jahrhundert zunehmend Fabrikanlagen als Motive Einzug in die zuvor eher agrarisch geprägte Landschaftsmalerei halten. Versuchten Künstler der Romantik in ihren Landschaftsansichten noch, rauchende Schlote auszublenden, wurden diese bald selbst Gegenstand in der Kunst. Zugleich setzte sich das selbstbewusst auftretende Industriebürgertum mit einer zunehmenden Zahl an Porträts eigene Denkmäler in der Kunst. Einige davon werden im Ausstellungsteil des Rheinischen Landesmuseums gezeigt. Daneben dokumentieren dort eindrucksvolle Gemälde und Skulpturen die damaligen Produktions- und Arbeitsverhältnisse. Zu sehen sind etwa das erste Arbeiterporträt von Adolph von Menzel, Bilder der notleidenden schlesischen Weber sowie der belgischen Bergbauarbeiter.

Auch Marx persönliche Erfahrungen mit dem Thema “Arbeit“ werden in der Landesausstellung thematisiert. Das Stadtmuseum Simeonstift zeichnet seinen Werdegang durch die verschiedenen Lebensstationen nach. Beginnend mit Marx‘ ersten Berührungspunkten mit der Arbeitswelt in Trier beleuchtet das Stadtmuseum Simeonstift die Situation der notleidenden Moselwinzer. Die wirtschaftliche Lage in seiner Heimat machte Karl Marx zum Thema in seinen Artikeln in der Rheinischen Zeitung. Damit setzte er sich erstmals mit einem ökonomischen Thema auseinander. Auch Kindersterblichkeit, die aufgrund der mangelhaften hygienischen Zustände zum traurigen Alltag des 19. Jahrhunderts gehörte, wird mit Blick auf die persönlichen Erfahrungen von Marx näher betrachtet. Karl und Jenny Marx selbst haben vier ihrer sieben Kinder früh verloren. Das Stadtmuseum illustriert dies mit dem Bild “Das kranke Kind“ von Edvard Munch, einer Leihgabe aus der Thielska Galerie Stockholm.

Schließlich widmet das Stadtmuseum Marx‘ Erfahrungen in Manchester, wo sich Friedrich Engels und Karl Marx mehrfach aufhielten, einen ganzen Ausstellungsbereich. Nach den Einblicken, die Marx in Manchester – dem Ausgangspunkt der Industriellen Revolution und Inbegriff des ungezügelten Industrie-Kapitalismus – in die Arbeitswelt in den Fabriken erhielt, vollzog sich endgültig dessen Wandel vom Philosophen zum Ökonomen. Einen Einblick in das Arbeitsleben gibt eine hochkarätige Leihgabe aus dem Victoria & Albert Museum in London, das Bild “Iron and Coal“ von William Scott Bell (1811–1890).

Weitere Ausstellungen und Veranstaltungen

Auch die Sonderausstellung “LebensWert Arbeit“ des Bistums Trier nimmt sich dem heute so bedeutenden Thema Arbeit an. Die Schau im Museum am Dom nimmt die rasanten Entwicklungen im Bereich der Arbeit, das Fortschreiten der technischen Möglichkeiten und die Auswirkungen der Globalisierung aus der Sicht zeitgenössischer Künstler und Künstlerinnen anhand von Gemälden, Videos, Fotos, Installationen und Skulpturen in den Blick. Daneben beleuchtet die gleichnamige Vortragsreihe “LebensWert Arbeit“ des Museum am Dom und des Vereins Trierisch e.V. nicht nur die Arbeitswelten in Trier und im Trierer Land von der Spätantike bis ins 19. Jahrhundert, sondern unter dem Motto “Arbeit 4.0“ auch Veränderungen in den Arbeitsprozessen und der Arbeitsorganisation insgesamt als Folgen der Digitalisierung. (tr)


Drucken
Erstellt am Autor trier reporter in Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse einen Kommentar

* Eingabe erforderlich (Pflichtfelder). Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Die Angabe eines Klarnamens ist nicht erforderlich.