Material im Gegenwert von bis zu 200 Ferrari

Sie sehen der wissenschaftlichen Tagung in der Stadtbibliothek Trier mit großer Spannung und Erwartung entgegen: Kulturdezernent Thomas Schmitt und die beiden Professoren Claudine Moulin und Michael Embach (von links). Fotos: Rolf Lorig

TRIER. Vom 10. bis 12. Oktober ist die Stadtbibliothek in der Weberbach das Zentrum eines international besetzten Kongresses. Rund 90 Teilnehmer, darunter Wissenschaftler aus den USA, Großbritannien, Frankreich, Italien, Rumänien und Deutschland, beschäftigen sich an diesen Tagen mit Handschriften aus der Hofschule von Kaiser Karl dem Großen. Anlass zu der Tagung ist eine Anregung der UNESCO, alle noch erhaltenen karolingischen Handschriften – darunter auch das in Trier befindliche Ada-Evangeliar – gemeinsam in die Liste des Weltdokumentenerbes der UNESCO aufzunehmen.

Wenn es um alte Handschriften geht, spielt die Stadtbibliothek Trier in der ersten Liga mit. Rund 430.000 Bände finden sich in den Räumen, darunter 3.000 Handschriften, 38.000 Bände aus dem 16. und 17. Jahrhundert, 95.000 Druckschriften bis 1850 und rund 3.000 Inkunabeln – das sind mit beweglichen Lettern gedruckte Bücher und Einblattdrucke. die zwischen der Fertigstellung der Gutenberg-Bibel im Jahr 1454 und dem 31. Dezember 1500 hergestellt wurden.

Ganz besonders kostbar sind hierbei der zwischen 980 und 993 nach Chr. entstandene Codex Egberti, der bereits 2004 in die UNESCO-Liste “Memory of the World” aufgenommen wurde und derzeit das einzige rheinlandpfälzische UNESCO-Weltdokumentenerbe ist. Und eben das zwischen den Jahren 790 und 810 in Worms begonnene und in Aachen vollendete Ada-Evangeliar, das eine Adlige aus dem engsten Kreis um Kaiser Karl dem Großen in der Hofschule des Kaisers in Auftrag gegeben und anschließend der Abtei St. Maximin in Trier vermacht hatte. Es gilt als Hauptwerk der Hofschule von Kaiser Karl dem Großen, sagt Professor Michael Embach, Leiter der Stadtbibliothek Trier. Diese Hofschule war laut Embach ein mittelalterliches Elitezentrum, das Gelehrte aus ganz Europa zusammenführte, die dieser Hofschule so die unterschiedlichsten Einflüsse verliehen.

Das Ada-Evangeliar

Weltweit nur noch acht vollständige Handschriften und ein Fragment

Weltweit, so Embach, gibt es heute in mehreren europäischen Ländern nur noch acht vollständige Handschriften und ein Fragment aus der Karolingischen Hofschule. Deshalb habe die deutsche UNESCO-Kommission vorgeschlagen, nicht nur das Eda-Evangeliar in die Liste des Weltdokumentenerbes aufzunehmen, sondern das gesamte Werk. Für Triers Kulturdezernent Thomas Schmitt eine nachvollziehbare Entscheidung: “Es ist doch toll, wenn das Gesamtwerk digitalisiert und in einen direkten Zusammenhang gestellt wird und man hier in Trier das Ada-Evangeliar in natura sehen kann.”

Noch ist keine Entscheidung der UNESCO gefallen, aktuell wird noch geprüft. Die Entscheidung mache sich die UNESCO nicht leicht, erläuterte Embach bei einem Pressegespräch. Nur sehr wenige Dokumente kämen jährlich neu auf die Liste. Doch die Signale seien sehr ermutigend, in etwa zwei Jahren könne mit einer endgültigen Entscheidung gerechnet werden.

Doch was macht die Aufnahme so erstrebenswert, sind damit auch finanzielle Anreize verbunden? Mitnichten, sagt der Leiter der Stadtbibliothek, wohl aber ein gewaltiger ideeller Wert, der sich über touristische und Marketing-Strategien sehr wohl auch vermarkten ließe. “Das öffnet einen Horizont und setzt Entwicklungsmöglichkeiten frei”, so Embach. Zudem stelle eine Aufnahme in das Register sicher, dass dieses kulturelle Erbe immer in Trier bleibe: “Denn alle hier verzeichneten Dokumente dürfen nicht mehr verkauft werden.”

“Wir erwarten zu unserer Tagung in Trier die internationale Crème de la Crème”

Unmittelbar neben dem Ada-Evangeliar ist die Gutenberg-Bibel ausgestellt.

Große Erwartungen in die wissenschaftliche Tagung in der Stadtbibliothek setzt Professorin Claudine Moulin von der Universität Trier. Das Interesse der internationalen Teilnehmer sei so groß, dass man die Tagung in fünf Sektionen unterteilt habe: “Wir erwarten hier die Crème de la Crème”, freut sich die Professorin. Und verdeutlicht dann den Wert des Ada-Evangeliars: Für die Herstellung der Handschrift, so schätzt sie, mussten damals zwischen 150 bis 200 Kälber getötet werden, um die erforderliche Menge an Leder zu liefern. Übertragen auf die heutige Zeit komme das dem Gegenwert von 200 Ferrari gleich…

Wert legt Professorin Moulin auf die Feststellung, dass auch interessierte Laien sich zu dieser Veranstaltung anmelden können. Die Ergebnisse der Tagung sollen nach deren Ende in einem oder mehreren Bänden zusammengefasst werden. Und auch ein Versprechen macht sie noch: “Das wird keine Wiederholung von bereits schon bekannten und veröffentlichten Ergebnissen werden.” (-flo-)


Drucken
Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft, Kultur 1 Kommentar

Kommentar zu Material im Gegenwert von bis zu 200 Ferrari

  1. Dr. Henning P. Jürgens

    Sehr geehrte Damen und Herren, erlauben Sie mir eine kleine Korrektur zu Ihrem interessanten Artikel: Der Codex Egberti ist zwar das erste, aber nicht mehr das einzige Exemplar aus Rheinland-Pfalz auf der “Memory of the world”-Liste des UNESCO Weltdokumentenerbes. Seit 2015 ist auch, im Rahmen der Aufnahme von Dokumenten zur frühen Wirksamkeit von Martin Luther, ein Exemplar der Luther-Schrift “An die Ratsherren deutschen Landes” aus der Stadtbibliothek Worms in dieses Register aufgenommen worden: https://www.unesco.de/kultur-und-natur/weltdokumentenerbe/weltdokumentenerbe-deutschland/unesco-weltdokumentenerbe-fruehe Eine besonders schöne Ansicht der bei dieser Nominierung aufgenommenen Lutherdokumente finden Sie hier: https://artsandculture.google.com/exhibit/3wIyuklRxxPJJQ
    Mit freundlichen Grüßen,
    Dr. Henning Jürgens,IEG Mainz

     

Hinterlasse einen Kommentar

* Eingabe erforderlich (Pflichtfelder). Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Die Angabe eines Klarnamens ist nicht erforderlich.