Mehr Menschen fürs System

Ralf Ulrich von der Uni Bielefeld (links) und Johannes Weinand stellen die neuesten Zahlen vor. Foto: Rolf Lorig

TRIER. Weil die Stadt langfristig schrumpft, braucht Trier mehr Menschen, die das System stabilisieren. Das ist der kurze Nenner, auf den die neuesten statistischen Zahlen heruntergebrochen werden können. Die Eckpunkte der Statistik wurden am Montag auf der turnusmäßigen Pressekonferenz des Stadtvorstandes präsentiert. Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD) betonte: “Wir müssen uns die Frage stellen, wohin die Reise geht?” Mit den Fakten, die jetzt auf dem Tisch liegen, sollen Stadtrat und Gremien arbeiten. Dort soll dann auch die politische Bewertung greifen.

Das Fallbeispiel kam von Professor Ralf Ulrich von der Universität Bielefeld. Ihm oblag in Zusammenarbeit mit dem Amt für Stadtentwicklung die Federführung bei der jüngsten Auflage der Trier-Statistik. “In gewissen Gebieten Sachsens können die Menschen nicht mehr aus dem Hahn Wasser trinken.” Der Grund: Weil die Bevölkerung stark schrumpfte, fließt nicht mehr genügend Wasser durch die Leitungen, um diese sauber zu halten. Nahversorger erstellen ihre Investitionspläne auf Basis von Statistiken – auch in Trier.

Das Ergebnis bürokratischer Planung lautet daher: Die Menschen müssen sich dem System unterordnen, und der Druck auf die Kommunen wächst, diesem System zu entsprechen. Für Trier heißt das: Damit etwa bei der Wasser-, Gas- und Stromversorgung, aber auch beim ÖPNV und den allgemeinen städtischen Gebühren, Steuern und Abgaben Preise und Kosten annähernd stabil bleiben, braucht die Stadt auch in den kommenden 20 bis 40 Jahren zwischen 110.000 und 120.000 Einwohner. Denn die gesamte Infrastruktur ist auf mehr als 100.000 Einwohner angelegt. Aktuell leben laut Rathaus-Statistik 110.000 Menschen in Trier.

Doch die Stadt schrumpft in sich selbst. Seit 2005 liegt die Sterberate seit Jahren (2004: 816 Geburten, 1.113 Sterbefälle; 2016: 1.087 Geburten, 1.123 Sterbefälle) deutlich höher als die Anzahl der Geburten. Im Bürokraten-Deutsch heißt das: Der sogenannte natürliche Bevölkerungssaldo ist durchgehend negativ. Selbst mit Zuwanderung, auf die das Rathaus setzt, geht die günstigste Prognose aus Sicht der Statistiker von 111.000 Menschen aus, die 2060 in Trier leben werden. Im ungünstigsten Fall sind es 100.000 Einwohner.


  • Die Anzahl der Kinder und Jugendlichen sinkt bis 2040 je nach Szenario um 2.768 bis 4.373 (Stand am 31. Dezember 2016: 18.300).
  • Die Anzahl der jungen Erwachsenen (20 bis 35 Jahre) sinkt um 7.496 bis 10.024 Personen (Stand am 31. Dezember 2016: 31.951).
  • Die Anzahl der Menschen zwischen 30 und 65 Jahren bewegt sich je nach Szenario zwischen minus 1.034 und plus 2.792 (Stand am 31. Dezember 2016: 50.951).
  • Die Anzahl der 65- bis 80-Jährigen steigt um 2.799 bis 4.321 (Stand am 31. Dezember 2016: 12.882).
  • Die Anzahl der Hochbetagten (mehr als 80 Jahre) steigt um 267 bis 1.808 (Stand am 31. Dezember 2016: 6.146).

Der Haken: In diese Zahlen sind die Neubürger in den Baugebieten von Castelnau, Brubacher Hof und Ruwer-Zentenbüsch bereits eingerechnet – auf Basis des umstrittenen Flächennutzungsplans (FNP) bis 2030. Ohne den Zuzug nach Mariahof und Ruwer würde die Einwohnerzahl rasant unter die 100.000er Marke fallen. Der zweite Haken: Statistische Prognosen sind oft das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. Hier gilt das Bonmot: Trau’ keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast! Vor mehr als 30 Jahren wurden für Trier bis 2020 etwa 60.000 Einwohner prognostiziert. Dann kamen der Zusammenbruch des Ostblocks, Schengen und die Grenzöffnungen, und die Stadt rutschte aus ihrer Zonenrandlage heraus in die Mitte Europas.

Heute hängt Trier am Tropf Luxemburgs. Verändern sich dort die Parameter – wirtschaftlich wie finanziell – hat das auch gravierende Auswirkungen auf die Region. Auch deswegen will das Rathaus auf die Eigenkräfte innerhalb der städtischen Binnenlandschaft setzen. “Verlieren wir 10.000 Einwohner”, sagt Johannes Weinand vom Amt für Stadtentwicklung und Statistik, “verlieren wir 5.800 Euro pro Kopf an Konsumkraft – und so mithin 58 Millionen Euro in der Gesamtkaufkraft jährlich.” Der wohl springende Punkt für alle Anstrengungen im Rathaus.


Die Eckpunkte der Statistik


Die kategorische Einordnung der Menschen unter das System wollte Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD) politisch nicht kommentieren. “Uns geht es um die Fakten”, sagte Leibe. Die Stadtpolitik dürfe nicht “am Prinzip Hoffnung” ausgerichtet sein. Der natürliche Schrumpfungsprozess ist weder für Leibe noch für Dezernent Andreas Ludwig (CDU) eine sinnvolle Alternative zum systemimmanenten Druck. “Nehmen wir das Beispiel von Professor Ulrich: Irgendwann müssen wir unser Trinkwasser chloren, damit es sauber ist, sollte die Einwohnerzahl drastisch sinken.” Positive Aspekte des umgekehrten Weges, wonach Trier in Zukunft auf weniger Einwohner setzt, sind in der Statistik ohnehin nicht erfasst. Weniger Menschen bedeuten auch weniger (Auto-)Verkehr, weniger Abgase, weniger Lärm, weniger Verschmutzung, weniger Müll.

“Das zu erfassen, gehört nicht zu unseren Aufgaben”, sagten Ulrich und Weinand unisono. Die Statistiker beschränken sich auf mögliche Szenarien – bis ins Jahr 2060 hinein. Wobei in allen Szenarien der demografische Faktor gleich ist: Trier wird älter werden, die Anzahl junger Menschen wird abnehmen. Das könnte Auswirkungen auf die Schulpolitik der Stadt haben. Nach wie vor leistet Trier sich 22 Grundschulen – und damit ebenso viele wie die Landeshauptstadt Mainz.

Beim umstrittenen FNP sehen Leibe und Ludwig die Politik der Verwaltung mit den aktuellen Zahlen im Fundament untermauert. “Die Statistik stärkt das, was der Kollege Ludwig ausgearbeitet hat”, sagte Leibe. Die Stadt setzt also weiterhin auf die neuen Baugebiete in Brubach (Mariahof) und Ruwer-Zentenbüsch, aber auch auf die Nahverdichtung – etwa in Trier-Süd und Trier-Nord. Politisch will Leibe die Fakten in Stadtrat und Gremien bewerten lassen. “Wir müssen wissen, wo die Reise hingeht”, sagte der Sozialdemokrat. Für den Stadtchef ist eines unumstritten: “Nur dümpeln, geht nicht, wir müssen wissen, wo und wie wir investieren.”(et)

Jägerkaserne

Die Stadt hat die Jägerkaserne in Trier-West von der BIMA gekauft. Der Kaufpreis liegt nach Angaben Ludwigs bei weniger als zwei Millionen Euro − inklusive aller Nebenkosten. Ob die Stadt sich nun einen privaten Partner zur Erschließung der ehemaligen Bundeswehr-Kaserne sucht, soll jetzt geklärt werden. Nach Angaben von Sozialdezernentin Angelika Birk (Grüne) werden zunächst einmal zwei Etagen als Ausweichquartier für die Kita in Trier-West, die umgebaut wird, hergerichtet. Auf dem Areal der alten Jägerkaserne sollen neue Wohnungen entstehen. Dafür hatte die Stadt 2016 einen Wettbewerb ausgeschrieben. (et)


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Politik 5 Kommentare

5 Kommentare zu Mehr Menschen fürs System

  1. Statistiker

    Mal eine anderer Meinung hierzu: “Schrumpfen war gestern: Dies hat inzwischen auch die Bundesregierung erkannt. Sie hält einen langfristigen Wanderungssaldo von 300.000 Menschen jährlich für möglich. Diese Korrektur erstaunt, da die Demografie-Debatte über Jahre hinweg vom Thema „Schrumpfung“ geprägt war. Durch das erwartete Bevölkerungswachstum ändert sich das nun. Dabei sollte aber nicht vergessen werden: Nicht überall in Deutschland wächst die Bevölkerung. Insbesondere ländliche Regionen im Nordosten werden sogar noch stärker schrumpfen, als bisher vermutet.” Quelle: https://www.iwkoeln.de/presse/iw-nachrichten/beitrag/demografie-schrumpfen-war-gestern-324684 oder http://www.fr.de/politik/demographie-deutschland-waechst-gegen-alle-prognosen-a-383886

     
  2. Statistiker

    Mal eine dumme Frage, wenn die Stadt so garantiert schrumpfen wird, warum dann noch Wohngebiete in Randlagen ausweisen!? “Beim umstrittenen FNP sehen Leibe und Ludwig die Politik der Verwaltung mit den aktuellen Zahlen im Fundament untermauert. “Die Statistik stärkt das, was der Kollege Ludwig ausgearbeitet hat”, sagte Leibe. Die Stadt setzt also weiterhin auf die neuen Baugebiete in Brubach (Mariahof) und Ruwer-Zentenbüsch…” Den Zusammenhang versteh ich nicht, wenn doch die Statistik sagt, das wir langfristig schrumpfen, wieso stärkt dann die Statistik die Durchführung einer Außenentwicklung!? “Positive Aspekte des umgekehrten Weges, wonach Trier in Zukunft auf weniger Einwohner setzt, sind in der Statistik ohnehin nicht erfasst. Weniger Menschen bedeuten auch weniger (Auto-)Verkehr, weniger Abgase, weniger Lärm, weniger Verschmutzung, weniger Müll. Das zu erfassen, gehört nicht zu unseren Aufgaben”, sagten Ulrich und Weinand unisono.” Na wie jetzt, man geht davon aus, dass alngfristig eh nix an einem Schrumpfen vorbeigeht, aber beschäftigt sich dann nicht mit den positiven Auswirkungen. Das ist aber eine seltsame einseitige Zukunftsplanung!? ” Denn die gesamte Infrastruktur ist auf mehr als 100.000 Einwohner angelegt.” Mhh, naja, bei der Verkehrsinfrastruktur, den Radwegen, den Sporthallen, und dem Angebot des ÖPNV usw. in Trier hab ich da doch so meine Zweifel! “Vor mehr als 30 Jahren wurden für Trier bis 2020 etwa 60.000 Einwohner prognostiziert.” Ja, das war ja fast richtig, äh, fast, darum werden sie diesmal richtig liegen!

     
  3. Statistiker

    “Weitreichenden Vorausberechnungen sei daher zu misstrauen, insbesondere dann, wenn sie Angst erzeugten, um dann politische Reformen gegen die vermeintliche Bedrohung ins Werk setzen zu können. Was bleibt, ist eine Erkenntnis, die neben Karl Valentin auch Mark Twain, Winston Churchill und Kurt Tucholsky zugeschrieben wird, also in jedem Fall wahr sein muss: Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.” Quelle: http://www.fr.de/politik/demographie-deutschland-waechst-gegen-alle-prognosen-a-383886

     
  4. Förster

    Zahlen und Statistiken kann man unterschiedlich interpretieren, am besten ist es, man äußert positive wie etwaige negative mögliche Interpretationen: “Doch die Stadt schrumpft in sich selbst. Seit 2005 liegt die Sterberate seit Jahren (2004: 816 Geburten, 1.113 Sterbefälle; 2016: 1.087 Geburten, 1.123 Sterbefälle) deutlich höher als die Anzahl der Geburten.” Man könnte hier aber auch einen Trend der Annäherung zwischen der Anzahl der Geburten und den Sterbefällen oder sogar eine Trendwende erkennen : Jahr 2004: 816 Geburten – 1.113 Sterbefälle = Differenz -297, Jahr 2016: 1.087 Geburten – 1.123 Sterbefälle = Differenz -36!!! Ob die Sterbefälle im Jahr 2016 noch deutlich über den Geburten liegen,, naja, eine Differenz von 36 bei einer Einwohnerzahl von ca. 110.000!? Oder anders: Die Geburten sind von 2004 bis 2016 um ca. 33 Prozent angestiegen, während die Sterbefälle (Differenz +10) nahezu konstant geblieben sind! Hier wird aber nur die negative Interpretation als einzig wahre Zukunftsannahme genommen, das ist nicht sehr professionell!

     
  5. Förster

    Nachtrag: auch erstaunlich: obwohl die Stadt Trier zwischen 2004 und 2016 bevölkerungsmäßig gewachsen ist, ist die Anzahl der Sterbefälle fast konstant geblieben, da, wie erwähnt, die Menschen wohl immer älter werden?! Laut Statistischem Landesamt Rehinland-Pfalz lebten im Jahr 2004 (Stand 31.12.2004) 100.163 Menschen in Trier, heute sind es nach Aussage der Stadt 110.000. Dies entspricht einem Bevölkerungswachstum von ca. 9,82 Prozent in 12 Jahren, in der gleichen Zeit sind die Geburten um ca. 33 Prozent gestiegen, aber die Sterbefälle nur um ca. 0,89 Prozent. Da könnte man aber auch einen ganz anderen Trend ablesen! Und wenn die Stadt weiter wächst mit den Neubaugebieten, wird es als Annahme noch mehr Geburten geben und angenommen, die Anzahl der Sterbefälle nur weiter gering anwachsen, dann geht der Trend im Moment doch eindeutig zu einer Annäherung der Geburten und Sterbefälle, oder!?

     

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