Meister für Betriebsübernahmen dringend gesucht

Ausbildungsmeister Pepe Blumberg (2. von links) unterweist Kevin Wirz, Yanik Müller und Sascha Feuerbach (von links) bei einer Sensorprüfung in der Klimatechnik. Fotos: Constanze Knaack-Schweigstill

TRIER. Die Handwerkskammer Trier schlägt Alarm. Denn in den kommenden zehn Jahren stehen in der Region altersbedingt knapp 30 Prozent der Betriebe vor der Übergabe. Bundesweit, so eine Umfrage des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, werden 180.000 Meister bis zum Jahr 2020 für die Nachfolge in den Betrieben gesucht. Das Problem dabei: Es handelt sich um Betriebe, für deren Führung ein Meisterbrief zwingend vorausgesetzt wird.

Von Rolf Lorig

Über Langeweile können sich die Handwerkskammern schon seit längerem landauf und landab nicht beschweren. Erst mussten sie sich mit dem Mangel an Auszubildenden auseinandersetzen. Dann kam mit der Verrentung der geburtenstarken Jahrgänge der Facharbeitermangel. Und jetzt werden dringend Meister gesucht, die entweder bereit sind, etablierte Betriebe zu übernehmen oder aber zumindest Firmenchefs zu entlasten. Auch Julian Kröschel gehört zu den Firmenchefs, die für die eigene Entlastung intensiv Ausschau halten. Der 28-jährige Elektromeister leitet ein kleines, gutgehendes Unternehmen. Ihm ist wichtig, dass seine Mitarbeiter geregelte Arbeitszeiten haben und möglichst ohne Überstunden auskommen. Die Bezahlung liegt über dem Tarif, und für seine Mitarbeiter hat er ein Bonussystem eingeführt, dessen Höhe an die wirtschaftliche Situation sowie an die persönliche Leistung des Einzelnen gekoppelt ist. Doch während sich seine Leute um ihre Freizeit und den Urlaub kaum sorgen müssen, sieht die Situation beim Chef selbst anders aus. “Meine wöchentliche Arbeitszeit liegt bei 50+, und wenn ich Urlaub machen will, muss ich noch sorgfältiger als sonst planen, damit der Betrieb keinen Schaden nimmt”, sagt der junge Mann, der seinen Beruf im elterlichen Betrieb erlernt und vor fünf Jahren seinen Meister gemacht hat. Auch er hat Familie, der er gerne einen größeren Raum einräumen würde. “Leider aber ist der Markt völlig leergefegt”, so seine Bilanz.

Quelle: Handwerkskammer Trier

Präsident hat seine Nachfolge geregelt

Handwerkskammerpräsident Rudi Müller kennt die Situation aus dem Effeff. Er persönlich hatte Glück. Rechtzeitig setzte er sich mit der Nachfolgefrage um den eigenen Schreinerbetrieb auseinander und fand auch einen Käufer, von dem er den Betrieb wiederum mietete. “Ich bin also noch selbstständig, jedoch ist meine Nachfolge vor allem im Interesse meiner Mitarbeiter geregelt.”

Nicht in allen Berufen ist der Meisterbrief für das Führen des Betriebes zwingend vorgeschrieben. Hauptgeschäftsführer Axel Bettendorf erinnert an die Handwerksrechtsnovelle im Jahr 2004: “Deutschland war damals der kranke Mann in Europa. Eine schwierige wirtschaftliche Situation hatte zu etwa fünf Millionen Arbeitslosen geführt. Über die Agenda 2010 versuchte man, mehr Menschen den Weg in die Selbstständigkeit zu ermöglichen.” Um das zu ermöglichen, wurde der Meisterzwang auf den Kreis der Handwerke beschränkt, “bei deren Ausübung Gefahren für die Gesundheit oder das Leben Dritter entstehen können”. Die Folge war, dass 53 Gewerke, dazu zählen unter anderem Fliesen- und Estrichleger, Uhrmacher, Fotografen oder Buchbinder, fortan ohne Meisterpflicht arbeiten konnten und in 41 Gewerken, Beispiele sind hier das Elektrohandwerk, Maurer, Zimmerer oder Kraftfahrzeugtechniker, diese Pflicht erhalten blieb.

Verzicht auf dreijährige Berufserfahrung nicht unbedingt sinnvoll

Ein Meisterbrief muss nicht teuer sein, wie dieses Beispiel belegt.

Und es gab noch eine weitere Neuerung: Wer seinen Gesellenbrief erhalten hatte, konnte sich ohne die bis dahin zwingend vorgeschriebene dreijährige Facharbeiterzeit direkt zum Meisterkurs anmelden. Eine Möglichkeit, die auch Julian Kröschel nutzte. Heute weiß der Firmenchef, dass dieser Weg nicht der beste ist. Das Lernen sei ihm damals sehr leicht gefallen, weshalb die Theorie auch keine Schwierigkeiten für ihn brachte. “Im praktischen Teil aber habe ich dann doch festgestellt, dass mir die Berufserfahrung fehlte.” Und noch ein weiterer Punkt ist ihm aufgefallen: “Neben der Fachkompetenz erwirbt man in den drei Jahren altersbedingt auch Sozialkompetenz, die für das Führen von Mitarbeitern, aber auch im direkten Kontakt mit den Kunden von hoher Bedeutung ist.” Schreinermeister Rudi Müller weiß, was Kröschel damit sagen will: “Der Unternehmer, der solch junge Meister in sein Team integriert, stellt oft fest, dass er statt Häuptlingen Indianer eingekauft hat.”

Christian Neuenfeldt leitet bei der HwK Trier die Akademie, zeichnet damit für die Weiterbildungsangebote der Kammer verantwortlich. Seine Berufserfahrung hat ihn gelehrt, dass die Meisterqualifikation für das Handwerk von essentieller Bedeutung ist. “Betriebsgründer mit Meisterbrief sind nach fünf Jahren noch zu 70 Prozent am Markt. Gründer ohne diese Qualifikation sind im gleichen Zeitraum nur noch zu 40 Prozent unternehmerisch tätig.”

Wer sich für den Meisterbrief interessiert, kann auf eine interessante finanzielle Unterstützung hoffen.

Ohne Meister gebe es keine Ausbildung von zukünftigen Fachkräften, zudem ermögliche der Meisterbrief eine erfolgreiche Gestaltung von Karrierewegen im Handwerk, fährt Neuenfeldt fort. Und in der Tat ist insbesondere der letzte Punkt von erheblicher Bedeutung, glauben doch auch heute noch viele Eltern, dass alleine ein Studium dem Nachwuchs ein sorgenfreies Leben ermöglicht.

Nicht jeder ist für die akademische Laufbahn geboren

Dass das ein Irrglaube ist, beweisen jährlich viele Studienabbrecher, die erst spät erkannt haben, dass sie ihre persönliche und berufliche Erfüllung im Handwerk finden. Dort werden sie mit offenen Armen aufgenommen, denn, so Christian Neuenfeldt, “Abiturienten sind bildungsaffin”. Doch noch befinden sich Abiturienten bei den Meisterkursen in der Minderheit. Lediglich knapp neun Prozent der Meisterschüler verfügen über die Fach- oder Allgemeine Hochschulreife. Das aber könnte sich nach Ansicht des Akademieleiters ändern, wenn denn die Karrierewege für Abiturienten im Handwerk bekannter werden. Ein Punkt könnte dazu beitragen: “Der Meiserbrief ist dem Bachelorabschluss gleichgestellt”, sagt Neuenfeldt. Und weist dann erneut auf die Chancen hin, die sich mit der Übernahme eines Betriebes verbinden.

Elektro-Ausbildungsmeister Klaus Quint erklärt Tobias Hahn und Marvin Nauers (von links) die klassische Steuerungstechnik mit sogenannten “Schützen”.

Sehr gute finanzielle Fördermöglichkeiten

Hartnäckig hält sich das Gerücht, ein Meisterkurs sei eine teure Angelegenheit. Dem widerspricht Christian Neuenfeldt entschieden und erläutert den Sachverhalt am Beispiel eines Kfz-Technikers. Inklusive der Kurs- und Prüfungsgebühr sowie dem Antrag auf Zulassung schlagen 8.630 Euro zu Buche. “Wer die Prüfung besteht, bekommt unabhängig von Alter und Einkommen einen Aufstiegs-Bafög-Zuschuss in Höhe von 40 Prozent, dazu vom Land nochmals 1.000 Euro Aufstiegsbonus. Unter dem Strich bleibt am Ende ein Eigenanteil von rund 2.106 Euro.”

Noch nie, da sind sich alle Beteiligten bei der Handwerkskammer Trier am Ende des Gespräches einig, waren die Fördermöglichkeiten zur Erlangung des Meisterbriefes dank Aufstiegsbonus und verbesserten Konditionen des Aufstiegs-BAföG so gut wie heute.


Drucken
Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse einen Kommentar

* Eingabe erforderlich (Pflichtfelder). Die Redaktion behält sich vor, Lesermeinungen zu kürzen. Es besteht kein Anspruch auf die Veröffentlichung Ihrer zugesandten Meinungen. Die Angabe eines Klarnamens ist nicht erforderlich.