Musikalische Reise durch die neue Welt

Bietet Musikgenuß auf sehr hohem Niveau: das Collegium Musicum mit seinem Dirigententen Mariano Chiacchiarini. Fotos: Rolf Lorig

TRIER. “Werke aus der neuen Welt” stellte das Collegium Musicum, Orchester und Chor der Universität Trier, in seinem Konzert am Karnevalssonntag vor. Dieser Einladung leisteten 900 Besucher Folge und bescherten dem Collegium damit ein ausverkauftes Haus.

Von Rolf Lorig

Wer geglaubt hatte, der Termin sei wegen des Karnevals schlecht gewählt, musste sich eines Besseren belehren lassen. Denn vermutlich hätten noch mehr Karten verkauft werden können, wenn es den noch mehr Plätze gegeben hätte. Universitätspräsident Michael Jäckel wunderte der Andrang nicht. In seinem Grußwort erinnerte er noch einmal an das Jubiläumskonzert im Amphitheater vor sieben Monaten, das ebenfalls ausverkauft gewesen war. Das starke Interesse der Menschen an den zwei jährlichen Konzerten kann mit Sicherheit an der Person des Dirigenten festgemacht werden. Mariano Chiaccchiarini leitet seit 2010 an der Universität Trier als Musikdirektor das Collegium Musicum. Der 36-Jährige mit argentinischen und italienischen Wurzeln hat in dieser Zeit Chor und Orchester zu einem Klangkörper geformt, der höchste Ansprüche befriedigen kann.

Er ist ein Motivator und genialer Dirigent, ein Glücksfall für die Universität und damit auch für Trier: Mariano Chicchiarini

Was das aktuelle Konzert auch deutlich machte. Den ersten Teil bestritt das Orchester alleine. Zur Aufführung gelangte die Symphonie Nr. 9 e-moll op. 95 “Aus der neuen Welt” von Antonin Dvořak. Zugegeben, nicht jede Stadt kann eine Elbphilharmonie für sich reklamieren. Aber die Art und Weise, wie feinfühlig und sensibel die Musiker hier agierten, ließ den Wunsch aufkommen, dass auch Trier über ein wirkliches Konzerthaus verfügen könnte, um einem solch hohen musikalischen Können auch die ihm gebührende Plattform geben zu können. Schon die ersten Sekunden schlugen die Besucher in ihren Bann: zart und filigran agierten Holz und Streicher, raumfüllend Blech und Kesselpauken. Mit äußerster Sensibilität lenkte Mariano Chiaccchiarini das 64-köpfige Orchester. Wo es die Musik erforderte, agierte er mit maximalem Körpereinsatz, setzte in leisen Passagen zuweilen nur kurze auffordernde Blicke ein und vermittelte so jedem einzelnen Musiker das Gefühl, direkt an seiner Seite zu stehen. Das Ergebnis seines Dirigates war ein Dvořak, wie man ihn wohl noch nicht oft erlebt hat. Vor dem geistigen Auge lief ein Film ab, dem die begleitende Musik mit jeder Note mehr als gerecht wurde. Mit einem überaus begeisterten Applaus endete nach etwa 45 Minuten der erste Teil des Konzertes.

Die Pause war zu lang

Dann war erstmal Pause angesagt. Um es vorweg zu nehmen, es war eine zu lange Pause. Dabei war die Absicht nicht schlecht. Denn erstmals verkaufte der im Juni 2017 gegründete Förderverein Getränke. Damit soll auch bei künftigen Konzerten Geld generiert werden, mit dem man die Arbeit des Collegium Musicum unterstützen und Musiker weiter fördern will. Um hier das Geschäft anzukurbeln, war die Pause auf 30 Minuten festgelegt worden. Doch schon nach etwa 20 Minuten zeigte sich, dass etliche der Besucher es vorgezogen hätten, wenn jetzt das Programm weitergegangen wäre. Als dann endlich nach gut 30 Minuten sich der Chor auf der Bühne aufstellte, war es eigentlich schon zu spät. Der Zauber, der dem ersten Teil innegewohnt hatte, war verflogen. Der Chor hätte einen mehr als komfortablen Start gehabt, musste so aber wieder ganz von vorne anfangen. Ein Bruch, der vermeidbar gewesen wäre. Zumal der Chor in den ersten Stücken auf sich alleine gestellt war, ohne die Unterstützung des Orchesters auftreten musste. Auch hier kam das Liedgut aus der neuen Welt. Den Anfang machte der Gospel “Sinner, please don’t let this harvest pass”. Aus den USA ging es weiter nach Argentinien. Hier hatte sich Mariano Chiaccchiarini für eine 1960 entstandene Komposition (“En los surcos del amor”) von Carlos Gustavino entschieden. Ein durchaus anspruchsvolles Stück, das der ländlichen Volksmusik zuzuordnen ist und sich zwischen der klassischen und der populären Musik bewegt.

Gut 900 Besucher fanden in der Abteikirche St. Maximin eine ausgezeichnete Alternative zu Karneval.

Und gerade so, als wollte man die Konzertbesucher vor dem eigentlichen Höhepunkt des Chorauftrittes besänftigen, folgte mit “The Seal Lullaby” ein von Eric Withacre komponiertes Wiegenlied für eine Robbe.

Allerhöchste Ansprüche an die knapp 200 Musiker

Und dann wurde es Ernst und nun kam auch wieder das Orchester auf die Bühne. Denn der Chôros No. 10 “Rasga o cração” von Heitor Villa-Lobos kommt nicht nur extrem selten in Deutschland zur Aufführung, mit ihm hatte Mariano Chiaccchiarini eine Komposition ins Programm genommen, die allerhöchste Ansprüche an die knapp 200 Musiker auf der Bühne stellte. Schnell wechselnde Tempi begegnen Lautmalereien, die schon im nächsten Moment von Vogelstimmen abgelöst werden. Die Zuhörer begegnen dabei brasilianische Rhythmik, die das Leben in all seinen unterschiedlichen Facetten schildert. Dazu gehört zuweilen auch eine gewisse Bach’sche Strenge, die dann wieder von einer brasilianischen Lebensfreude aufgelöst wird. Nur wenige Minuten dauert dieses Stück, für die Musiker aber muss das subjektiv eine deutlich längere Zeitspanne sein. Doch das Publikum honorierte die dargebotene Leistung mit einem sehr lang anhaltenden Applaus. Glückliche Gesichter in den Reihen der Akteure, ein zufriedener Gesichtsausdruck beim Dirigenten – die Mühen bei den Proben der letzten Wochen und Monate hatte sich gelohnt.

Dann folgten noch zwei Zugaben: Noch einmal Antonin Dvořak mit dem “Slawischen Tanz Nr. 7” und das kubanische “Son de la Luma”, das schon alleine von seinem Rhythmus her das Publikum auf eine karnevalistische Fortführung des Abends einstimmte.

Wer jetzt schon auf eine Fortführung brennt, sollte sich den 8. Juli im Kalender anstreichen. Dann tritt das Collegium Musicum erneut in St. Maximin auf. Auf dem Programm stehen an diesem Abend das “Te Deum” von Anton Bruckner und die Symphonie Nr. 6, h-Moll, op. 74, “Pathėtique” von Pjotr Tschaikowsky.


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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