“Nein Tanke” – Breites Bündnis für “mehr Lebensqualität”

“Nein Tanke”. Das “Bündnis für den Alleenring” kämpft auch für “mehr Lebensqualität”.

TRIER. Der Erfolg soll viele Mütter und Väter haben: Gegen den Weiterbetrieb der Aral-Tankstelle in der Ostallee hat sich ein breites Bündnis gebildet – von der Politik über Gewerkschaft und Verbände bis hin zu Anwohnern, Kulturschaffenden und Privatleuten wie dem ehemaligen Trierer Oberbürgermeister Klaus Jensen (siehe Extra). Am frühen Donnerstagabend trat das “Bündnis für den Alleenring” erstmals vor die Presse. Bis zum 10. Dezember wollen die verschiedenen Partner gegen die Verlängerung des Pachtvertrages mit dem Öl-Konzern British Petroleum (BP) und für die Aufwertung des Alleenrings kämpfen. Dann haben die Trierer im ersten Bürgerentscheid der Stadtgeschichte das Wort. Der Stadtrat hatte bereits entschieden: Die Tankstelle muss zum 31. Dezember schließen. “Es geht hier um Lebensqualität”, sagte Professor Matthias Sieveke von der Hochschule Trier.

Just an einem Tag wie diesem sind die Assoziationen schnell geweckt. Etwa: Bündnis macht mobil! Dies jedoch dürfte rasch zu Irritationen führen. Denn gerade in Trier wird die Vokabel “mobil” nahezu ausschließlich und immer noch mit der Fahrt im Automobil gleichgesetzt. “Dabei muss die Gleichrangigkeit aller Verkehrsteilnehmer das Ziel sein”, sagte Matthias Sieveke. Der Professor von der Hochschule Trier sprach gar von “einer spürbaren Aggressivität” gegenüber Fußgängern und Radfahrern. “Wer sich gerade auf der Höhe der Tankstelle zu Fuß bewegt, der ist einfach nur gestresst!”

Versagen will der promovierte Ingenieur den Menschen nichts. “Keiner will den jungen Leuten etwas wegnehmen”, sagte Sieveke, “aber die Nachtversorgung ist auch mit einem Späti möglich.” Der springende Punkt für Dominik Heinrich, Stadtrat der Grünen und Ortsvorsteher von Trier-Mitte/Gartenfeld. “Ich bin mir sehr sicher”, sagte Heinrich, “dass am Bahnhof ein Späti entsteht, wenn der Platzhirsch Aral-Tankstelle erst einmal weg ist – weil das auch eine Frage des Marktes ist.” Am Hauptbahnhof ist trotz des starren rheinland-pfälzischen Ladenschlussgesetzes auch jetzt schon ein sogenannter “Späti” möglich − wie in Berlin, Hessen oder auch Nordrhein-Westfalen. Dennoch forderte Sieveke die Mainzer Politik auf, für eine entsprechende Gesetzesänderung zu sorgen.

Wobei die Versorgungslage für Nachtschwärmer nur ein untergeordnetes Problem des Bündnisses ist. Ihm geht es vorderhand um “Rückgewinnung von Lebensqualität” (Sieveke) und die nachhaltige Entwicklung der Stadt. Reiner Lehnart von der SPD, Ortsvorsteher in Trier-Weismark/Feyen, formulierte so: “Wenn die Tankstelle bleibt, dann wird uns in den kommenden 15 bis 20 Jahren jede Möglichkeit genommen, den Alleenring aufzuwerten.” Lehnart verwies auf den Workshop von 2005. Damals sei bereits die Aufwertung des Rings beschlossen worden. Für den SPD-Mann ist die Frage zu Sein oder Nichtsein der Tankstelle aber auch eine der Glaubwürdigkeit, weil der Stadtrat mehrmals das Aus für den Aral-Standort beschlossen habe. “Und die letzte Verlängerung war wirklich die letzte!” Jetzt sei es an der Zeit, “der Ostallee eine Chance zu geben”.

“Nicht nur Bier und Benzin”

Sieveke riet den Trierern, in andere Städte – etwa nach Münster oder Utrecht – zu schauen. “Auch Trier ist Kulturstadt, und der Alleenring gehört dazu!” Für Christoph Heckel von der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur steht das ohnehin außer Frage. “Der Alleenring ist ein Kulturdenkmal, und er schützt ferner die Innenstadt”, betonte Heckel. “Aber ein schmutziger Kragen schadet jedem schönen Kopf.” Doch der Kopf soll nicht nur schön, sondern auch grün werden. “Es geht auch um Klima- und Naturschutz”, sagte Professor Dieter Sadowski von der Lokalen Aganda 21, “deswegen müssen wir, wo immer möglich, Grün hinbringen.” Und Frank Huckert vom BUND verglich den Rückbau des Aral-Standortes mit der Renaturierung von Fluss- und Bachläufen. “Vor 60 Jahren drehte sich alles ums Benzin”, sagte Huckert, “jetzt sind wir gefordert, den CO²-Ausstoß drastisch zu reduzieren.”

Das Bündnis reicht von der Politik über Gewerkschaft und Verbände bis hin zu Anwohnern, Kulturschaffenden und Privatleuten.

Bis zum 10. Dezember liegt noch viel Überzeugungsarbeit vor dem Bündnis. Die eigene Facebook-Seite soll für Aufklärung sorgen. “Wir müssen den Menschen auch klarmachen”, sagte Heinrich, “dass die Tankstellen-Befürworter mit Wählertäuschung arbeiten.” Schließlich sei der Alleenring Teil der Denkmalzone. “Von daher besteht für die Tanke nur ein Bestandsschutz, aber jede Form des Umbaus, wie er angeblich von der BP in Aussicht gestellt wurde, ist nach dem Baurecht überhaupt nicht genehmigungsfähig.” Heinrich wies ferner erneut daraufhin, “dass nur die BP Vertragspartner der Stadt ist. Niemand sonst hat die Befugnis, im Namen des Konzerns zu verhandeln”. Ein Vertreter der BP habe sich aber in den vergangenen fünf Jahren nur einmal in Trier blicken lassen. “Das war’s dann von deren Seite”, so Heinrich.

Karsten Müller, Filmproduzent und Regisseur, und Stephan Jäger, reporter-Gastautor, ist auch der Blick in die nahe Zukunft wichtig. “Wir brauchen ein Umdenken”, forderte Müller. “Eine fossile Tankstelle ist ein Relikt aus dem vergangenen Jahrhundert. Deswegen darf das Aus für die Tanke nur der erste Schritt hin zu einer anderen Mobilitätspolitik sein”, sagte der Kultur-Mann. Jäger pflichtete bei. “Wir dürfen nicht nur über die Gegenwart reden, sondern wir müssen über das Zeitfenster von zehn bis 15 Jahren sprechen.” Mit der Tankstelle seien Veränderungen in der Verkehrsstruktur der Stadt – etwa mit einer Umweltspur auf dem Alleenring – unmöglich. “Wenn es der Stadt ernst ist mit ihrem Mobilitätskonzept, dann muss die Tanke jetzt weg”, so Jäger.

“Wenn ich daran denke, dass Trier demnächst wegen einer Tankstelle einen Bürgerentscheid abhält, dann komme ich mir schon etwas wie im Kabarett vor”, so Sieveke. Dennoch werden die Trierer am 10. Dezember das Wort haben. Mit dem Bündnis will auch Sieveke bis dahin dafür kämpfen, “dass wir Lebensqualität zurückgewinnen, weil bei dieser Abstimmung eben nicht nur Benzin und Bier ausschlaggebend sein dürfen”. (et)

Extra – Spaziergänge

Stephan Scholzen engagiert sich als Privatmann im Bündnis. “Viele fahren täglich durch die Allee und wissen gar nicht, was für eine städtebauliche Bedeutung dieser Grüngürtel hat”, so Scholzen. Deshalb lädt er bis zum 10. Dezember jeden Samstag und am Sonntag, 3. Dezember, ab elf Uhr zu besonderen und kostenlosen Spaziergängen ein. Treffpunkt ist immer an der Porta Nigra.

Den Auftakt macht am Samstag, 25. November, die Trierer Journalistin und Kunsthistorikerin Bettina Leuchtenberg. Sie bietet in ihrer Reihe “Kennen Sie Trier?” eine Führung zu “Die historische Entwicklung des Alleenrings und die Geschichte der Kioske und Büdchen” an.

Am Samstag, 2. Dezember, folgt der Architekt, Stadtplaner und Städtebauhistoriker Karl-August Heise mit seinem eigens konzipierten Rundgang “Trier, sein Alleenring und eine Tankstelle”.

Und am Samstag, 9. Dezember, bietet der Kultur- und Weinbotschafter Götz Feige seinen Rundgang an. Da er auch Anwohner der Ostallee ist, “hat er ganz sicher die eine oder andere spannende Entdeckung parat”, verspricht Scholzen

Wer samstags lieber einkaufen geht, hat am Sonntag, 3. Dezember, die Möglichkeit, sich dem Spaziergang von Landschaftsarchitekt Jörg Kaspari anzuschließen. Die Überschrift lautet “Generationenbauwerk Alleenring”. Kaspari sagt: “Wir haben den Alleenring mit seinem Baumbestand nur von unseren Großeltern geborgt.”

Extra − Bündnis-Partner

Aktuell gehören dem Bündnis an: Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club (ADFC) Trier; Baukultur Trier; Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschlands (BUND), Kreisgruppe Trier-Saarburg; Bündnis 90/Die Grünen des Ortsbeirats Trier-Mitte/Gartenfeld; Bürgerinitiative der Anwohnerinnen und Anwohner der Tankstelle in der Ostallee; Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur, Landesverband Saar-Mosel; Pollichia, Verein für Naturforschung und Landespflege; Elenovela Film; Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen; Lokale Agenda Trier; NABU Region Trier; SPD-Stadtratsfraktion Trier; SPD Trier; SPD-Ortsverein Trier-Mitte/Gartenfeld; Trierer Jusos; DGB Region Trier; Verkehrsclub Deutschland (VCD) Trier; Christa und Dr. Gilbert Haufs-Brusberg; Stephan Scholzen; Dr. Elisabeth Dühr; Klaus Jensen, Oberbürgermeister a.D.


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Featured, Politik 6 Kommentare

6 Kommentare zu “Nein Tanke” – Breites Bündnis für “mehr Lebensqualität”

  1. Peter Buggenum

    Zitat Rainer Lehnart: ” Für den SPD-Mann ist die Frage zu Sein oder Nichtsein der Tankstelle aber auch eine der Glaubwürdigkeit, weil der Stadtrat mehrmals das Aus für den Aral-Standort beschlossen habe. “

    Der Begriff “Glaubwürdigkeit” lässt sich für jeden halbwegs informierten Bürger nur schwer mit dem Trierer Stadtrat und speziell für mich mit der Person des Herrn Lehnart verknüpfen. Die Aral Tankstelle beschert der hoch verschuldeten Stadt wenigstens noch Einnahmen.

    Herr Lehnart hat in der Vergangenheit mit der Mehrheit seiner Kollegen vom Stadtrat immer wieder dazu beigetragen, die desaströse Trierer Finanzsituation voranzutreiben.

    Nur ein Beispiel in der Sibelius/Eggert Affäre.

    http://www.trier-reporter.de/abwahlantrag-gegen-dezernent-thomas-egger/

    Warum sollte man solchen Leuten noch irgendetwas glauben? Ausserdem bezweifle ich als Trier Ostler den angestrebten Beruhigungseffekt des Verkehrsaufkommens in der Ostallee, sollte die Tankstelle nicht mehr da sein.

    Gut finde ich, dass der Bürger direkt befragt wird!

     
    • Sascha

      Auf das Verkehrsaufkommen wird die Situation Tankstelle/keine Tankstelle zur meisten Zeit keinen messbaren Einfluss haben (Ausnahme Nachts und am Sonntag).
      Wohl aber erlaubt eine Verlegung der Tankstelle weg vom jetztigen Standort eine Neustrukturierung der Verkehrswege in der Ostallee, z. B. Hinzufügen einer Umweltspur.
      Allerdings wird auch eine Umweltspur den Verkehr dort nicht merklich verringern, solange das alternative Angebot zum Auto nur Teilstücke an Umweltspuren im gesamten Straßennetz sind, sowie der ÖPNV mangels schlechter Taktung (vor allem in den Außenbezirken, vom Umland mal ganz zu schweigen!) für viele Menschen ebensowenige eine Alternative ist.
      Dennoch, ein erster Schritt in die richtige Richtung ist es die Tankstelle an einen anderen Ort zu verlegen (oder aber einen Späti in der Nachbarschaft etablieren)

       
  2. Stephan Jäger

    „Herr Lehnart hat in der Vergangenheit mit der Mehrheit seiner Kollegen vom Stadtrat immer wieder dazu beigetragen, die desaströse Trierer Finanzsituation voranzutreiben.“

    Wollen wir doch die Kirche mal im Dorf lassen und auf dem Boden der Tatsachen bleiben, Herr Buggenum! Die desaströse Finanzlage der Stadt ist maßgeblich den Denkmalen in Form von von einem bestimmten „Star-Arichitekten“ gestalteten Prunkbauten geschuldet, die sich einige lokale Unions-„Größen“ in der Vergangenheit gesetzt haben. Das hätten heimische Fachleute wahrscheinlich in den meisten Fällen für ein Bruchteil des Geldes schöner hinbekommen. Aber der Prophet gilt halt nichts im eigenen Lande.

    So aber standen halt schon rund 700 Millionen Miese auf dem Deckel, ehe der erste böse SPD-Mann hier IRGENDWAS „vorantreiben“ konnte.

     
  3. Peter Buggenum

    ” So aber standen halt schon rund 700 Millionen Miese auf dem Deckel, ehe der erste böse SPD-Mann hier IRGENDWAS „vorantreiben“ konnte. ”

    Herr Jäger. Sie haben mich missverstanden, ich stimme ihrer Aussage übrigens zu.

    Der “böse SPD Mann” ist nach meiner Einschätzung ein typischer Vertreter der Gattung “unqualifizierter Feierabendpolitiker”, bei denen man echte Zweifel hat, ob es denen wirklich um das Allgemeinwohl geht. Vermutlich eher um die Befriedigung des eigenen Ego.

    Die sitzen natürlich in allen Fraktionen,also auch bei CDU, FPD ( bei der CDU wie von ihnen richtig angemerkt schon sehr lange) oder durchgehend bei den Grünen.

    Die 700 Millionen wurden also seinerzeit durchaus von den von mir angesprochenen Lichtgestalten der Lokalpolitik ALLER Fraktionen mit verursacht. Solche Vertreter wie der böse “SPDLER” und Konsorten aus anderen Parteien haben also lange genug katastrophale Schäden mit verursacht.

    Bleibt nur zu hoffen, dass nun das komplette Finanzmanagment nun endlich extern und sachkompetent von Fachleuten übernommen wird.

     
    • Holger Schmitt

      @ Peter Buggenum:

      Die von Ihnen als “unqualifizierten Feierabendpolitiker” Menschen sind Bürger, die sich nicht damit begnügen im Internet besserwissende Kommentare zu schreiben, sondern die sich aktiv und mit großem Zeitaufwand in der Kommunalpolitk einsetzen. Natürlich haben Sie recht: Niemand hat die Weisheit mit den Löffeln gefressen und die “Feierabendpolitiker” sind lediglich ein Spiegel der Gesellschaft.

      Bei Ihrer Tirade haben Sie einen wichtigen Aspekt außer acht gelassen: Es waren in der Vergangenheit die “Profipolitiker” und “Profiverwaltungsleute” (Oberbürgermeister, Dezernenten, Amtsleiter ….), die sich vom Stadtrat entweder ihre Vorschläge haben abnicken lassen oder unverhältnismässigen, schuldentreibenden Anträge der Fraktion nicht entgegengewirkt haben.

       
  4. tonio

    @ Trier-Reporter: Bravo zum Artikel, schnell mitgeschnitten, viele Infos und Argumente gebracht.
    @ Peter Buggenum: wollen Sie suggerieren, Sie gehörten zu den “halbwegs informierten Bürgern” ? In diesem Fall würden Sie
    a) Herrn Lehnart kennen. Dann wären Ihre Äußerungen nicht passiert.
    b)Triers katastrophale Finanzen nicht via Tanke retten wollen. 0,50 Cent je Bürger und Jahr
    (57000 Euro – 114.000 Bürger). Vergleich: für jeden Unterschreibenden des Bürgerbegehrens haben wir etwa 45 Euro bezahlt. Für diese “Extra-demokratiekosten” sollten wir uns schon
    eine wertvollere Diskussion gönnen. Trier musste eine mehrfach größere “Eurec” ziehen lassen. Soweit bekannt, gab es kein ‘Pfalzelmobbing’ wegen der hohen Kosten bzw. Einnahmeausfälle. “JTI”: 300 Leute weniger.
    “Globus” will nach Trier – problematisch für den Einzelhandel, aber natürlich eine Verlockung für die Stadt. Das sind finanziell relevante Größenordnungen und echte Schmerzen. Natürlich ist die Verbesserung des Allenrings nicht einfach. Menschen müssen sich umgewöhnen. Und sie müssen sich entweder vorstellen können wie es wird oder den zahlreichen Fachleuten vertrauen, die mit Mühe
    Engagement und viel Zeiteinsatz daran arbeiten, Stadt für Alle zu gestalten und zu verbessern.
    Klingt provokativ, ist aber Ernst: so billig bekommt Trier sonst keine derartige Verbesserung hin.

     

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