Neuanfang nach Anschlägen

Rüdiger Rauls – Trierer Autor und Journalist.

Rüdiger Rauls – Trierer Autor und Journalist.

Von Rüdiger Rauls

Bei all dem Leid, das in den letzten Tagen Menschen in Frankreich zugefügt worden ist, ist das veränderte Verhalten von großen Teilen von Politik und Medien das einzig Gute und Hoffnungsvolle, das aus diesen schrecklichen Ereignissen zu erwachsen scheint. Gemeinsam rufen die führenden Vertreter aller Religionsgemeinschaften und die politischen Führer unseres Landes nicht nur zur Toleranz auf, sondern sie nehmen in ganz besonderen Maße die muslimischen Mitbürger in Schutz und grenzen sie ab gegen diejenigen, die solche Gewalttaten glauben im Namen irgendeines Gottes ausüben zu dürfen. Die führenden Vertreter der Gesellschaft stellen sich aber nicht nur schützend vor die, die bisher sehr oft unter Generalverdacht gestellt wurden. Politik und Medien erkennen öffentlich an, “dass sich die muslimischen Verbände im Land sehr stark für die Integrationspolitik vor Ort einsetzen”. Sie wenden sich damit auch gegen gesellschaftliche Kräfte, die solche Gräueltaten und das daraus erwachsene Leid für die eigenen Zwecke zu missbrauchen versucht haben.

Das war in der Vergangenheit nicht nur Pegida. Große Teile von Politik und Medien haben lange selbst ihre anti-islamische Suppe gekocht und damit Bewegungen wie Pegida erst hoffähig gemacht. Das sollte nicht vergessen werden. Dass man sich nun anders verhält, ist erfreulich, war aber auch höchste Zeit, will man vermeiden, dass die Spannungen in der Gesellschaft in eine Situation einmünden wie im Frankreich der vergangenen Tage. Unser Nachbarland schien sich im Bürgerkrieg zu befinden. Das sind Zustände, die sich eine Gesellschaft auf Dauer weder wünschen noch leisten kann, will man nicht ihr Auseinanderfallen beschleunigen. Insofern dienen die Vertreter der gesellschaftlichen Gruppen nicht nur dem Interesse unserer muslimischen Mitbürger, sondern nicht zuletzt auch dem eigenen – wenn ihnen am Erhalt der gesellschaftlichen Stabilität gelegen ist. Denn eines dürfte auch klar sein: Wenn die Vertreter der Gesellschaft sich nicht eindeutig abgrenzen von Scharfmachern in Politik und Medien, die mit ihrer Islamhetze den gesellschaftlichen Frieden bedrohen, machen sie nur fremden- und islamfeindliche Kräfte stark. Erste Reaktionen auch auf dieser Seite hat es schon gegeben, die in den Vorgängen in Frankreich die anti-islamischen Ansichten von Teilen der Pegida-Bewegung bestätigt sehen.

Manipulation der öffentlichen Meinung

Eines sollten auch die islamfeindlichen Kräfte bedenken, jetzt wo der Wind der öffentlichen Meinung ihnen selbst ins Gesicht bläst und sie sich besonders als Anhänger von Pegida durch die “Lügenpresse” falsch dargestellt sehen. Die Medien haben ein eigenes Interesse daran, worüber sie berichten und vor allem, wie sie berichten. Diejenigen, die die Fremden- und Islamfeindlichkeit teilen und sich von den Medien heute falsch dargestellt sehen, sollten daran denken, wie die Medien über sie berichtet hatten, wenn der Wind der öffentlichen Darstellung sich wieder gedreht haben wird. Viele Medien werden die heutige Toleranz gegenüber dem Islam wieder aufgeben zugunsten einer Auflagen steigernden reißerischen Berichterstattung. Sollte dann die Meinungsmache wieder den muslimischen Mitbürgern das Leben schwer machen, werden die Feinde des Islam hoffentlich daran denken, dass diese vielleicht dann ebenso Opfer einer manipulierenden Berichterstattung sind, wie sie es selbst vor noch nicht allzu langer Zeit gewesen waren.

Ein klares Zeichen: Landesregierung und muslimische Verbände unterzeichnen die gemeinsame Erklärung – gegen Terror, für Weltoffenheit und Toleranz. Foto: StK

Ein klares Zeichen: Landesregierung und muslimische Verbände unterzeichnen die gemeinsame Erklärung – gegen Terror, für Weltoffenheit und Toleranz. Foto: StK

Wieso sollten die Medien mit unseren muslimischen Mitbürgern anders umgehen als mit deren Gegnern, wenn das der Steigerung von Einschaltquoten oder Auflagen dient und damit ein gutes Geschäft verspricht? Nicht alles, was im angeblichen Interesse der Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt veröffentlicht wird, dient auch wirklich diesem hehren Ziel. Oftmals geschieht es nur, weil dadurch die Werbeeinnahmen steigen.

Es ist richtig und wichtig, dass die Vertreter der Konfessionen sich gemeinsam schützend vor die Muslime in unserem Lande stellen. Es ist ebenso richtig und wichtig, dass die Politik dazu aufruft, die Leistungen unserer muslimischen Mitbürger für das gesellschaftliche Miteinander zu achten und wertzuschätzen. Es ist aber auch genau so wichtig, dass jeder einzelne von uns sich nicht von reißerischen Berichten über andere Gesellschaftsgruppen gegen diese Gruppen aufhetzen lässt von Medien, die ihren Informationsauftrag nur allzu oft verwechseln mit der Manipulation der öffentlichen Meinung zugunsten der eigenen Geschäfte. Vergessen wir nicht, dass den Muslimen, denen heute Integrationsbereitschaft attestiert wird, in unserer Gesellschaft noch vor wenigen Monaten unterstellt wurde, dass sie sich nicht anpassen wollen, weil sie Kopftuch und Burka tragen und zuhause ihre Muttersprache sprechen.

Zur Person

Rüdiger Rauls, geboren 1952 in Trier, gelernter Druckvorlagenhersteller mit Berufstätigkeit in Berlin und Hamburg. Seit 1991 unternehmerische Tätigkeit als Inhaber von Nachhilfe-Instituten in der Region Trier und Luxemburg. Ab 2008 freier Journalist und Buchautor: Afghanistan – Grundlagen der gesellschaftlichen Entwicklung, Zukunft Sozialismus, Kolonie Konzern Krieg, Die Entwicklung der frühen Gesellschaften, Was braucht mein Kind?, Späte Wahrheiten (Prosa). Zur Zeit neues Buch in Arbeit mit dem Titel: Wie funktioniert Geld?


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