“Pariser Leben”: Witzig, spritzig, bunt und kurzweilig

Baron und Baronin von Gondremark glauben in einer äußerst preisgünstigen Dependance des Grand Hôtel zu logieren. Fotos: Marco Piecuch

Mit viel Witz, Tempo und Farbe hat das Theater Trier Jacques Offenbachs Operette “Pariser Leben“ inszeniert. Dank eines sehr gut aufgelegten Ensembles geriet die Premiere am Samstag zu einem mitreißenden Spektakel. Die mehr als zwei Stunden Spieldauer des komödiantischen Stücks in fünf Akten vergingen wie im Flug und waren von viel Gelächter über originelle Einfälle begleitet.

Für den reporter hat Anke Emmerling die Premiere miterlebt

Schon zum Premierenauftakt zeichnet sich sehr deutlich der Esprit ab, mit dem das Theater Trier unter Regie von Andreas Rosar an die Umsetzung von “Pariser Leben“ gegangen ist. Sehr schwungvoll intoniert das Philharmonische Orchester (Leitung: Wouter Padberg) die Ouvertüre zu Jacques Offenbachs Operette und legt damit den Grundstein für den Schmiss vieler folgender Melodien. Dazu gibt es so etwas wie einen gelebten Comicstrip zu sehen. Ein Paar in altmodischer Wäsche bettet sich zur Nacht, die Frau offensichtlich unternehmungslustig, der Mann jedoch nicht. Er dreht sich einfach zu Seite. In Sprechblasen auf dem Vorhang hinter dem Paar erscheint auf Schwedisch und mit deutschem Untertitel, was die Frau denkt und ihrem Gatten in dieser Situation zu sagen hat: “Immer nur Köttbullar und Smörrebröd…mir ist so fad.”

Mit diesem lustigen Einfall ist der Damm bereits gebrochen, der erste Lachsturm durchs Publikum gefegt. Und die Gag-Dichte bleibt hoch. Das Paar, bei dem es sich um die Hauptfiguren, den schwedischen Baron von Gondremarck (gespielt von Karsten Schröter) und seine Gemahlin Christine (Eva Maria Amann) handelt, beschließt, dem täglichen Einerlei durch eine Reise nach Paris zu entfliehen. Dort am Bahnhof tummelt sich in pfiffig choreografierten Bewegungen eine Gruppe Uniformierter, die singt: “Wir sind Angestellte der Bahn und der Post, immer pünktlich bei Hitze und Frost.”

Was der Opernchor des Theaters so perfekt singt, ist wie vieles, was an diesem Abend gesungen und gesprochen wird, speziell für die Trierer Fassung getextet worden. Und wenn das satirische Element wie hier deutlich aktuelle Bezüge hat, so trifft es doch auch den Kern der Operette, die als Auftragswerk zur Weltausstellung in Paris 1867 geplant und schon ein Jahr vorher fertig war. Denn am Beispiel der schwedischen Reisenden wollten Offenbach und die Autoren des Librettos, Ludovic Halévy und Henri Meilhac, Paris-Klischees aufs Korn nehmen.

So eilt Baron Gondremarck dem Ruf der Stadt als sündiges Pflaster nach, mit der gezielten Erwartung, ausschweifende pikante Vergnügungen zu finden. Seine Frau hingegen hungert nach kultureller Erbauung, und beide suchen standesgemäßen Luxus und Umgang. Am Bahnhof jedoch fallen sie zwei abgebrannten Lebemännern in die Hände. Gardefeu (Carl Rumstedt) und Bobinet (Derek Rue) wittern ihre Chance, an schnelles Geld und eine willige Frau zu kommen, die nicht − wie die leichten Pariser Damen − teuer bezahlt werden muss. Deshalb spielen sie den Schweden eine Posse (“Alter Schwede!“). Statt im Grand Hotel bringen sie sie in einem Privathaus unter (“Airbnb – live like a local“).

„Pariser Leben“ zeichnet Bilder einer überschäumenden Metropole.

Bunte, fantasievolle, teils schrille Kostüme

Statt im Restaurant oder in der feinen Gesellschaft lassen sie sie im Kreise verkleideter Dienstboten und Handwerker dinieren. Die Verwicklungen, die sich daraus ergeben, werden als köstlich ausgelassene Narretei inszeniert, die zuweilen Richtung Klamauk abdriftet. Ein Augenschmaus sind dabei die bunten, fantasievollen, teils schrillen Kostüme von Carola Vollath, die eine Verbindung zwischen dem 19. Jahrhundert und der Neuzeit herstellen. Wären sie gemalt, könnten sie als mit leichter Hand dahingetupft beschrieben werden. Chic, neckisch oder frivol tragen sie ihren Teil zur ironischen Überzeichnung der schrulligen und liebenswerten Charaktere bei.

Alle Rollen sind sehr passend besetzt. Als Sympathieträgerin wird besonders Stephanie Theiß gefeiert, die einen wunderbar charmanten und koketten Auftritt als Handschuhmacherin Gabrielle hinlegt. Sehr gelungen ist das Zusammenspiel der 16 Solodarsteller mit den Akteuren aus Chor (Angela Händel) und Ballett (Damien Nazabal) des Trierer Theaters. Der Wechsel von Gesang, Tanz und Sprechtheater verläuft so perfekt wie dynamisch. Es bleibt immer Tempo in der Aufführung, die auch im Bühnnerbild (Martin Warth) gute Einfälle zu bieten hat. Mittels Dreh- oder Hängemechanismen werden im Nu neue Szenerien geschaffen, und es fehlt auch nicht an witzigen Details.

Zum großen Finale, in dem die Posse auffliegt, aber alle Beteiligten zusammen dennoch Paris als Ort inspirierender Erlebnisse feiern können, fällt ein als überdimensionale Unterhose gestalteter Vorhang mit der Aufschrift “I love Paris“. Der brandende Applaus am Schluss gilt ausnahmslos allen Mitwirkenden, die, auch wenn sie hier nicht alle namentlich genannt werden können, hervorragende Bühnenkunst gezeigt haben.

Das spritzige Vergnügen ist noch weitere sieben Mal zu sehen:

Freitag, 7.12.2018 um 19.30 Uhr
Samstag, 15.12.2018 um 19.30 Uhr
Freitag, 28.12.2018 um 19.30 Uhr
Montag, 31.12.2018 um 18 Uhr
Sonntag, 27.01.2019 um 16 Uhr
Dienstag, 26.02.2019 um 19.30 Uhr
Sonntag, 21.04.2019 um 18 Uhr


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Erstellt am Autor Anke Emmerling in Featured, Kultur Hinterlasse einen Kommentar

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