Saxophone zwischen Turbinen und Generatoren

Die räumliche Situation im Kraftwerk erforderte eine Aufteilung in zwei Zuschauerblöcke. Fotos: Rolf Lorig

REGION. Zu einem ganz und gar nicht alltäglichen Konzert hatte das Mosel Musikfestival am Freitag in das Dhronkraftwerk in Leiwen eingeladen. In der Maschinenhalle musizierte das sonic.art Saxophonquartett, vier junge Musiker aus Weißrussland, Australien und Deutschland. Ihr Repertoire war eine Huldigung an die Komponisten Leonard Bernstein, Philipp Glas, Samuel Barber und George Gershwin. Gut 90 Besucher – das Raumangebot im Kraftwerk ließ keine größere Zahl zu – erlebten ein einzigartiges Konzert in einem ganz besonderen Ambiente.

Ein Beitrag von Rolf Lorig

Tobias Scharfenberger beschreitet mit dem Mosel Musikfestival neue Wege. Der Intendant weiß, dass das Publikum das Event, das Besondere liebt. Konzerte in traditionellen Räumen veranstalten, das kann jeder. Aber neue Räumlichkeiten erschließen, die man gemeinhin niemals mit einem musikalischen Veranstaltungsort in Zusammenhang bringen würde? Bei einem Treffen mit Künstlern und Agenten bekam Scharfenberger in England Rückenwind für diese Idee. Derart bestätigt machte sich der Intendant ans Werk und ging an der Mosel auf die Suche. Über den Partner “Innogy” entdeckte er das 1913 ursprünglich als Pumpspeicherkraftwerk gebaute Dhronkraftwerk, das heute noch Strom aus Wasserkraft produziert und mit seinen unverkleideten Turbinen und Generatoren ein ganz besonderes Juwel der Industriekultur ist. An diesem Abend hielt Partner Innogy eigens für das Konzert buchstäblich die Maschinen an.

“Bei meinem ersten Besuch war mir sofort klar, dass das der ideale Ort für ein Saxophonkonzert ist”, erinnert er sich im Gespräch mit dem reporter. Allerdings scheiterte seine erste Idee – der Saxophonist Jan Garbarek zusammen mit dem Hillard Ensemble – an der Größe des Raumes. Also schaute sich Scharfenberger in der Szene um und wurde fündig. Das junge Saxophonquartett hat in der Kürze der Zeit bereits viele Preise erhalten, war unter anderem Gewinner des Grand Prix des Internationalen Kammermusikwettbewerbs für Zeitgenössische Musik in Krakau.

Ein Violinkonzert von vier Saxophonen

Vorab ein großes Kompliment an Veranstaltungstechniker Artur Feller, der zu jedem Zeitpunkt die Lautstärke im Griff hatte und an die Musiker selbst, die geschickt selbst den Nachhall des Gebäudes in ihre Interpretationen einbanden.

Welche Klasse dieses Quartett ausmacht, verdeutlichte es insbesondere beim ‘String Quartett No.3 ‘Mishima’, das Philip Glass für Violinen komponiert hatte. Für Saxophonisten bringt ein Violinkonzert eine ganz besondere Herausforderung: Braucht das Saxophon doch permanent Luft, um klingen zu können. Da es für den Violinisten aber keine speziellen Atempausen gibt, muss der Saxophonist mit der Zirkularatmung eine ganz besondere Technik zum Einsatz bringen. Dabei wird Luft im Mund gesammelt, aus den Backentaschen ins Instrument transportiert und gleichzeitig muss damit die Atmung einhergehen. Klingt kompliziert, ist sicher auch nicht einfach. Doch das Ergebnis überzeugt: nie hat man Violinen so eindringlich und einschmeichelnd gehört, nie war der Klang voller und verwöhnender. Kaum vorstellbar, dass Adolphe Sax, der Brüsseler Instrumentenbauer erfand 1841 das Saxophon, sein Instrument in der Rolle einer Violine gesehen hat. Doch es hätte ihm mit Sicherheit gefallen…

sonic.art – das sind Adrian Tully, Claudia Meures, Annegret Tully und Alexander Doroshkevich (von links).

Sonic.art – das sind der Australier Adrian Tully, er spielt das Sopransaxophon; seine deutsche Frau Annegret Tully, eine Meisterin in der Handhabung des Baritonsaxophons; der Weißrusse Alexander Doroshkevich (Altsaxophon) und die Deutsche Claudia Meures am Tenorsaxophon. Jeder einzelne dieser Musiker ist ein wahrer Meister im Umgang mit seinem Instrument, als Quartett ziehen sie alle Zuhörer in ihren Bann. Die Art ihres Spiels ist vielschichtig, mal schwebend, dann akzentuiert, filigran, kräftig, konzertant, aufwühlend, beruhigend.

Bernstein, Glass, Barber und Gershwin

Eigentlich wundert es daher nicht, dass sonic.art die Musik von “Lenny” Leonard Bernstein offenbar ganz besonders liebt, eröffneten Stücke von ihm doch den Abend, führten in den zweiten Teil des Konzertes ein und bildeten fast schon zwangsläufig mit einer Auswahl aus der “West Side Story” den Abschluss. Zwischendurch gab es aber noch genügend Platz für das bereits erwähnte Violinkonzert von Philip Glass, einem einfühlsam vorgetragenen “Adagio” von Samuel Barber und Auszügen aus dem kompositorischen Schaffen von George Gershwin.

Ein fulminanter Auftakt für Tobias Scharfenberger, der mit diesem Konzert seine Reihe von Konzerten in Industrieräumen optimal eröffnet hat. Ein ganz besonderer Abend aber auch für sonic.art, der auch für die Künstler laut Aussage von Adrian Tully begeisternd war.

Das nächste Konzert dieser Reihe findet am Samstag, 28. Juli, in der Rotationshalle des Trierischen Volksfreunds statt. Dort kommen Werke von Mozart, Mahler und Schönberg zur Aufführung.


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Kultur, Moselmusikfestival Hinterlasse einen Kommentar

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