So nicht

Eingefroren, als es spannend wurde: Maria Duran Kremer von der SPD.

Wenn am Mittwoch kommender Woche der neue Kulturdezernent gewählt werden wird, sind auch die Kameras im Ratssaal am Augustinerhof wieder eingeschaltet. Dann steht die zweite Live-Übertragung aus dem Stadtrat an. Die kurze, aber knackige Tagesordnung lässt hohes Erregungspotenzial vermuten. “Blaue Lagune”, der Flächennutzungsplan und nicht zuletzt die Dezernentenwahl – es dürfte hoch hergehen im Gremium. Für Journalisten bedeutet das: einordnen, analysieren, kommentieren, um der Öffentlichkeit ein detailliertes Bild politischer Zusammenhänge und Hintergründe zu liefern. Die mangelhafte Qualität der ersten Live-Übertragung – technisch wie redaktionell – durch den Offenen Kanal ist dabei eher kontraproduktiv gewesen. Ist das der Maßstab an das Niveau, sollte die Verwaltung darüber nachdenken, das Experiment frühzeitig zu beenden, auch wenn Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD) trotz der gravierenden Mängel weiter optimistisch ist (siehe Extra). Ein Kommentar von Eric Thielen

Maria Duran Kremer dürfte es gefreut haben. Auch die SPD wird wohl frohlockt haben. Mehr als eine halbe Stunde lang war das Bild der Sozialdemokratin auf dem Bildschirm eingefroren. Beste Wahlwerbung für die Roten. Im Kasino hätte der Hinweis gelautet: Rien ne va plus – nichts geht mehr. Als die Bilder wieder flimmerten, war einer der interessantesten Tagesordnungspunkte bereits Geschichte. Die FDP hatte – zurecht – die Abschaffung des Kulturausschusses gefordert. Doch die Mehrheit des Rates erging sich wieder einmal in Ausflüchten und Vertagungen – und schob das Problem an den Stadtvorstand ab: Schaufensterreden statt Entscheidungen.

Die eingefrorene SPD-Frau war allerdings nicht das einzige technische Problem an diesem verkorksten Abend. Immer wieder stockte das Bild, verrissen die Gesichter, war statt Stadträten nur noch eine graue Mattscheibe zu sehen. 14.000 Euro investierte das Rathaus alleine in die Kameras. 1.000 Euro kamen für Kabelinstallationen hinzu. 351 Euro bezahlt die Verwaltung monatlich an Leitungskosten. Keine horrenden Summen, aber eben doch Geld. Dafür kann der Bürger zumindest eine Übertragung erwarten, die zunächst einmal technisch sauber und somit ansehnlich ist. Ansonsten stellt sich die Frage: Brauchen wir das wirklich, oder kann das weg?

Der Kommentar

Denn erschwerend kommt zu den technischen Unzulänglichkeiten ein weiterer gravierender Mangel hinzu: Politische Berichterstattung braucht Einordnung, braucht Erklärung, braucht Kommentierung oder doch zumindest Moderation. Warum ist die Position dieser oder jener Fraktion in der aktuellen Sachfrage so? Welche Absprachen bestehen zwischen den verschiedenen politischen Gruppierungen? Welche Konsequenzen haben die Entscheidungen? Lassen sich Gesetzmäßigkeiten in der politischen Arbeit erkennen und ableiten – etwa durch das Bündnis aus CDU und Grünen? Welche Standpunkte nimmt der Stadtvorstand bei den Themen ein? Existieren auch da Abhängigkeiten durch Parteibindungen?

Diese Fragen muss die politische Berichterstattung beantworten und damit ihren Beitrag zur Transparenz für den Bürger leisten, weil die Übertragung ansonsten zur Farce wird. Die reine Chronologie ist bei weitem noch keine Transparenz. Im Gegenteil ist sie als absolut chronologischer Ablauf kontraproduktiv, weil Politik hier als Marketing- und Werbekampagne im Selbstzweck unkommentiert über den Bildschirm flimmert. So wird dem Bürger ein völlig falsches Bild vermittelt. Dass die Räte einschließlich des auf zwei Köpfe reduzierten Stadtvorstandes – Oberbürgermeister Wolfram Leibe fehlte wegen des Gipfels der Großregion – ausgerechnet an diesem Abend einen komplett gebrauchten Tag erwischten, ließ das zeitweise vorherrschende Chaos zusätzlich eskalieren. Gerade hier hätte es der journalistisch-redaktionellen Einordnung, der Kommentierung, zumindest aber der Moderation dringend bedurft.

Bar jeder journalistischen Kompetenz

Graue Mattscheibe statt farbiger Gesichter.

Dem Offenen Kanal die Berichterstattung ohne genaue Vorgaben übertragen zu haben, war ein eklatanter Fehler, auch wenn die Absicht hinsichtlich der von Leibe gewünschten und geforderten Transparenz löblich gewesen sein mag. Die unterirdische Berichterstattung des Bürgersenders während des Theater-Skandals hätte das Rathaus hellhörig werden lassen müssen. Kaffee-Kränzchen-Gespräche mit Ex-Intendant Karl Sibelius und Ex-Dezernent Thomas Egger im Stile des Kaffee-Kränzchen-Kulturausschusses wurden bar jeder journalistischen Kompetenz als redaktionelle Interviews verkauft, was die investigative Arbeit der professionellen Journalisten von Online-Medien, Tageszeitungen sowie Fernsehen und Rundfunk ein ums andere Mal zurückwarf. Auch hier wurde der Öffentlichkeit – wie jetzt beim Stadtratsfernsehen – ein falsches Bild vermittelt, das die Aufklärung nicht förderte, sondern erschwerte.

Wobei die negativen Konsequenzen beim Theater-Skandal noch gravierender als bei der Live-Übertragung vom Augustinerhof waren. Denn hier und jetzt lassen sich durchaus Korrekturen vornehmen. Die müssen Rathaus und Rat im Sinne einer echten Transparenz nun zwingend durchsetzen. Denn bei aller Kritik: Der Trierer Stadtrat ist kein Comedy-Gremium, sondern ausführendes Organ des Bürgerwillens. Die erste Live-Sendung degradierte ihn hingegen zur Witz-Bude auf der politischen Kirmes. Nur die professionelle journalistische Einordnung kann diesen negativen aktuellen Eindruck verwischen. Der OK hat jedoch − wie der Theater-Skandal zeigte − keine journalistische Kompetenz. Und das sollte den dort Verantwortlichen auch nachdrücklich und in aller Deutlichkeit gesagt werden.

Denkbar wäre stattdessen die Kooperation mit der hiesigen Tageszeitung oder auch einem regionalen Rundfunksender, sofern Rat und Verwaltung an ihrem Konzept festhalten wollen. Der Offene Kanal bleibt weiter für die technische Umsetzung verantwortlich. Das journalistisch-redaktionelle Konzept wird jedoch in professionelle Hände gelegt. Bleibt das aus, tragen die Live-Sendungen nicht zum Abbau der Politiker- und Parteienverdrossenheit bei, sondern zu deren Explosion. Weil dann uneingeschränkt der Satz eines jugendlichen Zuschauers an diesem verkorksten und verlorenen Abend gilt: “Wenn das Politik ist, kann man das alles abschaffen!”

Extra

Trotz der Mängel sieht Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD) “in der Möglichkeit, den Bürgerinnen und Bürgern einen zeitgleichen – aber auch nachträglich vier Wochen lang verfügbaren – unverfälschten Einblick in die ehrenamtliche Arbeit des Stadtrates zu geben, einen überaus wertvollen Beitrag zur Bekämpfung der allgemeinen Politikverdrossenheit”. Das teilt die städtische Pressestelle auf reporter-Anfrage mit.

Leibe erhoffe sich durch die Live-Sendungen “ein größeres Interesse an der wertvollen ehrenamtlichen Arbeit des Stadtrates”. Der an den Zugriffszahlen abgelesene große Zuspruch und die positiven Reaktionen zeigten, “dass es bereits mit den ersten beiden Sendungen gelungen ist, einen wesentlich größeren Kreis von Bürgerinnen und Bürgern zu erreichen”.

“Ich bin zuversichtlich”, so der Stadtchef, “dass mit der durch die Live-Übertragungen hergestellten Transparenz das Interesse an der Arbeit des Stadtrates, aber auch das Verständnis für die Kommunalpolitik allgemein und auf Dauer verstärkt werden kann.”

Nach Angaben der Stadt hatte der Offene Kanal das vorläufige Konzept der Sendung mit dem Rathaus abgestimmt, wobei die technische Umsetzung zunächst im Vordergrund gestanden habe, um so die Live-Übertragung überhaupt erst möglich zu machen. “Es gab bekanntlich einige technische Schwierigkeiten, die darauf zurückzuführen sind, dass hier vorhandene unterschiedliche technische Systeme – Audiosignale Rathaussaal, Abstimmanlage Ratssaal, Bilder der Kameras und Fernsehproduktionstechnik – zusammengeführt werden mussten”, räumt das Presseamt ein.

Derzeit würden allerdings Verbesserungen abgestimmt, “die sowohl durch den Offenen Kanal wie auch von der Verwaltung und aus den Reihen des Stadtrates vorgeschlagen wurden”.

Einen städtischen Zuschuss erhält der OK nach Rathaus-Angaben nicht. Die Stadt ist lediglich mit einem Jahresbeitrag von 100 Euro Mitglied im OK-Verein. Bis 2011 erhielt der Bürgersender einen Zuschuss von 1.000 Euro jährlich, der dann jedoch im Zuge der Haushaltskonsolidierung gestrichen wurde. Honorare oder Aufwandsentschädigungen an Mitarbeiter des OK werden nach Auskunft des Presseamtes nicht bezahlt. (et)


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Featured, Meinung, Politik 4 Kommentare

4 Kommentare zu So nicht

  1. Nachfrager

    Mir reicht fürs Erste die reine Dokumentation. (Im Ernst)

    Falls dann noch Fragen bleiben, gibt es ja noch die journalistischen Weltversteher. (Späßle gemacht)

     
  2. Karl Haxler

    Herr Thielen, Sie unterstellen der hiesigen Tageszeitung nicht ernsthaft journalistische Kompetenz?! Der Offene Kanal kann als Bürgerfernsehen übrigens gar keinen Anspruch auf eine solche erheben, sonst muss sich künftig jeder ‘Leserreporter’ Journalist schimpfen. Leider gibt es heutzutage bereits genügend ‘Quereinsteiger’, die gerade einmal eine Kamera halten können und somit der Meinung sind, auf Grund der Pressefreiheit über besondere Rechte zu verfügen. Auch gehört in eine Live-Berichterstattung einer Ratssitzung genau aus diesen Gründen kein leitender Kommentar eines Bürgerfernsehens. Wie Sie korrekt feststellen, obliegt dies dem Journalismus. Es steht also Ihnen und Ihren Kollegen frei, live oder im Anschluss das Gesehene zu kommentieren. Mittel und Wege gibt es hierfür in ausreichender Form. Und jeder Journalist soll das so frei, unabhängig und überparteilich tun, wie er es für richtig hält. Dass technische Probleme künftig keine Rolle mehr spielen sollten, steht außer Frage. Aber bitte halten Sie dem OK54 zu Gute, dass es sich um ehrenamtliche Arbeit handelt, die semi-professionell, auf -wie ich finde- sehr hohem Niveau betrieben wird.

     
  3. Franz

    Natürlich sind die technischen Probleme angesichts der investierten Gelder zu thematisieren. Auch habe ich Verständnis dafür, dass mit Blick aus der Journalistenbrille die Übertragung einer Ratssitzung alles andere als kritischer Journalismus ist. Ich zähle mich zu den mittlerweile mehr als 1000 Menschen, die die Sitzung vom 2.2. im Netz geschaut haben (wobei die Zahl nicht darüber informiert, ob auch alle bis zum Ende durchgehalten haben). Dieses Format ist ein mehr oder weniger neutrales Mittel, ein wenig Transparenz zu schaffen (klar – durch Schnitte, Zoom o.ä. findet eine Manipulation statt). Wenn ich die Zeit hätte, mich in den Rathaussaal zu setzen, würde ich in ähnlicher Art und Weise das Geschehen verfolgen wie Zuhause am Fernseher oder PC. Im Saal sitzt kein Journalist neben mir und erläutert mir Hintergründe o.ä. Das muss und soll woanders geschehen. Betrachtet man in diesem Zusammenhang den Vorwurf an eine “Lügenpresse”, so besteht hier die Chance, das “Rohmaterial” zu sichten um festzustellen, dass fast ausschließlich die Realität mit kritischen Anmerkungen widergespiegelt wird. Diese “politische Bühne” hat für die Akteure sicherlich eine zunehmende Bedeutung – Profilierung, “politisches Theater”, Inszenierungen usw. Die Art und Weise, wie unsere Kommunalpolitiker dies nutzen werden, ist mithilfe des neuen Mediums über die Saalmauern hinaus und über Wochen für alle Interessierten verfolgbar. Das wird den ein oder die andere in der Art des Auftretens sicherlich verändern.

     
  4. zimbo

    @Karl Haxler: Sie bestreiten, dass der TV (völlig albern, hier das Kind nicht beim Namen zu nennen) journalistische Kompetenz hat? Wie kommen Sie zu dieser Auffassung und erstreckt sich dieser von Ihnen festgestellte Mangel nur auf das Thema Kultur oder auch auf andere Themenbereiche?

     

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