Stahl: “Eine glückliche Beziehung braucht drei Dinge”

Die Bestseller-Autorin Stefanie Stahl lebt und arbeitet in Trier. Foto: Rolf Lorig

TRIER. Die gute Nachricht stand bei SPIEGEL.de: “Die Zahl der Scheidungen geht zurück – auf den tiefsten Stand seit 1993. Wenn es zur Trennung kommt, ergreifen meist die Frauen die Initiative” war dort nachzulesen. Und weiter: Nach neuesten Daten des Statistischen Bundesamtes seien 2016 insgesamt 162.397 Ehen geschieden worden. Ein Rückgang um 0,6 Prozent, aber ein Trend, der seit Jahren anhalte. Die Trierer Bestsellerautorin Stefanie Stahl wundert das nicht: “Jeder ist beziehungsfähig” sagt sie und tritt damit all denen entgegen, die bislang das Gegenteil geglaubt haben. Für den reporter hat sich Rolf Lorig mit der Autorin und Psychotherapeutin Stefanie Stahl getroffen und mit ihr über Menschen und Beziehungen sowie ihr neuestes Buch gesprochen.

Wenn man mit Fremden über Trier spricht, fällt oft der Satz: “Trier ist überschaubar, hier kennt jeder jeden.” Ist das so? Vermutlich eher nicht. Denn Stefanie Stahl gehört zu den Menschen, die noch ohne Bodyguard zum Einkaufen gehen können. Dabei hat die gebürtige Hamburgerin, die seit ihrem Psychologiestudium in den 80ern in Trier lebt, den Literatur-Olymp längst erklommen. Die Gesamtauflage ihrer Bücher ist siebenstellig (!), seit Jahren führt sie mit ihren psychologischen Ratgebern die SPIEGEL-Bestsellerliste im Bereich Sachbuch an. Zuletzt mit dem Buch “Das Kind in Dir muss Heimat finden”. Seit Anfang 2016 steht sie auf der Bestsellerliste und seit eineinhalb Jahren konstant auf den ersten drei Rängen. Vor wenigen Wochen, im Oktober, ist ihr neuestes Werk “Jeder ist beziehungsfähig” auf den Markt gekommen. Und startete vom Fleck weg auf Platz drei.

Hat eine Psychotherapeutin so wenig zu tun, dass ihr so viel Zeit zum Schreiben bleibt?

“Ganz im Gegenteil. Wir haben in Deutschland eine schlechte psychotherapeutische Versorgungslage. Die Menschen müssen ewig warten, bis sie einen Termin bekommen. Dazu kommt, dass es auch bei den Psychotherapeuten unterschiedliche Qualitäten gibt. Wenn man nach langem Warten einen Termin bekommen hat, heißt das noch lange nicht, dass einem dann geholfen wird. Diese schwierige Ausgangssituation war der Grund, weshalb ich mit dem Schreiben begonnen habe. Durch das Schreiben erreiche ich sehr viel mehr Menschen als mir das bei der 1:1-Betreuung möglich wäre.”

Ihre psychologische Praxis hat Stefanie Stahl in der Gilbertstraße. Nachdem sie den Entschluss zum Schreiben gefasst hatte, musste sie sich neu organisieren. Denn wie ihre Berufskollegen kann die 53-Jährige über mangelnde Nachfrage nicht klagen. Sie praktiziert vorwiegend nur noch am Nachmittag, den Vormittag hält sie sich für das Schreiben frei. Sieben Bücher hat sie bereits veröffentlich, aktuell ist der achte Ratgeber in Arbeit.

Die Bindungsbereitschaft ist bei jungen Menschen nach wie vor in hohem Maße vorhanden, sagt Stefanie Stahl.

Ihr neues Buch “Jeder ist beziehungsfähig” ist vom Start weg ein Bestseller. Fast scheint es, als würden die Menschen nur dem Erscheinen ihres neuesten Buches entgegenfiebern. Was ist das Geheimnis Ihrer Ratgeber?

“Ich habe eine Problemlösungsstruktur, also quasi einen psychologischen Algorithmus, entwickelt. Diese versetzt die meisten Leser in die Lage, ihre Probleme selbst zu erkennen. Sie finden sich in dem Buch wieder und können am Ende ihre Probleme dann auch selbst lösen.”

Was an dieser Stelle abstrakt klingt, funktioniert in der Tat. Denn die Autorin hat einen Schreibstil, der sich nicht auf hochwissenschaftliche Begriffe stützt, sondern mit der Sprache der wissenschaftlichen Laien arbeitet. Zur besseren Verständlichkeit hat sie mit dem “Schattenkind” und dem “Sonnenkind” zwei Symbole erdacht, die dem Leser helfend zur Seite stehen. Während das “Schattenkind” symbolisch für wichtige und existenzielle Probleme steht, vereint das “Sonnenkind” all die positiven Eigenschaften, die Freude, Stärke und Sicherheit vermitteln. Zusammen sind sie das innere Kind. Die These der Psychologin: “Wir alle haben ein inneres Kind, das die Summe aller Kindheitsprägungen ist, die wir durch unsere Eltern und andere Bezugspersonen erfahren haben. Insbesondere die Kränkungen und Verletzungen aus der Kindheit verankern sich tief im Unbewussten und hindern uns als Erwachsene daran, unser volles Potenzial zu leben.” Mit den beiden fiktiven Figuren Schatten- und Sonnenkind leitet die Psychologin ihre Leser zu den Wurzeln und bietet Übungen an die helfen sollen, alte Muster abzulegen, die den Menschen immer wieder in Sackgassen oder gar ins Unglück geführt haben.

Auch in ihrem neuesten Werk “Jeder ist beziehungsfähig” sind diese beiden Symbole für das innere Kind wieder hilfreich mit im Boot. Und assistieren dem Leser bei der Suche nach den Problemen, die auch bei Beziehungen oft sehr tief liegen.

 Sie sagen, jeder ist beziehungsfähig. Ist das nicht eine gewagte These?

“Wieso? Wir alle sind Beziehungswesen, haben ein tiefes Bedürfnis nach Bindung und Zuspruch. Wir dürfen nicht vergessen: Bindungsangst und kaputte Ehen hat es schon immer gegeben. Das hat, wie alle Probleme, Ursachen, die man ausfindig machen muss. Andererseits ist der Bindungswunsch ein angeborenes Grundbedürfnis, das in jedem Menschen lebt. Was bedeutet, dass man auf der Basis von Selbstreflexion permanent an einer Beziehung arbeiten muss. Das ist eine ganz entscheidende Tatsache: Alles Unglück dieser Welt resultiert aus einem Mangel an Selbstreflexion.”

Wenn die Liebe erloschen ist und nur noch Streit den Dialog bestimmt, ist es besser sich zu trennen: “Wer sich nicht trennen kann, wird nie ein selbstbestimmtes Leben führen.”

Ganz entschieden verwahrt Stahl sich gegen das Vorurteil, die aktuelle Generation sei bindungsunfähig. Die heutigen Eltern sind in ihren Augen wesentlich reflektierter als die oft noch traumatisierten Eltern der Nachkriegsgeneration, die zudem entweder extrem autoritär oder aber ausgesprochen antiautoritär gewesen seien. Sie kenne viele junge Menschen, die sich sehr früh gebunden hätten und auch schon sehr lange zusammenlebten. Das habe es so in ihrer Generation nicht gegeben, meint die Beziehungsexpertin und erinnert schmunzelnd an den Spruch aus den 60ern: “Wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört schon zum Establishment.” Und ist fest davon überzeugt: “Das ewige Gejammer über die Jugend von heute reicht über die gesamte Weltgeschichte.”

Eine glückliche Beziehung wird aber doch von verschiedenen Faktoren bestimmt?

“Am Ende sind das weniger, als man denkt. Oberflächlich betrachtet erscheinen unsere Probleme immer ziemlich kompliziert. Letztlich aber sind die Dinge ganz einfach. Eine glückliche Beziehung wird im Wesentlichen durch drei Dinge beeinflusst: Selbstwertgefühl und der richtige Umgang mit Bindung und Autonomie. Gerade die beiden letzten Faktoren bestimmen unser ganzes Leben. Das Prinzip der Bindung liegt in der Kooperation: Miteinander, Anpassung, Zuhören, Mitfühlen – also all das, was die Menschen ausmacht und sie zusammenhält. Dazu braucht man gewisse Fähigkeiten. Ich muss mich anpassen können, muss über Empathie verfügen, brauche Einfühlungsvermögen und muss bereit sein zu vertrauen. Ich muss in der Lage sein, mich zu binden.

Das Prinzip der Autonomie verlangt völlig andere Fähigkeiten: was will ich, was sind meine Ziele, wie kann ich mich durchsetzen und – ich muss mich auch trennen können. Wer sich nicht trennen kann, wird nie ein selbstbestimmtes Leben führen.

Diese Gegensätze von Autonomie und Bindung sind entscheidend für die Ausgewogenheit zweier menschlicher Grundbedürfnisse. Richtig ausbalanciert werden sie jeden zu einer glücklichen Beziehung führen.”

Die richtige Balance von Bindung und Autonomie ist die beste Voraussetzung für Beziehungsglück.

Menschen, deren innere Balance zugunsten der Bindung aus dem Gleichgewicht geraten ist, seien überangepasst, betont Stefanie Stahl. Sie seien konfliktscheu und überaus harmonieliebend, wollten es allen und jedem recht machen. “Die verlieren sich irgendwann selbst in der Beziehung, was dazu führen kann, dass sie sich umso härter abgrenzen.”

Und was passiert mit den Menschen, deren Balance sich zugunsten der inneren Autonomie verschoben hat? “Sie lassen sich nie wirklich auf eine Beziehung ein”, weiß die Psychologin. Selbst im Falle einer Heirat seien sie dem Partner nie wirklich nah, da sie zu abgegrenzt, zu kompromisslos seien.

Und schließlich fasst die Autorin zusammen: “Das heißt, wenn ich gut in der Balance beider Fähigkeiten bin, also mich auch mal selbst behaupten kann, dann kann ich in einer Beziehung leben und mich trotzdem frei fühlen. Und das ist die beste Voraussetzung für Beziehungsglück.”

Buch- und Veranstaltungstipp

Stefanie Stahl: Jeder ist beziehungsfähig. Der goldene Weg zwischen Freiheit und Nähe. 308 Seiten, Kailash Verlag, 14,99 Euro. Die Autorin wird im kommenden Jahr auch beim Eifel Literaturfestival zu erleben sein. Am 10. August liest sie um 20 Uhr im Haus Beda. Und vorher, am 22. Februar, bei “Die Buchhändler“ in Schweich. (rl)


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Erstellt am Autor Rolf Lorig in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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