Stolpersteine – Wider das Vergessen

Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt die Stolpersteine für die in Auschwitz ermorderte Trierer Familie Kallmann.

Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt die Stolpersteine für die in Auschwitz ermorderte Trierer Familie Kallmann.

TRIER. Seit heute hat Trier weitere Stolpersteine. Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte am Mittwoch im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Frieden (AGF) und des Kulturvereins Kürenz insgesamt 18 Steine dieser Art in der ganzen Stadt – fünf von ihnen vor dem Haus in der Neustraße 92. Dort wohnte die jüdische Familie Kallmann, Vater Adolf, Mutter Sophie und die Kinder Josef Arnold, Adele und Leopold. Alle wurden ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet. Das war vor 72 Jahren. Einen Grabstein besitzen sie nicht. Jetzt wurden den Opfern des Rassenwahns ihre Namen zurückgeben – auf der quadratischen Messingplatte, die jeden Stolperstein am Kopf abschließt.

Der 1. März 1943 mag ein kalter Spätwintertag gewesen sein. An diesem Tag wurden die Kallmanns abgeholt. In der Neustraße 33. Im sogenannten “Judenhaus”. Dorthin war die jüdische Familie umquartiert worden. Zwischenstation für die Frauen und Kindern war im ehemaligen Bischof-Korum-Haus in der Rindertanzstraße. Die Männer saßen meist im Gefängnis in der Windstraße ein. Dann rollten die Züge über die Städte im Ruhrgebiet nach Osten, in das von den Deutschen besetzte Polen, meist nach Auschwitz, aber auch nach Treblinka, Majdanek, Sobibor. Für die allermeisten Deportierten war dies der Anfang vom Ende – psychische und physische Vernichtungen folgten. Zwangsarbeit, Gaskammer, Krematorium. Nichts blieb außer der Erinnerung. Oft nicht einmal ein Name. Den Nachbarn wurden Lügen von Umsiedlung erzählt. Nachfragen oder gar Protest konnten tödlich enden.

Nicht erst seit dem jüngsten Prozess gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning in Lüneburg, einen der letzten NS-Schergen aus Auschwitz, wird deutlich: Diese dunkle Kapitel deutscher Geschichte endet nie – und darf auch nicht enden. Denn die Geschichte eines Landes ist so untrennbar mit diesem verbunden wie die persönliche Vergangenheit mit jedem einzelnen Menschen. Niemand kann sich von seinen Erfahrungen trennen. Sie begleiten jeden Einzelnen auf Schritt und Tritt, an jedem Tag. Das Leben der Kallmanns endete in Auschwitz. Adolf und Sophie waren sicher stolze Eltern. Menschen, die mitten im Leben standen. Die Kinder Josef Arnold, Adele und Leopold waren Kinder wie alle anderen auch, mit Träumen, Hoffnungen und Wünschen.

Spätestens mit der Wannsee-Konferenz vom Januar 1942 begann die industrielle Vernichtung, die Shoa der europäischen Juden, auch der Kallmanns aus Trier. Sechs Millionen Menschen fielen dem Rassenwahn zum Opfer, Sinti und Roma, Homosexuelle, politische Gegner des NS-Regimes und die Ermordeten der Euthanasie nicht eingerechnet. Den vernichteten Juden wird in der zentralen Erinnerungsstätte Yad Vashem in Jerusalem gedacht. Vor den ehemaligen Wohnhäusern sollen Demnigs Stolpersteine den Toten zumindest ihre Namen zurückgeben. Kein Trost, aber eine Geste.

Die Großmutter von Friedrich München war eine Bekannte der Kallmanns, Regina München mit Sophie Kallmann befreundet. Immer wieder erzählte sie ihrem Enkel zu ihren Lebzeiten, wie sie am Tage der Deportation die aus den offenen Fenstern wehenden Gardinen in der leeren Wohnung der Kallmanns gesehen hatte. “Das”, sagt Friedrich München, “ist ihr zeitlebens sehr nahe und nicht mehr aus dem Kopf gegangen.” Der gebürtige Trierer München ist eigens für diesen Tag aus Leipzig angereist. Dort arbeitet er. Aber diesen Tag, an dem Demnig die Stolpersteine als Erinnerung an die Freunde seiner Großmutter in der Neustraße verlegt, hätte München um nichts auf der Welt versäumen wollen. München ist einer der Paten für die fünf Steine der Kallmanns.

Die anderen Patenschaften übernahmen zwei Triererinnen, die anonym bleiben möchten, der SPD-Ortsverein Trier-Mitte/Gartenfeld und die Pfarrgemeinde der Heiligen Edith Stein, die als Jüdin 1922 zum Katholizismus konvertierte und 1942 in Auschwitz ermordete wurde. Stein gilt als Brückenbauerin zwischen Juden- und Christentum. 1998 wurde sie von Papst Johannes Paul II. heilig gesprochen. 2013 war Hildegard Knebel von der Pfarrgemeinde als Besucherin in Auschwitz, machte ein Foto von einer Pusteblume in grüner Wiese am Lagertor. Hoffnung am Ort des Grauens. Die Idee der Patenschaft wurde schließlich in ihrem meditativen Tanzkurs geboren.

Für die Sozialdemokraten ging mit der Patenschaft ein langgehegter Wunsch in Erfüllung, wie Alexander Kellersch sagt. Zwei Jahre lang stand der Ortsverein auf der Warteliste. Jetzt sind auch die Genossen aus Trier-Mitte Paten eines Steines. Rund 180 wurden bisher in Trier verlegt. Wer die Namen lesen will, muss sich bücken, sich also vor den Opfern verbeugen. “Ich hoffe”, sagt Kellersch, “dass die Steine vor allem junge Menschen zum Nachdenken darüber anregen, von welchem geschichtlichen Erbe wir umringt sind.”

Auch die Kallmanns aus der Neustraße sind Teil dieses Erbes – mahnender Teil. Adolf Kallmann, Metzgermeister und Gastwirt, wohnte mit seiner Familie von 1938 an im Haus seines Cousins Jakob Herrmann in Trier. Auch die Herrmanns wurden ermordet, so wie 600 weitere Trierer Juden mit ihnen. Die jüdische Gemeinde in Trier wurde ausgelöscht, wie es die NS-Ideologie vorsah und beabsichtigt hatte. Für Markus Pflüger von der AG Frieden sind die Steine aber nicht nur Erinnerung. Sie sind auch Mahnung für die Gegenwart. “Indem wir uns erinnern”, sagt Pflüger, “mahnen wir gleichzeitig zur Wachsamkeit und wirken der Wiederholung entgegen.”

So schwebt der Satz des amerikanischen Philosophen George Santayana auch über der deutschen Gegenwart, da sich in der aktuellen Flüchtlingsdebatte vielerorts erneut die hässliche Fratze von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz zeigt: “Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.” Auch die Stolpersteine der Kallmanns mögen somit eindringliche Mahnung und lauter Appell sein. (et)

Stolpersteine

Die Stolpersteine sind quaderförmige Betonsteine, auf deren Oberseite sich eine individuell beschriftete Messingplatte befindet. Etwa 52.000 Stück hat der Kölner Künstler Gunter Demnig inzwischen in rund 750 deutschen und europäischen Städten und Gemeinden verlegt. 1995 verlegte Demnig probeweise die ersten Steine in Köln. Die Art der Erinnerung stößt nicht überall auf ungeteilte Zustimmung. So kritisierte die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, es sei “unerträglich, die Namen ermordeter Juden auf Tafeln zu lesen, die in den Boden eingelassen sind und worauf mit Füßen herumgetreten wird”. Dagegen verteidigt der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, die Aktion Demnigs. 2012 wurde das Projekt mit dem Marion Dönhoff-Förderpreis für internationale Verständigung und Versöhnung ausgezeichnet und mit 20.000 Euro gefördert. Demnig erhielt 2012 den Erich-Kästner-Preis. Die Patenschaft für einen Stolperstein kostet 120 Euro.


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Featured, Gesellschaft Hinterlasse einen Kommentar

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