Tempokontrollen – Von Sandkästen, Schippen und Blitzern

5.000 Verstöße registrierte die Stadt in nur knapp drei Wochen.

5.000 Verstöße registrierte die Stadt in nur knapp drei Wochen.

TRIER. Eindeutige, aber auch aufschlussreiche Zahlen: In nur 20 Tagen – zwischen dem 4. und 23. Januar – hat die Stadt knapp 5.000 Verstöße gegen die Tempolimits in Trier festgestellt. Alleine 35 Fahrverbote wurden und werden noch ausgesprochen. Die Hochrechnung: Bei dieser Quote würde es im Laufe eines Jahres rund 640 Fahrverbote hageln. Ferner wurden 210 Bußgelder von mindestens 80 Euro verhängt. Das heißt: Die Fahrer waren in den jeweiligen Zonen über 21 km/h zu schnell unterwegs. Diese erste Statistik wurde am Dienstagabend im Ausschuss des zuständigen Dezernenten Thomas Egger (SPD) vorgestellt. Seit Anfang des Jahres blitzt die Stadt auf ihren Straßen selbst. Während CDU-Partei- und Fraktionschef Udo Köhler erst jüngst in der Rathaus-Zeitung erneut von “Abzocke” sprach, betonte Egger im großen Interview mit dem reporter noch einmal ausdrücklich die Notwendigkeit der Kommunalen Geschwindigkeitskontrollen. Die Zahlen geben dem Dezernenten recht. Ein kommentierender Bericht von Eric Thielen

Es gibt solche Sitzungen, und dann gibt es auch solche. Und schließlich gibt es die ganz speziellen – wie jene am Dienstagabend im Rathaus. Am bemitleidenswerten Thiébaut Puel lag es nicht, dass der neutrale Zuschauer sich nach knapp einer Stunde wie auf dem Spielplatz eines Kindergartens vorkam. Die Christdemokraten um Wortführer Karl Biegel gefielen sich offensichtlich in der Rolle beleidigter Knirpse – wortkräftig unterstützt von AfD-Mann Michael Frisch. Puel musste den Ausschuss als ältestes Mitglied für den erkrankten Thomas Egger leiten, weil Angelika Birk (Grüne) und Andreas Ludwig (CDU) auf einer parallelen Veranstaltung in Mariahof gebunden waren.

Die Gelegenheit für die Unionschristen, kräftig mit Sand zu werfen und nach der von Rot-Grün gestohlenen Schippe zu schreien. Mehr als ein Jahr nach dem Beschluss des Stadtrates ist die CDU über ihre Niederlage, die sie auch noch ausgerechnet am Tag nach der verlorenen OB-Wahl einstecken musste, immer noch nicht hinweg. Mit Händen und Füßen und jeder Menge Tricks hatten die Christdemokraten noch weit bis ins vergangene Jahr hinein versucht, die Übernahme der Tempokontrollen in die städtische Regie zu verhindern.


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Nun ist natürlich aus Sicht der Union alles schlecht. Gesucht werden die Haare in Suppe, wo keine sind. Also betätigte sich Christdemokrat Biegel, assistiert vom Parteifreund Horst Freischmidt und AfD-Mann Frisch, auch noch als Erbsenzähler. So lange, bis es Richard Leuckefeld von den Grünen schließlich zu bunt wurde. “Sag’ deinen Leuten einfach, Karl”, raunzte der Alt-Grüne diagonal durch den Raum, “dass sie sich an die Regeln halten sollen, dann ist alles in Ordnung.”

Immer wieder hatte Biegel über Gefahrenstellen schwadroniert. Da halfen auch die sachlichen und ruhigen Erklärungen von Elmar Geimer nicht. Der Chef der städtischen Verkehrsüberwachung bewies vor den Kommunalpolitikern eine erstaunliche Langmut. Biegels Auslassungen gipfelten schließlich in der Feststellung: “Ich finde es nicht schlimm, wenn eine ganze Autokolonne auf der Zurmaiener Straße mal 20 Kilometer zu schnell fährt, weil da ja gar kein Unfallschwerpunkt ist.” Puel, Fastnachter mit Leib und Seele, hätte nach Biegels büttenreifem Auftritt den Narhallamarsch blasen können. Ehrangs Ortsvorsteher verzichtete. Auch ohne musikalische Untermalung hatte Biegel sich ausreichend blamiert.

Populismus en vogue

Dafür konterte Leuckefeld in seiner gewohnt sachlich-sarkastischen Art. “Wenn wir von den Flüchtlingen verlangen, dass sie die Regeln einhalten, dann können wir das von den Deutschen ja wohl auch erwarten.” Vergeblich. Wieder schallte “Abzocke” durch den Raum. Der war übrigens gespalten. Rechts von Puel CDU und AfD, links vom gebürtigen Franzosen Grüne und SPD. Das nach wie vor existente schwarz-grüne Bündnis sieht wohl eine andere Sitzordnung vor – von der gegenseitigen Unterstützung ganz zu schweigen. Doch gerade bei den Tempokontrollen sind sich Schwarze und Grüne überhaupt nicht grün. Auch CDU-Chef Udo Köhler und Reiner Marz von den Grünen waren sich jüngst in der Rathaus-Zeitung schwarz auf weiß in die Haare geraten. Folglich lehnten die Grünen sich in dieser Sitzung dann doch lieber an die Roten an.


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SPD-Mann Rainer Lehnart hatte einen gutgemeinten Rat für die Kollegen Freischmidt und Biegel. “Die Politik sollte sich nicht anmaßen”, sagte Feyens Ortsvorsteher, “den Fachleuten in der Verwaltung vorzuschreiben, wo die Gefahrenpunkte liegen.” Auch der Sozialdemokrat war nach einer Stunde offensichtlich mit seiner Geduld am Ende. “Der Beschluss steht, und das hier ist jetzt das operative Geschäft”, schob Lehnart noch nach. Parteifreund Detlef Schieben hatte zuvor davon gesprochen, seine Wahrnehmung sei, “dass seit Anfang Januar in Trier viel angenehmer und rücksichtsvoller gefahren wird – und das wollten wir doch erreichen, oder?”. Geimers Beleg: Bei der ersten Messung im Mäusheckerweg seien 40 Temposünder erwischt worden. Nach der jüngsten Kontrolle vor wenigen Tagen konnte Geimers Mitarbeiter berichten: keine Verstöße mehr! “Ihm war es fast peinlich”, sagte der Chef der städtischen Verkehrsüberwachung.

Thiébaut Puel (rote Weste) leitete die Sitzung für den erkrankten Thomas Egger.

Thiébaut Puel (rote Weste) leitete die Sitzung für den erkrankten Thomas Egger.

Doch in CDU-Kreisen von Berlin über Mainz bis nach Trier ist Populismus aktuell en vogue. Trotz Leuckefeld, trotz Lehnart, trotz Schieben und Geimer führten Freischmidt und Biegel ihr Rückzugsgefecht bis zur schwarzen Kernbastion “Abzocke” weiter durch. Da konnte Geimer noch so oft erklären, dass die Stadt die Schwerpunkte von der Polizei übernommen habe, dass jetzt aber wesentlicher häufiger kontrolliert werde und dass man natürlich ein besonderes Augenmerk auf die Tempo-30-Zone vor Kindergärten und Schulen lege. “Jetzt”, sagte er, “gehen wir auch ins Gartenfeld.” Das ist der erste Schwerpunkt, den die Stadt nach drei Wochen selbst setzt – wegen der Erfahrung aus der eigenen Verkehrszählung.

Wären da nicht Elisabeth Tressel und Throrsten Wollscheid gewesen, die CDU hätte sich am Dienstagabend komplett lächerlich gemacht. Wollscheid will als Schwerpunkt auch den Bereich um die IGS auf dem Wolfsberg sehen. Das sagte Geimer zu. Tressel legte den Fokus auf den Trimmelter Hof. Dort werde sie in der verkehrsberuhigten Zone sogar von hinter ihr fahrenden Bussen mit Lichthupe angeblinkt.

Ein besonderes Thema im allgemeinen Thema: “Wir haben in den ersten drei Wochen auch sehr viele Busse erwischt”, bestätigte Geimer − so im Mäusheckerweg und in der Franz-Georg-Straße. Den Busfahrern drohen nun weit härtere Strafen als den Autofahrern. Die meisten Bescheide gehen an die bereits informierten Stadtwerke. Dort hat übrigens noch keiner “Abzocke” geschrien. Zumindest konnte Geimer davon nichts berichten.

Die Zahlen

Zwischen dem 4. und 23. Januar (20 Tage) führte die Stadt während 157 Stunden insgesamt 134 Messreihen durch. Die durchschnittliche Dauer einer Messreihe lag bei 2,5 Stunden. Insgesamt verhängte die Stadt in drei Wochen Bußgelder in Höhe von rund 115.000 Euro. Somit würden sich die Einnahmen in der Hochrechnung auf knapp zwei Millionen Euro pro Jahr belaufen. Kalkuliert ist für die schwarze Null bisher mit 750.000 Euro pro Jahr.

♦ Messungen in Tempo70- und Tempo50-Zonen – 90

♦ Davon am Moselufer – 27

♦ Messungen in Tempo30-Zonen (oder weniger) – 44

♦ Verstöße insgesamt – 5.000

♦ Verwarnungsgeld 15 Euro – 3.070

♦ Verwarnungsgeld 25 Euro – 1.170

♦ Verwarnungsgeld 35 Euro – 420

♦ Bußgelder (80 Euro und höher) – 210

♦ Fahrverbote – 35

♦ Unerlaubte Handynutzung – 21


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Featured, Meinung, Politik 4 Kommentare

4 Kommentare zu Tempokontrollen – Von Sandkästen, Schippen und Blitzern

  1. Kürenzer

    Nicht nur in der A-Partei gibt es Ewiggestrige sondern in der C-Partei ebenso.

     
  2. Stephan Jäger

    „In nur 20 Tagen – zwischen dem 4. und 23. Januar – hat die Stadt knapp 5.000 Verstöße gegen die Tempolimits in Trier festgestellt. Alleine 35 Fahrverbote wurden und werden noch ausgesprochen.“

    …und das, obwohl die „große Lokalzeitung“ sich stets dazu berufen fühlt, haarklein vor den Kontrollen zu warnen. Auch vor solchen, die die zuständigen Behörden aus gutem Grund NICHT ankündigen: Denen im Umfeld von Kindergärten und Grundschulen (gemeldet von „aufmerksamen“ Lesern).

    Die mehr als fadenscheinige Rechtfertigung: Das Wichtigste sei doch, dass die Leute langsam fahren. Die tatsächliche Folge: Der beabsichtigte erzieherische Effekt der Kontrollen, der durch die reale Gefahr, zumindest an solchen Stellen beim Rasen überraschend erwischt zu werden, erzielt werden könnte, wird mutwillig zunichte gemacht.

    Offensichtlich sind hier einem Medium, dass sich gar zu gerne als lokaler Platzhirsch sieht, Gunst und Geldbeutel von ein paar potenziellen Lesern, die gerne „etwas zügiger fahren“, wichtiger als Sicherheit und Gesundheit der Schwächsten im Straßenverkehr: Kindern auf dem Weg zu Kindergarten oder Schule.

    Schäbiger geht es denn wirklich nicht mehr!

     
  3. Kruemel

    Unglaublich solch populistischen Äußerung seitens der CDU rauszuhauen. Abzocke Abzocke Abzocke, ich kann es nicht mehr hören.
    Der Herr von der CDU sollte mal morgens oder Abends im Berufsverkehr durch die Stadt fahren, da würde er nach mehr Kontrollen schreien.
    Seit 15 Jahren mache ich das jetzt, und ich muss sagen, seit diesem Monat ist es “gefühlt” besser geworden.
    Aber wäre ich Politiker und würde verzweifelt nach Wählerstimmen haschen, würde ich auch Abzocke schreien…

     
  4. Ewald Marx

    Keiner im Stadtrat möchte Unfälle in der Stadt haben. Keiner im Stadtrat möchte auf das zusätzliche Geld der Autofahrer verzichten. Also zügig und sicher durch Trier und Staus vermeiden, dann hat jede Seite einen dicken Gewinn.

     

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