Theater Trier – Abmahnungen, Kündigungen, Abfindungen

"Ich habe mich von den zahlreichen Versprechungen Sibelius' täuschen lassen", sagt der entlassene Opernsänger Christian Sist. Foto: Vincenzo Laera

“Ich habe mich von den zahlreichen Versprechungen Sibelius’ täuschen lassen”, sagt der entlassene Opernsänger Christian Sist. Foto: Vincenzo Laera

TRIER. Der jüngste Eklat liegt erst wenige Tage zurück. Das Theater plane ein Stück über den Fall “Tanja Gräff”, kündigten Intendant Karl Sibelius und sein Schauspieldirektor Ulf Frötzschner auf der Pressekonferenz zur neuen Spielzeit an. “Die Rote Wand” sollte zeigen, wie Gesellschaft und Medien auf solch einen Vermisstenfall reagieren. Nur vier Tage nach der Pressekonferenz strich Sibelius das geplante Stück aus dem Spielplan. Wie sich herausstellte, war Gräffs Mutter mit der Inszenierung nicht einverstanden. Frötzschner hatte vor der Presse das Gegenteil behauptet, wobei der Intendant nach Informationen aus dem Schauspielensemble des Theaters in den gesamten Vorgang eingeweiht war. Medial schiebt Sibelius nun Frötzschner die alleinige Schuld in die Schuhe. Doch der Eklat um das Stück über die 2007 verschwundene Trierer Studentin, deren sterbliche Überreste im vergangenen Jahr am Roten Felsen in Pallien gefunden wurden, ist nur die Spitze des Eisberges im organisatorischen Chaos am Theater Trier unter der Sibelius-Intendanz. Der reporter dokumentiert Fälle, die beispielhaft für dieses Chaos stehen. Wie jenen Fall des entlassenen Opernsängers Christian Sist, der sich gegenüber dem reporter explizit über seine Erfahrungen mit Sibelius äußert. Für die Vorgänge im und außerhalb des Theaters trägt der Österreicher als Generalintendant die alleinige Verantwortung.

Der Sist-Fall

Er sang im “Fidelio-Projekt” und in “Tosca” mit: Christian Sist. Sibelius holte den gebürtigen Kärntner persönlich aus Dortmund, wofür Sist seinen Vertrag bei Jens-Daniel Herzog frühzeitig auflösen musste. Der Intendant lobte seinen österreichischen Landsmann über den grünen Klee. Im März wurde Sist, der sich unter anderem bei der Künstlervereinigung artbutfair engagiert, vom Intendanten freigestellt. Sist, der einen Drei-Jahres-Vertrag besitzt und mit seiner gesamten Familie von Dortmund nach Trier zog, hatte sich nach eigenen Angaben vor seinem Wechsel von Sibelius bestätigen lassen, dass das Theater ihn bei karrierefördernden Auftritten außerhalb Triers freistellen würde, solange dem Theater kein finanzieller Schaden entsteht. Dazu gäbe es auch Schriftlichkeiten. “Sollte ich in dieser Zeit nicht in Trier singen können, hätte ich natürlich einen Ersatz aus eigener Tasche bezahlt.”, sagt der Österreicher gegenüber dem reporter.

Über Ostern bekam Sist die Einladung für ein Festival in Bogota (Kolumbien), um dort mit dem weltbekannten Dirigenten Patrick Fournillier zu singen. Zeitgleich war Sist für die Proben der Trierer Aufführung “Die Ausflüge des Herrn Brouček” eingeplant. “Eine kleine Rolle”, wie er sagt. Und es war zu Beginn der Probenzeit, sechs Wochen vor der Premiere. Sist bat, um die arbeitsrechtliche Form zu wahren, um Freigabe. Es ging lediglich um drei Proben. Die wurde ihm zunächst von der Operndirektorin und dann auch von Sibelius verweigert – trotz der gültigen Vereinbarung. Der Kärntner flog dennoch nach Südamerika. Bei seiner Rückkehr war er vom Probenzettel abgesetzt, wurde kurz darauf freigestellt und dann fristlos gekündigt. “Wegen Arbeitsverweigerung”, begründet Sibelius. “Dabei waren genau diese Fälle vorher vereinbart worden”, sagt Sist. “Hätte ich gewusst, dass Sibelius sich nicht an Absprachen hält, wäre ich nie nach Trier gekommen und hätte nie meine Kinder aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen sowie die hohen Umzugskosten bestritten”, betont er ferner.


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Sist holte sich juristischen Beistand. Es folgte ein Gespräch unter sechs Augen mit ihm, Sibelius und Kulturdezernent Thomas Egger, das auch im Einvernehmen aufgezeichnet wurde. In diesem Gespräch bestätigte Sibelius sogar, dass es diese Vereinbarung gibt und konnte laut Sist keine schlüssigen Gründe anführen, warum er sich nicht an diese gehalten hatte. Egger versuchte positiv auf die Situation einzuwirken. Im Raum steht aktuell ein außergerichtlicher Vergleich mit einer fünfstelligen Summe, die im Gegenzug zu Stillschweigen über den Fall bezahlt werden soll. Sist sagt dazu: “Neben der Tatsache, dass ich einen Dreijahresvertrag habe und einen gut dotierten Vertrag in Dortmund, einem A-Haus, vorzeitig aufgelöst habe, empfinde ich die Bedingung des absoluten Stillschweigens ethisch nicht vertretbar. Karl Sibelius hätte jederzeit die Möglichkeit, sich an seine Zusagen zu halten, die Kündigung zurückzuziehen und zu seinem Wort zu stehen. Ich verlange nur das, was wir vereinbart haben.“ Interessant empfindet Sist, dass die Agentur für Arbeit nach einem Gespräch mit dem zuständigen Sachbearbeiter und der Vorlage von Dokumenten ihn nicht, wie sonst bei fristlosen Kündigungen üblich, für drei Monate vom Arbeitslosengeld gesperrt hat. Der Sachbearbeiter schien klar die Auffassung zu vertreten, dass die von Sibelius ausgesprochene Kündigung nicht rechtens war.

Abschließend meint Sist: “Wie es ja auch bei einigen anderen Kollegen und Kolleginnen der Fall war, habe ich mich von den zahlreichen Versprechungen Sibelius’ täuschen lassen. Man kann aber nicht annehmen, dass man derartig hinters Licht geführt wird, vor allem nicht von einem Intendanten, der öffentlich immer betont, dass er eine vollkommen andere Unternehmenskultur etablieren will und der selber aktiver Künstler war und ist.”

Der Frötzschner-Fall

Abgemahnt und der erklärte Feind des Intendanten: Ulf Frötzschner. Foto: Theater Luzern

Abgemahnt und der erklärte Feind des Intendanten: Ulf Frötzschner. Foto: Theater Luzern

Nach dem Eklat um die Absage des Stückes über Tanja Gräff schiebt Intendant Sibelius nun die Schuld seinem Schauspieldirektor Frötzschner in die Schuhe. Fakt ist: “Die Rote Wand” ist nicht der erste Eklat, den das Theater produzierte. Doch die verliefen bisher ohne großes Aufsehen in der Öffentlichkeit. Bereits im Spätsommer und Frühherbst vergangenen Jahres wolle Sibelius den gebürtigen Thüringer wegen dessen Arbeitsauffassung entlassen. Immer wieder war es zu heftigen Streitigkeiten zwischen Sibelius und Frötzschner gekommen. Kulturdezernent Thomas Egger untersagte seinem Intendanten jedoch den Rauswurf Frötzschners. Nach dem gerade erst beigelegten Streit um Generalmusikdirektor Victor Puhl, den Sibelius zusammen mit Operndirektorin Katharina John vom Zaun gebrochen hatte, wollte Egger keinen erneuten Eklat rund um das Theater.

Frötzschner blieb, und fortan lieferte Sibelius sich einen Zermürbungskrieg mit seinem Schauspieldirektor. Anfang des Jahres ließ Sibelius Frötzschner schließlich schriftlich abmahnen. Im April stand der Schauspieldirektor erneut vor dem Rauswurf. Doch das Ensemble widersetzte sich dem Intendanten und ergriff klar Partei für den Schauspielchef. Ende April berief Sibelius eine Ensembleversammlung mit den Spartenleitern ein. Am Tag darauf teilte der Intendant dem reporter telefonisch mit, es gebe “leider keine Story, weil ich es noch einmal mit dem Ulf versuchen will, sonst wären die Schauspieler verzweifelt”. Mitglieder des Ensembles berichten gegenüber dem reporter, Sibelius sei während des Gesprächs in Tränen ausgebrochen, als er gemerkt habe, dass der Wind gegen ihn bläst. Es sei ein peinlicher Auftritt des Intendanten gewesen, sagen Mitarbeiter des Theaters.


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Das zerrüttete Verhältnis zwischen Sibelius und seinem Schauspieldirektor ist nach Auffassung von Theater-Insidern vor allem das Produkt der Beratungsresistenz des Intendanten. Sibelius holte Frötzschner aus Luzern in der Schweiz – trotz entsprechender Vorwarnungen. So wies der ehemalige stellvertretende Trierer Intendant, Tobias Scharfenberger, der inzwischen als Nachfolger von Hermann Lewen zum Mosel-Musik-Festival abgewandert ist, Sibelius darauf hin, dass Frötzschner unbequem sei und seinen eigenen Kopf habe. Auch Kulturschaffende aus Luzern hatten sich ähnlich geäußert. Doch der Intendant ignorierte alle Hinweise und setzte seinen eigenen Kopf durch.

Nach zehn Monaten der Zusammenarbeit sagt Sibelius nun, Frötzschner habe “sein Schauspielensemble wie ein Guru im Griff”. Ähnliche Sätze machen auch im Rathaus die Runde. Dabei ist der Thüringer der einzige Spartenleiter, der trotz seines reduzierten Ensembles ohne teure Gastverpflichtungen auskommt. Frötzschners Produktionen wie “Der Zauberberg” sind die Highlights in der laufenden Spielzeit. Doch der Intendant hat sich seinen Schauspieldirektor inzwischen als persönlichen Gegner ausgesucht.

Die weiteren Fälle

Drei weitere Fälle unterstreichen das Intendanten-Chaos am Theater Trier. Zum einen jener des Regisseurs, den Sibelius und Operndirektorin John ebenfalls nach Trier holten. Eine Inszenierung führte er in der laufenden Spielzeit durch, zwei weitere sollten in den kommenden beiden Spielzeiten folgen. So lautete die vertragliche Absichtserklärung. Doch dazu wird es nicht kommen, weil sich das Theater nicht an die vertraglichen Verabredungen gehalten hat. Der Vertrag wurde inzwischen gegen Zahlung einer Abfindung aufgelöst. Gleiches gilt für jene Spartenleiterin aus Berlin, die Sibelius zu Beginn seiner Intendanz beschäftigen wollte. Auch hier wurde der Vertrag schließlich aufgelöst.

Dezernent Egger will sich gegenüber dem reporter zu den Fällen nicht äußern. Auch nicht zur Versetzung von Dirk Eis ins Rathaus, der ursprünglich in der noch zu gründenden Anstalt des öffentlichen Rechts (AöR) als stellvertretender Intendant für die Finanzen vorgesehen war. Seit seinem Amtsantritt hatte Sibelius Eis stets als einen seiner Stellvertreter vorgestellt. Doch auch bei Eis sollen Zusagen und Abmachungen nicht eingehalten worden sein. Egger räumt gegenüber dem reporter lediglich ein, dass “die angesprochenen Vorgänge dem Kulturdezernenten bekannt sind”, Personal- und Vertragsangelegenheiten unterlägen jedoch dem Persönlichkeits- und Datenschutz. (et)

Anmerkung…

…der Redaktion: Kulturdezernent Thomas Egger (SPD) hat die umfangreiche reporter-Anfrage zum Trierer Theater ohne Autorisierung durch die Redaktion am Mittwochabend an fünf Stadtratsfraktionen sowie die kulturpolitischen Sprecher der Fraktionen per E-Mail verschickt. In unserer E-Mail vom 10. Mai hatten wir jedoch explizit erklärt, dass die Fragen ausschließlich für Eggers Dezernat bestimmt sind. (et)


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Erstellt am Autor Eric Thielen in Dossier Theater, Featured, Politik 6 Kommentare

6 Kommentare zu Theater Trier – Abmahnungen, Kündigungen, Abfindungen

  1. Volker Zemmer

    Ich bin zutiefst schockiert!!! Jetzt muss nicht mehr der Kulturdezernent sondern der Oberbürgermeister resgieren. Herr Leibe übernehmen Sie den Sauladen!!!

     
  2. Joachim Baron

    Man bietet einem gefeuerten Mitarbeiter Geld an, dass er ruhig ist? Ja was denn jetzt? Entweder war die Kündigung rechtens, dann muss man ihm auch kein Geld anbieten oder sie war es nicht, dann darf er nicht gefeuert werden. Dass man ihm überhaupt Geld anbietet ist doch schon ein Schuldeingeständnis, bzw. zeigt dass man sich bei den Gründen für den Rauswurf nicht sicher ist.

     
  3. Dr. Norbert Fischer

    Die einzige Qualifikation des Herrn Sibelius scheint mittlerweile in seiner sexuellen Orientierung zu bestehen, aus der er ein Geschäftsmodell gemacht hat. Er kann nicht singen, sondern braucht für die dünne Stimme elektronische Verstärkung. Er kann nicht schauspielern – spielt immer nur sich selbst. Er kann nicht intendieren – Management bei Chaos. Weg mit Schaden, gebt ihm seine Abfindung und gut ist.

     
  4. Pajonk

    Herr Dr. N.F. hat es auf den Punkt gebracht! Jawohl Sibelius muss weg. Das ist klar. Aber Egger gleich mit. Und Abfindung? Warum???

     
    • Stephan Jäger

      Weils wahrscheinlich im Vertrag steht!

      Soweit ich weiß, hat selbst Mario Basler eine bekommen.

       
  5. AmaliaB

    Ein sehr interessanter Fall. Wenn sich nicht an Verträge gehalten wird sollte man jemand einstellen der sich mit Arbeitsrecht auskennt und am besten einen Anwalt einschalten.

     

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